Das haben hunderttausend Frauen gethan --

Repliken, in welchen zwischen den beiden Eheleuten, die an dem Tisch

sich gegenüber sitzen, der Abgrund sich entsetzlicher öffnet als

jemals die Unterwelt in alten romantischen Dramen -- so fühlt man,

dass Ibsen nicht nur seine Seele mit den Gedanken der Zeit erfüllt,

sondern dieselben grösser gedacht und schärfer zugeschliffen hat, so

dass er sie durch seine Kunst selbst in verhärtete Herzen eintreibt.

Das Stück machte einen mächtigen, wenn auch erschreckenden Eindruck.

Seit Jahrhunderten hatte die Gesellschaft durch ihre Priester und

Dichter die in Liebe gestiftete und von keinem Dritten gestörte Ehe als

einen sicheren Hafen aufgefasst und besungen. Nun sah man, dass dieser

Hafen voll Klippen und Untiefen war. Und es war, als ob Ibsen jedes

Leuchtfeuer ausgelöscht habe.

Die »Gespenster« folgten. Wieder wie in »Nora« ist hier eine Ehe

analysirt, das Gegenstück von jener. Das Grosse und Feine in »Nora«

war vornehmlich, dass Ibsen dem Ehemann so viel eingeräumt hatte. Was

hatte er ihm nicht alles zugegeben! Helmer ist ein grundehrenwerther,

pünktlich rechtschaffener Mann, ein vorzüglicher Haushalter,

eifersüchtig auf seine Selbständigkeit Fremden und Untergebenen

gegenüber, ein strenger und liebevoller Vater, ein gutherziger,

ästhetisch gebildeter Mann u. s. w. -- _und doch!_ Doch war die Gattin

dieses Mannes ein Opfer und die Ehe der Beiden ein übertünchtes Grab.

Der Mann in der Ehe, in welche, die »Gespenster« uns einen tiefen

Einblick geben, ist von einer gerade entgegengesetzten Beschaffenheit

gewesen: roh, versoffen, rücksichtslos ausschweifend; doch besass er

so viel von jener, zügellosen Menschen oft eigenen Fähigkeit, durch

anscheinende Gutmüthigkeit Herzen zu gewinnen, dass es seiner Frau

gerade noch möglich war, seine Lebensweise zu verhüllen und den Schein

zu wahren. Indem sie bei ihm aushielt, sich ihm hingab, brachte sie

nicht nur ihre persönliche Wohlfahrt und ihr Glück zum Opfer, sondern

wurde Mutter eines von Geburt an zu Grunde gerichteten Wesens, eines

Sohnes, den Todesmattigkeit, Verzweiflung, Wahnsinn, Idiotismus

beim Eintreten des Mannesalters ergreifen -- _und doch!_ Doch nennt

derjenige Theil der Gesellschaft, den Herr Pastor Manders vertritt,

dieses Opfer ihrer selbst und ihres Sohnes Pflicht, und findet, dass

ein Aufstandsversuch gegen dieses Grässliche ein Verbrechen gewesen

wäre.

Dieses ist das Pathos des Stückes, und dieses Pathos erschreckte das

grosse Philisterium noch mehr als »Nora«. Diesmal war es, als ob Ibsen

sogar die Sterne ausgelöscht habe. »Nicht ein Lichtpunkt!«

Das Verhältniss zwischen Mann und Frau ist in »Gespenster« von

einem neuen Gesichtspunkt dargestellt: die Verantwortung dem Kinde

gegenüber bildet gleichsam den Maasstab dafür. Das Drama behandelt in

dichterischer Form den Gedanken der Vererbung; es stellt auf Grund

jenes Determinismus, der nun einmal das letzte Wort der modernen

Wissenschaft in der Sache ist, die durchgehende Bestimmtheit des Kindes

durch die Eltern dar, und gibt dieser Thatsache einen stimmungsvollen,

gedankenerregenden Hintergrund, indem es auf die allgemeine Thatsache

hinweist, die schon der Titel andeutet (_Gengangere_, Gespenster im

Sinne des französischen _revenants_), nämlich: auf die durch Vererbung

bedingte Bewahrung von Gefühlen -- und dadurch von Dogmen -- deren

ursprüngliche Lebensbedingungen ausgestorben und andern gewichen sind,

mit denen diese Gefühle im Streite liegen.

Es knüpft sich in Bezug auf Ibsens Entwickelung ein Hauptinteresse an

diesen Griff, diese Wahl des Stoffes, weil wir den Dichter hier zum

ersten Male den Ring durchbrechen sehen, welchen sein Individualismus

sonst um den Einzelnen als solchen zu ziehen pflegt. In einem Briefe

von 1871 schrieb Ibsen folgende Worte, welche für Vieles bei ihm

bezeichnend sind:

»..... Für das Solidarische hab' ich eigentlich niemals ein starkes

Gefühl gehabt; ich nahm es nur so mit als überlieferte Glaubenssatzung

-- und hätte man Muth, es ganz und gar ausser Betrachtung zu lassen, so

würde man vielleicht des Ballastes los, welcher am schwersten auf die

Persönlichkeit drückt ...«

Jetzt, zehn Jahre darnach sind ihm für die Bedeutung des Solidarischen

die Augen aufgegangen; jetzt hat er gründlich eingesehen, dass »Muth«

nichts nützt, um sich darüber hinwegzusetzen, und dass wir Alle schon

von Geburt an solidarisch mit Personen und mit Verhältnissen verbunden

sind, über die wir nicht Herr werden. Ibsen ist augenscheinlich im

Verlauf der Jahre in immer innigere Beziehung zu den Grundideen der

Zeit getreten.

So sehen wir ihn, der, wie fast alle jetztlebenden älteren

Schriftsteller, von Anfang an bis zum Gürtel in dem romantischen

Zeitalter stand, sich aus demselben heraus- und emporarbeiten und

allmälig immer moderner, zuletzt der Modernste unter den Modernen

werden. Dies ist nach meiner Ueberzeugung Ibsens unvergänglicher Ruhm

und wird seinen Werken einen bleibenden Werth verleihen. Denn das

Moderne ist nicht das Ephemere, sondern die Flamme des Lebens selbst,

der Lebensfunke, die Ideenseele eines Zeitalters.

Es ist zu hoffen, dass die Missstimmung, welche Ibsens letztgenanntes

Werk in manchen Kreisen erweckte, und die plumpe Kritik, der es

zum Gegenstand diente, nicht hemmend auf seine Schaffenslust

einwirken wird. Im ersten Augenblick freilich mochte diese Aufnahme

niederschlagend auf ihn wirken. Er schrieb darüber:

».... Wenn ich denke, wie träg und schwer und stumpf das Verständniss

daheim in Norwegen ist; wenn ich Acht darauf gebe, als wie seicht

die ganze Betrachtungsweise sich erweist, so überkommt mich ein

tiefer Missmuth, und manches Mal will mir scheinen, ich könnte meine

litterarische Wirksamkeit auf der Stelle beschliessen. Bei uns daheim

braucht man eigentlich gar keine Dichterwerke; man behilft sich mit der

Storthings-Zeitung und der »Lutherischen Wochenschrift«. Und ausserdem

hat man ja die Parteiblätter. Ich habe kein Talent zum Staatsbürger

und auch keines zum Orthodoxen; und wenn ich für etwas kein Talent

besitze, so befass' ich mich nicht damit. Für mich ist Freiheit die

erste und höchste Lebensbedingung. In der Heimath bekümmern sie sich

nicht sonderlich um die Freiheit, sondern bloss um Freiheiten, einige

mehr oder einige weniger, je nach dem Parteistandpunkt. Höchst peinlich

fühle ich mich auch berührt von all' diesem Unfertigen, diesem für's

gemeine Volk Berechneten, in unserer öffentlichen Diskussion. Unter

den sehr rühmlichen Bestrebungen, unser Volk zu einer demokratischen

Gesellschaft umzubilden, gelangte man ein gut Stück Weges dahin, uns zu

einer Plebejer-Gesellschaft zu machen. Die Vornehmheit der Gesinnung

scheint daheim im Abnehmen ...«

Der Sturm über die »Gespenster«, das Werk, in welchem Ibsen seinen

düstersten Gedanken, seinen hoffnungslosesten Stimmungen Ausdruck

gegeben hat, legte sich bald und hat dem Dichter keinen Schaden

gebracht, ja der schlechte Empfang, der jenem Trauerspiel zu Theil

wurde, ist ihm sogar insofern förderlich gewesen, als er das Motiv zu

seiner letzten Arbeit »Ein Volksfeind« abgab, einem Schauspiel, das

allegorisch jene Vorgänge auf die Bühne bringt. Eben ist auch jene

verrufene Tragödie -- die vor kaum zwei Jahren von den königlichen

Bühnen in Kopenhagen und Stockholm zurückgewiesen, ja selbst von der

Theater-Direction in Christiania verworfen wurde -- von schwedischen

Schauspielern in Kopenhagen mit stürmischem Erfolg aufgeführt worden,

und hierauf hat das Stück auch in Stockholm das Publikum erobert. Nur

das Vaterland des Dichters weigert sich noch, sein merkwürdigstes und

kühnstes Drama spielen zu lassen.

Ein gutes Omen für Ibsens künftige Werke ist der Umstand, dass in dem

Maasse wie er mehr modern geworden, er ein immer grösserer Künstler

geworden ist. Die Ideen der neuen Zeit haben bei ihm nicht die Gestalt

von Symbolen angenommen, sich nicht in Typen verkörpert. In jüngern

Jahren hatte er einen Hang zu grossen Gedankenbildern: Brand, Peer

Gynt u. s. w.; doch merkwürdigerweise wurden seine Gedanken, je mehr

er deren hatte, desto klarer und seine Gestalten immer individueller.

Ibsens technische Meisterschaft ist in den letzten Werken von Jahr zu

Jahr gestiegen. In »Nora« übertraf er die Technik der berühmtesten

französischen Dramatiker, und in »Gespenster« legte er (trotz des

Unbefriedigenden im Motiv des Asylbrandes) im Dramatischen eine

Sicherheit, Einfachheit und Feinheit an den Tag, welche an die antike

Tragödie unter Sophokles (_Oedipus rex_) erinnert.

Dieser stetige Fortschritt beruht auf Ibsens künstlerischem Ernst,

seinem gewissenhaften Fleiss. Er arbeitet äusserst langsam, schreibt

sein Werk wieder und wieder um, bis es in Reinschrift ohne jedwede

Correctur vorliegt, jede Seite glatt und fest wie eine Marmorplatte,

an welcher der Zahn der Zeit nicht nagen kann. Dies stetige Steigen

in Vollkommenheit beruht aber genau besehen wieder darauf, dass Ibsen

einzig Dichter ist, nie etwas anderes sein wollte. Wohl mag es den

Eindruck von Kälte und Verschlossenheit machen, wenn ein Schriftsteller

sich durch keinen äusseren Anlass jemals hinreissen lässt, sein Wort

mit in die Erörterung zu geben; wenn nichts, was geschieht, ihn zu

einer Meinungsäusserung aufreizen oder begeistern kann. Die einzigen

Zeitungsartikel, welche Ibsen in den letzten Jahren geschrieben, waren

solche, die sich auf seine Rechte gegenüber den Verlegern oder auf

seine Rechtlosigkeit im Verhältniss zu seinen Uebersetzern bezogen;

aber man darf nicht vergessen, dass diese kalte Zurückhaltung ihm

gestattet hat, die Meisterschaft in seiner Kunst unverwandt vor Augen

zu haben gleichwie seine fixe Idee, sein nie aus den Augen verlorenes

Ideal -- und er hat dies Ideal erreicht. Man kann sich schwerlich einen

grösseren Unterschied denken, als zwischen diesem Dichter, der einsam,

nach allen Seiten gegen die Aussenwelt abgeschlossen, drunten im Süden

wohnt und, ohne sich durch irgend etwas von seinem Beruf abziehen zu

lassen, künstlerische Meisterwerke formt und zufeilt -- und seinem

grossen Geistesbruder im Norden, der aus vollen, allzuvollen Händen

grosse und kleine Artikel über politische, soziale und religiöse

Fragen in die Presse hinausstreut, der mit seinem Namen überall voran

ist, niemals Rücksicht nimmt auf die Klugheitsregel, die vorschreibt,

sich selten zu machen, sich vermissen zu lassen; welcher Lieder

schreibt, Reden hält, agitirt, von Volksversammlung zu Volksversammlung

reist und sich am wohlsten befindet, wenn er auf dem Rednerstuhle unter

tausend Freunden und hundert Gegnern steht und die ganze Schaar durch

seine Kühnheit und durch seine Kunst in Athem hält.

Henrik Ibsen hat keine Aehnlichkeit mit irgend einem andern jetzt

lebenden Dichter und ist von keinem beeinflusst worden. Unter den

Deutschen müsste man ihn am nächsten mit ernsten und tiefkritischen

Darstellern, wie Otto Ludwig oder Friedrich Hebbel zusammenstellen,

wenn man ihn absolut einer europäischen Gruppe einreihen wollte. Er ist

jedoch weit moderner und ein weit grösserer Dichter als sie beide. Mit

Björnson, dessen Name Einem beständig in die Feder kommt, so oft man

sich mit Ibsen beschäftigt, hat er die Gemeinschaft, welche gleiches

Vaterland, gleiche Lebenszeit, Wettstreit in der Stoffbehandlung

und Gleichartigkeit der Entwickelung mit sich führen. »Der Bund der

Jugend«, den Ibsen verfasst hatte, gab Björnson den Impuls, bürgerliche

Schauspiele zu dichten. Als Björnson »Ein Fallissement« geschrieben,

bekam Ibsen Lust, den Stoff in »Stützen der Gesellschaft« zu variiren.

Björnson hat mir erzählt, dass er in seiner Handschrift zu »Staub«

einen Satz ausstreichen musste, weil derselbe sich fast wortwörtlich

in Ibsen's »Gespenster« fand, welches Drama während des Druckes der

Novelle erschien. Die Ursache ist, dass beide Dichter einen ganz

parallelen Entwicklungsgang zurückgelegt haben. Henrik Ibsen hat etwas

früher als Björnson sich aus den althistorischen, sagenhaften und

phantastischen Stoffen herauszuarbeiten vermocht; denn freier gestellt,

wie er war, losgerissen von der Heimath und mitten in der Brandung der

Ideen der Gegenwart stehend, hatte er weniger Hemmungen, die ihn davon

zurückhielten, dem Ruf seines Zeitalters zu folgen, weniger Naivetät

und weniger Pietät. Aber der Unterschied bezüglich der Zeit, in welcher

beide Dichter von einer überwiegend romantischen zu einer überwiegend

realistischen Betrachtungsweise ihrer Stoffe gelangten, beschränkt sich

auf ein paar Jahre und ist ein verschwindender gegen die merkwürdige

Uebereinstimmung in der Periodeneintheilung ihrer Dichterlaufbahn.

Man kann, scheint mir, Björnson und Ibsen in dieser Hinsicht mit den

beiden altnordischen Königen Sigurd und Eystein vergleichen, die in

dem berühmten Gespräche, welches die Sage überliefert, und das u.

A. Björnson in seinem »Sigurd der Kreuzfahrer« benützt hat, ihre

Verdienste gegen einander aufstellen: Der Eine ist daheim geblieben

und hat von hier aus sein Vaterland civilisirt; der Andere hat sich

von der Heimath losgerissen, ist weit umher gezogen und hat auf seinen

kühnen mühsamen Fahrten dem Vaterlande Ehre gemacht. Jeder hat seine

Bewunderer, Jeder sein streitbares Heergefolge, welches den Einen auf

Kosten des Andern erhebt. Aber sie sind Brüder, wenn sie auch eine Zeit

lang feindliche Brüder gewesen, und das einzig Richtige ist, wie es

auch am Schlusse des Stückes geschieht: dass das Reich friedlich unter

ihnen getheilt wird.

Moderne Geister: Literarische Bildnisse aus dem neunzehnten Jahrhundert · 第 105 / 110 题