Damen-Bekanntschaften, welche mit
der Visitenkarte gemacht werden,
sind wie Suppen, die mit
Maggiwürze gezaubert sind: eine
Geschmacksache, die im Bereich
eines jeden liegt.
Am Opernhaus in Berlin trat eine Dame zu Jappes: „Ich sehe Sie zum
drittenmal heute. Ich sah Sie in Pankow, in Tegel und nun an der Oper.
Ich brauche Sie, weil Sie so rasen. Ich gebe Ihnen Geld, viel Geld, nur
Geld. Nehmen Sie und suchen Sie mich heute noch auf. Im Baltic-Hotel,
Zimmer 29.“
Jappes bleckte die Zähne und zog die Lippen nach rückwärts: „Sie kommen
mir sehr gelegen. Ich bin voll von niedrigen Dingen, von armseligen
Dingen. Wir speisen bei Hiller, das frischt auf. Kennen Sie Hiller?“ –
Sie nickte. „Sie kennen mich wohl schon lange und ich Sie auch. Heute
sind unsere Wege erst zusammengestoßen. Madame sind kühn und ich habe
auf etwas Kühnes gewartet.“
„Unsere Wege stoßen noch öfter zusammen. Um zwei Uhr also oder früher!
Irgendwo! Möglich, daß wir uns treffen, eh wir es wünschen. Lesen Sie
diese Zeilen, ich habe Eile!“
Knapp vor einem Mietauto fegte sie über die Straße. Jappes ging und
dachte nichts. Dann überlegte er, wie sie aussah. Er fand keinen
Anhaltspunkt. Sicher hatte er sie nicht angeschaut. Vielleicht war es
nur eine Halluzination, ein Spuk im Straßenwirbel. Aber das Corpus
delicti hielt er in der Hand. Eine düstere Ahnung setzte sich in seiner
Seele fest. Ueber die Stadt zischte ein Sturm und die Menschen rannten,
rissen ihn mit, im Wirbel, im Taumel, nein, sie schleiften ihn mit,
seine Gedanken jagten sich wirr ... aber er blieb leer ohne Halt. Er
wußte von ihr und wußte doch nichts. Aber sie war und war für ihn.
Vielleicht ein Dämon? Wie war sie nur? Dann war er müde und fingerte
nervös an seinem Spazierstock. Ging weiter, und dachte an nichts mehr.
An einer Litfaßsäule bremste der Vorwitz ihn fest. Mechanisch las er die
farbigen Zettel und dachte an etwas ganz anderes: Ist sie aus einer
Neppbude, aus einem Irrenhaus, Kongregationsleiterin, eine Hysterische?
Ihre Worte überdachte er mit hartnäckiger Analyse, nein! er wußte gar
nichts und das quälte ihn am meisten. Sicher würde er sie nicht
wiedererkennen, wenn er sie träfe. War sie schwarz, blond oder braun???
... aber nein! Unbestimmt ohne Form, ohne Linie, sie war nicht und war
doch. Ein Wolkenbruch prasselte nieder. Er trat in ein Kaffeehaus und
ging wieder. Draußen sagte er seinen Namen: Jappes! und es antwortete in
ihm: Ich besitze dich noch. Da fuhr eine Droschke vorüber. Sie hielt und
eine seidene Dame musterte ihn mit einem langen ruhigen Blick. – Er sah
sie und dachte nichts.
Eine Stunde später streifte ihn eine Dame in elegantem Straßenkleid. Sie
hing nachlässig am Arm eines Offiziers, besah die Schaufenster und
schaute nachdenklich in Jappes’ Auge. Er wich dem Blick aus – und dachte
an nichts.
In der Frankfurter Allee drängten sich die Leute vor einem Haus. Ein
Feuerwehrmann stieg auf einer Leiter hoch und klopfte an ein Fenster.
Einer erzählte: ein Liebespaar hat sich erschossen! Ein anderer: eine
schwangere Jungfer hat sich mit Kreosot vergiftet. Noch ein dritter: ein
Student hat sich an der Türklinke erhängt. Er habe zweimal vorsprechen
wollen, in drei Tagen, wegen einer Geldforderung, das zweitemal habe der
Leichengeruch ihm durch das Schlüsselloch den Atem geraubt.
Jappes dachte, wie er wohl sterben werde: Ich lebe rasch und werde rasch
sterben.
Der Feuerwehrmann von der Leiter rief: „Damit das Publikum sich nicht
beunruhige, wisse es, daß es sich um eine Filmaufnahme handelt.“
Jappes dachte im Gegröhl der Menge, ob man bei seinem Tode auch kurbeln
werde? Dann lockte die Zeit ihn zu Hiller. Der Oberkellner geleitete ihn
dienernd an ein Ecktischchen. Das Dauerlächeln im Frack entfernte sich
wieder. Ein Boy brachte ein Briefchen auf einer silbernen Platte. „Man
muß sich geirrt haben,“ betonte Jappes, „ich kenne niemanden hier.“ „Ich
weiß auch nicht,“ knixte der Boy – „vielleicht kennt man Sie hier.“ In
seinem Blicke fehlte das Trinkgeld, das Jappes nicht zu geben pflegte.
Solange Knigge und die
Lebensmittelindustrie kein Rezept
für Unterhaltungswürze finden,
wird es noch raffinierte
Tischgespräche geben.
Eine schwebend-blütenleichte Gestalt trat aus dem Spiegel auf Jappes zu.
Er hörte, wie Stühle gerückt wurden und wie die Genicke der Männer
knackten, die sich nach der Gestalt umbogen. Eine flaumweiche Hand faßte
seine Schulter und aus einer schmeichelnd-vibrierenden Stimme schmolz
sein Name: Jappes! Er war betäubt von der unerwarteten Berührung und ein
seltsamer Hauch durchwehte seine Seele. Er murmelte: „Vielleicht bist du
es, Freundin?“
„Zum dritten Male, mein Freund und für dich allein.“
Er erwies ihrer Hand seine Reverenz. Dann bemühten zwei Kellner sich um
das Ueberflüssige an der Dame, und nannten sie Fräulein Armida.
„Ich komme spät,“ hauchte sie, „was hast du von meinem Brief gedacht,
Freund?“
Jappes schob ihr den Brief zu: „Bei Briefen denke ich mir nie etwas. Ich
habe gewartet, was kommen soll. Ich warte seit Wochen auf etwas
Seltsames und bin enttäuscht, weil du so natürlich bist, und mir Fragen
stellst. Ich frage nie. Ich weiß immer, mit wem ich zu tun habe. Ich
hätte bis zur Nacht gewartet, und hätte dann bis zum Morgen gebrütet,
hätte dann Narr gesagt, und wäre gegangen. So war es ausgemacht. Ich
wollte warten, bis du kämest mir zu sagen, wer du bist. Aus deinem Munde
wollte ich es hören.“ Mit ihren weichen Augen trank sie seine Blicke
leer.
„Hast du nun genug?“ fragte Jappes.
„Mit einem Mal kann ich dein Wesen nicht trinken,“ lächelte sie, „und
das reizt mich, und während ich berauscht bin, fließt immer etwas Neues,
Eigenartiges in dein Wesen hinein. Weshalb bist du so unerschöpflich.
Darf ich dir eine Nelke anbieten, eine weiße Nelke, ich habe sie selbst
gezogen.“
„Danke,“ wehrte Jappes. „Nelken liebe ich nicht. Der Friedhofduft –“ ein
Schütteln fiel ihn an. Er erzählte ihr das Abenteuer in der Frankfurter
Allee. Ihre Zähne leuchteten weiß wie frischgeschälte Mandeln: „Der Mann
auf der Leiter war deine Freundin!“
„Albernheit,“ rekelte er gähnend, „ein Kinostern!?“
„Wäre ich abgestürzt ...?“ da zerbrach sie eine kostbare Reiherfeder und
ein nervöses Flimmern spielte um ihre Lippen.
„Dann wärest du nicht hier, und ich säße in schmerzlicher Einsamkeit!“
Er sagte es mit weichem Tonfall, und sein Blick bohrte sich in ihre
Alabasterstirn.
Nach der Suppe fragte sie: „Jappes, wer spricht aus dir?“ Er punktierte:
„Ein Gelangweilter.“ Und staccato: „Ich kann nicht warten ...“ Der Ober
deutete es für sich und eilte, den Fisch zu holen, servierte ihn mit
einer schmalzigen Entschuldigung bei Jappes.
„Fische sind laichdumm,“ griff sie das Gespräch wieder auf und Jappes
legte einen Karpfen auf ihren Teller.
„Zum Glück sind es Portionsfische,“ bemerkte er, „ich teil nie gerne,
darf ich dir Mayonnaise übergießen? So! das habe ich nie gegessen –
Karpfen mit Mayonnaise. Junge Karpfen sind geschmacklos wie alle jungen
Fische!“
„Und Backfische?“ forschte sie.
„Geschmacklos! ich kenne es aus Erfahrung, mit und ohne Mayonnaise,
Fische sind laichdumm hast du gesagt, es ist eine Fischerweisheit.“ An
ihrem Kinn lachte ein feines Grübchen.
„Deine Leibspeise möchte ich kennen,“ perlte es von ihren Lippen. „Senf
und Rhabarber,“ schnalzte seine Zunge, und das Grübchen zerfloß in eine
Falte.
„Ober,“ rief er über die Schulter, „eine Flasche ‚Chateau Lafitte‘.“ –
Ein Bleistift notierte den Namen und ergänzte den Preis, eine
dreizifferige Zahl.
Zwei Lilienfinger führten das Glas an die Lippen.
Ein Gaumen knurrte: „Ist das Chateau Lafitte?“ Der Ober vergrößerte die
Pupillen, als sein Ohr ihm sagte: das ist nicht Lafitte. Aus seiner
Brust quirlte es duckend: „Kommt aus dem besten Haus, mithin kein Anlaß,
eine falsche Marke zu liefern.“
„Ist nicht Lafitte,“ brummte Jappes. An seinen Augen las der Kellner,
daß er Kenner war. „Mag sein, daß er aus der unmittelbarsten Umgegend
ist,“ beschwichtigte der Ober.
Dann Jappes: „Stecken Sie mir den Zeigefinger vorne herein und den
Daumen hinten herein und riechen Sie. Die unmittelbarste Umgegend, aber
das Bouquet ist verflucht verschieden.“ Ein Grinsen schürzte die Lippen
des dienenden Bonzen, und Jappes sah, daß drei Nelken unter dem Tisch
zerfetzt wurden.