VORREDE

Mein erstes Publikum war ein

Blinder; er sagte: so habe ich die

Welt noch nie gesehen.

Ich will ehrlich sein und, obwohl ich selbst zur Kaste der

Zeilenschinder und Tintenreiter gehöre, behaupten, daß die Ehrlichkeit

nicht das Wesen der Schriftsteller ist. Weil ich die Vorrede zu

allerletzt geschrieben, müßte ich sie eigentlich Nachrede nennen. Aus

dieser Tatsache ziehe ich daher den geistreichen Schluß, daß es für den

Leser nicht von Wichtigkeit ist, das Buch zu kennen, bevor er die

Vorrede liest. Für den Verfasser ist diese Kenntnis um so wichtiger.

Wenn ich an die Geschichte der Entstehung des Buches denke, will mich

die Trauer schier nicht mehr verlassen. Uebrigens weiß alle Welt von dem

tragischen Tod – die Tragik des Wortes Tod will es, daß das Wort vorne

hart und hinten weich, in der Mitte aber oval ist, wie bei einem Krebs,

wo man eigentlich nie weiß, was hinten ist – also alle Welt weiß von dem

tragischen Tod meines Freundes. Ich überlege immer, ob ich normal bin,

weil der Vergleich, der überdies noch ganz krebsig ist, mich trotz des

traurigen Vorkommnisses zum Lachen reizt. Da ich aber nicht antizipieren

will, verrate ich in der Vorrede nur, daß ich eines Morgens aus meinem

vierten Schlaf geklingelt wurde und der Postbote mir ein Paket mit einem

Stoß halb unleserlicher Aufzeichnungen brachte, denen, in feinstes

Stanniol gewickelt, eine lebendige Kröte beigefügt war (siehe Seite 9).

Ferner enthielt das Paket einen richtigen Abmeldeschein, der

vorschriftsmäßig-korrekt ausgefüllt war. Nur der Bestimmungsort machte

mich stutzig und nachdenklich. Ich las: Ziel der Reise – Jenseits.

Mein Freund ist also ein Selbstmörder und obwohl ich mit der

menschlichen (fast schrieb ich unmenschlichen) Gesellschaft gegen den

Selbstmord bin – prinzipiell! – will ich doch noch ein gutes Wort für

meinen Freund reden, weil es von Vorteil für meine viel wichtigere

Persönlichkeit ist.

Das bedarf einer Erklärung für die, welche das Verhältnis zwischen mir

und meinem Freunde nicht kennen. Ich bin überzeugt, daß man keinerlei

Verpflichtungen gegen einen toten Freund, wohl aber gegen eine lebendige

Umwelt hat. Deshalb will ich meinem Bekanntenkreis, ich rechne darunter

alle Leserinnen und Leser, deren lebhaftester Anteilnahme ich sicher

bin, alles rückhaltlos beichten. Mein Freund hat mich zum Universalerben

einer Schuld von fünfundsiebzigtausend Mark in bar eingesetzt. An

beweglichem Inventar die lebende Kröte und als eigentliches Gut der

„Toten Hand“ das Manuskript mit Aufzeichnungen aus seinem Leben. Er hat

mich beschworen, ja alle seine Schulden zu bezahlen, weil seine

Gläubiger sehr harmlose, wenn auch reiche Gönner waren. Diese

Beschwörung habe ich als identisch mit einem von mir gegebenen Ehrenwort

angesehen und mich an die Aufgabe herangemacht, das Material zu sichten.

Das Manuskript ist eigentlich ein lustiges Studententagebuch mit

tragischem Ausgang und ziemlich unvernünftigen Verwickelungen. Die

Figuren sind meist überlastete Sammelfiguren und verzerrte Symbole.

Ueber Wetter und Zeit konnte ich im – nennen wir es schlechthin – Roman

nur spärliche Andeutungen machen, weil mein Freund, ich muß es zu seinem

Schimpfe leider sagen, mathematisch exakt gebildet war, also weil mein

Freund eine ganz spezielle Behandlungsweise auf Zeit und Wetter

angewandt hat. Abgesehen von den kosmischen Theorien hat er sein

Zeit-Wettersystem nach den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung

aufgebaut, und ist dabei auf komplizierte Integrationskurven gestoßen,

die ich dem Publikum vorenthalten will, zumal die Literarhistoriker von

dieser Art der Behandlung noch keine Kenntnis zu nehmen geruht haben.

Zudem bin ich der Ansicht, daß Romane, die von Zeit oder Wetter abhängig

sind, leicht zu spät kommen oder verregnen, wenn sie nicht vorher

eingetrocknet sind.

Mit dem Risiko dieser Ansicht habe ich es übernommen, das Tagebuch zu

veröffentlichen und nach dem juristischen Erbrecht muß ich unbedingt

einen hohen Gewinnanteil haben. Daher warne ich alle Rezensenten, ihre

Feder gegen mich in die Tinte zu tunken, denn ich schwöre es bei meiner

Erbkröte, daß ich sie wegen Kreditschädigung auf Schadenersatz verklagen

werde ... andernfalls aber bereit bin, mit ihnen zu paktieren und ihnen

ihre unveröffentlichten persönlichen Verbalinjurien nach dem alten

publizistischen Verlagsrecht zu honorieren.

Ich fühle mich um so mehr berechtigt, dieses Kompromiß zu schließen,

weil ich weiß, daß der Kampf nicht der Sache wegen geführt wird, sondern

des Futters wegen. Nebenbei erachte ich es auch noch als eine große

Wohltat, die ich dem Publikum erweise, wenn ich es mit diesem kritisch

duftenden Bocksmist verschone. Und weil Gott alle Tiere zu seiner

größeren Freude erschaffen hat, so soll man auch diese Menschen von

edelstem Futtererwerb leben lassen.

Daher bekenne ich öffentlich, daß ich nie ein Tier, wenn es auch noch so

ekelhaft war, zu töten gewagt habe.

Um mir selbst den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs zu ersparen,

steuere ich dem Schlußpunkt meiner Vorrede zu, und sage: Die Ausmistung

des Augiasstalles ist nur eine Sage von fabelhaftem Unrat.

Fetzen · 第 4 / 82 题