Herr v. Bethmann glaubte, daß ihm sein Regiestück gelungen sei. In der
Sitzung des Bundesrates vom 1. August erklärte er bereits feierlich:
»Wir haben den Krieg nicht gewollt, er wird uns aufgezwungen[88]«, die
Phrase, die er, wie der Kaiser und die anderen Berliner Herren, später
in der Öffentlichkeit so oft wiederholt hat. Den Weltkrieg selbst haben
sie nicht »gewollt«, wohl aber den Krieg Österreich gegen Serbien,
und dieser mußte zum Weltkrieg führen, das wußten sie und wurde
ihnen überdies vom Anfang an durch Grey, Sasonow und ihren eigenen
Botschafter Lichnovsky mit zwingenden Argumenten, die sie auch nicht
zu widerlegen versuchten, vor Augen geführt[89]. Als sie in extremis
den Krieg Österreichs gegen Serbien im Sinne des Faustpfandvorschlags
einschränken wollten, stießen sie auf Österreichs Widerstand. Graf
Berchtold hatte, wie er in seiner Note an Graf Szögyeny vom 20. Juli
bereits feststellte, schon lange vor dem Ultimatum »ein vollständiges
politisches Einvernehmen mit dem deutschen Kabinett erzielt[90]« und
auch mit dem deutschen Kaiser, wie Graf Berchtold wahrheitsgemäß hätte
hinzufügen können. An dieses hielten sich der Kaiser Franz Joseph und
seine Regierung und deswegen lehnten sie #alle# ihnen nachträglich
von Berlin übermittelten Vorschläge auf Einstellung oder auch nur
Einschränkung ihres serbischen Krieges ab, komme, was da wolle, und
daraus erklärt sich auch der bescheidene Ton, in dem Berlin diese
Vorschläge Wien vorträgt. Wien blieb den Abmachungen mit Berlin treu
und hielt Berlin an der Stange fest. Berlin konnte nicht mehr zurück,
selbst wenn es ernstlich gewollt hätte. Es hat aber nicht gewollt.
Denn was es gewollt hat, _den serbischen Krieg ohne Weltkrieg, das
war praktisch unmöglich_, und Unmögliches, Unerreichbares kann man
»möchten«, aber zurechnungsfähiger Weise nicht wollen[91]. Wenn einer
etwa in ein Fenster hineinschießt und einen sichtbar am Fenster
sitzenden Mann erschießt, wird er sich doch nicht nachher vor dem
Richter darauf ausreden können, daß er nur das Fenster gemeint habe,
nicht aber den Mann. Doch zu den Eigentümlichkeiten der Berliner
Staatsmänner hat es immer gehört, daß sie wohl forsch hinüberschießen
wollten, den andern aber es übelnahmen, wenn sie zurückschossen.
Auch die Niederlage haben sie nicht gewollt und nicht den inneren
Zusammenbruch, und gewiß auch nicht den Sturz der Hohenzollern, der
Habsburger und der anderen deutschen Dynastien, und sind doch für all
das vor der Geschichte verantwortlich, nach demselben Kausalgesetz,
nach dem sie überhaupt für den Weltkrieg verantwortlich sind. Das
Eintreten Rußlands für Serbien und die europäischen Komplikationen
waren übrigens schon in dem Handschreibenwechsel der beiden Kaiser
im Anfang des Monates Juli vorausgesehen. Für diesen Fall auch nur
verlangte Österreich-Ungarn Deutschlands Unterstützung und sagte sie
ihm Deutschland zu. Denn einen Krieg bloß gegen Serbien zu führen, dazu
brauchte Österreich-Ungarn keine Hilfe.
Als beliebtestes Argument für den »aufgezwungenen Krieg« hat den
deutschen Staatsmännern während des ganzen Krieges die offizielle
_russische Gesamtmobilisation_ vom 31. Juli gedient, welche nach
ihrer Darstellung den Krieg bedeutete und von Deutschland mit dem
Ultimatum beantwortet werden mußte. Dieses Argument tritt Herr v.
Bethmann auch in seinem Buche noch breit[92]. Da man sich dabei immer
auf die Ansicht des deutschen Großen Generalstabs berufen hat und vor
diesem bisher jede Kritik verstummte, nahm man das Argument gläubig
an, obzwar es dem gesunden Menschenverstand nicht einleuchtete, warum
Mobilisierung gleich Krieg sein muß, wo doch so viele Mobilisierungen
aus der Geschichte der neuesten Zeit bekannt sind (so auch die
zwei russisch-österreichischen Mobilisierungen von 1909 und 1912),
die nicht zum Krieg geführt haben. Dieser Anschauung des gesunden
Menschenverstandes hat früher auch Herr v. Bethmann gehuldigt und sie
bei einer sehr wichtigen und entscheidenden amtlichen Gelegenheit, als
schon inoffizielle Nachrichten vom Beginn der russischen Mobilisierung
in Berlin vorlagen und sogar »sich häuften«, ausgesprochen, nämlich
in der Sitzung des preußischen Staatsministeriums vom 30. Juli 1914.
»Die Mobilisierung Rußlands«, sagte er, »sei zwar erklärt, seine
Mobilisierungsmaßnahmen seien jedoch mit den westeuropäischen
nicht zu vergleichen. Die russischen Truppen könnten in diesem
Mobilisierungszustande wochenlang stehen bleiben. Rußland beabsichtige
auch keinen Krieg, sondern sei zu seinen Maßnahmen nur durch Österreich
gezwungen[93]«. Damals hoffte Herr v. Bethmann offenbar noch, daß
er bis zum Kriegsausbruch genug Zeit haben werde, um durch seine
Vermittlungsaktion Rußland »als den schuldigen Teil hinzustellen«,
wie er in jenem preußischen Ministerrat noch sagte. Als aber am
nächsten Tag, wie Herr v. Bethmann in seinem Buche ausplaudert, der
Chef des Generalstabs Graf Moltke plötzlich, im Gegensatz übrigens
zu dem Kriegsminister v. Falkenhayn, die Kriegserklärung an Rußland
verlangte[94], sattelte Herr v. Bethmann um, fand, daß die russische
Mobilisierung auch nicht zwölf Stunden länger ertragen werden könne,
daß sie Rußlands Kriegswillen beweise, und so wurde die russische
Mobilisation in Ermangelung eines Besseren, das ausgeblieben war, das
Mittel, um »Rußland als den schuldigen Teil hinzustellen« -- was ja der
einzige und wahre Zweck der ganzen diplomatischen Arbeit in den letzten
Julitagen gewesen war.
Ein anderes Argument gegen den Kriegswillen der Berliner Regierung hat
der unermüdlich Weltkriegsbücher schreibende ehemalige Staatssekretär
und Vizekanzler Dr. Helfferich herausgefunden. »Es muß« -- schreibt
er[95] -- »jedem tiefer in die Dinge eintretenden Beobachter auffallen,
daß bei unserem italienischen Verbündeten vor der Überreichung des
Ultimatums in Belgrad offenbar keinerlei Versuche gemacht worden
sind, ihn auf eine -- -- -- Neutralität -- -- -- festzulegen.« Das
schrieb Herr Dr. Helfferich im März 1919, als ihn noch niemand mit
amtlichen Akten der Zentralmächte widerlegen konnte. Jetzt wissen
wir aus dem österreichischen Rotbuch, daß man in Berlin und Wien
erwogen hat, ob Italien als Dritter im Bunde in die Kriegskonspiration
eingeweiht werden solle, aber, weil man Italien mißtraute und seiner
»Verschwiegenheit« nicht ganz sicher zu sein glaubte, beschloß,
es nicht einzuweihen, sondern »vor eine unabwendbare Situation zu
stellen[96]«.
Ein ganz kurioses Argument für die Unschuld der Berliner Regierung
hat der gewesene Staatssekretär der Marine, Herr v. Tirpitz, das
Verdienst, gefunden zu haben. Er behauptet nämlich, der Kanzler habe
»den Ernstfall so wenig vorbereitet, daß Gesamterwägungen zwischen den
politischen und militärischen Spitzen niemals stattgefunden hatten,
weder über die politisch-strategischen Probleme der Kriegführung,
noch über die Aussichten eines Weltkrieges überhaupt[97]«. Herr v.
Tirpitz hat das im April 1919 geschrieben, ohne wohl zu ahnen, daß
jemals die Blasphemie begangen werden könnte, die geheimen Akten
des Auswärtigen Amtes den Blicken der profanen Welt preiszugeben.
Obzwar der Verkehr zwischen Generalstab und Auswärtigem Amt sich loco
Berlin überwiegend mündlich und telephonisch abgespielt haben wird,
enthalten doch die Akten der Wilhelmstraße genug, um Herrn v. Tirpitz'
Harmlosigkeitslegende zu widerlegen. Der Generalstab wird von allen
wichtigen diplomatischen Schritten informiert. So beruft sich der
Reichskanzler in einem am 26. Juli an den Kaiser gerichteten Telegramm
auf die Zustimmung des soeben aus Karlsbad zurückgekehrten Chefs des
Generalstabes, Grafen Moltke, zu seiner Haltung[98]. Ebenso teilt der
Kaiser am 28. Juli seinen neuen Faustpfandvorschlag, wie bereits oben
erwähnt, gleichzeitig mit dem Staatssekretär v. Jagow dem Grafen Moltke
mit[99]. Graf Moltke beschränkt sich übrigens seinerseits durchaus
nicht auf sein Ressort. Er ergreift die Initiative, um auch ungefragt
dem Auswärtigen Amt seine Meinung in politicis zu sagen, während der
umgekehrte Fall, daß dieses eine Meinung in militärischen Dingen je
geäußert hätte, nicht vorkommt. So überschickt er am 29. Juli dem
Reichskanzler eine lange Abhandlung, welche den bezeichnenden Titel
führt: »Zur Beurteilung der politischen Lage«, die mit der »bis zur
Schwäche gehenden Langmut Österreichs« gegenüber Serbien anfängt, sich
über die »Einmischung Rußlands« beschwert, von den »tiefgewurzelten
Gefühlen der Bundestreue, einem der schönsten Züge des deutschen
Gemütslebens« singt, um schließlich »möglichst bald Klarheit« darüber
zu wünschen, ob es zum Krieg mit Rußland und Frankreich kommt[100]. Am
2. August entwickelt Graf Moltke dem Auswärtigen Amt in peremptorischen
Ausdrücken ein langes Programm über das, was dieses angesichts des
Krieges in allen feindlichen und nichtfeindlichen Ländern zu tun hätte,
z. B. »Japan ist aufzufordern, die günstige Gelegenheit zu benutzen,
um seine sämtlichen Aspirationen im fernen Osten jetzt zu befriedigen,
am besten unter kriegerischer Aktion gegen das im europäischen Kriege
gefesselte Rußland[101]«. Graf Moltke scheint keine Ahnung von der
politischen Stellung Japans zu haben, was ihn aber nicht hindert,
darüber zu politisieren. Noch bierbankmäßiger schwätzt er am 4. August
vor der Kriegserklärung Englands, wo er vom Auswärtigen Amt verlangt,
daß es England belehre, daß es sich in diesem Kriege um die »Wahrung
und Erhaltung germanischer Kultur und Sitte der slavischen Unkultur
gegenüber[102]« handle. Aber ehe das Auswärtige Amt noch Zeit gehabt
hat, diese Kulturbotschaft nach London weiterzubefördern, hat England
schon den Krieg erklärt, und Graf Moltke vernichtet nun England, indem
er in einer Note vom 5. August von dem unglücklichen Auswärtigen Amt
nichts weniger verlangt als die Insurrektion Indiens, Ägyptens, auch
des Kaukasus, während er seinerseits lapidar meldet: »Die Insurrektion
Polens ist eingeleitet[103]«. Sogar ganze Entwürfe von Noten an
die belgische und die holländische Regierung schreibt Graf Moltke
dem Auswärtigen Amt vor, das sie auch pflichtschuldigst zurichtet
und weiterbefördert[104], und es sind nicht etwa militärische oder
untergeordnete Angelegenheiten, um die es sich dabei handelt, sondern
es ist die verhängnisvolle Note, mit der die deutsche Regierung der
belgischen den Neutralitätsbruch ankündigt, nächst dem serbischen
Ultimatum das verhängnisvollste diplomatische Schriftstück des
Weltkrieges -- und da will Herr v. Tirpitz die Welt glauben machen, daß
»Gesamterwägungen« über den Ernstfall »zwischen den politischen und
militärischen Spitzen niemals stattgefunden haben«!
Doch Herr v. Tirpitz hat noch einen anderen quasi militärischen,
vollgültigen Beweis dafür, daß »unsere Reichsleitung den Krieg nicht
gewollt hat. Sie war nämlich vom Anfang an überzeugt, daß wir nicht
siegen würden[105]«. Man denke! Das muß sie doch bei der damals
in Berlin allgemein anerkannten militärischen Allwissenheit und
Unfehlbarkeit des Großen Generalstabs von diesem gehört haben. Wie hat
aber Graf Moltke über die Aussichten des Krieges in den kritischen
Tagen geurteilt? Darüber hat der bayrische Gesandte in Berlin,
Graf Lerchenfeld, seiner Regierung berichtet. »_Schon vor Monaten
(!)_«, schreibt er am 31. Juli in einem Privatbrief dem bayrischen
Ministerpräsidenten Grafen Hertling, »hat der Herr Generalstabschef
Graf v. Moltke sich dahin ausgesprochen, daß der Zeitpunkt _militärisch
so günstig sei, wie er in absehbarer Zeit nicht wiederkehren
kann_[106].« Am 31. Juli telephoniert er nach München: »Preußischer
Generalstab sieht Krieg mit Frankreich mit großer Zuversicht
entgegen, rechnet damit, Frankreich in vier Wochen niederwerfen zu
können[107].« Am 2. August meldet Graf Lerchenfeld: »Man kann heute
sagen, daß bei dem bevorstehenden Krieg Deutschland und Österreich
der ganzen Welt gegenüberstehen werden. Trotzdem ist die Stimmung der
hiesigen militärischen Kreise eine absolut zuversichtliche[108].«
Am 5. August berichtet Graf Lerchenfeld dem Grafen Hertling den
folgenden Ausspruch des Grafen Moltke vom selben Tage: »_Man könne
es als ein Glück betrachten_, daß durch den Mord in Sarajevo die
von den drei Mächten (Rußland, England, Frankreich) angelegte Mine
schon in einem Zeitpunkt aufgeflogen sei, in dem Rußland nicht fertig
und die französische Armee sich in einem Übergangszustand befinde.
Gegen die drei vollkommen gerüsteten Staaten würde Deutschland einen
schweren Stand gehabt haben[109].« Selbst Österreich ist siegesgewiß.
»Österreich hat hier mitgeteilt,« berichtet Graf Lerchenfeld weiter
am 5. August, »daß es jedem Angriff an seiner Grenze völlig gewachsen
und sogar numerisch der gegen Galizien versammelten Armee überlegen
sei[110].« Alle diese großsprecherischen Voraussagen der Militärs in
Berlin und Wien haben sich leider nicht bewährt. Um so stärkeren Beweis
bilden sie für den Kriegswillen der beiden Mächte nicht nur gegenüber
Serbien, sondern gegenüber der »ganzen Welt«, Beweis auch gegen den
Tirpitzschen Geschichtsfälschungsversuch. Dabei sind wir vorläufig
nur auf die schwachen Reflexe der Anschauungen und Pläne der Militärs
in den Akten der Diplomaten angewiesen. Der Eindruck wird sicher noch
verstärkt werden, wenn -- was jetzt zu wünschen wäre -- auch die auf
die Vorbereitung des Krieges bezüglichen Akten der Generalstäbe und
Kriegsministerien von Berlin und Wien der Öffentlichkeit übergeben
werden würden.
Und nun stelle man diesem Bild von Kriegszuversicht und Kriegslust
der einen Seite das der anderen gegenüber. Wir vermeiden es dabei
wie bisher, die von den Ententestaaten schon im Beginn des Krieges
herausgegebenen Aktenbücher, die während des Krieges allein zur
Beurteilung der Absichten beider Kriegsparteien benützt werden konnten,
heranzuziehen, da ihre Zuverlässigkeit -- wenn auch wahrscheinlich
mit Unrecht -- von den deutschen Staatsmännern bestritten wird[111].
Als argumentum ad hominem beschränken wir uns auf die Aktensammlungen
der beiden Zentralmächte, deren Vollständigkeit und Richtigkeit nicht
bestritten werden kann. Was da die Botschafter der Zentralmächte ihren
Regierungen über die Absichten und Ansichten der Ententemächte melden,
sind selbstverständlich nur subjektive Eindrücke der Berichterstatter,
die bis zu einem gewissen Grad von ihrem feindlichen Standpunkt aus
voreingenommen und eher geneigt gewesen sein dürften, den Gegnern,
die sie zu beobachten verpflichtet waren, böse Pläne zuzumuten als
gute, eher ihren eigenen Regierungen, in deren Gedanken sie eingeweiht
waren, zu helfen, als sie zu stören. Gerade deswegen sind aber diese
Berichte der deutschen und österreichisch-ungarischen Diplomaten um so
beweiskräftiger. Denn sie berichten, was ihnen nach Hause zu melden
sicher sehr schwer geworden ist, was sie gewiß nur nach sorgfältiger
Prüfung und auf die Gefahr, daheim Mißfallen zu erregen, weiterzugeben
sich entschlossen haben, sie berichten nämlich durchaus nur Günstiges
über _die mangelnde Kriegslust und die Friedensabsichten der
Ententemächte_. Nach ihnen sind Rußland, besonders aber auch England
unablässig bemüht, Vermittlungsvorschläge auszusinnen, die zwar immer
wieder von den Zentralmächten abgelehnt, von den Ententemächten aber
unverdrossen immer wieder durch andere ersetzt werden. Diese Vorschläge
bilden den Hauptstoff der Tätigkeit der Diplomatie der Zentralmächte
in den kritischen zwölf Tagen zwischen dem serbischen Ultimatum und
dem Ausbruch des Weltkrieges. Sir Edward Grey ist darin besonders
eifrig. Herr v. Bethmann hat das noch in seiner Reichstagsrede vom 3.
August und in dem gleichzeitig erschienenen Weißbuch anerkannt. Um
seinen Vorschlägen mehr Nachdruck zu geben, macht Grey der deutschen
Regierung die Hölle heiß, indem er ihr keinen Zweifel darüber läßt,
daß der serbische Krieg Österreich-Ungarns einen großen europäischen
Krieg zur notwendigen Folge haben werde, und indem er die Nachwirkungen
dieses Krieges in den schwärzesten Farben schildert, die damals noch
als Übertreibungen angesehen worden sein mochten, durch die Tatsachen
aber leider vollständig bestätigt worden sind. Um aus seinen und
seiner Mitarbeiter zahlreichen Äußerungen nur eine zu zitieren, sei
seine Aussprache zum deutschen Botschafter unmittelbar nach Empfang
des österreichisch-ungarischen Ultimatums am 24. Juli erwähnt: »Die
Gefahr eines europäischen Krieges sei, falls Österreich serbischen
Boden betrete, in nächste Nähe gerückt. -- Die Folgen eines solchen
Krieges zu vier (an England und Italien dachte er dabei noch nicht)
seien vollkommen unabsehbar. Wie auch immer die Sache verlaufe, eines
sei sicher, daß nämlich eine gänzliche Erschöpfung und Verarmung
Platz greife, Industrie und Handel vernichtet und die Kapitalskraft
zerstört würden. Revolutionäre Bewegungen wie im Jahre 1848 infolge
der darniederliegenden Erwerbstätigkeit würden die Folge sein.« Daß er
Österreich gleichzeitig vor dem Kriege gegen Serbien warnt, an dem es
sich verbluten werde, haben wir schon erwähnt. Hinzugefügt sei nur,
daß der überlegene Geist des Kaisers Wilhelm II. zu dieser Stelle
an den Rand nur ein Wort schreibt: »Unsinn.« »Der Minister -- fügt
Fürst Lichnovsky seinem Bericht aus eigenem hinzu -- ist sicherlich
bestrebt, alles zu tun, um einer europäischen Verwicklung vorzubeugen,
und konnte sein lebhaftes Bedauern über den herausfordernden Ton der
österreichischen Note und die kurze Befristung nicht verhehlen[112].«
Von seiner ersten Unterredung mit Sasonow nach dem Ultimatum berichtet
der deutsche Botschafter in Petersburg, Graf Pourtalès, am 25. Juli,
daß der Minister »sehr erregt« war und sich »in maßlosen Anklagen«
gegen Österreich-Ungarn erging[113]. In einem zweiten Gespräch am
26. Juli findet Graf Pourtalès Herrn Sasonow »viel ruhiger und
versöhnlicher. Er betont mit der größten Wärme, daß Rußland nichts
ferner liege, als Krieg zu wünschen ... und er bäte uns dringend, eine
Brücke zu finden ...[114]«.
Aber in den russischen militärischen Kreisen? Über deren Stimmung
berichtet der deutsche Militärattaché v. Chelius, derselbe, auf dessen
Mobilisationsmeldungen sich die ganze Argumentation der deutschen
Staatsmänner über die russische Mobilisierung stützt. Herr v. Chelius
teilt am 26. Juli mit, daß man »in den Kreisen dem Frieden geneigter,
monarchisch gesinnter höherer Offiziere der Umgebung des Zaren als
bestes Mittel den Frieden zwischen den Großmächten zu erhalten,
Telegramm S. M. des Kaisers und Königs an Kaiser Nikolaus ansieht«,
dessen monarchistischen Tenor er auch angibt[115]. Ein solches
Telegramm wird daraufhin im Berliner Auswärtigen Amt am 26. abends
oder am 27. Juli entworfen, aber nicht abgesendet[116]. Warum nicht?
Darüber belehrt uns eine Randbemerkung des Reichskanzlers vom 27. Juli
zu dem die Cheliussche Anregung enthaltenden Telegramm des Grafen
Pourtalès. Sie lautet: »_S. M. will einstweilen keine Depesche an
den Zaren schicken_[117].« Erst am folgenden Tage, am 28., wird ein
Telegramm des Kaisers an den Zaren dem Telegraphen übergeben -- das
erste der Serie, auf die sich später die deutschen Staatsmänner mit so
viel Emphase berufen haben. Es ist also _auf die Initiative höherer
russischer Offiziere aus der Umgebung des Zaren_ zurückzuführen, was
allerdings die Aufrichtigkeit der deutschen Staatsmänner verschwiegen
hat, weil sonst die Emphase gelitten hätte. Herr v. Bethmann ist in
seinem Buche sogar kühn genug, es der »eigensten Initiative« Wilhelms
II. entspringen zu lassen[118] -- wo doch _die eigene Randbemerkung
des Reichskanzlers_ auf dem erwähnten Aktenstück das genaue Gegenteil
bezeugt! Das erste Telegramm des deutschen Kaisers an den Zaren hat
sich bekanntlich mit einem ähnlichen Telegramm des Zaren gekreuzt. Man
hat aber nichts davon gehört, daß Berliner Militärs aus der Umgebung
des Kaisers dazu die Anregung gegeben hätten. Als das Telegramm
des Kaisers am 29. Juli in Petersburg ankommt, sagt der russische
Generalmajor à la suite des Zaren, Trubetzkoi, zu Chelius: »Gottlob,
ein Telegramm Ihres Kaisers, aber ich fürchte, es ist zu spät.« Chelius
spricht dann mit Trubetzkoi über die bereits erfolgte russische
Mobilisierung gegen Österreich-Ungarn und gewinnt dabei den Eindruck,
daß Trubetzkoi »im Grunde überzeugt war, daß Rußland zu eilig gehandelt
habe. Als ich ihm sagte -- berichtet v. Chelius weiter -- er möge
sich nicht wundern, wenn die deutsche Streitmacht mobilisiert werde,
_brach er entsetzt ab_ und sagte, er müsse sofort nach Peterhof« (zum
Zaren, um ihm diese Hiobspost zu melden). Den langen Bericht über diese
und seine sonstigen Beobachtungen in Militärkreisen schließt Herr v.
Chelius mit den Worten: »Ich habe den Eindruck, daß man hier _aus Angst
vor kommenden Ereignissen mobilisiert hat ohne aggressive Absichten_
und nun erschreckt ist darüber, was man angerichtet hat«, wozu Kaiser
Wilhelm an den Rand schreibt: »_Richtig, so ist es_[119]«, was aber
den Kaiser wieder nicht gehindert hat, öffentlich das Gegenteil
zu behaupten. Noch eine Stimme, die des deutschen Botschafters in
Paris! Herr v. Schoen berichtet über seine erste Unterredung nach
dem Ultimatum am 24. Juli: »Der den (abwesenden) Ministerpräsidenten
vertretende (französische) Justizminister war sichtlich erleichtert von
unserer Aufforderung, daß österreichisch-serbischer Konflikt lediglich
zwischen den beiden Beteiligten zum Austrag zu bringen[120].«
Nach diesen Berichten der deutschen Diplomaten nun noch einige
Stimmen von österreichisch-ungarischer Seite über die Absichten
der Ententemächte. Wir wählen, der Ergänzung wegen, solche aus den
späteren Phasen der kritischen Zeit. So aus London den Bericht des
österreichisch-ungarischen Botschafters Grafen Mensdorff vom 4.
August, also schon nach der Kriegserklärung Englands an Deutschland.
»Sir E. Grey sagte mir -- telegraphiert der Botschafter -- er sei
_ganz verzweifelt_ über die Notwendigkeit eines Krieges ... Sir
Edward Grey, der eminent friedlich ist und den Krieg haßt, war
_ganz gebrochen_[121].« Und noch später am 7. August: »Grey ist
_verzweifelt_ darüber, daß seine Bestrebungen, Frieden zu erhalten,
gescheitert sind. Über den Krieg sagte er mir wiederholt: »I hate it,
I hate it ...« Er hatte ernstlich gehofft, daß, wenn auch die jetzige
schwere Gefahr überwunden werde, man den Frieden auf Jahre sichern
könne ... Nun sei alles das gescheitert, und der allgemeine Krieg
mit seinen scheußlichen und widerwärtigen Folgen ausgebrochen. Ich
glaube, der Angriff auf die Neutralität Belgiens hat alles verdorben«
usw.[122]. Und wie urteilt der österreichisch-ungarische Botschafter
in Petersburg, Graf Szapáry, über den russischen Minister des Äußern,
Herrn Sasonow, der neben Grey der zweite der schwarzen Männer war,
die die Staatsmänner der Zentralmächte ihren Völkern später als die
Anstifter des Krieges denunzierten? Am 29. Juli berichtet Graf Szapáry
nach einem Gespräch mit Sasonow: »Meine Impression ging dahin, daß
der Minister bei der _vorherrschenden Unlust, mit uns in Konflikt zu
geraten, sich an Strohhalme klammert_, in der Hoffnung, doch noch
der gegenwärtigen Situation zu entkommen[123].« Das war schon nach
der offiziellen Mobilisierung Rußlands gegen Österreich-Ungarn. Am
30. Juli telegraphiert Graf Szapáry: »Minister scheut den Krieg
ebenso wie sein Kaiserlicher Herr[124].« Als ihm Graf Szapáry am
31. Juli die Meldung überbringt, daß Graf Berchtold sich endlich
habe erweichen lassen und in die von Sasonow und Grey gewünschte
Wiederaufnahme direkter Besprechungen mit ihm über das Ultimatum
einwillige, »war Herr Sasonow durch meine Eröffnungen -- berichtet
der Botschafter -- wesentlich erleichtert und schien denselben eine
übertriebene Bedeutung beizumessen[125]«. Aus Paris wieder läßt sich
der österreichisch-ungarische Botschafter Graf Szécsen am 30. Juli
vernehmen: »Viele Leute hier, auch in Regierungskreisen, wünschen
Frieden und möchten Argumente haben, die sie russischen und hiesigen
Hetzereien entgegenstellen können[126].« Und der _deutsche Kaiser
selbst_ sagt am 1. August zum österreichisch-ungarischen Botschafter,
Grafen Szögyeny: »_er habe den Eindruck, daß Frankreich über die
Mobilmachung Deutschlands in hohem Grade erschrocken sei_. Unter diesen
Umständen ... sei er (Kaiser Wilhelm II.) entschlossen, mit Frankreich
abzurechnen, was ihm hoffentlich vollkommen gelingen werde[127].« Also,
nicht Frankreich will mit Deutschland abrechnen, sondern Kaiser Wilhelm
II. will mit Frankreich abrechnen, Frankreich den Krieg aufzwingen, und
zwar gerade deswegen, weil Frankreich diese Abrechnung, diesen Krieg
fürchtet!
Das sagt der deutsche Kaiser am 1. August einem Eingeweihten, der
es geheim hält. Aber was sagt er öffentlich, drei Tage später, am
4. August, im Reichstag, vor der ganzen Welt, in der feierlichsten
Form, in der Thronrede, mit der er die amtlichen Kriegskundgebungen
einleitet? »In aufgedrungener Notwehr, mit reinem Gewissen und
reiner Hand ergreifen wir das Schwert.« Damit beginnt bereits, noch
ehe ein Kanonenschuß gefallen ist, unter Vorantritt des Kaisers,
jene Fabrikation von Geschichtslügen, die im Kriege durch eine
weltumspannende geistige Propagandaarbeit fortgesetzt worden ist und
mit dem Kriege noch lange nicht ihr Ende gefunden hat, im Gegenteil
nach der Niederlage von den schuldigen Staatsmännern und Militärs mit
vermehrtem Eifer fortgesetzt wird und die auch nach den Absichten ihrer
Urheber kein Ende hätten finden sollen und so bald keines gefunden
hätte, wenn nicht ein unerwartetes Ereignis, überraschender noch als
alle sonstigen Überraschungen dieses Krieges, als Niederlage und
Revolution, unvorhergesehener als alles andere dazwischen getreten
wäre: die nach langem Sträuben und Zögern unter dem Druck der
öffentlichen Meinung der ganzen Welt erfolgte Veröffentlichung der
geheimen Akten der Staatsarchive von Berlin und Wien.