Anmerkungen zur Transkription:
##############################
Dieser Text wurde auf Grundlage der ersten Auflage aus dem Jahre 1921
erstellt. Die damals übliche Schreibweise, insbesondere hinsichtlich
der Groß- und Kleinschreibung wurden beibehalten, ebenso das Wort
"Begriffsstützigkeit" (S. 24) als österreichische Variante des Wortes
"Begriffsstutzigkeit".
Kursive Textstellen stehen zwischen Unterstrichen (_); fett gedruckter
Text zwischen Rautenzeichen (#).
Die Nummern zu den Fußnoten [74], [90] und [92] fehlten im Original.
Diese wurden wiederhergestellt und zusammen mit den restlichen Fußnoten
fortlaufend neu nummeriert.
Folgende Ausdrücke wurden im Text korrigiert:
# S. 19: "und darauf anwortet" --> "und darauf antwortet"
# S. 20: "österreich-ungarischen" --> "österreichisch-ungarischen"
DR. HEINRICH KANNER
GEW. CHEFREDAKTEUR DER WIENER TAGESZEITUNG »DIE ZEIT«
DIE
NEUESTEN
GESCHICHTSLÜGEN
»_Die Wahrheit kann nur Eine sein_«
_Ranke_
»_Das >gute Gewissen< in der Lüge_«
_Nietzsches Charakteristik des
»christlichen Junkers«_
HUGO HELLER & CIE.
WIEN UND LEIPZIG
1921
Alle Rechte vorbehalten
Copyright by Hugo Heller & Co., Wien und Leipzig
Druck der Offizin der Waldheim-Eberle A. G., Wien
_Vorwort_
_Die scharfe Kritik, die auf den folgenden Blättern an den
Rechtfertigungsschriften der deutschen Staatsmänner und damit auch
an ihrer Politik vor dem Ausbruch des Weltkrieges geübt wird,
zwingt den Verfasser zu einigen Worten persönlicher Einführung. Es
ist nachträglich sehr leicht, das Verhalten von Staatsmännern zu
kritisieren, wenn der Erfolg sein unzweideutiges Urteil gefällt hat,
so wie es nicht viel Scharfsinn erfordert, Rätsel zu lösen, wenn
man vorher die Lösungen nachgesehen hat. Diese bequeme, aber auch
unfruchtbare Art der Kritik ist dem Geschichtsschreiber gestattet,
ihr Ergebnis nennt man das »unbestechliche Urteil der Geschichte«.
Dem zeitgenössischen Publizisten verwehrt man diesen Treppenwitz, mit
Recht, weil seine Aufgabe eine höhere, fruchtbarere und um deswillen
schwierigere ist. Jetzt, nach dem Abschlusse des Weltkrieges, weiß
natürlich jeder, wie es im Juli 1914 und in den Jahren vorher besser
hätte gemacht werden sollen, und gar mancher Publizist tut sich heute
auf dieses nachträgliche Besserwissen etwas zu Gute, der es in den
entscheidenden Tagen, Wochen und Jahren auch nicht besser gewußt hat
als die jetzt durch ihren Mißerfolg verurteilten Staatsmänner. Die
vorliegende Schrift hat mit dieser den Ereignissen nachhinkenden
Art von Weisheit nichts gemein. Ihr Verfasser hat die Verfehltheit
und Gefährlichkeit jener Politik der beiden Zentralmächte die zum
Weltkrieg geführt hat, schon vor Jahren, mindestens seit der bosnischen
Annexionskampagne 1908/9, in seinem Blatte, der damaligen Wiener
Tageszeitung »Die Zeit«, bloßgestellt und insbesondere im Juli 1914
vor der Gefahr des Weltkrieges aufs Eindringlichste gewarnt, sich auch
während des Weltkrieges mitten im herrschenden Kriegstaumel seine
ablehnende und kriegsfeindliche Haltung bewahrt und, soweit es die
Zensur zuließ, publizistisch vertreten. Er hat dadurch das Mißfallen
der beiden zentralstaatlichen Regierungen und Heeresleitungen in einem
so hohen Maße erregt, daß er sich auf unweigerliches Verlangen der
deutschen Obersten Heeresleitung im Dezember 1917 genötigt sah, seine
publizistische Tätigkeit einzustellen. Wenn er nun in der vorliegenden
Broschüre die Wirksamkeit und die Rechtfertigungsschriften der
deutschen Staatsmänner des Kriegsausbruches scharf kritisiert, kann ihn
der Vorwurf des »Treppenwitzes« nicht treffen. Was auf diesen Blättern
steht, ist nur eine konsequente Weiterentwicklung der Anschauungen, die
der Verfasser schon zu einer Zeit gehegt und öffentlich ausgesprochen
hat, wo die Kritik noch hätte fruchtbar wirken können, wenn die
Kritisierten auf sie hätten hören wollen, wo noch manches hätte
gerettet werden können, was heute unwiederbringlich verloren ist._
* * *
Die Kriegspropaganda, die in den anderen kriegführenden Ländern schon
längst zum Schweigen gekommen ist, wird von den deutschen Staatsmännern
des Kriegsausbruches nach dem Kriege mit vermehrtem Eifer fortgesetzt.
Res venit ad Triarios. Nicht mehr untergeordneten Hilfskräften,
beamteten »Preßleitern«, willfährigen Schriftstellern, abhängigen
Journalisten, die im Kriege ihre öffentlichen Anwälte waren, überlassen
sie die publizistische Vertretung ihrer Sache, sie treten in eigener
Person in Büchern, die sich den Anschein von Memoiren geben, vor das
Publikum, um mit wirkungsvollen, mit dem wirkungsvollsten Mittel ihrer
eigenen amtlichen Autorität das Werk der Irreführung des deutschen
Volkes fortzusetzen, das die so hoher Autorität entbehrende Propaganda
während des Krieges schon mit so traurig großem Erfolg betrieben hat.
Memoiren deutscher Staatsmänner! Man weiß, wie das auf den
Untertanengeist des deutschen Lesers wirkt! Ist ihm schon jedes Wort
heilig, das im täglichen Lauf der Staatsgeschäfte aus amtlichem Munde
zu ihm dringt, wie ehrfurchtsvoll nimmt er erst ein Buch zur Hand, das
einer seiner Staatsmänner, fern vom Zwang der Staatsgeschäfte, in der
Freiheit des Ruhestandes geschrieben hat, um aus der vom Deutschen
jederzeit so bereitwillig angestaunten Fülle seiner Kenntnis aller
Amtsgeheimnisse heraus den deutschen Staatsbürgern über Ereignisse
der Vergangenheit jene letzten Aufklärungen zu geben, die während
seiner Amtswirksamkeit zu gewähren die hohe Staatsraison ihm verboten
hatte. Nur wenige deutsche Staatsmänner haben bisher Memoiren
veröffentlicht -- weit weniger als die englischen und französischen --
und zumeist auch erst zu einer Zeit, wo die Ereignisse, an denen sie
mitzuwirken hatten, schon längst jede nähere Beziehung zur Gegenwart
verloren hatten. Jetzt aber treten die hohen und höchsten Beamten
des Deutschen Reiches, die noch an dem letzten großen Ereignis, am
Weltkrieg, mitgewirkt haben, in den Tagesstreit über die Ursachen
des Kriegsausbruches mit Büchern ein, in welchen sie anscheinend die
letzte Scheu vor dem Amtsgeheimnis abgestreift haben, die sonst dem
deutschen Beamten zeitlebens den Mund verschließt: der Reichskanzler
Herr v. Bethmann Hollweg, der Staatssekretär des Äußern Herr v. Jagow,
der Staatssekretär der Marine Herr v. Tirpitz, der Staatssekretär der
Finanzen und Vizekanzler Herr Dr. Helfferich. Fünf schwere Kriegsjahre
hindurch hat die ganze Welt die Erschließung der deutschen Akten
über den Kriegsausbruch verlangt, erhofft, ersehnt, nachdem die
gegnerischen kriegführenden Staaten, Engländer, Franzosen, Russen,
Belgier, Italiener, Serben ihr Aktenmaterial, ohne erst eine Nachfrage
abzuwarten, gleich bei Beginn des Krieges dem Urteil der Öffentlichkeit
vorgelegt hatten. Auf die deutschen Akten hatte man fünf Jahre lang
vergebens gewartet. Und nun kommen statt dessen _im Frühjahr 1919_ die
deutschen Staatsmänner selbst hervor und bieten der Welt statt toter
Aktensammlungen lebendige Bücher dar, die schon um deswillen weitere
Wirkungsmöglichkeiten haben als Aktensammlungen, weil sie die Dinge
im Zusammenhang erzählen, die von ihnen selbst geschaffenen Tatsachen
gleich mit dem Kommentar versehen, der ein authentischer ist, da er
von ihnen, den Handelnden, selbst herrührt. Wer aber dürfte es wagen,
in die Ehrlichkeit eines deutschen Staatsmannes bei der Wiedergabe von
Tatsachen, in seine Zuverlässigkeit bei ihrer Ausdeutung Zweifel zu
setzen?
Es hat's auch bisher, in Deutschland wenigstens, niemand gewagt. Das
deutsche Volk hat nicht einmal an Bismarcks »Gedanken und Erinnerungen«
gerührt, obzwar kein Geringerer als Bismarcks langjähriger vertrauter
Mitarbeiter, der auch des Meisters »Gedanken und Erinnerungen« zu
Papier gebracht und druckreif gemacht hat, Lothar Bucher selbst,
in rücksichtslosester Wahrheitsliebe ihre Unzuverlässigkeit und
Unaufrichtigkeit aufgedeckt hat. Hier aber stellen sich vier
Erinnerungsbücher deutscher Staatsmänner ein, denen kein Lothar Bucher
einen moralischen Steckbrief nachgeschickt hat, die das Verhalten der
deutschen Staatsmänner in den Tagen des Kriegsausbruches so glänzend
rechtfertigen und alles Anklagematerial, das die feindlichen -- eben
nur die feindlichen! -- Aktensammlungen gegen sie aufgebracht haben,
so wahrhaft autoritativ widerlegen.
Da sind aber _Ende 1919_ ganz andere Aktensammlungen erschienen,
keine feindlichen, nein, die Sammlungen der eigenen Akten der
deutschen wie der österreichisch-ungarischen Staatsmänner des
Kriegsausbruches, von ihren Nachfolgern herausgegebene Zeugnisse, deren
Beweiskraft höher steht als die irgend einer noch so autoritativen
Selbstrechtfertigungsschrift irgend eines noch so hoch stehenden
Staatsmannes. Und diese Zeugnisse zeugen wider ihre Urheber selbst und
wider deren Memoirenbücher. Sie sind nicht wie diese Surrogate, seien
es auch noch so gefällig ausgestattete Surrogate der amtlichen Akten,
es sind die Akten selbst, die gegen die Surrogate sprechen, wenn auch
diese Aktensprache nicht so flüssig läuft, wie die der Memoirenwerke.
Aber wir müssen in diese Sprache eindringen, wir müssen sie von
ihrer Schwere befreien, wir müssen sie mit der der Memoirenbücher
vergleichen, wenn wir endlich die so lange gesuchte Wahrheit über den
Ausbruch des Weltkrieges erfahren wollen, der das deutsche Volk sich
auf die Dauer nicht entziehen kann und der es niemals hätte entzogen
werden sollen.
* * *
Die Grundgedanken der Kriegsbücher der deutschen Staatsmänner, die sie
jetzt jeder mit neuen Beweisgründen und mit dem ganzen Aufwand seiner
dialektischen Kraft zu stützen beflissen sind, lassen sich in drei
Thesen formulieren:
1. Daß die deutsche Regierung das österreichisch-ungarische Ultimatum
an Serbien nicht vor seiner Überreichung gekannt habe.
2. Daß sie in den kritischen zwölf Tagen, die auf das Ultimatum
folgten, auf Wien mäßigend eingewirkt und bei diesem Druck sogar bis an
das äußerste Maß des Zulässigen gegangen sei.
3. Daß sie von Rußland, England und Frankreich überfallen worden sei,
die diesen Krieg prämeditiert, provoziert, ihr »aufgezwungen« haben.
Nun, _diese Behauptungen sind jetzt endgültig widerlegt durch die
eigenen amtlichen Dokumente der Berliner und Wiener Kriegsregierungen._