Es ist bekannt, wie zu Anfang dieses Jahrhunderts mehrere hervorragende
Dänen das Bürgerrecht in der deutschen Litteratur zu erwerben gesucht
haben. Seitdem ist der Versuch von keinem dänischen Schriftsteller mehr
wiederholt worden. Ganz zu geschweigen von der politischen Spannung
zwischen Deutschland und Dänemark, sind jene Beispiele theils nicht
verlockend, theils nicht massgebend gewesen. Der grosse Neugestalter
der dänischen Sprache, Oehlenschläger, legte dem deutschen Publikum
seine Arbeiten in einem Deutsch vor, das so völlig allen Reizes
entbehrte, dass er es hier zu Lande nur zu dem Ansehen eines Dichters
dritten Ranges brachte. Die Erfolge aber, welche geringere Geister,
die Baggesen und Steffens errangen, waren bei dem Einen durch eine
wahre Chamäleonsnatur und ein in seiner Art einziges Sprachtalent, bei
dem Zweiten durch die vollständige Lostrennung von der Muttersprache
bedingt.
Der Verfasser dieses Buches, der durchaus kein Chamäleon ist und
seine Muttersprache keineswegs aufgegeben hat, vielmehr mitten in
der litterarischen Bewegung steht, welche die nordischen Länder seit
einiger Zeit erfasst hat, weiss recht wohl, dass der Mensch nur da
wo er geboren, wo er durch und für die Verhältnisse gebildet ist,
erheblichen Einfluss ausüben kann. Er hat auch nicht den Ehrgeiz, ein
deutscher Schriftsteller im eigentlichen Sinne sein zu wollen. In dem
vorliegenden Buch, wie in anderen Schriften, ist seine Absicht einfach
die gewesen, in deutscher Sprache für Europa zu schreiben, d. h. seine
Stoffe anders zu behandeln als er es für ein bloss skandinavisches
Publikum thun würde. Er verdankt der Poesie, der Philosophie und
der systematischen Aesthetik Deutschlands unendlich viel, da er
sich aber speciell als Kritiker nicht als Schüler der deutschen
Litteraturhistorie fühlt, so gibt er sich der Hoffnung hin, einen wenn
auch kleinen Theil seiner Schuld an Deutschland abtragen zu können.
Die Aufsätze, aus welchen dieser Band besteht und von denen auch die
bereits früher in Zeitschriften veröffentlichten eine Umarbeitung
erfahren haben, sind nicht als »Spähne aus der Werkstatt« eines
Kritikers zu betrachten, es sind sorgfältig behandelte litterarische
Portraits, welche durch ein geistiges Band verbunden sind. Allerdings
lässt sich eine lebendige Gegenwart noch nicht übersehen wie eine
fertige, vergangene Epoche, aber vielleicht liefert man auch von der
Gegenwart ein Bild im Ganzen und trifft ihre Gesammtphysiognomie, wenn
man einige ihrer typischen Gestalten so treu und lebhaft wie möglich
charakterisirt.
Die Behandlungsweise ist in diesen Essays sehr verschiedenartig.
In einigen wird die Individualität des Schriftstellers möglichst
erschöpfend dargestellt, in anderen wird nur versucht, den Menschen,
wie er leibt und lebt, dem Leser vor Augen zu führen; einige sind rein
psychologisch, andere bieten ein Stück Aesthetik, wieder andere sind
vorzugsweise biographisch und geschichtlich. In allen enthält die
Charakteristik der einzelnen Gestalt allgemeine Ideen.
Auch die geschilderten Persönlichkeiten sind sehr verschiedener Art.
Sie gehören nicht weniger als sechs Nationalitäten an. Allen gemeinsam
ist jedoch ein Etwas, das sich leichter empfinden als definiren lässt:
es sind moderne Geister. Ich will damit nicht sagen, dass sie alle ohne
Ausnahme mit vollem Bewusstsein und von ganzem Herzen dem »Modernen« in
Kunst und Ideen gehuldigt haben, sondern nur, dass sie, wenn auch in
sehr ungleichem Grade -- was für den Beobachter den Reiz erhöht -- die
moderne Geistesart vertreten.
_BERLIN, im October 1881._
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Die in der Vorrede zur ersten Auflage dieses Buches ausgesprochene
Hoffnung, man möge dem Verfasser, obwohl einem Fremden, in der
deutschen Litteratur einen kleinen Platz einräumen, hat sich seitdem
insofern erfüllt als er in den deutsch lesenden Ländern ein Publikum
gefunden hat. Nur mischt sich für ihn viel Bitterkeit in diese Freude.
Der Umstand, dass die dänische Regierung sich fortwährend weigerte,
der Berner Convention beizutreten, hatte für ihn die Folge, dass die
meisten Bücher, die mit seinem Namen versehen in der deutschen Sprache
existiren, nur in grober Verunstaltung durch gewissenlos besorgte
Privatausgaben vorliegen, die seine eigenen Ausgaben aus dem Markte
vertrieben haben. Es ist für den Schriftsteller gewiss nicht angenehm,
des äusseren Lohns für seine Arbeit beraubt zu werden; viel schlimmer
ist es jedoch, diese Arbeit selbst von Pfuscherarbeiten, die seinen
Namen tragen, verdrängt zu sehen.
Schon seit einigen Jahren ist die zweite Auflage dieses Buches
ausverkauft gewesen. In den fünfzehn Jahren, die vergangen sind,
seit es zum ersten Mal erschien, hat sich Manches verändert, und die
Geister, die damals noch als _modern_ betrachtet werden mussten, können
kaum mehr so genannt werden. Ihr Werth hängt jedoch nicht davon ab,
ob neuere Geister und Richtungen seither entstanden sind, und der
Autor hat gethan was er vermochte, um Mangelhaftes zu berichtigen,
Undeutliches zu verschärfen und Fehlendes zu ergänzen. So ist das Buch
genau durchgesehen, bedeutend vergrössert und erheblich verbessert
worden.
_KOPENHAGEN, im November 1896._
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Die vierte Auflage ist noch einmal besonders mit Bezug auf die
Sprachform durchgesehen und die beiden letzten Aufsätze nicht wenig
vermehrt worden.
_KOPENHAGEN, im November 1900._
_GEORG BRANDES._