Dritte Szene

_Lukas_ $(tritt ein und meldet)$: Frau Gräfin Freudenberg.

_Crescence_ $(ist gleich nach ihm eingetreten)$.

_Lukas_ $(tritt ab, Vinzenz ebenfalls)$.

_Crescence._ Stört man dich, Kari? Pardon --

_Hans Karl._ Aber meine gute Crescence.

_Crescence._ Ich geh' hinauf, mich anziehen -- für die Soiree.

_Hans Karl._ Bei Altenwyls?

_Crescence._ Du erscheinst doch auch? Oder nicht? Ich möchte nur wissen,

mein Lieber.

_Hans Karl._ Wenn's dir ganz gleich gewesen wäre, hätte ich mich

eventuell später entschlossen und vom Kasino aus eventuell

abtelephoniert. Du weißt, ich binde mich so ungern.

_Crescence._ Ah ja.

_Hans Karl._ Aber wenn du auf mich gezählt hättest --

_Crescence._ Mein lieber Kari, ich bin alt genug, um allein nach Hause

zu fahren -- überdies kommt der Stani hin und holt mich ab. Also du

kommst nicht?

_Hans Karl._ Ich hätt' mir's gern noch überlegt.

_Crescence._ Eine Soiree wird nicht attraktiver, wenn man über sie

nachdenkt, mein Lieber. Und dann hab' ich geglaubt, du hast dir draußen

das viele Nachdenken ein bißl abgewöhnt. $(Setzt sich zu ihm, der

beim Schreibtisch steht.)$ Sei er gut, Kari, hab' er das nicht mehr,

dieses Unleidliche, Sprunghafte, Entschlußlose, daß man sich hat aufs

Messer streiten müssen mit seinen Freunden, weil der eine ihn einen

Hypochonder nennt, der andere einen Spielverderber, der dritte einen

Menschen, auf den man sich nicht verlassen kann. -- Du bist in einer

so ausgezeichneten Verfassung zurückgekommen, jetzt bist du wieder so,

wie du mit zweiundzwanzig Jahren warst, wo ich beinah' verliebt war in

meinen Bruder.

_Hans Karl._ Meine gute Crescence, machst du mir Komplimente?

_Crescence._ Aber nein, ich sag's, wie's ist: da ist der Stani ein

unbestechlicher Richter; er findet dich einfach den ersten Herrn in der

großen Welt, bei ihm heißt's jetzt, Onkel Kari hin, Onkel Kari her,

man kann ihm kein größeres Kompliment machen, als daß er dir ähnlich

sieht, und das tut er ja auch -- in den Bewegungen ist er ja dein

zweites Selbst -- er kennt nichts Eleganteres als die Art, wie du die

Menschen behandelst, das große air, die distance, die du allen Leuten

gibst -- dabei die komplette Gleichmäßigkeit und Bonhomie auch gegen

den Niedrigsten -- aber er hat natürlich, wie ich auch, deine Schwächen

heraus; er adoriert den Entschluß, die Kraft, das Definitive, er haßt

den Wiegel-Wagel, darin ist er wie ich!

_Hans Karl._ Ich gratulier dir zu deinem Sohn, Crescence. Ich bin

sicher, daß du immer viel Freud' an ihm erleben wirst.

_Crescence._ Aber -- pour revenir à nos moutons, Herr Gott, wenn man

durchgemacht hat, was du durchgemacht hast, und sich dabei benommen hat,

als wenn es nichts wäre ...

_Hans Karl_ $(geniert)$. Das hat doch jeder getan!

_Crescence._ Ah, pardon, jeder nicht. Aber da hätte ich doch geglaubt,

daß man seine Hypochondrien überwunden haben könnte!

_Hans Karl._ Die vor den Leuten in einem Salon hab ich halt noch immer.

Eine Soiree ist mir ein Graus, ich kann mir halt nicht helfen. Ich

begreife noch allenfalls, daß sich Leute finden, die ein Haus machen,

aber nicht, daß es welche gibt, die hingehen.

_Crescence._ Also wovor fürchtest du dich? Das muß sich doch diskutieren

lassen. Langweilen dich die alten Leut'?

_Hans Karl._ Ah, die sind ja scharmant, die sind so artig.

_Crescence._ Oder gehen dir die Jungen auf die Nerven?

_Hans Karl._ Gegen die hab' ich gar nichts. Aber die Sache selber ist

mir halt so eine Horreur, weißt du, das Ganze -- das Ganze ist so ein

unentwirrbarer Knäuel von Mißverständnissen. Ah, diese chronischen

Mißverständnisse!

_Crescence._ Nach allem, was du draußen durchgemacht hast, ist mir das

eben unbegreiflich, daß man da nicht abgehärtet ist.

_Hans Karl._ Crescence, das macht einen ja nicht weniger empfindlich,

sondern mehr. Wieso verstehst du das nicht? Mir können über eine

Dummheit die Tränen in die Augen kommen -- oder es wird mir heiß vor

Gêne über eine ganze Kleinigkeit, über eine Nuance, die kein Mensch

merkt, oder es passiert mir, daß ich ganz laut sag', was ich mir denk'

-- das sind doch unmögliche Zuständ', um unter Leut' zu gehen. Ich

kann dir gar nicht definieren, aber es ist stärker als ich. Aufrichtig

gestanden: ich habe vor zwei Stunden Auftrag gegeben, bei Altenwyls

abzusagen. Vielleicht eine andere Soiree, nächstens, aber die nicht.

_Crescence._ Die nicht. Also warum grad die nicht?

_Hans Karl._ Es ist stärker als ich, so ganz im allgemeinen.

_Crescence._ Wenn du sagst, im allgemeinen, so meinst du was Spezielles.

_Hans Karl._ Nicht die Spur, Crescence.

_Crescence._ Natürlich. Aha. Also, in diesem Punkt kann ich dich

beruhigen.

_Hans Karl._ In welchem Punkt?

_Crescence._ Was die Helen betrifft.

_Hans Karl._ Wie kommst du auf die Helen?

_Crescence._ Mein Lieber, ich bin weder taub, noch blind, und daß die

Helen von ihrem fünfzehnten Lebensjahr an, bis vor kurzem, na, sagen

wir, bis ins zweite Kriegsjahr, in dich verliebt war bis über die Ohren,

dafür hab' ich meine Indizien, erstens, zweitens und drittens.

_Hans Karl._ Aber Crescence, da redest du dir etwas ein ...

_Crescence._ Weißt du, daß ich mir früher, so vor drei, vier Jahren, wie

sie eine ganz junge Debütantin war, eingebildet hab', das wär' die eine

Person auf der Welt, die dich fixieren könnt', die deine Frau werden

könnt'. Aber ich bin zu Tod froh, daß es nicht so gekommen ist. Zwei so

komplizierte Menschen, das tut kein gut.

_Hans Karl._ Du tust mir zuviel Ehre an. Ich bin der unkomplizierteste

Mensch von der Welt. $(Er hat eine Lade am Schreibtisch herausgezogen.)$

Aber ich weiß gar nicht, wie du auf die Idee -- ich bin der Helen

attachiert, sie ist doch eine Art von Cousine, ich hab' sie so klein

gekannt -- sie könnte meine Tochter sein. $(Sucht in der Lade nach

etwas.)$

_Crescence._ Meine schon eher. Aber ich möcht sie nicht als Tochter. Und

ich möcht erst recht nicht diesen Baron Neuhoff als Schwiegersohn.

_Hans Karl._ Den Neuhoff? Ist das eine so ernste Geschichte?

_Crescence._ Sie wird ihn heiraten.

_Hans Karl_ $(stößt die Lade zu)$.

_Crescence._ Ich betrachte es als vollzogene Tatsache, dem zu Trotz,

daß er ein wildfremder Mensch ist, dahergeschneit aus irgendeiner

Ostseeprovinz, wo sich die Wölf' gute Nacht sagen ...

_Hans Karl._ Geographie war nie deine Stärke. Crescence, die Neuhoffs

sind eine holsteinische Familie.

_Crescence._ Aber das ist doch ganz gleich. Kurz, wildfremde Leut'.

_Hans Karl._ Übrigens eine ganz erste Familie. So gut alliiert, als man

überhaupt sein kann.

_Crescence._ Aber, ich bitt' dich, das steht im Gotha. Wer kann denn das

von hier aus kontrollieren?

_Hans Karl._ Du bist aber sehr acharniert gegen den Menschen.

_Crescence._ Es ist aber auch danach! Wenn eins der ersten Mädeln, wie

die Helen, sich auf einem wildfremden Menschen entêtiert, dem zu Trotz,

daß er hier in seinem Leben keine Position haben wird ...

_Hans Karl._ Glaubst du?

_Crescence._ In seinem Leben! dem zu Trotz, daß sie sich aus seiner

Suada nichts macht, kurz, sich und der Welt zu Trotz ...

$(Eine kleine Pause.)$

_Hans Karl_ $(zieht mit einiger Heftigkeit eine andere Lade heraus)$.

_Crescence._ Kann ich dir suchen helfen? Du enervierst dich.

_Hans Karl._ Ich dank' dir tausendmal, ich such' eigentlich gar nichts,

ich hab' den falschen Schlüssel hineingesteckt.

_Sekretär_ $(erscheint an der kleinen Tür)$. Oh, ich bitte untertänigst

um Verzeihung.

_Hans Karl._ Ein bissel später bin ich frei, lieber Neugebauer.

_Sekretär_ $(zieht sich zurück)$.

_Crescence_ $(tritt an den Tisch)$. Kari, wenn dir nur ein ganz kleiner

Gefallen damit geschieht, so hintertreib' ich diese Geschichte.

_Hans Karl._ Was für eine Geschichte?

_Crescence._ Die, von der wir sprechen: Helen-Neuhoff. Ich hintertreib'

sie von heut' auf morgen.

_Hans Karl._ Was?

_Crescence._ Ich nehm' Gift darauf, daß sie heute noch genau so verliebt

in dich ist wie vor sechs Jahren, und daß es nur ein Wort, nur den

Schatten einer Andeutung braucht --

_Hans Karl._ Die ich dich doch um Gottes willen nicht zu machen bitte --

_Crescence._ Ah so, bitte sehr. Auch gut.

_Hans Karl._ Meine Liebe, allen Respekt vor deiner energischen Art, aber

so einfach sind doch gottlob die Menschen nicht.

_Crescence._ Mein Lieber, die Menschen sind gottlob sehr einfach,

wenn man sie einfach nimmt. Ich seh' also, daß diese Nachricht kein

großer Schlag für dich ist. Um so besser -- du hast dich von der Helen

desinteressiert, ich nehm' das zur Kenntnis.

_Hans Karl_ $(aufstehend)$. Aber ich weiß nicht, wie du nur auf

den Gedanken kommst, daß ich es nötig gehabt hätt', mich zu

desinteressieren. Haben denn andere Personen auch diese bizarren

Gedanken?

_Crescence._ Sehr wahrscheinlich.

_Hans Karl._ Weißt du, daß mir das direkt Lust macht, hinzugehen?

_Crescence._ Und dem Theophil deinen Segen zu geben? Er wird entzückt

sein. Er wird die größten Bassessen machen, um deine Intimität zu

erwerben.

_Hans Karl._ Findest du nicht, daß es sehr richtig gewesen wäre, wenn

ich mich unter diesen Umständen schon längst bei Altenwyls gezeigt

hätte? Es tut mir außerordentlich leid, daß ich abgesagt habe.

_Crescence._ Also laß wieder anrufen: es war ein Mißverständnis durch

einen neuen Diener und du wirst kommen.

_Lukas_ $(tritt ein)$.

_Hans Karl_ $(zu Crescence)$. Weißt du, ich möchte es doch noch

überlegen.

_Lukas._ Ich hätte für später untertänigst jemanden anzumelden.

_Crescence_ $(zu Lukas)$. Ich geh. Telephonieren Sie schnell zum Grafen

Altenwyl, Seine Erlaucht würden heut' abend dort erscheinen. Es war ein

Mißverständnis.

_Lukas_ $(sieht Hans Karl an)$.

_Hans Karl_ $(ohne Lukas anzusehen)$. Da müßt er allerdings auch noch

vorher ins Kasino telephonieren, ich laß den Grafen Hechingen bitten,

zum Diner und auch nachher nicht auf mich zu warten.

_Crescence._ Natürlich, das macht er gleich. Aber zuerst zum Grafen

Altenwyl, damit die Leut' wissen, woran sie sind.

_Lukas_ $(ab)$.

_Crescence_ $(steht auf)$. So, und jetzt laß ich dich deinen Geschäften.

$(Im Gehen.)$ Mit welchem Hechingen warst du besprochen? Mit dem Nandi?

_Hans Karl._ Nein, mit dem Adolf.

_Crescence_ $(kommt zurück)$. Der Antoinette ihrem Mann? Ist er nicht

ein kompletter Dummkopf?

_Hans Karl._ Weißt du, Crescence, darüber hab' ich gar kein Urteil. Mir

kommt bei Konversationen auf die Länge alles sogenannte Gescheite dumm

und noch eher das Dumme gescheit vor ...

_Crescence._ Und ich bin von vornherein überzeugt, daß an ihm mehr ist

als an ihr.

_Hans Karl._ Weißt du, ich hab' ihn ja früher gar nicht gekannt, oder

$(er hat sich gegen die Wand gewendet und richtet an einem Bild, das

nicht gerade hängt)$ -- nur als Mann seiner Frau -- und dann draußen, da

haben wir uns miteinander angefreundet. Weißt du, er ist ein so völlig

anständiger Mensch. Wir waren miteinander, im Winter Fünfzehn, zwanzig

Wochen in der Stellung in den Waldkarpathen, ich mit meinen Schützen

und er mit seinen Pionieren, und wir haben das letzte Stückl Brot

miteinander geteilt. Ich hab' sehr viel Respekt vor ihm bekommen. Brave

Menschen hat's draußen viele gegeben, aber ich habe nie einen gesehen,

der vis-à-vis dem Tod sich eine solche Ruhe bewahrt hätte, beinahe eine

Art Behaglichkeit.

_Crescence._ Wenn dich seine Verwandten reden hören könnten, die würden

dich umarmen. So geh hin zu dieser Närrin und versöhn sie mit dem

Menschen, du machst zwei Familien glücklich. Diese ewig in der Luft

hängende Idee einer Scheidung oder Trennung, g'hupft wie g'sprungen,

geht ja allen auf die Nerven. Und außerdem wär es für dich selbst gut,

wenn die Geschichte in eine Form käme.

_Hans Karl._ Inwiefern das?

_Crescence._ Also, damit ich dir's sage: es gibt Leut', die den

ungereimten Gedanken aussprechen, wenn die Ehe annulliert werden könnt',

du würdest sie heiraten.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Crescence._ Ich sag' ja nicht, daß es seriöse Leut' sind, die diesen

bei den Haaren herbeigezogenen Unsinn zusammenreden.

_Hans Karl_ $(schweigt)$.

_Crescence._ Hast du sie schon besucht, seit du aus dem Feld zurück bist?

_Hans Karl._ Nein, ich sollte natürlich.

_Crescence_ $(nach der Seite sehend)$. So besuch' sie doch morgen und

red' ihr ins Gewissen.

_Hans Karl_ $(bückt sich, wie um etwas aufzuheben)$. Ich weiß wirklich

nicht, ob ich gerade der richtige Mensch dafür wäre.

_Crescence._ Du tust sogar direkt ein gutes Werk. Dadurch gibst du ihr

deutlich zu verstehen, daß sie auf dem Holzweg war, wie sie mit aller

Gewalt sich hat vor zwei Jahren mit dir affichieren wollen.

_Hans Karl_ $(ohne sie anzusehen)$. Das ist eine Idee von dir.

_Crescence._ Ganz genau so, wie sie es heut' auf den Stani abgesehen hat.

_Hans Karl_ $(erstaunt)$. Deinen Stani?

_Crescence._ Seit dem Frühjahr. $(Sie war bis zur Tür gegangen, kehrt

wieder um, kommt bis zum Schreibtisch.)$ Er könnte mir da einen großen

Gefallen tun, Kari ...

_Hans Karl._ Aber ich bitte doch um Gottes willen. So sag sie doch! $(Er

bietet ihr Platz an, sie bleibt stehen.)$

_Crescence._ Ich schick' ihm den Stani auf einen Moment herunter. Mach'

er ihm den Standpunkt klar. Sag' er ihm, daß die Antoinette -- eine Frau

ist, die einen unnötig kompromittiert. Kurz und gut, verleid' er sie ihm.

_Hans Karl._ Ja, wie stellst du dir denn das vor? Wenn er verliebt in

sie ist?

_Crescence._ Aber Männer sind doch nie so verliebt, und du bist doch

das Orakel für den Stani. Wenn du die Konversation benutzen wolltest --

versprichst du mir's?

_Hans Karl._ Ja, weißt du -- wenn sich ein zwangloser Übergang findet --

_Crescence_ $(ist wieder bis zur Tür gegangen, spricht von dort aus)$.

Du wirst schon das Richtige finden. Du machst dir keine Idee, was du

für eine Autorität für ihn bist. $(Im Begriff hinauszugehen, macht

sie wiederum kehrt, kommt bis an den Schreibtisch vor.)$ Sag ihm, daß

du sie unelegant findest -- und, daß du dich nie mit ihr eingelassen

hättest. Dann laßt er sie von morgen an stehen. $(Sie geht wieder zur

Tür, das gleiche Spiel.)$ Weißt du, sag's ihm nicht zu scharf, aber auch

nicht gar zu leicht. Nicht gar zu sous-entendu. Und daß er ja keinen

Verdacht hat, daß es von mir kommt -- er hat die fixe Idee, ich will ihn

verheiraten, natürlich will ich, aber -- er darf's nicht merken: darin

ist er ja so ähnlich mit dir: die bloße Idee, daß man ihn beeinflussen

möcht' -- ! $(Noch einmal das gleiche Spiel.)$ Weißt du, mir liegt sehr

viel dran, daß es heute noch gesagt wird, wozu einen Abend verlieren?

Auf die Weise hast du auch dein Programm: du machst der Antoinette klar,

wie du das Ganze mißbilligst -- du bringst sie auf ihre Ehe -- du singst

dem Adolf sein Lob -- so hast du eine Mission, und der ganze Abend hat

einen Sinn für dich. $(Sie geht.)$

Der Schwierige: Lustspiel in drei Akten · 第 15 / 60 题