Plettenberg an Rothe

Eben habe ich Ihren irrenden Ritter nebst Ihren Vorreutern und

blasenden Postillonen erhalten, lieber Rothe. Ich muß sagen, diese

Erscheinung wirkt sonderbar auf mich, der Mensch ist so ganz, was er

sein will, und da er eine der schwersten Rollen auf Gottes Erdboden

spielt, so repräsentiert er doch nicht im mindesten.

Er war bleich und blaß, als er hereintrat. Es ist lustig, wie wir

miteinander umgehen. Gleich als ob ich der verliebte Ritter und er

der Bräutigam sei, hat er mit einer Zuversicht mir von seiner Liebe

zu meiner Braut eine Vertraulichkeit gemacht, die mich so ziemlich

aus meiner Fassung setzte, aus der ich doch, wie Sie wissen, sonst so

leicht nicht zu bringen bin. Er sagte mir zugleich, Sie wären ein

schwarzer Charakter; als ich ihn um die Ursache fragte, gestand er

mir, Sie hätten ihm das Porträt meiner Braut zuschicken sollen, und

hätten es nun nicht getan. Wirklich hatte ich von jemand anders ein

Paket für ihn erhalten, als ich es ihm wies, schlug er beide Hände

gegen die Stirn, fiel auf die Knie und schrie "o Rothe! Rothe! wie

oft muß ich mich an dir versündigen!" Ich fragte ihn um die Ursache,

er sagte, er habe selbst alles so angeordnet, daß das Paket durch

seinen Kommissionär in **, unter meiner Adresse an ihn geschickt

werden sollte, und nun hab' er's unterwegens vergessen, und Sie im

Verdacht gehabt, daß Sie es ihm hätten vorenthalten wollen.

In der Tat, mein lieber Rothe, habe ich Ursache, von diesem Ihrem

Verfahren gegen mich ein wenig beleidigt zu sein, besonders aber von

der Gewissenhaftigkeit, mit der Sie alles das vor mir verschwiegen

gehalten. Ich hatte das Herz nicht, dieses seinsollende Porträt

meiner Braut Herzen zu entziehen, weil ich fürchtete, seine

Gemütskrankheit dadurch in Wut zu verwandeln, aber es kränkt mich

doch, daß ein Bild von ihr in fremden und noch dazu so

unzuverlässigen Händen bleiben soll. Wenn Sie mir's nur vorher

gesagt hätten, aber wozu sollen die Verheimlichungen?

Unsere Truppen marschieren erst den Zwanzigsten, wir haben heute den

Ersten, ich dächte, es wäre nicht unmöglich, Sie vor unserem Abmarsch

noch einige Tage zu sehen. Ich habe Ihnen viel, viel an meine Braut

zu sagen, und brauche in der Tat einen Mann wie Sie, mir bei meiner

Abreise ein wenig Mut einzusprechen.

Freund, ich merke an meinen Haaren, daß ich alt werde. Sollte Stella,

wenn ich wiederkomme und von den Beschwerden des Feldzugs nun noch

älter bin--Kommen Sie, Sie werden mein Engel sein. Es gibt

Augenblicke, wo mir's so dunkel in der Seele wird, daß ich

wünschte--

_Plettenberg._

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Waldbruder, ein Pendant zu

Werthers Leiden, von Jakob Michael Reinhold Lenz.

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 61 / 61 题