FÜNFZEHNTES KAPITEL

Damen-Bekanntschaften, welche mit

der Visitenkarte gemacht werden,

sind wie Suppen, die mit

Maggiwürze gezaubert sind: eine

Geschmacksache, die im Bereich

eines jeden liegt.

Am Opernhaus in Berlin trat eine Dame zu Jappes: „Ich sehe Sie zum

drittenmal heute. Ich sah Sie in Pankow, in Tegel und nun an der Oper.

Ich brauche Sie, weil Sie so rasen. Ich gebe Ihnen Geld, viel Geld, nur

Geld. Nehmen Sie und suchen Sie mich heute noch auf. Im Baltic-Hotel,

Zimmer 29.“

Jappes bleckte die Zähne und zog die Lippen nach rückwärts: „Sie kommen

mir sehr gelegen. Ich bin voll von niedrigen Dingen, von armseligen

Dingen. Wir speisen bei Hiller, das frischt auf. Kennen Sie Hiller?“ –

Sie nickte. „Sie kennen mich wohl schon lange und ich Sie auch. Heute

sind unsere Wege erst zusammengestoßen. Madame sind kühn und ich habe

auf etwas Kühnes gewartet.“

„Unsere Wege stoßen noch öfter zusammen. Um zwei Uhr also oder früher!

Irgendwo! Möglich, daß wir uns treffen, eh wir es wünschen. Lesen Sie

diese Zeilen, ich habe Eile!“

Knapp vor einem Mietauto fegte sie über die Straße. Jappes ging und

dachte nichts. Dann überlegte er, wie sie aussah. Er fand keinen

Anhaltspunkt. Sicher hatte er sie nicht angeschaut. Vielleicht war es

nur eine Halluzination, ein Spuk im Straßenwirbel. Aber das Corpus

delicti hielt er in der Hand. Eine düstere Ahnung setzte sich in seiner

Seele fest. Ueber die Stadt zischte ein Sturm und die Menschen rannten,

rissen ihn mit, im Wirbel, im Taumel, nein, sie schleiften ihn mit,

seine Gedanken jagten sich wirr ... aber er blieb leer ohne Halt. Er

wußte von ihr und wußte doch nichts. Aber sie war und war für ihn.

Vielleicht ein Dämon? Wie war sie nur? Dann war er müde und fingerte

nervös an seinem Spazierstock. Ging weiter, und dachte an nichts mehr.

An einer Litfaßsäule bremste der Vorwitz ihn fest. Mechanisch las er die

farbigen Zettel und dachte an etwas ganz anderes: Ist sie aus einer

Neppbude, aus einem Irrenhaus, Kongregationsleiterin, eine Hysterische?

Ihre Worte überdachte er mit hartnäckiger Analyse, nein! er wußte gar

nichts und das quälte ihn am meisten. Sicher würde er sie nicht

wiedererkennen, wenn er sie träfe. War sie schwarz, blond oder braun???

... aber nein! Unbestimmt ohne Form, ohne Linie, sie war nicht und war

doch. Ein Wolkenbruch prasselte nieder. Er trat in ein Kaffeehaus und

ging wieder. Draußen sagte er seinen Namen: Jappes! und es antwortete in

ihm: Ich besitze dich noch. Da fuhr eine Droschke vorüber. Sie hielt und

eine seidene Dame musterte ihn mit einem langen ruhigen Blick. – Er sah

sie und dachte nichts.

Eine Stunde später streifte ihn eine Dame in elegantem Straßenkleid. Sie

hing nachlässig am Arm eines Offiziers, besah die Schaufenster und

schaute nachdenklich in Jappes’ Auge. Er wich dem Blick aus – und dachte

an nichts.

In der Frankfurter Allee drängten sich die Leute vor einem Haus. Ein

Feuerwehrmann stieg auf einer Leiter hoch und klopfte an ein Fenster.

Einer erzählte: ein Liebespaar hat sich erschossen! Ein anderer: eine

schwangere Jungfer hat sich mit Kreosot vergiftet. Noch ein dritter: ein

Student hat sich an der Türklinke erhängt. Er habe zweimal vorsprechen

wollen, in drei Tagen, wegen einer Geldforderung, das zweitemal habe der

Leichengeruch ihm durch das Schlüsselloch den Atem geraubt.

Jappes dachte, wie er wohl sterben werde: Ich lebe rasch und werde rasch

sterben.

Der Feuerwehrmann von der Leiter rief: „Damit das Publikum sich nicht

beunruhige, wisse es, daß es sich um eine Filmaufnahme handelt.“

Jappes dachte im Gegröhl der Menge, ob man bei seinem Tode auch kurbeln

werde? Dann lockte die Zeit ihn zu Hiller. Der Oberkellner geleitete ihn

dienernd an ein Ecktischchen. Das Dauerlächeln im Frack entfernte sich

wieder. Ein Boy brachte ein Briefchen auf einer silbernen Platte. „Man

muß sich geirrt haben,“ betonte Jappes, „ich kenne niemanden hier.“ „Ich

weiß auch nicht,“ knixte der Boy – „vielleicht kennt man Sie hier.“ In

seinem Blicke fehlte das Trinkgeld, das Jappes nicht zu geben pflegte.

Solange Knigge und die

Lebensmittelindustrie kein Rezept

für Unterhaltungswürze finden,

wird es noch raffinierte

Tischgespräche geben.

Eine schwebend-blütenleichte Gestalt trat aus dem Spiegel auf Jappes zu.

Er hörte, wie Stühle gerückt wurden und wie die Genicke der Männer

knackten, die sich nach der Gestalt umbogen. Eine flaumweiche Hand faßte

seine Schulter und aus einer schmeichelnd-vibrierenden Stimme schmolz

sein Name: Jappes! Er war betäubt von der unerwarteten Berührung und ein

seltsamer Hauch durchwehte seine Seele. Er murmelte: „Vielleicht bist du

es, Freundin?“

„Zum dritten Male, mein Freund und für dich allein.“

Er erwies ihrer Hand seine Reverenz. Dann bemühten zwei Kellner sich um

das Ueberflüssige an der Dame, und nannten sie Fräulein Armida.

„Ich komme spät,“ hauchte sie, „was hast du von meinem Brief gedacht,

Freund?“

Jappes schob ihr den Brief zu: „Bei Briefen denke ich mir nie etwas. Ich

habe gewartet, was kommen soll. Ich warte seit Wochen auf etwas

Seltsames und bin enttäuscht, weil du so natürlich bist, und mir Fragen

stellst. Ich frage nie. Ich weiß immer, mit wem ich zu tun habe. Ich

hätte bis zur Nacht gewartet, und hätte dann bis zum Morgen gebrütet,

hätte dann Narr gesagt, und wäre gegangen. So war es ausgemacht. Ich

wollte warten, bis du kämest mir zu sagen, wer du bist. Aus deinem Munde

wollte ich es hören.“ Mit ihren weichen Augen trank sie seine Blicke

leer.

„Hast du nun genug?“ fragte Jappes.

„Mit einem Mal kann ich dein Wesen nicht trinken,“ lächelte sie, „und

das reizt mich, und während ich berauscht bin, fließt immer etwas Neues,

Eigenartiges in dein Wesen hinein. Weshalb bist du so unerschöpflich.

Darf ich dir eine Nelke anbieten, eine weiße Nelke, ich habe sie selbst

gezogen.“

„Danke,“ wehrte Jappes. „Nelken liebe ich nicht. Der Friedhofduft –“ ein

Schütteln fiel ihn an. Er erzählte ihr das Abenteuer in der Frankfurter

Allee. Ihre Zähne leuchteten weiß wie frischgeschälte Mandeln: „Der Mann

auf der Leiter war deine Freundin!“

„Albernheit,“ rekelte er gähnend, „ein Kinostern!?“

„Wäre ich abgestürzt ...?“ da zerbrach sie eine kostbare Reiherfeder und

ein nervöses Flimmern spielte um ihre Lippen.

„Dann wärest du nicht hier, und ich säße in schmerzlicher Einsamkeit!“

Er sagte es mit weichem Tonfall, und sein Blick bohrte sich in ihre

Alabasterstirn.

Nach der Suppe fragte sie: „Jappes, wer spricht aus dir?“ Er punktierte:

„Ein Gelangweilter.“ Und staccato: „Ich kann nicht warten ...“ Der Ober

deutete es für sich und eilte, den Fisch zu holen, servierte ihn mit

einer schmalzigen Entschuldigung bei Jappes.

„Fische sind laichdumm,“ griff sie das Gespräch wieder auf und Jappes

legte einen Karpfen auf ihren Teller.

„Zum Glück sind es Portionsfische,“ bemerkte er, „ich teil nie gerne,

darf ich dir Mayonnaise übergießen? So! das habe ich nie gegessen –

Karpfen mit Mayonnaise. Junge Karpfen sind geschmacklos wie alle jungen

Fische!“

„Und Backfische?“ forschte sie.

„Geschmacklos! ich kenne es aus Erfahrung, mit und ohne Mayonnaise,

Fische sind laichdumm hast du gesagt, es ist eine Fischerweisheit.“ An

ihrem Kinn lachte ein feines Grübchen.

„Deine Leibspeise möchte ich kennen,“ perlte es von ihren Lippen. „Senf

und Rhabarber,“ schnalzte seine Zunge, und das Grübchen zerfloß in eine

Falte.

„Ober,“ rief er über die Schulter, „eine Flasche ‚Chateau Lafitte‘.“ –

Ein Bleistift notierte den Namen und ergänzte den Preis, eine

dreizifferige Zahl.

Zwei Lilienfinger führten das Glas an die Lippen.

Ein Gaumen knurrte: „Ist das Chateau Lafitte?“ Der Ober vergrößerte die

Pupillen, als sein Ohr ihm sagte: das ist nicht Lafitte. Aus seiner

Brust quirlte es duckend: „Kommt aus dem besten Haus, mithin kein Anlaß,

eine falsche Marke zu liefern.“

„Ist nicht Lafitte,“ brummte Jappes. An seinen Augen las der Kellner,

daß er Kenner war. „Mag sein, daß er aus der unmittelbarsten Umgegend

ist,“ beschwichtigte der Ober.

Dann Jappes: „Stecken Sie mir den Zeigefinger vorne herein und den

Daumen hinten herein und riechen Sie. Die unmittelbarste Umgegend, aber

das Bouquet ist verflucht verschieden.“ Ein Grinsen schürzte die Lippen

des dienenden Bonzen, und Jappes sah, daß drei Nelken unter dem Tisch

zerfetzt wurden.

Fetzen · 第 34 / 82 题