Die Weisheit ist der
Schierlingsbecher, den selbst der
weise Sokrates nicht vertragen
konnte.
Jappes hatte eine kluge Maxime ausgetüftelt: Dem Dummen nutzen die
Bücher nichts und die Klugen haben sie nicht nötig – und pflegte er
hinzuzufügen – mit dem Satz kommt man immer aus als Student, einerlei,
ob man sich zu den Dummen oder zu den Klugen rechnet. Er rechnete sich
bald zu den einen, bald zu den anderen.
Manchmal ist es ein Vorteil, dumm zu sein!
Er hatte jene geheimnisvolle Scheu vor der Tiefe der Wissenschaft, wie
sie uns zu befallen pflegt, wenn wir auf einen abgrundtiefen Born der
Weisheit stoßen. So war er der Universitätsweisheit gar nicht abgeneigt.
Ihm widerstrebte vielmehr die ungeheure Komik der Professoren und der
Studenten, die sich während der akademischen Stunden mit
wissenschaftlichem Trockengemüse unterhielten, sich monatelang an
vorsintflutlichen Steckenpferden müde ritten, die widerspenstigen
Weisheitsgäule noch einmal bei den Semestralprüfungen oder beim
Staatsexamen im eingedrillten Parademarsch kabrieren ließen, um sie dann
auf alle Zukunft den Stallknechten der All- und Eintagssorgen zum
langsamen Abschinden zu überlassen. Sicher litt er an der Verstiegenheit
junger Studenten, die sich klüger als ihre Lehrer dünken, und den
Versuch machen, ein eigenes pädagogisches System auszuknobeln, um dann
in einen noch viel größeren Zopf zu verfallen, um in eine babylonische
Verwirrung zu geraten, eine Verwirrung, die sie über ihre eigenen Regeln
stolpern läßt. So entsteht in den jungen Hirnen der ewige Weichselzopf
von unentwirrbaren Verwicklungen, der vom widerspenstigen Geist der
Nörgelei geflochten wird. Gelingt es diesen „Autodidakten auf eigene
Gefahr“, sich einen Weg zu der höheren menschlichen Erkenntnis zu
bahnen, so gelingt es ihnen auch meistens, die Lampenweisheit, am grünen
Tisch erarbeitet, zu eklipsieren. Und ist es nicht eine geheime
Schadenfreude der Gelehrten, zu sehen, wie eigenmächtige Streber dem
Geist der Zersplitterung verfallen, um als tänzelnde Irrwische irgendwo
in einem Sumpf zu verlöschen!
Jappes besuchte um so eifriger die Vorlesungen des Privatdozenten
Professor Dr. Günther, bei welchem er seinen heißhungrigen
Oppositionsgeist mit allen Gerichten philosophischer Reaktion stillen
konnte. Besuchte literarhistorische Vorlesungen, war aber empört und
enttäuscht, weil er einen Marktschreier vorfand, der seine literarische
Boutique auskramte, einen geistigen Trottel, der im Wahn einer
pathologischen Genieerscheinung lebte. Er hatte ein Buch über die
Symbolik des Kuhfladens bei Homer geschrieben. Mit einer Stimme aus der
Vergangenheit redete er über die Zukunft mit einem Gegacker wie ein
Huhn, das ein Ei geboren hat. Ein Mann, der aus Schreck vor der sozialen
Revolution Vaterlandsparteiler geworden war, ein Fachsimpler mit
bewundernswertem Mangel an eigenem Denkvermögen.
In Jappes’ Kollegheft stand: Blödsinn in Permanenz! Vielleicht findet
man die Systematik bei Polonius unter: Wahnsinn mit Methode ...!!! Das
war seine einzige Hoffnung und er ging mit dem Bedauern, daß die anderen
mehr geschrieben hatten. Er schrieb seinem Tagebuch:
Schalte deine Denkvorrichtung um oder ganz aus, wenn du an die Erbauung
denkst, die ich an der Universität genieße. Die Wonnen der Wissenschaft
sind wie Senf auf nacktes Fleisch. Die Portionen sind groß und
ungenießbar. Die Sudelköche der Weisheit kochen das Ochsenfleisch der
fremden Gesinnung mit ein paar Lorbeerblättern ihres eigenen Ruhmes. Ich
tröste mich mit dem Leitsatz: Das Wesen der Philosophie ist, sich mit
wenigem zu begnügen. Ich brauche Erholung und fahre in die Berge, Addio!
Die Berge sind Magneten, die nur
für gewisse Naturen Affinitäten
haben.
Am nächsten Tage saß er mit Pepy auf der Bahn. Das Abteil war voll
Tabaksqualm und Jappes sagte: „Zwar habe ich mir vorgenommen, sechs
Wochen lang nicht zu rauchen, aber hier muß ich den Qualm doch
einsaugen, drum rauche ich lieber auch.“ Er bot sich eine Zigarette an:
„Sehr liebenswürdig! da kann ich doch nicht ausschlagen.“ Sie fuhren
nach Oberstdorf. Es war ein Spätherbsttag und in der Altweibersonne
schwammen die Herbstfäden wie träumende Erinnerungen. Sie saßen auf der
Plattform und die Füße baumelten vom Trittbrett. Jappes griff in die
Brusttasche und langte sein Portefeuille hervor: „Unsere Visitenkarten!“
und er zeigte die Pfandscheine. Dann entfiel ihm sein Portefeuille, das
er zwischen den Knien preßte. Der Zug rasselte weiter und Pepy starrte
auf den Bahnkörper. Jappes saß nachdenklich und plötzlich schnalzte er
mit den Fingern.
„Bist du traurig, mein Freund?“ fragte Pepy.
„Nein! ich denke gerade, was drin war ... es sind nur Fetzen, Pepy,
Fetzen!“
Von ferne grüßten die Berge mit den leuchtenden Schneekoppen und den
wallenden Nebelschleiern. Am Bahnhof sagte Pepy: „Hier sehen wir die
ersten nackten Knie.“