XIII

Die Leiendecker in Düsseldorf hatten heuer mehr zu thun als sonst –

der Februar achtundvierzig ging stürmisch zu Ende. Die Wetterfahnen

quietschten, die Dachrinnen spuckten, jede Nacht klapperten die

losen Ziegel und Schieferplatten, und der wilde Wind packte sie und

schleuderte sie krachend hinunter auf die Gasse. Kopfschüttelnd stand

der Hauswirt am nächsten Morgen vor seiner Thür: o weh, eine Reparatur

dringend nötig! Alle paar Schritt baumelte das Seilchen mit dem

Schieferstückchen unten daran vom Dachfirst nieder: Bürger, hüte dich,

daß du nichts auf den Kopf kriegst!

Am Stammtisch wurde geklagt: was man doch nicht immer alles für

Unkosten hatte! Überall krachte es. Auch im Hofgarten; und das

entrüstete die Bürger am meisten. War es nicht ein Skandal, die schönen

alten Bäume so massenhaft zu fällen? Den Hofgarten, die Hauptzierde

der Gartenstadt, ratzekahl zu scheren?! Man wollte im Sommer doch mit

Weib und Kind im Schatten spazieren gehen! Dem Friedlichsten lief die

Galle über. Fulminante Artikel füllten die Spalten der Düsseldorfer

Zeitung und des Kreisblattes und drückten durch ihre Länge und Breite

das Politische ganz in ein Eckchen; was ging es einen am Ende auch an,

ob sie sich mal wieder in Paris massakrierten?! Man bekreuzigte sich

und dankte Gott, daß man im soliden Düsseldorf wohnte. Man druselte

noch halb im Winterschlaf, und wären die fliegenden Dachziegel nicht

gewesen, man hätte noch gar nicht an den Frühling gedacht.

Und doch zog er schon durch die Welt und stieß in sein Horn.

Auch über die Kaserne wehten Frühlingsstürme und tosten aufrührerisch

um Dach und Wand. Aber die dicken Mauern dämpften den Schall, und kein

lauschendes Ohr war drinnen, das ihn aufgefangen hätte. Drill Tag für

Tag, von Reveilleblasen bis Zapfenstreich. Die Offiziere langweilten

sich, die Unteroffiziere schimpften, die Gemeinen dachten sehnsüchtig

an die Fleischtöpfe der Mutter und an die Küsse des Schatzes.

Josefine lebte den schönsten Traum. Alle Tage den Liebsten sehen, alle

Tage ihn sprechen. Rasche Küsse auf dem dunklen Flur, innige Umarmungen

in der stillen Offiziersstube.

Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie,

kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger

bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu

empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel,

der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den

sonnigen, blauen Himmel.

Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine

Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der

Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof,

auf dem seine Tritte hallten.

Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften

langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der

Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte

er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute

war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete

sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein

Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als

Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht

an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie

Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen

in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur

Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer

im Dunkel.

Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und

ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie

noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl.

Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang,

fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem

Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen

tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim

tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen

zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern.

Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam

Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht

sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit

auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und

Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war

er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie

gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe

zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der

sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem

Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein

Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren

Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders

reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris

zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte

ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden

Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge,

daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten

Familienschmuck ein Ungemach passieren könne.

Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung

erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre

Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den

ganzen Tag, wie sonst nie.

Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches

an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle

gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken,

Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil

gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?!

Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die

Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden

französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder,

einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte.

Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg

ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹

von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden,

Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk

stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten.

Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn

fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und

Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die!

Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der

Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten

einen großartigen Umzug.

Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung

forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer

Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber

zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die

allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹

die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler

Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel.

Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der

Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher

Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen

größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen.

Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die

greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich

in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der

Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die

Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden

waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken,

Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen.

Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen

zog mit dem Wind.

Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit

weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die

Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die

Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler

Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde

mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm.

Helau, helau!

Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die

Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht,

jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom

Torkel erfaßt.

»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen,

Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille

der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der

Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen

einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie

greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben.

Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche

kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben.

»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel.

Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der

Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu

verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹,

das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der

Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von

weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte

Gewimmel in der Königsallee.

Heute mußte Rinke einen Zug Reservisten von der Köln-Mindener Bahn

abholen. Und auch Frau Trina war, kaum daß er die Kaserne verlassen,

entschlüpft, um spornstreichs auf die Straße zu eilen; galt es doch,

ihren schönen Wilhelm zu bewundern, der zur Ehre auserwählt war in

der Mitte des Fastnachtzuges als Prinz Karneval auf rosenbekränztem,

goldenem Thron, im vierspännigen Schimmelwagen zu fahren.

Als Rinke an der Spitze seiner Reservisten vom Bahnhof zurückkehrte,

stieß er, unweit des Lattenthores auf den Karnevalszug. Schon war

er verdrießlich: Kerle hatten ja gar keine Haltung mehr, trotteten,

ihre Bündel am Stecken, der eine so, der andre so, nicht mal Schritt

am Leibe! Und nun kamen noch die Gecken! Nahmen die ganze Breite der

Straße ein – Donnerwetter, die würden doch passieren lassen?! I wo,

Bande! Mit Musik und Gejohle zogen sie ungeniert ihres Wegs.

Der Feldwebel mußte seinen Zug halten lassen. Er wendete seine Augen

ab – wer mochte wohl solchen Unsinn ansehen? Aber die Reservisten

grinsten; jetzt brachen sie in ein wieherndes Gelächter aus.

»Helau, die Dotzmühl! Vivat die Dotzmühl! Helau, helau!« rief das Volk.

Der Wagen des Karnevalvereins ›Dotzmühl‹ passierte. Er stellte eine

ungeheure Kaffeemühle vor: oben wurden die Weiber hineingestopft,

weißhaarig und bucklig, unten kamen sie wieder heraus, blondhaarig und

schlank, schlugen Purzelbäume und warfen Kußhände in’s Publikum.

Aber nun – ein grelles Aufjohlen, ein furchtbarer Knall – Hanswurst

hatte eine Riesenbombe oben in die Mühle geworfen, unten flatterte ein

ellenlanger Zettel heraus und blähte sich im Winde:

›=Zwischen Mir und Mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen!=‹

»Helau, helau!«

Das war ein ohrenbetäubendes Freudengeschrei, ein unaufhörliches

Gelächter; es pflanzte sich fort von vorn nach hinten, von links nach

rechts, von groß zu klein.

Der Feldwebel rollte die Augen, der Atem verging ihm fast – ha, die

Proklamation Seiner Majestät!! Die Proklamation, die Proklamation –!

Verfluchte Rasselbande! Mit Mühe hielt er an sich, blaß bis in die

Lippen. Er kommandierte:

»Ohne Tritt – marrrsch!«

Auf was warteten die Kerle denn noch?! Er wollte sie lehren, zu

grinsen! Noch einmal: »Marrrsch!«

Langsam setzte sich der Reservistenzug in Bewegung, aber er traf auf

Widerstand. Die Gecken machten nicht willig Platz. Was wollte der

Preuß’, der Störenfried?! Konnte der nicht warten, bis Seine Hoheit,

Prinz Karneval passiert war?!

»Helau, helau!«

Es klang drohend; scheußliche Fratzen fletschten den Feldwebel an.

»De Preuß’, de Preuß’!«

Ein Geraune war’s nur, aber es wurde zum Murren, Vergebens zeterte

Hanswurst, knallten neue Bomben, aller Aufmerksamkeit war auf den

Preußen gerichtet, aller Blicke bohrten sich in die Uniform. Freche

Bengels legten zwei Hände an die Nase: »Helau!«

Des Feldwebels Hand fuhr an’s Seitengewehr. Eine dunkle Blutwelle schoß

ihm zu Kopf, die Stirnader schwoll ihm, rot tanzte es ihm vor den

Augen, mit einem gewaltsamen Griff packte er den nächsten: »Platz!«

Wütend drehte der sich um; doch Hanswurst legte die Hand auf’s Herz,

wie ein Verliebter, warf dem Preußen eine schmatzende Kußhand zu, und

dann sich abkehrend, schüttelte er sich mit einer Gebärde des Abscheus:

»Brrr!« – Da löste sich der Zorn der Menge in schallendes Gelächter.

»Helau, helau, hahahaha!«

Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut,

knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man

ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter.

Die Wacht am Rhein · 第 33 / 74 题