6. Das Neujahrslied.

Das Dorf B. liegt in einem schönen Thale, wo man grüne, mit herrlichen

Blumen bestreute Wiesen sehen kann, und wo die Nußbäume ihre kühlen

Schatten werfen. Von dem Dorf aus geht ein Fußweg den Berg steil

hinauf, und diesem Fußwege entlang stehen mehrere ärmliche Häuschen mit

kleinen Ställen.

Das kleinste Haus von allen steht am höchsten. Die Thür des Hauses ist

sehr niedrig. Das Haus hat nur zwei kleine Räume (Zimmer), und der

Stall dahinter ist auch sehr klein. Wenn die Ziege, die hineingeht,

nicht so mager wäre, könnte sie unmöglich Platz genug darin finden.

In diesem Häuschen hat der Joseph gewohnt, aber er ist schon seit vier

Jahren tot und nun wohnen seine Frau und zwei kleine Kinder allein da.

Das ältere Kind, ein gesunder, starker Bube (Knabe) heißt Sebastian

oder Basti, wie ihn die Mutter nennt, denn der Name scheint zu lang für

einen so kleinen Buben. Er ist jetzt sieben Jahre alt und sehr stolz

auf die zarte, goldlockige, fünfjährige Schwester Franziska. Diesen

langen Namen haben Mutter und Bruder nach der Sitte des Landes zu

Fränzchen abgekürzt, wenn sie das kleine lockenhaarige Kind anreden.

Diese Leute sind sehr arm, wie die meisten Bergbewohner. So lange der

Vater lebte und verdienen konnte, ging es ihnen gut, aber seit seinem

Tode muß die arme Frau von früh morgens bis spät abends arbeiten, damit

die zwei Kleinen genug zu essen bekommen.

Während des Sommers spielen die Kinder draußen, und obgleich die Mutter

so viel zu thun hat, sind ihre Kleider immer rein, sowohl wie ihre

munteren Gesichtchen.

Da die Kinder keine warmen Kleider haben, weder Mäntel noch Mützen,

noch Stiefel und Schuhe, bleiben sie während des langen Winters immer

im Hause, wo sie jedoch kein Spielzeug haben.

Wenn die Mutter Zeit hat, erzählt sie ihnen Geschichten, während sie

sich mit Stricken oder Spinnen beschäftigt, denn nur so kann sie etwas

für ihre Kinder verdienen.

Als Basti acht Jahre alt wurde, war der Herbst sehr rauh und schon im

Oktober fiel tiefer Schnee und ging nicht mehr weg. Die zwei Kinder

blieben jetzt beim Ofen, nur die Mutter ging dann und wann hinaus, um

Arbeit zu suchen oder abzuliefern und um Nahrungsmittel einzukaufen.

Den Berg hinunter zu gehen war fast unmöglich, denn der Schnee lag sehr

tief; aber die gute Mutter bahnte sich doch einen Weg. Wenn sie Arbeit

bekam, kam sie glücklich nach Hause, und, obschon sie so müde war,

setzte sie sich gleich fleißig an das Stricken oder Spinnen.

Oftmals aber konnte sie nichts verdienen; dann konnte sie kein Brot

kaufen, und da mußten sich Mutter und Kinder mit der Milch der mageren

Ziege begnügen.

Die Kinder gingen immer früh zu Bett, doch die Mutter saß stundenlang

an der Arbeit, während draußen der kalte Wind heulte und pfiff.

Die gute Mutter sang dann gewöhnlich ein Lied, damit Fränzchen den

heulenden Wind nicht höre; aber an einem Winterabend konnte sie nicht

singen.

Das Kind lag im Bette mit weit offenen Augen und schaute der Mutter zu,

endlich sagte es:

„Aber, Mutter, warum singst du doch nicht?“

„Ach, ich kann nicht,“ seufzte die müde Frau, und preßte die Hand an

die Brust, wo sie oft einen Stich fühlte nach ihren anstrengenden

Wanderungen zum Dorfe im Thal.

„Aber ich kann singen!“ rief Basti und fing an mit fester, klarer

Stimme das Lied zu singen, das die Mutter ihnen bisher immer als

Schlaflied gesungen hatte.

Als die Mutter die schöne klare Stimme hörte, schoß ihr plötzlich ein

Gedanke durch den Kopf.

„Basti,“ sagte sie, „wenn du willst, kannst du mir helfen, etwas zu

verdienen.“

„Ach, Mutter, das will ich gern thun,“ rief der kleine Sohn und wollte

sogleich aus dem Bette springen. Die Mutter aber sprach:

„Bleibe im Bett, mein Kind. Morgen werde ich dir ein Lied lehren, und

am Neujahrstag kannst du es den Dorfleuten vorsingen. Dann geben sie

dir Brot und vielleicht sogar Kuchen und Nüsse.“

Der kleine Basti freute sich so über den Gedanken, der Mutter helfen zu

können etwas zu verdienen, daß er fast nicht einschlafen konnte; und,

als ihm die Augen endlich zufielen, träumte er von Kuchen und Nüssen,

die so gut schmeckten.

Kaum war er des Morgens erwacht, so wollte er gleich das Lied lernen,

aber die Mutter sagte, daß er warten müsse, bis sie mit der Arbeit

fertig sei, und sie sich ruhig hinsetzen könne.

Der Tag schien dem ungeduldigen Basti sehr lang, und er erzählte

dem Fränzchen mehrmals, daß er ein Lied lernen solle, und daß er am

Neujahrsabend Brot und vielleicht sogar Kuchen und Nüsse heimbringen

werde.

Als es dunkel geworden und die Mutter die kleine Lampe angezündet

hatte, und die Strickarbeit zur Hand nahm, fing sie an, den ersten

Vers des Liedes zu singen. Sie wiederholte denselben mehrmals und bald

sang Basti mit. Das Fränzchen, das dem Bruder Alles nachmachte, fing

auch an zu singen, und ihre Stimme war so rein (klar), daß die Mutter

erstaunte.

Die Kinder waren beide so aufmerksam, daß sie das Neujahrslied bald

singen konnten, obschon es vier lange Verse hatte.

Neujahrsmorgen kam, die Mutter ging zur Kirche, und als sie nach Hause

kam, rief sie die zwei Kinder zu sich, zog ihnen die warmen Strümpfe

an, die sie nachts für den kalten Gang gestrickt, und hieß Basti seines

Vaters Schuhe anziehen. Zuletzt wickelte sie das kleine Mädchen in das

Tuch, das sie gewöhnlich selbst umlegte.

Die Mutter trug das Fränzchen den Berg hinunter, denn der Schnee war

so tief, daß sie nicht gehen konnte bis sie in das Dorf kamen, wo man

Pfade gemacht hatte, und wo das Gehen nicht so schwer war.

Zuerst gingen sie in den Gasthof des Dorfes und da sangen die Kinder

ihr Lied so lieblich, daß die Gäste sie sehr lobten, und mehrere

Pfennige aus der Tasche zogen, um sie den glücklichen Kindern zu geben.

Die Frau des Hauses war auch sehr freundlich. Sie gab ihnen Brot

und jedes Kind bekam eine große Handvoll Nüsse und ein großes Stück

Kuchen. Basti war so froh, daß er laut und herzlich dankte; die kleine

Schwester aber war schüchtern, und dankte nur leise, obgleich sie vor

Freude rosenrot war.

Die Kinder besuchten noch fünf oder sechs Häuser und bekamen mehr

Pfennige, Brot, Kuchen und Nüsse. Als sie aus dem sechsten Hause kamen,

war es so bitterkalt, daß die Mutter, die draußen gestanden, es nicht

mehr aushalten konnte. Das zarte Mädchen zitterte auch und konnte vor

Kälte nicht mehr singen, so nahm sie die Mutter wieder auf den Arm und

kletterte mühsam mit ihr den Berg hinauf, während Basti voraus lief so

schnell es ihm die großen Schuhe erlaubten.

Als sie wieder daheim angelangt, und als Hände und Füße wieder warm

waren, holte Basti den Korb herbei. Die Kinder bekamen jetzt zum

Abendessen Brot, ein Stück Kuchen, und einige Nüsse, und feierten so

einen fröhlichen Neujahrsabend.

Die Mutter war auch froh und sehr dankbar; sie hatte nun Brot genug für

mehrere Tage und in dem Korbe fand sie einige Pfennige, die sie sehr

gut brauchen konnte.

Der Winter dauerte noch lange. Die arme Frau mußte sich sehr

anstrengen; doch als die warme Sonne wieder schien, konnten die Kinder

wieder ausgehen und mußten nicht mehr frieren.

Die Ziege kam auch heraus, fraß schönes, frisches Gras, und gab ein

wenig mehr Milch, welche die Kinder so gerne tranken. Nur die Mutter

schien nicht froh; sie arbeitete dennoch fleißig, aber manchmal mußte

sie sich ein wenig ausruhen, denn ihre Kräfte verließen sie oft.

Sie konnte nicht mehr essen, und als Basti eines Tages das letzte Stück

Brot, das noch im Hause war, mit ihr teilen wollte, sagte sie, sie

habe keinen Hunger. Der Kleine sah die Mutter neugierig an, und fragte

kläglich:

„Bist du krank, Mutter?“

Die arme Frau erwiderte langsam:

„Mir ist nicht ganz wohl, Basti. Wenn ich morgen nach dem Dorfe

hinunter gehe, will ich zum Herrn Doktor gehen. Der wird mir einen

guten Rat geben.“

Als sie diese Worte sprach, sank sie plötzlich ohnmächtig zurück.

Der kleine Basti schaute die Mutter eine Weile an, dann nahm er das

Fränzchen bei der Hand und sagte leise:

„Die Mutter schläft, Fränzchen, komm’ mit mir; aber mache kein

Geräusch!“

Die kleine Schwester hatte weder Schuhe noch Strümpfe an, so konnte sie

nur leise gehen. Basti führte sie hinaus und nun gingen beide Kinder

den Fußweg hinunter dem Dorfe zu.

Als sie hinunter wanderten, sprach Basti ernst:

„Siehst du, Fränzchen, wir gehen nach dem Dorfe. Da werden wir unser

Lied noch einmal singen. Dann wird man uns wieder Brot, Kuchen, Nüsse

und Pfennige geben. Die Mutter hat heute nichts gegessen, und es ist

kein Brot mehr im Hause, sie wird froh sein, wenn wir Brot nach Hause

bringen.“

Die Kinder, die das Neujahrslied täglich zu Hause beim Spiele gesungen,

gingen jetzt in das Dorf. Da war alles verändert. Die Hausthüren

standen alle offen, und in dem Garten vor dem Wirtshause stand ein

großer, viereckiger Tisch.

Um den viereckigen Tisch herum saßen viele junge Leute, die aßen und

laut lachten. Als Basti sein Lied anstimmte, rief einer der jungen

Leute den anderen zu:

„Still, still, wir wollen den Gesang hören!“

Die jungen Leute -- sie waren alle Studenten -- hielten jetzt inne, und

der Führer sagte gutmütig zu den Kindern:

„Kommt näher, wir wollen das Lied hören!“

Da fing Basti wieder an, und Fränzchen stimmte ein mit ihrer silbernen,

glockenartigen Stimme. Die Studenten lauschten und hörten mit Erstaunen

diese Worte:

„Nun ist das alte Jahr dahin,

Ein neues ist gekommen;

Wir wünschen, daß es euch erschien

Zu eurem Heil und Frommen.“

Als der erste Vers zu Ende kam, lachten die Herren lauter als je, bis

der älteste, ein großer, stattlicher Mann mit einem feuerroten Bart,

wieder mit donnernder Stimme rief:

„Still doch! Ihr erschreckt die armen Kleinen.“

Bald wurde es wieder still und die Kinder, ermuntert durch einen

gütigen Wink des stattlichen Herrn, fuhren mit dem Liede fort:

„Jetzt ist die kalte Winterzeit,

Die Erde starrt im Eise,

Doch ist der liebe Gott nicht weit

Und hilft nach seiner Weise.“

Der zweite Vers war jetzt zu Ende und als die Kinder eine kleine Pause

machten, flüsterte ein junger Mann dem andern lächelnd zu:

„Gott hat uns heute wirklich vor Frost bewahrt!“ Alle lachten wieder,

aber als der Führer die Kinder ermuntert, weiter zu singen, wurde es

wieder still und Basti und Fränzchen fuhren fort:

„Doch wird es manchem Vöglein schwer,

Sein Futter zu erreichen,

Und auch die Kinder ziehn umher

Und suchen sich desgleichen.“

„Die Kinder sollen es haben!“ riefen jetzt alle Studenten, und jeder

streckte den Kindern einen Teller entgegen, worauf viele gute Sachen

waren. Basti und Fränzchen wollten aber nichts annehmen bis sie ihr

Lied fertig gesungen, und jetzt sangen sie herzlich den letzten Vers:

„Nun bring’ euch allen früh und spät

Das Jahr viel Heil und Segen,

Und wer nur Gott zum Freunde hat

Dem hilft er allerwegen.“

Jetzt klatschten die Herren laut. Der Beifall war allgemein, und der

Führer rief:

„Das ist ein schöner Wunsch! Der bringt uns Glück auf die Reise.“

Er zog das kleine Mädchen zu sich, setzte sie auf sein Knie, stellte

ihr einen Teller voll guter Dinge zu essen vor, während ein anderer

junger Mann den Basti ebenso versorgte. Die Herren waren so munter

und gütig, daß die Kinder alle Furcht vergaßen, und ihre Fragen sehr

unbefangen beantworteten. Bald vernahmen sie Alles, und als der

Führer hörte, daß die Mutter nichts zu essen gehabt, und plötzlich

eingeschlafen sei, nachdem sie gesagt, der Arzt im Dorfe würde ihr

vielleicht morgen helfen, sagte er:

„Kameraden, ich trage Ihnen eine Bergpartie an. Wir wollen diese

kleinen Wintervögel der Mutter zurückbringen, und vielleicht werde ich

dort oben meine erste Patientin finden.“

„Dein Gedanke ist vortrefflich!“ erwiderten alle.

„Aber wir wollen nicht mit leeren Händen hingehen,“ fuhr er fort.

„Jeder soll etwas zu essen hinauftragen.“

Die Herren waren alle mit diesem Plan einverstanden, und bald gingen

sie den Berg hinauf. Der kleine Basti lief als Führer voraus und das

kleine Fränzchen plauderte unaufhörlich mit dem großen Herrn, der ihre

Hand festhielt, damit sie nicht in den Bach falle.

Als die Kinder oben ankamen, sprangen sie beide jubelnd in die Hütte.

Die Mutter war unterdessen wieder erwacht, und obgleich sie nicht Kraft

besaß aufzustehen, rief sie die Kinder zu sich. Als sie zuerst keine

Antwort vernahm, erschrak sie, aber als Basti hereinstürzte, und ihr in

wenigen Worten Alles erzählte, weinte sie vor Freude.

Dem Basti folgte der stattliche Herr dicht auf den Fersen. Er allein

kam in die Hütte, und während die Kinder den anderen Herren die Ziege

zeigten, erzählte er ihrer Mutter, daß er Arzt sei und ihr helfen

wolle. Nach einiger Zeit kam er heraus und die Kameraden fragten

ängstlich:

„Nun, ist es sehr schlimm? Kannst du verschreiben?“

„Das kann ich!“ lautete die lachende Antwort, „aber ihr sollt alle

helfen, die Verschreibung geben!“

„Sprich, wir werden gehorchen,“ riefen dann alle laut.

„Die Börse heraus! Jeder soll einen Thaler geben!“

Die Herren gehorchten alle und nachdem der Arzt die Thaler gesammelt

hatte, trug er das Geld in die Hütte.

„Meine gute Frau,“ sagte er dann ernst, „Sie bedürfen stärkende Speise,

und ein wenig mehr Ruhe. Wir haben Speisen mitgebracht und hier ist

Geld, damit Sie mehr kaufen können. Sie werden sehr bald hergestellt

sein, und dann werden Sie wieder arbeiten können.“

Als die Frau die Menge Geld sah, rannten ihr die Thränen der

Dankbarkeit über das blasse Gesicht, und sie sagte ernst:

„Vergelte es Gott, mein Herr. Ach, ich bin so glücklich! Jetzt kann ich

meine Kinder bei mir behalten, und sie werden nicht der Gemeinde zur

Last fallen müssen, wie ich so sehr fürchtete.“

Eine Stunde später, als der Mond aufging, stiegen die Herren den

steilen Pfad hinunter. Noch lange hörten sie die fröhlichen Stimmen der

beiden Kinder, die ihnen nachriefen:

„Vergelt ’s Gott! Danke tausendmal, gute Herren! Vergelt ’s Gott! Auf

Wiedersehen, auf Wiedersehen!“

Die Mutter, Dank der stärkenden Speise, wurde bald stark genug, um ihre

Arbeit wieder aufzunehmen, und Alles ging jetzt viel besser als zuvor.

Am folgenden Neujahrsabend saß sie mit den beiden Kindern vor dem

Ofen. Die Kinder sprachen noch immer von den lustigen Herren. Auf

einmal klopfte es laut an die Thür. Die Mutter, die nie Besuche hatte,

öffnete, und ein Mann trat herein. Er trug ein großes Bündel, das an

sie adressiert war.

„Was ist das?“ rief sie erstaunt.

„Nun, ein Bündel für Sie, aus Berlin, und da ist auch ein Brief.“

Der Bote ging fort und die Frau las den Brief, der nur die folgenden

Worte enthielt:

„Gute Frau, Sie sind meine erste Patientin gewesen, darum fühle ich

noch großes Interesse für Sie. Meine Kameraden und ich haben den

kleinen Basti und das Fränzchen auch nicht vergessen. Wir schicken

Ihnen ein kleines Andenken zum Neujahr. Es grüßt Sie bestens

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil · 第 29 / 53 题