Die Leiendecker in Düsseldorf hatten heuer mehr zu thun als sonst –
der Februar achtundvierzig ging stürmisch zu Ende. Die Wetterfahnen
quietschten, die Dachrinnen spuckten, jede Nacht klapperten die
losen Ziegel und Schieferplatten, und der wilde Wind packte sie und
schleuderte sie krachend hinunter auf die Gasse. Kopfschüttelnd stand
der Hauswirt am nächsten Morgen vor seiner Thür: o weh, eine Reparatur
dringend nötig! Alle paar Schritt baumelte das Seilchen mit dem
Schieferstückchen unten daran vom Dachfirst nieder: Bürger, hüte dich,
daß du nichts auf den Kopf kriegst!
Am Stammtisch wurde geklagt: was man doch nicht immer alles für
Unkosten hatte! Überall krachte es. Auch im Hofgarten; und das
entrüstete die Bürger am meisten. War es nicht ein Skandal, die schönen
alten Bäume so massenhaft zu fällen? Den Hofgarten, die Hauptzierde
der Gartenstadt, ratzekahl zu scheren?! Man wollte im Sommer doch mit
Weib und Kind im Schatten spazieren gehen! Dem Friedlichsten lief die
Galle über. Fulminante Artikel füllten die Spalten der Düsseldorfer
Zeitung und des Kreisblattes und drückten durch ihre Länge und Breite
das Politische ganz in ein Eckchen; was ging es einen am Ende auch an,
ob sie sich mal wieder in Paris massakrierten?! Man bekreuzigte sich
und dankte Gott, daß man im soliden Düsseldorf wohnte. Man druselte
noch halb im Winterschlaf, und wären die fliegenden Dachziegel nicht
gewesen, man hätte noch gar nicht an den Frühling gedacht.
Und doch zog er schon durch die Welt und stieß in sein Horn.
Auch über die Kaserne wehten Frühlingsstürme und tosten aufrührerisch
um Dach und Wand. Aber die dicken Mauern dämpften den Schall, und kein
lauschendes Ohr war drinnen, das ihn aufgefangen hätte. Drill Tag für
Tag, von Reveilleblasen bis Zapfenstreich. Die Offiziere langweilten
sich, die Unteroffiziere schimpften, die Gemeinen dachten sehnsüchtig
an die Fleischtöpfe der Mutter und an die Küsse des Schatzes.
Josefine lebte den schönsten Traum. Alle Tage den Liebsten sehen, alle
Tage ihn sprechen. Rasche Küsse auf dem dunklen Flur, innige Umarmungen
in der stillen Offiziersstube.
Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie,
kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger
bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu
empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel,
der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den
sonnigen, blauen Himmel.
Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine
Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der
Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof,
auf dem seine Tritte hallten.
Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften
langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der
Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte
er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute
war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete
sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein
Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als
Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht
an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie
Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen
in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur
Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer
im Dunkel.
Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und
ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie
noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl.
Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang,
fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem
Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen
tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim
tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen
zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern.
Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam
Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht
sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit
auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und
Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war
er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie
gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe
zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der
sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem
Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein
Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren
Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders
reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris
zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte
ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden
Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge,
daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten
Familienschmuck ein Ungemach passieren könne.
Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung
erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre
Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den
ganzen Tag, wie sonst nie.
Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches
an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle
gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken,
Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil
gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?!
Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die
Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden
französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder,
einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte.
Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg
ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹
von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden,
Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk
stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten.
Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn
fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und
Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die!
Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der
Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten
einen großartigen Umzug.
Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung
forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer
Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber
zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die
allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹
die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler
Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel.
Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der
Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher
Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen
größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen.
Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die
greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich
in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der
Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die
Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden
waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken,
Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen.
Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen
zog mit dem Wind.
Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit
weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die
Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die
Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler
Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde
mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm.
Helau, helau!
Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die
Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht,
jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom
Torkel erfaßt.
»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen,
Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille
der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der
Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen
einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie
greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben.
Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche
kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben.
»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel.
Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der
Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu
verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹,
das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der
Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von
weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte
Gewimmel in der Königsallee.
Heute mußte Rinke einen Zug Reservisten von der Köln-Mindener Bahn
abholen. Und auch Frau Trina war, kaum daß er die Kaserne verlassen,
entschlüpft, um spornstreichs auf die Straße zu eilen; galt es doch,
ihren schönen Wilhelm zu bewundern, der zur Ehre auserwählt war in
der Mitte des Fastnachtzuges als Prinz Karneval auf rosenbekränztem,
goldenem Thron, im vierspännigen Schimmelwagen zu fahren.
Als Rinke an der Spitze seiner Reservisten vom Bahnhof zurückkehrte,
stieß er, unweit des Lattenthores auf den Karnevalszug. Schon war
er verdrießlich: Kerle hatten ja gar keine Haltung mehr, trotteten,
ihre Bündel am Stecken, der eine so, der andre so, nicht mal Schritt
am Leibe! Und nun kamen noch die Gecken! Nahmen die ganze Breite der
Straße ein – Donnerwetter, die würden doch passieren lassen?! I wo,
Bande! Mit Musik und Gejohle zogen sie ungeniert ihres Wegs.
Der Feldwebel mußte seinen Zug halten lassen. Er wendete seine Augen
ab – wer mochte wohl solchen Unsinn ansehen? Aber die Reservisten
grinsten; jetzt brachen sie in ein wieherndes Gelächter aus.
»Helau, die Dotzmühl! Vivat die Dotzmühl! Helau, helau!« rief das Volk.
Der Wagen des Karnevalvereins ›Dotzmühl‹ passierte. Er stellte eine
ungeheure Kaffeemühle vor: oben wurden die Weiber hineingestopft,
weißhaarig und bucklig, unten kamen sie wieder heraus, blondhaarig und
schlank, schlugen Purzelbäume und warfen Kußhände in’s Publikum.
Aber nun – ein grelles Aufjohlen, ein furchtbarer Knall – Hanswurst
hatte eine Riesenbombe oben in die Mühle geworfen, unten flatterte ein
ellenlanger Zettel heraus und blähte sich im Winde:
›=Zwischen Mir und Mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen!=‹
»Helau, helau!«
Das war ein ohrenbetäubendes Freudengeschrei, ein unaufhörliches
Gelächter; es pflanzte sich fort von vorn nach hinten, von links nach
rechts, von groß zu klein.
Der Feldwebel rollte die Augen, der Atem verging ihm fast – ha, die
Proklamation Seiner Majestät!! Die Proklamation, die Proklamation –!
Verfluchte Rasselbande! Mit Mühe hielt er an sich, blaß bis in die
Lippen. Er kommandierte:
»Ohne Tritt – marrrsch!«
Auf was warteten die Kerle denn noch?! Er wollte sie lehren, zu
grinsen! Noch einmal: »Marrrsch!«
Langsam setzte sich der Reservistenzug in Bewegung, aber er traf auf
Widerstand. Die Gecken machten nicht willig Platz. Was wollte der
Preuß’, der Störenfried?! Konnte der nicht warten, bis Seine Hoheit,
Prinz Karneval passiert war?!
»Helau, helau!«
Es klang drohend; scheußliche Fratzen fletschten den Feldwebel an.
»De Preuß’, de Preuß’!«
Ein Geraune war’s nur, aber es wurde zum Murren, Vergebens zeterte
Hanswurst, knallten neue Bomben, aller Aufmerksamkeit war auf den
Preußen gerichtet, aller Blicke bohrten sich in die Uniform. Freche
Bengels legten zwei Hände an die Nase: »Helau!«
Des Feldwebels Hand fuhr an’s Seitengewehr. Eine dunkle Blutwelle schoß
ihm zu Kopf, die Stirnader schwoll ihm, rot tanzte es ihm vor den
Augen, mit einem gewaltsamen Griff packte er den nächsten: »Platz!«
Wütend drehte der sich um; doch Hanswurst legte die Hand auf’s Herz,
wie ein Verliebter, warf dem Preußen eine schmatzende Kußhand zu, und
dann sich abkehrend, schüttelte er sich mit einer Gebärde des Abscheus:
»Brrr!« – Da löste sich der Zorn der Menge in schallendes Gelächter.
»Helau, helau, hahahaha!«
Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut,
knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man
ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter.