DREIZEHNTES KAPITEL

Die Weisheit ist der

Schierlingsbecher, den selbst der

weise Sokrates nicht vertragen

konnte.

Jappes hatte eine kluge Maxime ausgetüftelt: Dem Dummen nutzen die

Bücher nichts und die Klugen haben sie nicht nötig – und pflegte er

hinzuzufügen – mit dem Satz kommt man immer aus als Student, einerlei,

ob man sich zu den Dummen oder zu den Klugen rechnet. Er rechnete sich

bald zu den einen, bald zu den anderen.

Manchmal ist es ein Vorteil, dumm zu sein!

Er hatte jene geheimnisvolle Scheu vor der Tiefe der Wissenschaft, wie

sie uns zu befallen pflegt, wenn wir auf einen abgrundtiefen Born der

Weisheit stoßen. So war er der Universitätsweisheit gar nicht abgeneigt.

Ihm widerstrebte vielmehr die ungeheure Komik der Professoren und der

Studenten, die sich während der akademischen Stunden mit

wissenschaftlichem Trockengemüse unterhielten, sich monatelang an

vorsintflutlichen Steckenpferden müde ritten, die widerspenstigen

Weisheitsgäule noch einmal bei den Semestralprüfungen oder beim

Staatsexamen im eingedrillten Parademarsch kabrieren ließen, um sie dann

auf alle Zukunft den Stallknechten der All- und Eintagssorgen zum

langsamen Abschinden zu überlassen. Sicher litt er an der Verstiegenheit

junger Studenten, die sich klüger als ihre Lehrer dünken, und den

Versuch machen, ein eigenes pädagogisches System auszuknobeln, um dann

in einen noch viel größeren Zopf zu verfallen, um in eine babylonische

Verwirrung zu geraten, eine Verwirrung, die sie über ihre eigenen Regeln

stolpern läßt. So entsteht in den jungen Hirnen der ewige Weichselzopf

von unentwirrbaren Verwicklungen, der vom widerspenstigen Geist der

Nörgelei geflochten wird. Gelingt es diesen „Autodidakten auf eigene

Gefahr“, sich einen Weg zu der höheren menschlichen Erkenntnis zu

bahnen, so gelingt es ihnen auch meistens, die Lampenweisheit, am grünen

Tisch erarbeitet, zu eklipsieren. Und ist es nicht eine geheime

Schadenfreude der Gelehrten, zu sehen, wie eigenmächtige Streber dem

Geist der Zersplitterung verfallen, um als tänzelnde Irrwische irgendwo

in einem Sumpf zu verlöschen!

Jappes besuchte um so eifriger die Vorlesungen des Privatdozenten

Professor Dr. Günther, bei welchem er seinen heißhungrigen

Oppositionsgeist mit allen Gerichten philosophischer Reaktion stillen

konnte. Besuchte literarhistorische Vorlesungen, war aber empört und

enttäuscht, weil er einen Marktschreier vorfand, der seine literarische

Boutique auskramte, einen geistigen Trottel, der im Wahn einer

pathologischen Genieerscheinung lebte. Er hatte ein Buch über die

Symbolik des Kuhfladens bei Homer geschrieben. Mit einer Stimme aus der

Vergangenheit redete er über die Zukunft mit einem Gegacker wie ein

Huhn, das ein Ei geboren hat. Ein Mann, der aus Schreck vor der sozialen

Revolution Vaterlandsparteiler geworden war, ein Fachsimpler mit

bewundernswertem Mangel an eigenem Denkvermögen.

In Jappes’ Kollegheft stand: Blödsinn in Permanenz! Vielleicht findet

man die Systematik bei Polonius unter: Wahnsinn mit Methode ...!!! Das

war seine einzige Hoffnung und er ging mit dem Bedauern, daß die anderen

mehr geschrieben hatten. Er schrieb seinem Tagebuch:

Schalte deine Denkvorrichtung um oder ganz aus, wenn du an die Erbauung

denkst, die ich an der Universität genieße. Die Wonnen der Wissenschaft

sind wie Senf auf nacktes Fleisch. Die Portionen sind groß und

ungenießbar. Die Sudelköche der Weisheit kochen das Ochsenfleisch der

fremden Gesinnung mit ein paar Lorbeerblättern ihres eigenen Ruhmes. Ich

tröste mich mit dem Leitsatz: Das Wesen der Philosophie ist, sich mit

wenigem zu begnügen. Ich brauche Erholung und fahre in die Berge, Addio!

Die Berge sind Magneten, die nur

für gewisse Naturen Affinitäten

haben.

Am nächsten Tage saß er mit Pepy auf der Bahn. Das Abteil war voll

Tabaksqualm und Jappes sagte: „Zwar habe ich mir vorgenommen, sechs

Wochen lang nicht zu rauchen, aber hier muß ich den Qualm doch

einsaugen, drum rauche ich lieber auch.“ Er bot sich eine Zigarette an:

„Sehr liebenswürdig! da kann ich doch nicht ausschlagen.“ Sie fuhren

nach Oberstdorf. Es war ein Spätherbsttag und in der Altweibersonne

schwammen die Herbstfäden wie träumende Erinnerungen. Sie saßen auf der

Plattform und die Füße baumelten vom Trittbrett. Jappes griff in die

Brusttasche und langte sein Portefeuille hervor: „Unsere Visitenkarten!“

und er zeigte die Pfandscheine. Dann entfiel ihm sein Portefeuille, das

er zwischen den Knien preßte. Der Zug rasselte weiter und Pepy starrte

auf den Bahnkörper. Jappes saß nachdenklich und plötzlich schnalzte er

mit den Fingern.

„Bist du traurig, mein Freund?“ fragte Pepy.

„Nein! ich denke gerade, was drin war ... es sind nur Fetzen, Pepy,

Fetzen!“

Von ferne grüßten die Berge mit den leuchtenden Schneekoppen und den

wallenden Nebelschleiern. Am Bahnhof sagte Pepy: „Hier sehen wir die

ersten nackten Knie.“

Fetzen · 第 31 / 82 题