Rothe an Plettenberg

Ich kann nicht anders, ich muß meinem vorigen noch einen Brief

nachschicken. Sie sollten nicht glauben, was alle diese Schicksale,

mit dem Abstechenden und Befremdlichen, das er an allen Charakteren

und Sitten in Frankreich und Deutschland gegen die Charaktere und

Sitten seines Vaterlandes gefunden, seiner Seele für eine

wunderbar-romantische Stimmung gegeben haben. Er lebt und webt in

lauter Phantasieen und kann nichts, auch manchmal nicht die

unerheblichste Kleinigkeit aus der wirklichen Welt an ihren rechten

Ort legen. Daher ist das Leben dieses Menschen ein Zusammenhang von

den empfindlichsten Leiden und Plagen, die dadurch nur noch

empfindlicher werden, daß er sie keinem Menschen begreiflich machen

kann. Er hat sich nun einmal eine gewisse Fertigkeit gegeben, die

seine andere Natur ist, alle Menschen und Handlungen in einem

idealischen Lichte anzusehen. Alle Charaktere und Meinungen, die von

den seinigen abgehen, scheinen ihm so groß, er sucht so viel dahinter,

daß er mit lauter außerordentlichen Menschen, gigantischen

Tugendhelden oder Bösewichtern umgeben zu sein glaubt, und ihm gar

nicht begreiflich gemacht werden kann, daß der größte Teil der

Menschen mittelmäßig ist, und weder große Tugenden noch große Laster

anders, als dem Hörensagen nach kennet.

Nun nehmen Sie diesen Menschen, wenn er verliebt ward, was der in

seine Schönen hineinlegte. Dreimal ist er so angelaufen, endlich

verzweifelte er an dem ganzen weiblichen Geschlecht und was er ihnen

vorhin zu viel beilegte, traute er ihnen jetzt zu wenig zu.

Nun stellen Sie sich vor, was die Entdeckung eines solchen Charakters,

wie der Ihrer Braut war, auf ihn für einen Eindruck muß gemacht

haben. Er sah, dachte, hörte, fühlte jetzt nun nichts als die

Erscheinung einer Gottheit, die in weiblicher Gestalt auf die Erde

gekommen wäre, ihn von seinem lästerlichen Irrtum zurückzubringen.

Desto mehr aber haben wir jetzt von ihm zu befürchten, da sein

Verstand mit seiner wilden taumelnden Einbildungskraft nun gemeine

Sache macht.

Ich muß Ihnen doch, um Ihnen seine Art zu lieben ein wenig ins Licht

zu setzen, von den drei Liebesgeschichten seiner Jugend, soviel ich

davon weiß, eine Idee geben. Seine erste Liebe war in Rußland, als

er erst 11 Jahr alt war, und dazu in die Mätresse des alten Grafen **

selbst, bei dem er im Hause war. Stellen Sie sich vor, wie

aufbrausend schon die kindische Einbildungskraft dieses Menschen

gewesen sein muß, da er in dieser wirklich liederlichen Weibsperson

das Gegenbild zu dem Ideal zu finden glaubte, das er sich von der

Nymphe des Telemachs, den sein Hofmeister mit ihm exponierte, gemacht.

Dieses Ideal wurde nun aber schändlich über den Haufen geworfen,

als er sie mit dem alten Grafen einmal im Bette antraf--Seine zweite

Liebe war die Nichte des Kaufmanns in Lion, deren lebhafter Witz ihn

steif und fest glauben machte, er habe an ihr eine zweite Ninon

gefunden. Endlich aber fand er, daß sie nur kokett gegen ihn gewesen

war, und da sehnte er sich herzlich nach Deutschland, um aus Goethens

oder Wielands Romanen und aus Klopstocks Cidli sich ein Ideal

zusammenzuschmelzen, das seinesgleichen noch nicht gehabt. So gut

ward's ihm denn auch, als er nach Leipzig kam, und die Tochter eines

Landpredigers, die sich eine Zeitlang daselbst bei einer Verwandtin

aufgehalten, versprach ihm die Erfüllung aller seiner Wünsche. Aber

wie jämmerlich wurden seine Entzückungen mit schreienden und

schnarrenden Dissonanzen unterbrochen, als er auf einmal auch diese

seine Messiasheldin, nachdem die ersten Wochen ihrer Maskerade vorbei

waren, nur als eine künstliche Agnese erscheinen sah, die unter ihrem

Nonnenschleier Liebesbriefchen ohne Zahl und tausend verstohlne

Küßchen entgegennahm, ja die er endlich sogar bei einer starken

Vertraulichkeit mit einem dicken runden Studenten überraschte. Da

lagen nun alle seine Ideale umgestürzt, und er hätte nun mit eben dem

kalten Blut, als jene Belagerten sich mit griechischen Bildsäulen

verteidigten, sie alle über die Stadtmauer werfen können. Das Leben

ward ihm zur Last, er zog in der Welt herum von einem Ort zum andern

nimmer ruhig und hätte seine Existenz gar zu gern mit eigner Hand

verkürzt, wenn er nicht den Selbstmord, ohne dringende Not, nach

seinem Glaubenssystem für Sünde gehalten hätte.

Jetzt, mein teurester Plettenberg, können Sie sich eine Vorstellung

machen, was wir von einem Menschen dieser Art in einem solchen Fall

zu erwarten haben, wenn er nicht behutsam behandelt wird. Er hat

Vernunft genug einzusehen, daß in seinem jetzigen Stande es Torheit

wäre, Ansprüche oder Hoffnungen auf den Besitz der Gräfin zu machen,

aber auch wilde Einbildungskraft genug, sich alles möglich

vorzustellen, was ihn zur Gleichheit mit ihr erheben kann, besonders

da die Ideen seiner Jugendjahre und seiner Geburt bei allen seinen

Unglücksfällen ihn nie verlassen haben. Am allermeisten, da seine

Jahre sich immer mehr der männlichen Reife nähern und er in ihr die

Erfüllung aller seiner Ideen gefunden zu haben glaubt.

Haben Sie also die Gütigkeit, ihn so zu empfangen, wie ein weiser

Arzt einen höchst gefährlichen Kranken empfangen würde, der durch

alles, was wirkliche Achtung, Mitleid und Freundschaft verdient, alle

Ihre edleren Empfindungen in Anspruch nimmt.

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 57 / 61 题