»Ich möchte Ihnen von mir erzählen.«
Marie Berteles empfand mit feinfühlendem Herzen, daß eine Last auf sie
zu rollen wollte.
»Von Ihnen?«
»~Nur~ von mir. Und es soll Sie nicht belasten; denn ich -- -- --
Mariele, meine Eltern sind früh gestorben.«
»Ach Gott. Alle beide?«
»Beide. Wir tragen von Mutters Seite aus eine Krankheit in uns. Sie
kennen sie. Ich bin aus der Stadt hierher gekommen, weil der Ort hoch
liegt und die Luft rein ist. Es sollte besser werden.«
»Ist's denn nit schon viel besser geworden?« fragte Marie Berteles
warmherzig.
Lehrer Siebert antwortete nicht darauf.
»Ich war zehn Jahre alt, als die Mutter starb,« fuhr der Mann fort,
»und zwölf, als der Vater heimging. Seitdem war ich unter fremden
Leuten. Es waren gute Leute, und sie hatten mich so gern, als wäre ich
ihr eigen Kind. Nun bin ich seit fünf Jahren Lehrer. -- Ich -- werde
mich im Herbste beurlauben lassen. Bis dahin mag's gehen. Länger kann
ich es nicht verantworten.«
»Dann gehen Sie und lassen sich ganz heilen,« fiel das Mariele ein.
»Hier sind die Winter kalt.«
Lehrer Siebert lächelte. »Ich kenne den Winter, aber ich gehe trotzdem
nicht fort. Vielleicht tue ich sogar bis Weihnachten Dienst. Länger
kaum. Ich könnte es nicht verantworten. -- Mariele, ich höre keine
Wachtel wieder im Bärenacker. Seien Sie mir nicht böse, daß ich das
sage. Ich will Ihnen den schönen Abend nicht verderben, nur daran
denken sollen Sie dann und wann. Glauben Sie ja nicht, daß ich mich
fürchtete. Ich will die Zeit, die mir noch bleibt, recht froh sein.
Es ist ein heimlicher Reiz, auf der Kante zu stehen und hinüber- und
herübergucken zu können. Hinüber: Die Wachtel sagt: Fürchte Gott, und
ich komme nicht schlecht mit ihm zurecht. Und herüber: Da liegt alles
so weit ausgebreitet da, als ob man es von einem schönen Berge aus
sähe. Und alles ist mein. Ich habe gar nicht gewußt, daß alles einmal
~so sehr~ mein sein würde. Ich drücke die ganze Welt an mich,
sogar Sie, auch wenn ich Sie nicht anrühre.« Er lächelte ihr zu wie
ein großes Kind. »Alles, alles ist mein! Und was kann man da aus sich
herausholen. Es kommt alles aus ganz anderer Tiefe und hat einen ganz
anderen Klang. Wunderbar ist es. Denken Sie doch, wie das ist, wenn
~ich~ den Kindern sage: Kinder, so und so sieht die Geschichte
aus. Mein Kollege hat mir auf meine Bitte den Religionsunterricht auf
der Oberstufe überlassen. ~Er~ weiß warum, und ich weiß auch
warum. Denken Sie, wenn so ein Junge oder Mädel in zehn, in zwanzig,
in dreißig Jahren einmal seine Not mit sich und der Welt und dem
Herrgott hat und auf einmal denkt der Mensch an eine Stunde, in der wir
miteinander geredet haben. Dann macht er einen Strich und ist fertig:
Lehrer Siebert hat so und so gesagt, und der mußte es wissen, denn --
-- -- Das ist ja mehr, als ein Mensch eigentlich ertragen kann! -- Und
nun war einmal eine Zeit, in der -- sie ist vorbei, sage ich, damit
Sie sich nicht etwa ängstigen --, in der ich eine Dummheit gemacht,
wenn nicht einer einen Damm davor gebaut hätte. Jetzt ist das ja alles
vorbei, aber was hätte das werden sollen, wenn ich dem Mädchen, das
ich liebhatte, mein Herz ausgeschüttet und es mich wieder liebgehabt
hätte. Um Gottes willen, was hätte das werden sollen! Das hätte ich ja
nie verantworten können. Man läßt sich aber so leicht hinreißen, denn,
du liebe Zeit,« er lächelte wehmütig, »man ist doch auch ein Mensch
und hat seine heimlichen Träume. Dafür kann man nichts. Und es ist ja
auch so fein. Wenn man sich das alles so ausmalt -- -- -- Nun ist es
vorbei, und -- es ist nicht weniger schön. Wirklich.« Eine schmale,
krankenblasse Hand langte nach des Marieles Zopf, der im Grase lag,
und strich darüber. »Gelt, Sie sind mir nicht böse. Ich komme Ihnen
wirklich nicht einmal mit einem unrechten Gedanken zu nahe. Es ist
alles, alles still, und nun freue ich mich bloß und möchte nur noch
eins gern erleben: Ich möchte zu Ihrer Hochzeit die Orgel spielen.«
Hatte Marie Berteles etwas von der Hohlofenbäuerin gelernt, so daß ein
verzeihliches Täuschenwollen dahinter stand? Ach nein, sie war, wie sie
im Kerne war, lebenstüchtig und wahr.
»Herr Lehrer,« sagte sie und sah dem Manne mit weit offenen Augen in
das Gesicht, »Sie hätten nix sagen sollen, aber ich bin doch nit böse,
daß Sie es gesagt haben. Wohin ich gehöre, das wissen Sie.«
»Und ich freue mich darüber.«
»Aber leicht wird das nit sein, nein, das ist nit leicht. -- Die Orgel
aber sollen Sie spielen, und mit dem Sterben, Herr Lehrer, lassen Sie
sich Zeit. Das hat nit solche Eile. Sie hören die Wachtel im Bärenacker
wieder, und ich höre sie auch. Rudolf ist drunten in der Grube. Er
ist ein Bergmann geworden. Ist ihm ganz gewiß nit leicht geworden
und wird mir auch nit leicht. Aber das ist ein Übergang, und umsonst
ist's auch nit. -- Über acht Tage fängt die Heuernte an. Da hat man
keine Zeit mehr zum Sinnieren. Ist gut, daß es soweit ist. -- So,
Herr Lehrer, und nun muß ich heimgehen, und wenn ich dem Rudolf einen
schönen Gruß bestellen soll, dann will ich das gerne machen. Aber Sie
müssen nun auch heimgehen. Da drüben steigt der Nebel auf, und das
ist nix für Sie.« Marie Berteles sprang auf, auch Lehrer Siebert war
rasch auf den Beinen. Kindliche, helle Freude in den Augen, sagte er im
Dahinschreiten: »Jetzt habe ich wenigstens eine Schwester gefunden.«
Da lachte das Mädchen. »Ach, du mein, mit mir ist nit viel Staat zu
machen. Ich habe nix gelernt, als was uns Kantor Ritter mitgegeben hat.
-- Gute Nacht, Herr Lehrer. Und nit wieder vom Sterben reden.«
Leichtfüßig sprang sie in das Haus, und leicht ging Lehrer Siebert
heimwärts. Er hatte eine gute Nacht, und in seine Träume herein klang
es wie Wachtelschlag: »Fürcht dich nit!«
Viel schwerer war es Marie Berteles um das Herz. Das Leben brandete
stark auf sie zu, und so tapfer sie sich gegen seine Wellen zu stellen
versuchte, sie warfen sie doch zwischen Hoffen und Zagen hin und her.
* * * * *
Auch Heinrich Korn sehnte, wie das Mariele, die Heuernte herbei. Die
Arbeit, die es jetzt zu tun gab, war zu unbedeutend für den Mann. Am
Morgen vor Tau und Tag heraus, die Sense geschwungen, daß der Schweiß
troff, in Sonnenglut das Heu gewendet, heimgefahren, es in die Scheune
geschichtet, das war Arbeit, die den ganzen Menschen nahm. Es half
alles Wehren nichts; acht Tage mußten noch ausgehalten werden. Viel zu
viel Zeit zum Grübeln! Selbst das Pfeifen geht nicht recht. Kaum, daß
sich der Mund spitzt, kommt so ein dummer Gedanke dazwischen: Herrgott,
die Welt ist so schön und so weit, und da drunten ist es so finster und
still und tückisch! Weg ist die Lust zum Pfeifen. Nur selten, daß sie
stärker ist als die grauen Plagegeister. Und dann schallt es über den
Hof, daß die Bäuerin vor sich hin lächelt: Du pudelnärrischer Mann, der
noch immer nit mit sich zurechtkommen will. --
Sommerselig tändelt der Sonntag in das Dorf. Was soll man an solch
langem Tage anfangen, wenn es einem in den Fäusten zuckt und im Herzen
rumort, und man beides festhalten muß, Herz und Hand?
Der Städter denkt, nun geht der Bauer durch das Feld, sieht die roten
Mohnblumen und freut sich ihrer, vernimmt der lieben alten Erde
leichtes Raunen und holt aus seines Wesens tiefsten Tiefen alles Gute
heraus. Der Bauer lacht über des Städters Gedanken.
Heinrich Korn schreitet an seinem Angeracker entlang. Das viele
Unkraut! Alles ist wieder da, Kornblumen und Mohn und Winden und
Wicken. Dunnerlichting, er hat doch keine schlechte Saat genommen,
aber er muß ernsthaft daran gehen, die faulen Köpfe wieder einmal
aufzurütteln. Das Dorf muß eine ordentliche Reinigungsanlage haben.
Dabei sieht es auf seinen Feldern immer noch weit besser aus als
auf den meisten andern. Dem Ender sein Hafer war ein richtiger
Hedrichschlag und jetzt hat er den Brand im Weizen. Der Mann kann einem
leid tun. Er ist ein Heimtücker, natürlich, und ein Griesgram ist er
auch und im ganzen ein Mensch, der das Pulver niemals erfunden hätte,
aber man muß ihn trotz allem eher bedauern, als daß man ihm ernstlich
böse ist.
Die Turmuhr schlägt, und die Schläge hallen über das Feld. Erst drei.
Was soll man den langen Nachmittag noch machen? Ei, Hohlöfner, du hast
doch sonst gewußt, was du mit deinen Sonntagen anfangen solltest.
Heinrich Korn wendet sich, schreitet auf des Heimbergers Rain entlang,
überquert die Viehtreibe und -- landet im Wirtshausgarten. Du liebe
Zeit, wo soll ein Bauer am Sonntagnachmittag sonst landen, wenn er
nicht etwa zu den Narren gehört, die Bücher lesen. Und dazu gehört
der Hohlöfner nicht. Das ist Weibersache, wenn's denn durchaus sein
muß, und er ist oft genug ärgerlich gewesen, daß der Rudolf die Nase
in die Bücher steckte. Bauer und Bücher! »Daß ich nit lache,« denkt
der Hohlöfner, als er das Zauntürle im Wirtshausgarten aufklinkt. Die
Nachbarn sitzen unter der großen Kastanie, die Pfeifen brennen, und
Widuwilds Vater unkt. Nach ihm kriegten sie eine schlechte Heuernte. Er
könne sich auf seine Leichdörner verlassen.
Auch Ender ist da. Er spürt, daß er alles aufwenden muß, nicht
außerhalb der Nachbarschaft zu kommen.
Darum nimmt er sich der Belange besonders an, die die ganze Gemeinde
betreffen. Er ist Mitglied des Schulvorstandes, und da sind Dinge zur
Sprache gekommen, die höchste Aufmerksamkeit erfordern, wenn Dummheiten
verhütet werden sollen. Es brennt ihm richtig im Halse. Er muß seine
Weisheit loswerden. Daß der Hohlöfner kommt, ist ihm nicht ganz nach
der Mütze, aber in ~der~ Sache muß er ja unbedingt mit ihm gehen.
Breit und behaglich setzt sich Heinrich Korn auf den Stuhl, streckt
die Beine von sich und wischt sich den Schweiß. »Könnten einen Regen
brauchen, aber nit zu lange.«
»Kriegst bald Regen genug,« unkt Widuwilds Vater.
»Deinen Leichdörnern glaub ich nit,« widerspricht der Hohlöfner
lachend. »Die gehen mit dem hundertjährigen Kalender.«
»Stimmt der etwa nit?« fragt der Seifert. »Ich hab's beabsolviert.«
»Und?« fragt der Hohlöfner rasch.
»Hm, ja, dies Jahr nit,« zuckt der Seifert zurück.
Da fällt der Ender ein. Hätte er lieber den Mund gehalten. Nun macht
er der Männerrunde den Hanswurst. Er hat eine blecherne Stimme, und
die preßt er extra noch; denn er will weise sein und seine große,
erschütternde Botschaft diplomatisch vorbereiten.
»Nix stimmt mehr,« sagt er. »Ist heutzutage überhaupt eine ganz andre
Welt.«
»Hast recht,« nickt der Hohlöfner, und in seinen Augenwinkeln wird der
Neckteufel lebendig. »Hast recht, Ender. Eine ganz verteixelte Welt.«
»Nix mehr von Ruhe und Ordnung,« der Ender rückt sich auf seinem Stuhle
zurecht. »Aber woher kommt das? Ich sage, das geht von der Schule aus.
Da kriegen sie das mit, was sie unruhig macht. Ist das nötig, frag ich
einen Menschen, daß die Kinder auf der ganzen Welt herumgejagt werden?
Ich hab gut rechnen gekonnt, aber bloß bis zu den Brüchen.«
»Da war's alle?« fiel der Hohlöfner ein. Eben brachte ihm sein
besonderer Freund, der Wirt, ein volles Glas, trat hinter ihn, fuhr ihm
mit der Hand in das dichte Wuschelhaar und zauste es. Der Griff war
nicht zart und war eine Mahnung: Mach's nit gar zu arg. Heinrich Korn
lachte.
»Da war's alle,« keifte Ender in leichter Erregung. »Hab aber auch mein
Lebtag die Brüche nit gebraucht. Was nützen dem Bauern die Brüche, wenn
er keine gerade Furche ackern kann?«
Dagegen war nicht viel zu sagen. Zwar, der Hohlöfner hätte auch das
besser gewußt, aber er schwieg und verkniff nur den Mund.
»Ist das erhört, wie die Kinder heutzutage sind?« fuhr Ender fort.
»Wissen alles besser, fahren den Alten übers Maul -- -- --«
»Wenn sie sich's gefallen lassen,« knurrte Korn, und Ender hatte doch
gerade ihm wohltun wollen. Er war einen kleinen Augenblick verdutzt
und setzte es dann hin, wie wenn er einen Trumpf auf den Tisch hiebe:
»Kommen heutzutage schon ganz anders auf die Welt.«
Jetzt konnte sich der Hohlöfner bei dem besten Willen nicht mehr
halten. Alles, was recht ist, aber wenn einem der Mensch solche
Gelegenheit zu einem Jux gibt, dann soll ein anderer den Mund halten,
der Hohlöfner kann's nicht.
Heinrich Korn klatschte sich mit der flachen Hand auf den Schenkel,
daß es knallte, lachte in die Kastanie hinauf, daß die Blätter
rauschten, neigte sich vor, sah dem Ender in das Gesicht. »Leute,
Leute! Dunnerlichting! Jetzt muß ich mich aber dazuhalten, daß ich den
Großvater noch erleb. Die Kinder kommen heutzutage schon ganz anders
auf die Welt? Hahaha! Wie denn, Mensch? Wär's am Ende doch wahr mit dem
Storch?«
Selbst Widuwilds Vater nahm die Pfeife aus den Zahnstummeln und verzog
den eingefallenen Mund zu einem Lächeln. Alles, was unter den siebzig
war, lachte aus vollem Halse. Auch Ender lächelte.
»So hatte ich das nit gemeint,« wehrte er sich. »Mußt halt alles
verdrehen, zumal wenn ~ich~'s sage.«
»Gar nit, Ender, aber, Dunnerlichting, wenn du es einem so an den Kopf
schmeißt, da soll der Mensch nit auffangen? -- Nix für ungut. Prost.«
Widuwilds Vater, der sich den Gummi von einer Bierflasche auf das
Pfeifenmundstück gesteckt hatte, damit sie besser hielte, bohrte die
Pfeife wieder in den zahnlosen Mund und paffte.
»Im übrigen hat er recht, der Ender,« trotzte er gegen den Hohlöfner.
»Ich dürfte nit Schulmeister sein, soviel sag ich. Der alte Kantor
Heider hat jede Woche ein halb Dutzend Haselstöcke gebraucht. Ich war
der Lieferant.«
»Heute brauchen sie keine Haselstöcke mehr, heute brauchen sie eine
Bibliothek und ein halbes Dutzend Karten und die ganze Wand voller
Bilder,« trumpfte Ender auf.
Er erzielte die Wirkung, die er erhofft. Die Bauern sahen ihn fragend
an, und selbst der Hohlöfner schwieg.
»Das ist der neueste Antrag,« dozierte Ender. »Gestern in der
Schulvorstandssitzung ist er vorgebracht worden. Fünfundsiebzig Bücher
auf einmal will der Kantor anschaffen.«
»Jesses, Jesses,« stöhnte Adam Hercher, »das ist ja mehr, als eine Kuh
in ihrem ganzen Leben fressen kann. Jesses, das ist ja wohl ein ganzer
Schrank voll auf einmal.«
Der Hohlöfner sah Ender ernsthaft fragend an. »Wenn das wahr ist, was
du sagst -- -- --«
»Ist wahr, so gewiß ich da hier auf dem Stuhle sitze,« belferte Ender.
Korn hob beruhigend die Hand. »Koller doch nit immer gleich wie ein
Truthahn, wenn er ein rotes Tuch sieht. -- Also, wenn das wahr ist,
dann ist das nit mit den paar Worten abgemacht, die du gesagt hast,
dann steckt mehr dahinter. Kantor Ritter ist keiner, der nit wüßte, was
er macht, und nit wüßte, was er der Gemeinde zumuten kann.«
»Wenn sie etwas verlangen, ist einer wie der andre,« keifte Hercher.
»Red, Ender.« Der Hohlöfner beachtete Herchers Einwurf nicht.
»Was ist da groß zu reden? Er hat uns einen Zettel auf den Tisch
gelegt, auf dem er die Bücher angestrichen hatte, die er haben will.«
»Und was sollen wir zahlen?«
»Zahlen? Jedes Jahr sechs Mark.«
»Aha. Und was sind das für Bücher?«
»Geschichten halt.«
»Bloß Geschichten?«
»N--ein. Da waren auch andre drunter. Solche von den Kühen und Pferden
und vom Düngen.«
»Und wie war das mit den Karten?«
»Eine neue von Deutschland.«