Erster Aufzug

Wohnraum des Lotsenhauses der Oerlsunds auf Norby. Nacht. Sturm. Mond

und die wechselnden Lichter des Leuchtfeuers an den Scheiben. Auf

dem Kamin Kerzen. Auf seinem Lager der sterbende =Bernd Oerlsund=.

=Holger Oerlsund=. =Der Großknecht Jörgen=. =Eine Pflegefrau=. Am

Kamin =Gesinde=.

=Jörgen=

Ihr habt noch keinen Sturm gehört wie diesen!

Und zwiefach bringt sein Brausen Licht und Tod.

Ich sah den Tod im düstern Abendrot,

nun hat ihn Gott in dieses Haus gewiesen.

Solang ich denke, brach der Sturm noch nie

so fessellos und so allmächtig ein.

Gott soll dem Haus der Oerlsund gnädig sein.

Und die in Seenot sind, Gott schütze sie. --

Der Kranke schläft. Der Sturm wiegt seinen Traum.

=Holger=

Sein starkes Angesicht verrät es kaum,

daß er uns läßt. Er stirbt, wie er gelebt.

Nie hat der Tod ihm Graun und Furcht gemacht.

=Jörgen=

Sprich leise, daß er nicht erwacht.

=Holger=

Im Frühling, in diesem bösen Jahr,

als Hög den letzten Seeadler erlegt,

der auf den Norbyer Klippen war,

war ich erzürnt und tief bewegt,

als sei nun eine große Zeit,

ihre freie und wilde Herrlichkeit

für immer dahin. Glutrot hinter den Hügeln

versank der Tag. Der Schuß traf gut.

Der Vogel peitschte mit zornigen Flügeln

das Meer, das aussah wie Blut.

Lang hinhallend über die See

klagte sein letztes Geschrei,

dann sanken die Schwingen. Es war vorbei.

Mir tat sein Tod in der Seele weh,

und immer war mir ums Herz bis heute,

als ob das Unheil für uns bedeute.

=Jörgen=

So darfst du nicht denken. Wie kann das sein.

=Holger=

Das Unglück brach bald genug herein.

Zwei Wochen darauf ohne Dank und Gruß

verließ Naemi im Trotz das Haus.

Die Dirne des Pfarrers wurde daraus!

=Jörgen=

Kein Herz weiß, was ein anderes muß.

=Holger=

Ich aber weiß, welch Unheil mir geschehn.

Oh, wer begreift den Zorn, die bittere Pein,

den Taumel von Erniedrigung und Not,

wenn die geliebten Augen nicht mehr sehn

und nicht mehr kennen, was ihr treuer Schein

noch gestern traf als Leben oder Tod!?

Ach, keine Macht auf Erden je gekannt,

war groß genug, den trüben Bann zu brechen,

in dem die teuren Augen nicht mehr sprechen,

was einst Verheißung allen Glücks genannt.

So muß ich gehen, wo ich kommen möchte,

und dort entweichen, wo ich stetig bin,

und alle Kraft erschöpft sich im Vergeben.

Mich würgt der Haß, den ich ihr täglich brächte,

wenn nicht mein Stolz ihn, im verkehrten Sinn,

zu Gift vertauschte meinem eigenen Leben.

=Jörgen=

Wie gern ich deine Lasten auf mich nähme

und deinen Gram und deine Ungeduld.

Ich bin zu alt, als daß der Menschen Schuld

mir nicht erst weit nach ihren Schmerzen käme.

Doch sag mir eins, auf daß ich gut empfinde,

wie tief die Hoffnung noch in deiner Brust

zu recht sich regt. Du gabst dem lieben Kinde

dein ganzes Herz, mit Willen und bewußt,

doch hat auch sie dir je ein Wort gesprochen,

das sie mit ihrem Abschiedsgruß gebrochen?

=Holger=

Was gelten Worte, wo mir jeder Blick

und ihres ganzen Wesens holde Fülle

zu eigen war, wie ein vertrautes Glück,

fernher aus unserer Kindheit erster Stille.

Schlief nicht ihr Haupt an meinem Herzen ein,

wenn wir am Strand, als Kinder, müde waren.

Wer durfte ihr in Freuden und Gefahren

ihr Freund, ihr Retter, ihre Zuflucht sein?

Nur ich und niemand! Binden solche Gaben

und solch Vertrauen erst nach einem Spruch?

Oh, weh der Seele, der sie nicht genug

und mehr als alles eingegeben haben.

Wie sollt ich fordern, was ich nie erflehte,

und wie verlangen, was ich tief besaß.

Oh, schlechter Rat, durch den ich mich verräte,

wer denkt das Licht, das er noch nie vergaß?

Das Meer erwacht im unsichtbaren Wind,

und wer erblickt die Kraft, in der es ruht?

=Jörgen=

Die Herzen der jungen Frauen sind

Gottes geheimnisvollstes Gut,

mit dem er nach seinem Willen tut.

Was uns wie Trotz und Willkür scheint,

war oft von seiner Güte gemeint.

=Holger=

Das mögen die Alten, die nichts mehr begehren,

hinter dem Ofen einander lehren.

Ich finde mich nie und nie darein.

Naemi war mein, Naemi ist mein.

Verflucht der Tag, an dem der fremde Mann

mit Satanskünsten und verstelltem Willen,

im heiligen Kleid sein Gaukelspiel begann,

um ihre reinen Sinne einzuhüllen.

Ach, dies Gewand der Schwermut lockt die Frauen,

Verrat an ihrer mütterlichen Seele

ist dieses Schauspiel aus Gelüst und Grauen,

das frömmelnd naht, auf daß es lüstern stehle,

was niemals aus gesundem, klarem Sinn,

aus Freimut oder Lust gegeben würde.

Er lockte durch die priesterliche Hürde

ein arglos Kind zu seinem Schandbett hin.

=Jörgen=

Nimm dich in acht, des Pfarrers Wert

mit Ungebühr herabzusetzen!

Hat er Naemi je für sich begehrt?

Ein weites Herz ist leichter zu verletzen,

als zu erkennen. Schweig und hüte deins!

Sie ging zu ihm, er nahm sie hin,

weil sie nicht leben konnte ohne ihn.

=Holger=

Nur umso bittrer kränkt mich ihr Geschick.

=Jörgen=

So manche leiden unter ihrem Glück.

Bedenke wohl, Naemi ist kein Kind

aus deiner Heimat und aus deinem Land.

Von Meer und Sturm ward sie uns fremd gesandt,

mit ihrer Seele, die in Licht und Wind

aus heißen Wundern unter uns erwachte.

Gott, der sie einst in unsre Mitte brachte,

der wußte auch, wozu er sie bestimmt.

=Holger=

Damit sein Diener sie zur Dirne nimmt.

=Jörgen=

Das hat die Niedrigkeit der Welt erfunden!

=Holger=

Der dort, der hat es nie verwunden. --

Das war des dunklen Unheils zweiter Schlag,

das ihm so jäh die Lebenskraft zerbrach.

Ein Hornruf.

=Jörgen=

Horch auf! Sei still! Ein Notruf durch die Nacht!

=Holger=

rüstet sich zur Ausfahrt

Ein Schiff in Seenot! Sollte diese Nacht

vergehn und uns nicht harte Arbeit bringen,

die schon soviel an Bösem aufgebracht!

Seht mich bereit, das Schwerste soll gelingen!

Ein Schiff in Seenot! -- Vater, schlaf du still.

Dich soll Gefahr das letzte Mal nicht wecken.

Es soll kein Mensch in Seegefahr erschrecken,

weil dich der Tod nicht steuern lassen will!

Noch lebt ein Oerlsund, Norbys Ruhm bleibt wach.

=Jörgen=

Fahr nicht hinaus, es sind genug am Ort.

Wenn er erwacht, ein letztes Mal, er litte

zu schwer, dich nicht an seinem Bett zu sehn.

Laß andre fahr'n. Geh du nicht fort!

Versteh mich, weil ich für den Vater bitte.

Ein zweiter Hornstoß nah am Haus.

=Holger=

Weiß er, daß ich sein Erbe treu begann,

stirbt er am leicht'sten, der getreue Mann.

Norby: Eine dramatische Dichtung · 第 5 / 31 题