Tagebuch des Malers Geraldo

Frag mich, was Kunst ist, ich sage

Leben.

Frag einer mich, was Leben ist,

ich sage Kunst:

Wie Vater und Sohn unwandelbar

eins und doch ewig verschieden.

Mit seiner Lampe las Jappes das Tagebuch:

Frau Martha, die Geliebte des Malers Geraldo, war eine seltsame Frau.

Geraldo war ein phantastischer Mensch mit medialer Veranlagung, der nur

das Groteske und Spukhafte im Leben sah. Marthas Liebe steigerte seine

künstlerische Begabung und weckte das Dämonische in ihm, durch die

Begierde nach künstlerischer Selbstvollendung, mit Hilfe der geliebten

Frau. Er ging den Leidensweg zwischen den beiden Polen künstlerischen

Werdens, Analyse und Synthese, Geburt und Erlösung – den Kalvarienberg

der leidenden Erfüllung, des begierdelosen Opfertums. Sein Gott war die

werktätige, erzeugende Idee, das Sich-selbst-finden in der Kunst, das

Sich-über-sich-hinaussteigern. In Gott erkannte er das schaffende Wesen,

das sich ihm offenbarte auf dem Wege künstlerischer Erleuchtung. Bei der

religiösen Hingabe hat der Mensch ein rationales Bedürfnis, das

Bedürfnis der bewußten Anbetung eines Heiligsten. Aber immer wieder

erfährt er, daß für das Letzte, Tiefste die Vernunft ein unzureichendes

Werkzeug ist. Weder das suchende Licht der Vernunft noch ihr messendes

Lot reicht in die letzten Wesenstiefen des Gotterlebnisses hinunter. Dem

anbetenden und gottsuchenden Menschen bleibt immer ein ungeklärter und

unerfaßbarer Rest, von dem der religiöse Mensch gerade in Zeiten

tiefster Ergriffenheit und Bedürftigkeit ahnt, daß dieses begrifflich

nicht Definierbare, dieses der Vernunft Entschwindende der Wesenskern

der Religion ist.

Im Taumel des Schaffens hatte Geraldo seine Geliebte symbolisiert und

allen Phasen seiner Entwicklung eine Erinnerung geschaffen. Er schuf

sich eine Galerie der Liebe und feierte einen mystisch-brünstigen Kult.

Wie Beatrice bei Dante und Laura bei Petrarca die klassischen Typen der

Sehnsucht sind, in denen der Mann die letzte menschlich-männliche

Ergänzung bei der Frau auf dem Wege der Liebe sucht, so dachte Geraldo,

auch dieses Sehnen lebe in der Frau, nur unbewußter, scheuer,

verhüllter. Er fragte sich, warum der Dichter immer so viel Mann ist und

so wenig Mensch und weshalb er nicht auch einmal den Versuch mache, das

Problem von der weiblichen Seelensehnsucht aus zu lösen. Er verbiß sich

in den Gedanken und schuf ein Bild, das er wie eine Entdeckung und eine

erste Gestaltung der Welt offenbarte. Er nannte sein Bild Beatrice. Eine

neue Beatrice, geboren und geformt aus der Sehnsucht des sich

Entwachsen-wollens, des über sich Hinaus-wollens. Eine Beatrice im

Gefühl ihrer tiefen Sehnsucht, im Glauben an die Möglichkeit der

Selbststeigerung durch den Geliebten, den Mann. Zugleich gab Geraldo

seinem Bilde den Unterton des sehnsuchtsvoll Zweifelnden, des

sehnsuchtsvoll Sichern, des sehnsuchtsvoll Schmerzlichen.

Es war sein eigener Seelenkonflikt. Ein Ringen nach Selbsterlösung, eine

Sehnsucht nach dem großen Unbekannten, ein romantisches Streben, die

Sucht nach Ergänzung. Ein expressionistisches Bestreben, die

tiefinnersten Schwingungen seiner Seele ins Frauliche zu transponieren.

Wochenlang hatte er sich eingeschlossen und Skizze um Skizze entworfen,

bis ihm der große klassische Wurf seines Werkes gelang: Beatrice, die

vom Wesen der Liebe durchgeistigte Frau, durchschauert vom heiligen Odem

abgeklärter Sehnsucht.

Frau Martha hatte seiner überfließenden Seele oft in Stunden seliger

Andacht gelauscht und sie verzehrte sich vor Verlangen, das Werk zu

sehen, in welchem sie die Seele des Malers in reiner Anschauung fühlen

konnte. Sie wußte, daß es ihre eigene Seele geworden war, und daß

Geraldo mit magischer Gewalt ihre beiden Seelen in einem Bilde vereinigt

hatte. Da kam der Tag der Offenbarung und schweigend stand sie vor dem

Bilde ihres Traumes. Geraldo fühlte während der Arbeit an seiner

Beatrice, daß ihn das Problem seiner Liebe weitertreibe. Der flutende

Hauch des Genies umkoste seine Seele und trieb seinen Genius zur

Weitergestaltung. Und doch fühlte er mit einer leisen Enttäuschung, daß

die tiefste Wurzel seiner genialen Versenkungsweise in das Weibliche nur

die eigene glücksuchende Sehnsucht war: nur die eigene Sehnsucht. In

seiner Geliebten suchte er ein Wesen zu finden, das aus dem ähnlichen

Drängen wie er selbst nach dem anderen Wesen, dem Kinde, suchte. Aus

diesem Verdoppeln des Sich-finden-wollens erträumte er die Loslösung des

göttlichen Funkens. Nach qualvollen Tagen innerer Erschöpfung, kam er

auf den Verkündigungsgedanken: das Motiv zu einem zweiten Bilde.

Er spürte, daß auch in diesem alten Thema ein viel tieferes sich

symbolisiere, daß auch Gott sich nach einem Geschöpf sehne, das aus

seiner eigenen Sehnsucht heraus ihn erwartet. Geraldo malte im Engel den

Verkünder der Mutterschaft zu einem erlesenen Wesen, in Maria eine

Mischung von freudiger Selbstgewißheit, von demütiger Scheu und

rauschhafter Freude in der Ahnung des Kommenden. In anbetender

Betrachtung war der Maler vor dem fertigen Bilde hingesunken, und was er

künstlerisch geahnt und geschaffen, begehrte er mit der Leidenschaft

eines Faszinierten. Ein teuflischer Plan reifte in ihm: Er brauchte eine

neue Art von Modell zu seiner Weiterbildung, zu seiner Erlösung aus dem

Kampf mit den dunklen Gewalten seiner brodelnden Kräfte, die nach

Gestaltung rangen. Er brauchte ein suggerierbares Weib, ein Medium.

Seiner Freundin entwickelte er seine Gedanken, sagte ihr, was er von ihr

wollte, sprach ihr vom Wunder seiner Berufung ... In der Freundin fand

er eine leicht entzündbare Frau und merkte, daß er ihr nichts zu

suggerieren brauche, daß auch in ihrer Seele diese Sehnsucht nach

Erfüllung sich drängte. Er verspürte ein Glück, das ihm die Sinne

raubte: Er hatte eine Beatrice-Natur gefunden in seinem Sinne. Er fühlte

die willenlähmende Wirkung seines ersten Bildes und sah in Frau Martha

das Opfer seines Symbols; das sich vor Sehnsucht verzehrende Weib.

Geraldo war ein phantastisch-theosophischer Adept, der sich auf Grund

einer Vision als Werkzeug Gottes sah, seine künstlerischen Träume

plastisch zu gestalten. Er führte die Freundin zu seinem neuen Bilde:

der Verkündigung. Sprach ihr über die Gedanken, die ihn dabei geleitet,

offenbarte ihr mit zündender Begeisterung seine ringende und

glückdurchglühte Seele. Die Freundin erlebte sich selbst in der

Anschauung des neuen Bildes, mit verhülltem Gesicht saß sie lange und

dann rang sich der Gedanke durch: Es gibt einen Mann, der ein Wissen um

unser frauliches Schicksal hat.

Sie war durchdrungen vom Glauben, daß Gottes allmächtiger Wille die

Seele geschaffen habe, und daß sie durch die Geburt eines Kindes seinen

Willen erfülle. Gebannt durch den Gedanken, daß sie unter einem

fatalistischen Zwange ihren Weg durchs Leben zu gehen bestimmt sei, lag

ihr der Gedanke an die Sünde fern. Mit Geraldo glaubte sie: Durch den

geschlechtlichen Akt kann der Mensch Gott nicht zwingen, eine Seele zu

erschaffen, deshalb wird die Seele nicht nach der Empfängnis erschaffen,

muß also schon früher erschaffen worden sein. Das Kind ist die Erfüllung

des göttlichen Willens, ob es im Zwange der Ehe oder in den lockeren

Banden freier Liebe gezeugt wird. Wie seine Bilder die Form gewordene

Sehnsucht und die Beweise seiner hohen künstlerischen Berufung sind, so

ist das Kind das gestaltete Sehnen der Frau, der konkrete Inhalt

fraulicher Sehnsucht. In der Mutterschaft ist das Weiterleben der Mutter

in ihrem Kinde enthalten; die Mutter sieht darin ihr Ideal, an der

Menschheit weiterzuarbeiten, wie der Maler im Bilde sein innerstes

Erleben gestaltet und an der geistigen Fortentwicklung der Menschheit

wirkt. Die innere Erkenntnis muß die Frau bestimmen, sich dem Manne

anzuvertrauen, das Gefühl muß ihr sagen, ob er der Würdige ist, der

Gesinnungsgenosse, nicht nur der Zeugungsgenosse ... Dann rannen Bild

und Wirklichkeit zusammen. Geraldo nahm die Freundin in der Verzücktheit

des wallenden Blutes. Sie gab sich ihm im Schauer der Größe und im

Glauben an den Gedanken prophetischer Erfüllung.

Nach diesem doppelten Schöpfungsakte befiel den Maler ein doppelter

Ekel. Die Erfüllung des Wunsches war für ihn der Tod desselben. Die

Freundin und das geschaffene Bild waren ihm gleichgültig. Er fühlte, daß

er auf dieser Stufe der Entwicklung nicht bleiben konnte. Eine dunkle

Gewalt trieb ihn, neuen Stoff zu sammeln, an dem er seine Kräfte

betätigen könne. Es trieb ihn nach Italien. Er wollte seine Seele

läutern im klassischen Lichte erhabenster Kunst. Die Enttäuschung

lauerte auf ihn und wies ihn in die Schranken seiner düsteren

Problematik. Der ewig blaue und reine Himmel tat seiner Seele weh, das

Licht war zu grell für seine feuchte, nordische, kimmerisch-sagenhafte

Gedankenwelt. Er fühlte, wie seine besten Kräfte verwitterten unter

diesem zersetzenden Lichte. Und in seinem Herzen wurde die Sehnsucht

geboren, die Sehnsucht nach dem Norden. Das Heitere tat ihm weh, das

Ausgeglichene berührte ihn schmerzlich. In ihm gab es zu viele Fragen,

die sich gebieterisch aufdrängten: er war kein Fertiger, er war ein

Streber nach Neuem, Großem, Ungeahntem, nach sehnsüchtig Angehauchtem

und dämonisch Durchglühtem.

Seine Problematik war, das Sphinxhafte im Leben zu packen und es nicht

restlos vernunftmäßig zu erschöpfen. Er wollte noch Fragen offen lassen,

die man nur gefühlsmäßig bei der Anschauung beantworten konnte. Er floh

das Licht, die olympische Helligkeit und die ätherische

Durchsichtigkeit, er floh die grelle Linie, das gelöste Problem und er

ging den Weg zurück, den die Sehnsucht ihn wies.

Frau Martha ging mit einem Kinde schwanger und erstarb im Sehnen nach

dem geliebten Manne, den es hinausgetrieben hatte, sich wieder zu suchen

im Lichte der Anschauung. Die plötzliche Abreise des Malers hatte ihrer

Seele mit banger Qual zugesetzt. Sie wußte, daß sie ohne diesen Mann

nicht weiterleben konnte, weil er sie seine dunklen Wege geführt hatte

und sie aus eignen Kräften weder zurück noch vorwärts zu finden

vermochte.

In sich selbst zurückgeworfen, floh Geraldo Italien, beladen mit dem

Fluch der Enttäuschung. Sein Dämon trieb ihn zurück an die Stätte seines

Schaffens und seiner künstlerischen Auswirkung. Er eilte, die Freundin

zu treffen, die ihn mit freudiger Unruhe empfing. Er fühlte, wie sie

während seiner Abwesenheit durch die Sehnsucht viel inniger mit ihm

verwachsen, und er fühlte zugleich, wie weit sie durch den Zweifel von

ihm abgekommen war. Er empfand ein augenblickliches Mitleid mit ihr beim

Anblick ihrer vom Leiden durchgeistigten Züge, und bei seiner plötzlich

wiedererwachenden Liebe empfand er ein vorwurfsvolles Gefühl der

Ungerechtigkeit und inneren Untreue gegen die Freundin. Er erklärte der

Geliebten seine Wandlung, seinen Drang nach neuem Erleben, die Unrast

und die Zerfahrenheit seines suchenden Geistes. Ueber diesem Geständnis

zerfielen bei ihr alle Zweifel und Sorgen. Sie gehörten sich wieder in

innigem Beisammensein, und das brachte dem Maler endgültig die

Erkenntnis, daß er doch seinen Weg allein gehen müsse. Frau Martha

selbst fühlte mehr, als daß sie erkannte, sein Schicksal, das auch das

ihre war, und sie fügte sich ihm in schmerzlichem Verzicht.

Frau Martha hatte das Kind geboren. Der Maler war nicht von ihrem

Leidensbett gewichen. Dieses Kind war sein Werk wie diese Frau und wie

seine Bilder. Alles war entsprungen aus dem Drange des vollendeten

Schaffenwollens. Er war ergriffen, weil diese Frau ihm entsagte und ihr

eigenes Leid dem höchsten und heiligsten Mutterschmerz zu Füßen legte.

Er war voller Bewunderung für die zarte mütterliche Liebe und die Hoheit

der Empfindung; ihre durchgeistigten Züge spiegelten die Verklärtheit

des Schmerzes, schilderten das Erleben ihrer Trauer in bewußter

Ergebenheit bis zur Heiligkeit des schauervollen inneren Erlebnisses.

Geraldo schöpfte daraus den Gedanken und die Kraft zu einem neuen Bilde.

Er schuf sein letztes großes Werk: Die Pietà. Maria, die trauernde

Mutter, die ihren Sohn beweint. Der tote Sohn im Schoß der Pietà war

dieser Mutter der verlassene Mann, der von ihr die letzte große

Entsagung forderte. Frau Martha klammerte sich verzweifelt an das letzte

und einzige, was ihr geblieben war; an ihr Kind. Durch das Kind sprach

sie zu Gott, dem unendlich Weisen, unendlich Guten, in ihm liebte sie

den Maler, der ihrer Seele das Licht und ihrem Leben einen Inhalt

gegeben hatte.

Nach der Vollendung dieses Werkes ward dem Maler die Erkenntnis, daß die

expressionistische Ausdrucksform und -möglichkeit dem Wesen seines

Schaffensideals am nächsten kamen. Ein Ahasver der Kunst irrte er durch

alle Richtungen. Er spürte, daß für ihn ein neues Leben begann und

zugleich ein neues Golgatha.

Die Mutter war einsam zurückgeblieben. In schmerzlichem Verzicht war sie

von Geraldo geschieden. In dieser letzten größten heroischen Opfertat

hatte sie sich körperlich und geistig erschöpft: Sie siechte dahin und

die Pietà wurde zugleich ihr Grabmal.

* * * * *

Der Tag fand Jappes schlafend auf der Ottomane. Irgendein jäher Gedanke

warf ihn ins Bewußtsein. Kräfte! Kräfte! rief er, dunkle bestimmende

Kräfte. Ich erwarte die Dämonen.

Da kam die Wirtin und stellte sein Frühstück hin, „Herr Doktor hatte

gewiß Zahnschmerzen, weil er so stöhnte die Nacht?“

Fetzen · 第 29 / 82 题