Es rührte sich allerorten, als wollte es lenzen. Ein Gären steckte tief
innen im Schoß aller Dinge, ein geheimnisvolles Sichregen, ein Pochen
und Drängen. Was will das werden?!
Ein Wehen geht durch die Lande, leis noch, kaum fühlbar, aber ein Wehen
so eigner Art, daß die einen begeistert rufen: »Frühling, Frühling!«
und die andern erschreckt: »Sturm, Sturm!«
Frühling –?! Noch war es nicht an der Zeit. Schnee flockte noch vom
Himmel und begrub die grünen Hoffnungen.
Es war das Jahr 1847.
Der weite Düsseldorfer Exerzierplatz lag noch einmal, nachdem die
Februarsonne schon schmelzend geschienen, in tiefem Winter; am
Kanalrand waren die vorwitzig knospenden Veilchen erfroren.
An dem Fensterchen der Feldwebelwohnung stand Josefine Rinke am Sonntag
nachmittag und hauchte ihren warmen Atem gegen die bereifte Scheibe.
Ihre Wangen waren heiß, ihre volle Brust hob und senkte sich rasch.
Nun zeigte ein verstohlenes Lächeln ihre gesundweißen Zähne; ihr Blick
wurde glänzend – was hatten die Offiziere auf dem Kasernenhof heut doch
hinter ihr drein geflüstert? ›Schönes Mädchen‹ – ah, schönes Mädchen!
War sie denn schön?! Sie schloß halb die Augen und legte den Kopf in
den Nacken; mit einer unwillkürlichen Bewegung hob sie beide Arme und
drückte sie an ihre Brust. Da innen klopfte es so stark, so voll. Das
war ihr Herz. Poch, poch, wie ein Hammer. Und jeder Hammerschlag trieb
ihr das Blut rascher durch die Adern.
»Nanu,« sagte der Vater vom Tisch her und schlug so kräftig auf seine
Zeitung, daß die Tochter sich nach ihm umwendete. »Was wollen sie nu
schon wieder? Immerzu stänkern!«
Der Feldwebel ärgerte sich stets, wenn er die Zeitung las. Mit ein
paar Kameraden zusammen hielt er sich das Düsseldorfer Kreisblatt.
Man erfuhr ja sonst gar nichts von der Welt, und das that doch jetzt
not; es verlangte einen zu wissen, wo’s zuerst losgehen würde, ob
in Frankreich oder Spanien, ob in Bayern oder Baden, in Nassau,
Württemberg oder Hessen, ob in Portugal oder Dänemark und wie die
Länder alle heißen. Überall war’s nicht recht geheuer.
»Was« – er regte sich ordentlich auf – »Verfassungsreform?! Was
wollen die Schreier denn? Unser Herr und König regiert, wie seine
Vorfahren regiert haben, und die haben Preußen groß gemacht. Bande!
Verfassungsreform – was heißt das?!«
»Vater,« sagte Josefine, trat an den Tisch und guckte ihm über die
Schulter in’s Zeitungsblatt, »kuckste, da steht et ja: ›Ausgleichung,
Versöhnung zwischen Thron und Volk! Die Krone muß freiwillig eine
wirkliche, den Zeitforderungen entsprechende Verfassung verleihen.‹ Die
Krone, damit is der König jemeint, jelt, Vater! Aber dat andre versteh’
ich nit!«
»Na, das ist so, wenn – hm – als ob« – der Feldwebel kratzte sich
hinter dem Ohr – »ä, hol’ sie alle der Teufel! ’reinquatschen wollen
sie eben, wenn unser König was befiehlt. Er ist unser Herr, er allein
hat zu kommandieren, und wir zu gehorchen – was, was sagst du?«
Josefine hatte etwas in sich hinein gemurmelt; nun kreuzte sie die
Arme über der Brust und warf den Kopf in den Nacken. »Beim Metzger in
der Bastionsstraß’ haben sie heut jesagt: dat Volk hätt’ auch sein’
Forderungen. Da haben se doch janz recht in, Vater, man will doch auch
en Wort sagen dürfen.«
»Dumme Gans!« So heftig hatte sie der Vater fast noch nie angeschrieen.
»Was verstehst du davon? Von morgen ab holst du’s Fleisch wo anders –
nicht bei dem Kerl, verstanden?!« Mit gerunzelter Stirn vertiefte er
sich wieder in die Zeitung.
Stumm war Josefine an’s Fenster zurückgetreten, aber sie konnte es
nicht unterlassen, die Achseln zu zucken: Der Vater hörte eben nicht
alles, was die Leute sagten – was die schimpften! – beim Bäcker, beim
Metzger, auf dem Gemüsemarkt. Es müsse anders werden! Was anders werden
müsse, sagten sie freilich nicht.
Auch der Großvater schimpfte. Der mochte gar nicht mehr ausgehen, saß
immer auf der Ofenbank oder in seinem Lehnstuhl im Comptörchen und
drehte die Daumen umeinander. Auch durch’s Fenster guckte er nicht,
denn die Leute, mit denen er alt geworden, gingen nicht mehr vorüber,
und die jungen interessierten ihn nicht.
Der arme Großvater! Tief atmend drückte Josefine die Hand auf’s Herz
– nur nicht alt sein! Immer jung, immer frisch, sich freuen! Die
Welt war ja so schön, und brachte mal ein Tag Verdruß, gleich machte
es der andre doppelt gut. Wie die Offiziere sie angelächelt hatten!
Sie war das gewohnt, aber es machte ihr doch jedesmal wieder Spaß.
Und die Sergeanten, die Unteroffiziere und Gefreiten waren doch auch
nette Leute! Manch einer unter ihnen fast ebenso schneidig, mit ebenso
schlanker Taille, wie ein Herr Leutnant. Alle Soldaten waren nett.
Nur keinen Bürger heiraten! Einer müßte es sein, mit roten Streifen
längs der Hosennaht, mit blanken Knöpfen am Rock, mit einem gebräunten
Soldatengesicht, dessen Stirn einzig da, wo der Helm geschützt, einen
Streifen helleres Weiß zeigte.
Der Feldwebel wußte gar nicht, warum seine Tochter plötzlich zu ihm an
den Tisch gesprungen kam, den Arm um seinen Hals schlang und die weiche
Wange auf seinen Scheitel drückte.
»Na, na,« machte er unwirsch und rührte sich doch nicht; die weiche
Wange that ihm wohl, wie ein warmer Strom floß es von ihr durch seinen
Körper. Und in der Stube war’s kalt, man konnte im Februar nicht mehr
stark heizen, so reichlich waren die drei Klafter geliefertes Holz
nicht.
»Na,« sagte er noch einmal und lächelte, »was ’s denn los?«
Aber sie antwortete nur mit einem festeren Druck und einem leichten
Lachen und hüpfte dann auf ihren früheren Platz zurück. Die Stirn
gegen die Scheibe gelehnt, starrte sie hinaus auf den weißen Schnee
des Exerzierplatzes. Es wollte schon dämmern, jenseits über’m Kanal
versanken die schönen neuen Häuser der Königsallee allmählich hinter
einem feinen Schleier.
So wie heute hatte Josefine, während die Mutter noch in der Kammer
ihr Mittagsschläfchen hielt, in mancher Sonntagsdämmerstunde hier
gestanden; wochentags hatte sie keine Zeit zum Träumen, da gab’s zu
waschen und zu kochen, zu kehren und zu scheuern, den Brüdern die
Kittel und Strümpfe zu flicken. Die Mutter schonte sich jetzt, da sie
eine erwachsene Tochter hatte; es that ihr auch not, nach den vielen
Wochenbetten. Und eine Kleinigkeit war’s auch gerade nicht, mit zwölf
Thalern siebzehn Silbergroschen sechs Pfennigen monatlicher Löhnung,
alle Zulagen eingerechnet, auszukommen; wenn auch die Großeltern
heimlich wacker zusteckten und, war der Feldwebel nicht zu Hause,
Mettwurst, Schinken, Blatz, Schmierchen, Kappes, Bier, alles mögliche
Eß- und Trinkbare vom ›Bunten Vogel‹ her in die Küche wanderte, es
blieb eine Kunst, so viele Mäuler zu stopfen.
Seit Fina mit vierzehn Jahren aus der Schule gekommen war, besuchte
Frau Trina ihre alten Eltern tagtäglich. Der Feldwebel hatte nichts
dagegen; wenn er auch selber nicht in den ›Bunten Vogel‹ ging, seine
Frau hatte die Verpflichtung – ›ehre Vater und Mutter!‹ Freilich, daß
sie stets den Umweg über die Maxpfarre oder die Lambertuskirche machte,
auch bei so und so viel Bekannten in der Altestadt vorsprach, das wußte
er nicht.
Auch die Kinder besuchten die Großeltern. Seitdem Josefine von den
Ursulinerinnen fort, und seitdem gar der Wilhelm in der Lehre war, sah
Rinke keinen Grund mehr, den Alten die Enkelkinder zu entziehen. Er war
der Stärkere – was sollte er den schwachen Greisen zuwider sein? Hoffte
er, sich doch auch dermaleinst an Josefines Kindern zu erlaben.
Der Feldwebel betrachtete seine Tochter oft mit demselben Blick, mit
dem er die Neueingezogenen musterte. Er hatte ja auch über =sie=
Bericht zu erstatten; wenn auch nicht bei dem Herrn Hauptmann, so doch
bei dem Herrgott da oben. Gesund, wohlgemut und ehrlich, so stand die
Siebzehnjährige vor des Vaters Augen. Das Herz pochte ihm vor Freuden,
wenn er sie schaffen sah mit starken Armen. Oft schlich er heimlich
hinter die Küchenthür und belauschte sie am Waschfaß. Hochgeschürzt
stand sie, ihre Kleidertaille hatte sie ausgezogen und wusch in
Hemdärmeln. Unermüdlich tauchten ihre runden Arme in die Lauge, die
Seifenflocken spritzten ihr bis auf’s blonde Haar; und immer sang sie
mit schallender Stimme, so voll, so lustig – kein Wunder, daß die ganze
Kompagnie in sie verschossen war.
Wenn er nur erst den rechten Mann für sie wüßte! Mit scharfem Blick
ließ der Feldwebel alle Revue passieren; da war nur einer, der ihm gut
genug dünkte, der Conradi. Der stammte auch aus Preußen, wenn auch
nicht aus der Mark; bei Königsberg war er zu Hause, ein Bauernsohn,
dessen älterer Bruder den Hof geerbt, ihm aber ein hübsches Sümmchen
ausgezahlt hatte. Und sparsam war der und nüchtern. Für sich selbst
hatte der Feldwebel nie des Geldes geachtet, aber nun er an der
Zukunft seiner Tochter baute, war ihm das doch ein angenehmer Gedanke.
Zwölf Jahre diente der Conradi nun schon als Unteroffizier, ein
wackerer Kerl, der sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen. Und
groß war er, noch einen starken Kopf größer, wie die Josefine, und
breit in den Hüften – das gab was für’s erste Garderegiment zu Fuß!
Freilich, abgehen wollte jetzt der Conradi, schon bereitete er sich
zum Gendarmerie-Examen vor; sechs Monate Urlaub wurden ihm demnächst
bewilligt zur Probedienstleistung. Aber war die Gendarmerie denn nicht
dem Militär nahe verwandt? So wollte sich Rinke nicht daran stoßen.
Daß er selber einmal abgehen könne, war ihm bisher nie in den Sinn
gekommen; vor kurzem hatte ihn erst sein Hauptmann darauf gebracht.
»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, als sie
zusammen auf dem Kasernenhof hin und her pendelten, »warum Sie sich
noch im Kommiß schinden? Sie dienen doch wohl schon an die zwanzig
Jahr’?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann, fast vierundzwanzig!«
»Um Gottes willen!«
Der Feldwebel hatte sich bei diesem Ausruf seines Hauptmanns auf die
Lippen gebissen – warum echauffierte sich der Hauptmann denn so?
Vierundzwanzig – war das etwa zu lang? War er nun schon abständig,
knackschälig, konnte er seiner Pflicht nicht mehr genügen?! Mit
unsicherem Blick hatte er nach der vergoldeten, mit dem Namenszug des
Königs verzierten Schnalle auf seiner Brust gesehn, die hatte er doch
bekommen als Dienstauszeichnung.
Als erriete der Hauptmann seine Gedanken, sagte er: »Es sei ferne
von mir, Ihre Dienste unterschätzen zu wollen, Rinke! Mir persönlich
würde es höchst fatal sein, mich an einen andern Feldwebel gewöhnen zu
müssen; aber ich meine, wenn man so lange im gleichen Trott gestrampelt
hat wie Sie, möchte man auch einmal seinen eignen Gang gehen. Eine gute
Civilversorgung ist Ihnen doch sicher: ein Plätzchen bei der Steuer,
ein Zollaufseherposten oder dergleichen!«
Dem Feldwebel war’s trocken im Munde geworden, stumm hatte er den Kopf
gesenkt.
»Also nicht Ihr Fall? Na, dann melden Sie sich doch mal bei der
Lazarettverwaltung – Lazarettinspektor, gar nicht übel!«
Ja, das wäre schon eher etwas, da hörte man doch noch den rauhen Fall
der Kommandos heraufschallen, das Klirren der Waffen, das Stampfen
der Mannschaft – altgewohnte Klänge, einem in Fleisch und Blut
übergegangen. Eine begehrte Versorgung und doch –! Der Feldwebel
verstand sich selber nicht: da hatte er sich oft herausgesehnt aus
dem täglichen Einerlei des Dienstes, er hatte gelechzt nach einem
Sturmwind, der alle Riegel aufstößt, und jetzt, wo sich ihm vielleicht
eine Thür aufthun wollte, konnte er nicht herausfinden. So nicht, so
nicht! Wenn er heraustrat aus den Mauern der Kaserne, aus des Dienstes
ewigem Einerlei, so mußte es zu einem andern Dienst sein, einem noch
höheren, heiligeren: dem auf dem Feld der Ehre. Mochte ihm seine Frau
nun auch in den Ohren liegen: ›dank doch ab, mach, dat du ’rauskömmst,
meine Eltern sind alt, wir könnten dat Jeschäft übernehmen‹ – er hörte
gar nicht, was sie schwatzte. Er wollte Soldat bleiben.
Und trotz dieses Entschlusses lag er oft Nächte lang und zergrübelte
sich; einen Argwohn hatte die Frage des Hauptmanns in ihm erweckt,
den Argwohn, nicht mehr zu genügen. Wenn er einmal mit seinem alten
Hauptmann, dem Herrn Major von Clermont, darüber spräche?! Der war kein
so Neugebackener, hatte, gleich ihm, lange gedient, der würde wissen,
wie man’s halten soll: ob gehen, ob bleiben.
Rinke zog sich die zweite Garnitur an, zwängte die frischgewaschenen
Wildlederhandschuhe über die Finger, stülpte den Helm erster Garnitur
auf und wanderte nach der Bilkerstraße; der Major wohnte noch im selben
Haus. Schon unten sagte der Bursche, der Herr Major seien unpäßlich. Er
wurde aber doch vorgelassen.
Herr von Clermont saß in einem Lehnstuhl beim Ofen; das verfluchte
Reißen hatte er sich, wie er stöhnend sagte, vom letzten Manöver aus
den nassen Wiesen an der holländischen Grenze mitgebracht. Uff, er
konnte auf kein Pferd! Das hatte man nun davon! Er war überhaupt auf
den ganzen Krempel nicht gut zu sprechen. Als ihm der Feldwebel seine
Zweifel wegen Abschiednehmens vortrug, nickte er zustimmend: »Ja,
man avanciert nicht, es ist zum Rabiatwerden! Man ist eingerostet.
Schlechte Zeiten für uns, schlechte Zeiten für alle!«
Rinke sah den Vorgesetzten mit großen Augen an: ein preußischer Major
und unzufrieden?! Ganz verdutzt stand er. Ein neuer Geist, ein Geist,
den er nicht verstand, wehte durch die Stube des Herrn Major.
Da öffnete sich die Thür, eine junge Dame in weißem Kleid, mit einem
rosenfarbenen Band um die langen, dunklen Locken kam herein. »Papa,«
sagte sie, nahm seine Hand und küßte sie, »wie geht es dir heut?«
Er strich ihr über die Locken: »Gleich, Cäcilie, gleich! Habe nur mit
dem Rinke noch ein paar Worte zu reden.«
Die junge Dame sah flüchtig nach Rinke hin. »Rinke?« fragte sie
lächelnd. »Feldwebel Rinke?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein.«
»Was macht denn Ihre Tochter, die Josefine? Geht’s ihr gut?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, sehr gut!«
»So, das freut mich!«
Das war wahrhaftig nett von dem ›Fräulein Major‹, daß sie sich der
Schulgefährtin noch erinnerte! Der Feldwebel fand es ganz begreiflich,
daß man das Fräulein von Clermont die erste Schönheit der Stadt nannte
– so was Vornehmes und doch so was Freundliches!
»Grüßen Sie Ihre Tochter von mir!« Sie neigte leicht den Kopf mit einer
großen Anmut und schwebte wieder zur Thür.
Donnerwetter war die hübsch geworden! Aber seine Josefine war auch
nicht zu verachten! Im Geist hielt der Feldwebel deren blonde Flechten
neben jene dunklen Locken, die frischroten Backen neben das zartweiße
Gesicht.
Der Major sprach in seine Betrachtungen hinein – das Herz mußte ihm
übervoll sein, er vergaß ganz den Untergebenen –: »Ja, wenn ich die
Tochter nicht hätte, keine Stunde bliebe ich mehr! Nichts los, gar
nichts mehr los! Aber so viel weiß ich, sowie meine Tochter ’ne Partie
gemacht hat, nehme ich den Abschied; so lange muß ich schon noch
aushalten.« Er seufzte. »Na, und dann ziehen meine Frau und ich uns in
irgend einen netten Winkel zurück, ich halte mir Hühner und okuliere
Rosen. Mein Sohn muß schon alleine sehen, wie er fertig wird. Ich
bin’s müde. Aber daß Sie, Rinke, nicht längst um eine Civilversorgung
eingekommen sind, begreife ich nicht. Meiner besonderen Fürsprache sind
Sie sicher!«
Also auch der redete ihm zu, zu gehen?! Nein, nein! Rinke konnte sich
doch nicht entschließen, wie mit Klammern hielt es ihn am Dienst fest.
Wenn’s nun Krieg wurde und er kam nicht mit?! So lange er aktiv war,
konnten sie ihn nicht daheim lassen. Und er mußte mit, er mußte mit,
solange er noch einen Fuß rühren konnte! – –
Frau Trina hatte kein Glück mit ihren Anbohrungen, fest wie Eisen blieb
ihr Mann. Da gab sie die fruchtlosen Bemühungen auf; was sollte sie
auch ihren Rinke und sich selber ärgern?! Vielleicht, daß der Wilhelm
mal den ›Bunten Vogel‹ übernehmen konnte! Der Großvater war schon sehr
alt, und allein würde die Großmutter nie und nimmer fertig werden. Das
war doch etwas andres für den Wilhelm, als das ›Schneider lernen‹!
Gegen das Handwerk an sich hatte Frau Trina nichts einzuwenden,
wohl aber, daß es gerade ein Militärschneider war, zu dem Rinke den
Jungen in die Lehre gebracht. Wenn’s noch ein richtiger däftiger
Bürgersleutschneider wäre!
Sonst ließ sich der Wilhelm ganz gut in der Lehre an; besonders hatte
er es verstanden, sich der Meisterin angenehm zu machen. Er war eben
kein solches Rauhbein, wie die meisten Düsseldorfer Rabauen; die sanfte
Hand der Großmutter merkte man ihm noch immer an. Und daß er ein wenig
versteckt war – versteckt konnte man eigentlich nicht sagen, ein
bißchen ›für sich‹ – dafür machte Frau Trina ihren Mann verantwortlich,
der hatte den Jungen eingeschüchtert.
Der junge Mensch zeigte nach wie vor eine große Abneigung gegen
die Kaserne, darum ging die Feldwebelin öfters zu ihm hin – eine
gesprächige Freundschaft verband sie mit seiner Meisterin – oder sie
führte ihn auch Feierabends spazieren und kehrte mit ihm im ›Bunten
Vogel‹ ein.
Aber alle Sonntag nachmittag mußte der Sohn in der Kaserne antreten –
unwiderruflich – der Vater verlangte es.
Auch heute erwarteten sie ihn. Der Feldwebel hatte schon zum zweitenmal
seine Zeitung von A bis Z durchstudiert, nun horchte er auf das
Schlagen der Uhr. Konnte der Bursche denn nie pünktlich sein? Auf
seiner Stirn zog sich die Falte zusammen.
Josefine schlüpfte aus dem Zimmer in die Küche, um von dort auf den Hof
zu spähen. Sie kannte dies Gesicht des Vaters. Wo blieb der Wilhelm
denn nur? Statt pünktlich zu kommen, war er eine Stunde später noch
nicht da! Wie dumm! Nun war der Vater gleich von vornherein schlechter
Stimmung.
Die Mutter lag noch in der Schlafkammer auf dem Bett mit gelöstem
Mieder und aufgeknüpften Rockbändern in friedlichem, lang andauerndem
Mittagsschlaf, ohne Ahnung, daß sich ein Ungewitter zusammenzog.
Endlich knarrte die Stiege. Gott sei Dank! Wie der Wind flog Josefine
an die Treppe und zog den Bruder erst noch einen Augenblick in die
Küche. Hier sah sie ihm besorgt in das blasse Gesicht: »Is dich jett?«
Ihre Nasenflügel hoben sich, sie beschnupperte seinen Rock: »Willem,
wie riechste dann? Du has ja jeraucht!«
Rasch zog sie ihm den Rock herunter und schlenkerte ihn vom
Küchenfenster aus in die scharfkalte Luft. »Dat der Vater et nur nit zu
riechen kriegt, du – Jeses – Willem, wat siehste schlecht aus?!«
Der blasse, junge Mensch vermied ihren Blick; mit gesenkten Lidern
stand er und nestelte an seinen Hemdärmeln, schaudernd in der frisch
hereinwehenden Kühle. »Bis still,« sagte er dann, »schrei doch nit eso!
Ich hab’ jeraucht – wat is da weiter bei?!«
»Aber du sollst doch nit!«
Er zuckte die Achseln. »Ich kann nix dafor, se lachen einem ja aus,
wenn mer nit raucht. Der Jesell hat mich en Piep Toback jejeben, ein
einzije, wahrhaftijens Jott! Aber da is et mich e so kotzjämmerlich
nach jeworden – ba!« Er schüttelte sich noch in der Erinnerung und
spuckte aus.
»Un jetrunken haste auch,« sagte Josefine vorwurfsvoll.
»Et war mich zu schlecht, da hat mich de Jroßmutter ’ne Bittre jejeben
un de Jroßvater auch eine. Un in der Wirtsstub’ saß de Schnakenbergs
Hendrich, un dem seine Schwiejervatter, un ich mußt’ mich bei se
setzen, un se traktierten mich mit Bier – da würd’ et mich jleich
wieder jut – och Jott, och Jott, Finken!« Er hielt sich den Leib.
»Josefine!« rief von drinnen des Vaters Stimme.
Wilhelm schreckte zusammen.
»Josefine! Ist der Bengel noch nicht da? Josefine!«
Man hörte im Zimmer das Rücken eines Stuhls und einen schweren Tritt.
»’schwind!« Josefine half dem Bruder in den Rock und drängte:
»’schwind, mach dat de erein kömmst! Halt dich jerad’, Willem!
’schwind, ’schwind!«
»Na,« sagte der Vater, als sie in die Stube traten, und richtete seinen
scharfen Blick auf sie. Einen bösen Blick, so erschien es wenigstens
Wilhelm; er suchte sich hinter der Schwester zu verbergen.
»Du kommst spät! Warum?« Es klang wie ein Verhör.
»Er war erst noch in der Ratingerstraß’,« beeilte sich Josefine zu
sagen. »Bei den Jroßeltern kömmt mer immer eso rasch nit fort!«
»So – hm!« brummte der Feldwebel. »Na,« – er streckte Wilhelm die Hand
hin – »na, dann setz dich, Junge!«
Scheu ergriff der Sohn die Hand des Vaters; seine schlanken Finger
verschwanden ganz in der sehnigen Faust. Das war ein eiserner Griff!
Wilhelm unterdrückte ein Zusammenzucken.
»Pimpliger, pampliger Schlingel!« Mit einem halb gutmütigen, halb
ärgerlichen Lachen gab der Feldwebel die schmächtige Hand frei. Würde
der Junge denn nie Mark kriegen? Den nähmen sie nicht beim Militär! Es
gab ihm einen Stich: ein Sohn von ihm nicht wenigstens seine paar Jahre
dienen?! Verstimmt setzte er sich nieder, nahm wieder die Zeitung vor
und sagte kein Wort mehr.
Auch Wilhelm wagte nicht zu sprechen; schlapp vornüber gebeugt, hing er
auf einer Ecke seines Stuhls, mit trüben Augen in’s Licht blinzelnd.
Josefine hatte die Talgkerze auf dem Messingleuchter angezündet; in
dem fahlen Flackerlicht sah das Knabengesicht noch fahler aus, die
Schatten unter den Augen erschienen noch tiefer. Wilhelm kämpfte mit
dem Übelsein; aber als ihm die Schwester jetzt einen Kaffee und eine
Kommißbrotschnitte, zur Feier des Sonntags mit Apfelkraut bestrichen,
vorsetzte, wagte er nicht, dies auszuschlagen. Zögernd nahm er Schluck
für Schluck. Der Kaffee würgte ihn förmlich im Halse, verzweifelt
stierte er auf das Brot – wie sollte er das herunterkriegen? Schon der
Gedanke an essen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; schwindlig wurde
ihm auch, und gähnen mußte er, gähnen, als wäre er drei Nächte in kein
Bett gekommen. Josefine blinkerte ihm warnend zu – ja, er wußte es
auch, der Vater konnte das Gähnen für den Tod nicht ausstehen, aber was
sollte er machen?! So sehr er auch die Lippen aufeinanderpreßte und die
Luft durch die Nase zog, es zwang ihm gewaltsam den Mund auf, er mußte
gähnen, gähnen aus den Tiefen seiner Seele.
Ein verwunderter Blick des Vaters traf ihn. »Hast wohl die ganze Nacht
gewacht? Gearbeitet, he?«
Etwas undeutlich Gestottertes war die Antwort; eine glühende Röte stieg
dem Jungen dabei in die bleichen Wangen.
Argwöhnisch betrachtete der Feldwebel ihn – was, trieb sich der
Bengel etwa gar herum?! Haltung und Gesichtsfarbe gefielen ihm gar
nicht. Immer finsterer wurde die Falte auf des Vaters Stirn. Er
that, als ob er lese, stützte den Kopf in die Hand, aber von unten
herauf betrachtete er unausgesetzt den Sohn. Dieser merkte das, und,
unter’m Tisch die Hände zusammenpressend, mühte er sich gewaltsam, das
krampfhafte Gähnen zu unterdrücken und sich ein möglichst harmloses
Aussehen zu geben. Er versuchte sogar ein leises Pfeifen; der Vater
untersagte ihm das sofort.
Wenn doch Josefine wenigstens drin geblieben wäre! Aber die war
gegangen, die Mutter zu wecken, der Mond schien ja schon bleich. Und
der Schnee leuchtete in gespenstischer Helle. Ein Schweigen lastete
draußen auf dem Platz, ein Schweigen auch in der Stube, so drückend,
daß des Jungen Herz pochte.
Gott sei Dank, endlich kam die Mutter! Mit Herzlichkeit begrüßte sie
den Sohn. Josefine mußte ihr von Wilhelms Übelbefinden berichtet haben,
denn sie fragte mehrmals in einem Atem: »Wie jeht et dich, wie is dich
jetzt, is et dich jett besser?«
»Wickel ihn doch lieber in Watte,« sagte der Feldwebel plötzlich und
stieß ein kurzes Lachen aus.
Aber Frau Trina ließ sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern,
war sie doch die Besitzende in der Ehe, guter Bürgersleute Kind. »Laß
doch,« sagte sie. »Meine arme Jung’! De hat et auch schwer jenug.
Morjens als eso früh eraus, de Baas,[8] de läßt sich de Stieweln von
ihm wichsen, un sie, de Meisterin, all dat Wasser un Holz schleppen! Un
dat Rennen der janze Tag – de Preußen machen ja en Wirtschaft um eine
armselige Knopp! Un dann nit emal sechs Penning Trinkjeld!«
[8] Meister.
»Ist auch kein Unglück,« brummte der Feldwebel. »Geld – wozu braucht
der Bengel Geld? Daß er’s verraucht –« er hob rasch den Kopf, ein
voller Blick traf den Sohn, der unter diesem Blick zusammenknickte –
»oder mit Frauenzimmern verposamentiert!«
»Rinke!« Frau Trina sprach es vorwurfsvoll und legte den Arm um die
Schultern ihres Sohnes. »Ne, de thut doch so jett nit! Dat Jüngesken!«
»Na,« – eine unheilverkündende Röte stieg langsam dem Feldwebel in die
Stirn – »der Jüngste, der Beste! Da sollte man doch hierzulande die
Frauenzimmer nicht kennen! Machen sich hier immer so groß mit ihren
rheinischen Mädels – haha! Die Weibsbilder, die halbnackt den Malern
Modell stehn, die sind auch rheinische Mädels – nette Sorte – na, ich
danke!«
»Et Fina is doch auch en rheinisch Mädchen,« platzte Frau Trina heraus;
sie ärgerte sich mächtig über den geringschätzigen Ton ihres Mannes.
»Die Josefine – meine Tochter?! Du bist ja verrückt!«
»No, wat dann?« Jetzt fing Frau Trina an, hell zu lachen. »Et Fina is
doch in Düsseldorf jeboren, un hie is doch de Rhein! Un et is so, wie
die Mädches hie all sind, akkurat so, un nun soll et auf einmal kein
rheinisch Mädche sein?!«
»Halts Maul!« Der Feldwebel schrie sie grob an, und dann faßte er den
Jungen vorn an den Rockklappen, beroch ihn, schüttelte ihn hin und her
und schob ihn mit einem unsanften Stoß der Mutter zu. »Da – wie stinkt
der Bengel?! Nach Knaster und Kneipe! Ich will dich lehren, wo hast du
dich ’rumgetrieben, he?«
Keine Antwort. Schreckensbleich starrte Wilhelm drein; in einem
nervösen Zucken bewegten sich seine Lippen, aber keinen Laut brachte er
heraus.
»Wo hast du dich ’rumgedreht, wie siehst du aus? Antwort! Wird’s bald?«