9. Das hölzerne Kreuz.

Frau von Linden wohnte in einem schönen Landhause, wo sie sich jedoch

sehr einsam fühlte, da ihr Mann und ihre Kinder alle gestorben waren.

Ihre Verwandten liebte sie nicht, weil sie sehr eigennützige Leute

waren.

Die gute Frau war selbst gar nicht eigennützig, von Morgen bis Abend

dachte sie nur, wie sie den Armen und Kranken helfen könnte, und wie

sie Gutes thun könnte.

Eines Tages mußte sie in die Stadt gehen, und als ihre Geschäfte zu

Ende waren, ging sie in das Münster, um die schönen Statuen und Gemälde

zu sehen, und sich ein wenig in dem kühlen, dunkeln, heiligen Raume

auszuruhen.

Die große Kirche war um diese Stunde ganz leer und still, und nachdem

sie andächtig gebetet, ging Frau von Linden umher und bewunderte die

Gemälde und Statuen.

Sie schaute die großen Pfeiler an, schaute in die Wölbung hinauf, blieb

lange vor den schönen, heiligen Bildern stehen, und kam endlich zu der

letzten Kapelle, wo nur noch ein sehr kleines Licht brannte.

Es war in dieser Kapelle so dunkel, daß Frau von Linden wähnte

(dachte), ganz allein zu sein, bis sie ein unterdrücktes Schluchzen

hörte.

„Wer ist da?“ rief sie erstaunt.

Das Schluchzen hörte einen Augenblick auf, und eine leise, klägliche

Stimme erwiderte schüchtern: „Ich bin es.“

Frau von Linden, die an der Stimme sogleich erkannte, daß es ein Kind

war, das so leise geschluchzt hatte, sagte freundlich:

„Komm hierher Kind, und sage mir, warum du so schluchzest.“

Jetzt trat aus dem Dunkel ein kleines Mädchen hervor. Es war ein Kind

von ungefähr acht Jahren und obschon etwas ärmlich, doch sehr reinlich

gekleidet.

„Nun, Kleine,“ sagte die gute Frau, das Kind bei der Hand nehmend,

„erzähle mir jetzt, warum du ganz allein hier bist, und warum du so

kläglich weinst. Was fehlt dir wohl?“

„Ach,“ seufzte das Kind, „ich weine, denn Vater und Mutter sind beide

tot, und meine Verwandten sind alle so arm und haben so große Familien,

daß sie sich meiner nicht annehmen können. Morgen muß ich das Haus

verlassen, wo ich mit meinen Eltern so glücklich lebte, denn ich habe

kein Geld, um die Miete zu bezahlen.“

„Hast du gar keine Freunde?“ fragte die Dame erstaunt.

„Ja, der gute Priester ist mein Freund, er hat mir heute zu essen

gegeben, und dann hat er mich hierher geschickt, um Gott um Hülfe zu

bitten. Er hat gesagt, daß Gott das Gebet der verwaisten Kinder immer

erhört, und daß Er mir sicher helfen werde.“

Die Dame sagte mit Rührung:

„Der gute Priester hat Recht, mein Kind. Komm, zeige mir, wo er wohnt.

Ich möchte ihn gerne sprechen.“

Die Dame nahm das Kind bei der Hand und ging mit ihr zum Priester.

Er empfing sie sehr freundlich, sagte ihr, daß das Mädchen das Kind

ehrbarer Leute sei, und daß es sehr arm und ganz verlassen sei.

„Nun,“ erwiderte die Dame, „da das Kind ohne Mittel und ohne Freunde

ist, so will ich mich ihrer annehmen. Sie soll bei mir in meinem

Landhause wohnen. Ich werde sie in die Schule schicken, sie soll alles

lernen, was ein Mädchen wissen sollte, damit sie einmal eine gute Frau

und Mutter werden, oder damit sie einst ihr Brot verdienen kann.“

Die gute Dame nahm das verwaiste Kind mit, und hielt Wort. Das Mädchen

ging fleißig in die Schule, und als sie größer wurde, lernte sie alles,

was eine gute Hausfrau wissen muß.

Die Jahre gingen schnell vorbei, und als das Mädchen zwanzig Jahre alt

war, starb ihre Wohlthäterin. Sophie, so hieß das Mädchen, pflegte sie

zärtlich bis zu ihrem Tode, und ehe die Dame verschied, sagte sie:

„Sophie, du bist ein treues Mädchen gewesen, und es freut mich, daß du

den jungen Gärtner Hans heiraten sollst. Er ist ein guter, fleißiger

Mann, und du wirst eine glückliche Frau werden.“

Als die Dame endlich starb, hielt sie ein kleines, hölzernes Kreuz in

der Hand, das sonst immer über ihrem Bette gehangen, und das sie sehr

gern gehabt hatte.

Nachdem das Begräbnis vorüber war, kamen die Erben alle herbei, und der

Advokat nahm das Testament der guten Frau und las es ihnen vor. Die

Dame hatte der Waise eine Summe von dreitausend Thalern hinterlassen,

und dabei stand auch im Testamente:

„Sophie ist mir eben so lieb, als ob sie meine Tochter wäre. Darum soll

sie, nebst der Summe von dreitausend Thalern, die ich ihr hinterlasse,

noch etwas als Andenken haben. Sie darf selbst unter allen meinen

Habseligkeiten auswählen, was ihr am liebsten ist.“

Die Erben waren sehr entrüstet als sie dieses hörten. Schon die Summe

von dreitausend Thalern schien ihnen zu viel. Sie fürchteten, daß die

Waise etwas sehr Kostbares wählen würde. Aber, obgleich die Köchin und

die anderen Dienstboten ihr rieten, die Diamanten oder die Perlen der

verstorbenen Frau zu wählen, sagte die Waise:

„Nein, das will ich nicht thun. Die Dame hat mir schon viel gegeben.

Ich möchte die Erben nicht berauben. Der kleinste Gegenstand, den meine

Wohlthäterin geliebt, und den ich in ihren Händen gesehen, ist mir viel

lieber als Andenken, als etwas so kostbares.“

„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „dieses hölzerne Kreuz möchte ich am

allerliebsten haben, denn sie hielt es noch in ihrer Hand, als sie

verschied.“

Die Erben waren sehr froh, als die Waise das kleine, hölzerne Kreuz

wählte, und da sie alle fürchteten, daß das Mädchen ihre Wahl bereuen

würde, holten sie ein Papier herbei und schrieben darauf:

„Als Andenken an meine Wohlthäterin habe ich das hölzerne Kreuz

gewählt. Dieses ist mein, und ich werde nie Anspruch auf irgend etwas

Anderes machen.“

Dieses Papier mußte Sophie unterzeichnen, und sie that es gern, denn

sie war mit dem hölzernen Kreuz ganz zufrieden und verlangte nicht mehr.

Einige Zeit nachher heiratete sie den jungen Gärtner. Es ging ihnen

ganz gut, bis er eines Tages von einem Baume herunterfiel. Er war durch

diesen Fall schwer verletzt (verwundet), und als er nach einer langen

Krankheit wieder aufstehen konnte, fehlte ihm ein Arm und er konnte

nicht mehr in dem Garten arbeiten.

Die lange Krankheit hatte Sophiens Ersparnisse verzehrt, und nun sannen

sie auf Mittel und Wege, um ihr Brot zu verdienen. Endlich sagte der

Mann:

„Siehst du, mein treues Weib (Frau), ich werde nie mehr in dem Garten

schaffen (arbeiten) können. Ein kleines Geschäft aber könnte ich noch

besorgen. Es ist kein Kaufladen im Dorfe. Wenn wir das Geld, welches

dir die selige Frau in ihrem Testament hinterließ dazu brauchen

könnten, würde es leicht sein, ein kleines Haus im Dorfe zu mieten,

Waaren zu kaufen, und dann könnte ich unser Brot als Kaufmann anstatt

als Gärtner verdienen.“

Dieser Vorschlag schien der Frau sehr gut, und sie ging sogleich zu

dem Verwalter der verstorbenen Frau, um ihr Geld in Empfang zu nehmen.

Der Verwalter aber sagte ihr, daß die selige Frau in ihrem Testamente

bestimmt habe, daß das Geld ihr nur übergeben werden sollte, wenn sie

fünfundzwanzig Jahre alt geworden.

Als Sophie dieses hörte, war sie sehr traurig, und ging langsam nach

Hause, wo sie ihrem Manne alles erzählte. Nach langem Nachdenken sagte

er endlich:

„Nun, wir können unterdessen doch nicht verhungern. Vielleicht könnten

wir die nötige Summe borgen und sie nächstes Jahr zurückbezahlen, wenn

du dein Geld bekommst.“

Der Frau gefiel dieser Plan sehr gut und bald fanden sie einen

reichen Nachbarn, der ihnen das Geld gern vorstrecken wollte, und

sie versprachen ihm, das Kapital nebst Zinsen im folgenden Jahre

zurückzuzahlen.

Jetzt ging alles wieder gut bis sie auf einmal hörten, daß der

Sachwalter plötzlich auf und davon gegangen, und daß er alle ihm

anvertrauten Gelder mitgenommen hätte. Er war so heimlich fortgegangen,

daß man ihn nicht finden konnte, und bald wurde es überall bekannt, daß

er ein elender Dieb gewesen und daß er das Geld vieler Leute gestohlen

habe.

Bald erreichte die schlimme Nachricht den kleinen Laden, wo Sophie und

ihr Mann sich so viele Mühe gegeben, um alles in bester Ordnung zu

halten und ihr Brot ehrlicher Weise zu verdienen.

Als diese Nachricht auch dem Manne, der ihnen das Geld geliehen

hatte, zu Ohren kam, kam er sogleich in den kleinen Laden und sagte

Sophie, wenn sie ihm das Geld, das er ihnen geliehen, nicht sogleich

zurückbezahlten, würde er Haus und Waaren in Besitz nehmen, um sich zu

entschädigen.

Als er fortgegangen, sahen sich die Eheleute traurig an.

„Liebe Frau, was ist jetzt zu thun?“ rief der Mann in Verzweiflung.

„Das geliehene Geld können wir nicht so schnell zurückbezahlen. Der

Nachbar will nicht warten, und wir werden mit unseren drei kleinen

Kindern aus diesem Hause ziehen müssen. Wir werden alle verhungern,

denn ich kann nicht mehr arbeiten. Ich bin nicht stark genug, und mit

einem Arme bin ich so gut wie hülflos. Der liebe Gott hat uns sicher

vergessen.“

„Ach, lieber Mann, das kann nicht sein! Er vergißt seine Kinder eben so

wenig, wie wir die unsrigen. Wir wollen zu Ihm beten. Vielleicht zeigt

Er uns einen Ausweg, so daß wir unser Brot ehrlich verdienen können.“

Die Frau ging jetzt in ihr Zimmer, nahm das kleine hölzerne Kreuz, das

Andenken an ihre Wohlthäterin, küßte es und dachte:

„Ach, wie leid würde es der guten Frau thun, wenn sie wüßte, wie

unglücklich ich jetzt bin?“

Dann ließ sie das kleine Kreuz zu Boden fallen, fiel auf die Kniee und

betete inbrünstig. Ihr Herz wurde bald leichter und als sie wieder

aufstand, sah sie das Kreuz auf dem Boden liegen, und hob es sorgfältig

auf.

Ein Stückchen Holz war im Fallen davon abgebrochen. Als sie es wieder

an das Kreuz kleben wollte, sah sie zum erstenmal, daß das Kreuz hohl

war, und geöffnet werden konnte.

Als sie es geöffnet, schrie sie in freudiger Überraschung auf, denn

im Innern des hölzernen Kreuzes war ein wunderschönes Diamanten-Kreuz

versteckt.

Sogleich trug sie dasselbe zu ihrem Manne, der auch sehr darüber

erstaunt war. Als sie den Advokaten befragte, ob sie die Edelsteine

behalten dürfte, sagte er:

„Gewiß, gute Frau, die Diamanten gehören Ihnen.“

Die Erben waren sehr böse, als sie hörten, daß Sophie Diamanten in

ihrem hölzernen Kreuz gefunden, aber sie konnten keine Ansprüche

darauf machen, denn sie hatten selbst das Papier geschrieben, worin es

bestimmt hieß, daß das Kreuz Sophien gehöre.

Sophie verkaufte nun schnell die schönen Diamanten, und bekam Geld

genug, um alle ihre Schulden zu bezahlen. Das Geschäft ging jedes Jahr

besser und die Familie litt keinen Mangel mehr.

So lange sie lebte, erzählte Sophie ihren Kindern und Enkeln

(Kindeskindern) die Geschichte von dem hölzernen Kreuz, und fügte immer

bei:

„Wenn man nur seine Pflicht thut und dem lieben Gott vertraut, braucht

man Nichts zu fürchten, denn Er wird Alles gut machen, obgleich

manchmal Alles sehr finster aussieht.“

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil · 第 33 / 53 题