Rothe an Plettenberg

Herz ist weggereist, bester Plettenberg, ohne mich abzuwarten. Sie

sehen, er ist wie ein wilder mutiger Hengst, den man gespornt hat,

der Zaum und Zügel verachtet. Auch machen mir's meine Geschäfte

unmöglich, ihm gleich nachzureisen oder ihn noch einzuholen, ehe er

zu Ihnen kommt. Ich will ihm also diese kleine Empfehlung als einen

Vorreiter vorausschicken, damit Sie wissen, wie Sie ihn zu empfangen

haben. Denn ich zweifle, obschon Sie in Leipzig mit ihm studiert,

daß Sie mir diesen seltsamen Menschen ganz kennen.

Er ist--daß ich's Ihnen kurz sage--der unechte Sohn einer

verstorbenen großen Dame, die vor einigen zwanzig Jahren noch die

halbe Welt regierte. Er war die Frucht ihrer letzten Liebe und als

eine solche einem gewissen Großen zur Erziehung anvertraut worden,

der ihn bei ihrem Hintritt sehr scharf hielt. Endlich ließ er ihn

mit seinen Kindern unter der Aufsicht eines Hofmeisters reisen, der

nun freilich dem wunderbaren Charakter unsers Herz auf keine Weise zu

begegnen wußte und das Ansehen, das er von dem Grafen ** über ihn

erhalten, auf das niederträchtigste mißbrauchte. Herz, der überall

zu Hause zu sein glaubte, setzte sich im zwölften Jahr mit einigen

dreißig Dukaten, die er von ihm hatte ausholen können, auf die Post,

und reiste heimlich à l'aventure nach Frankreich.

Hier kam er in die elendesten Umstände. Sein Geld ging zu Ende, er

verstund wenig oder nichts von der Sprache, mit dem allen, so wie das

ein Hauptzug in seinem Charakter ist, den er vielleicht mit mehrern

seiner Nation gemein hat, alle seine Vorsätze nur einmal zu fassen

und durch nichts in der Welt sich davon abbringen zu lassen, war er

auch jetzt durch keine Umstände mehr zu bewegen, den Schritt zu

seinem Hofmeister oder zum Grafen ** zurück zu tun. Er beharrte also

unveränderlich darauf, in Frankreich zu bleiben, und da er den großen

Abstand der französischen von den Sitten seines Vaterlandes sah, sich

mit seinen eigenen Fähigkeiten und Fleiß durch alle Klassen selber

hindurchzutreiben, um das Eigentümliche dieser Nation, die er an

Kultur so weit über der seinigen glaubte, sich dadurch ganz zu eigen

zu machen. Dieser abenteuerliche Vorsatz gelung ihm. Er wußte sich

durch seine Gelehrigkeit und durch die guten Eigenschaften seines

Geistes und Herzens in dem Hause eines reichen Bankiers so zu

empfehlen, daß er ihn alles lernen ließ, was er verlangte, und mit

seinem Gelde und Ansehen unterstützte. Bei diesem hat er den Namen

Herz angenommen, den er auch nachher immer beibehalten hat und keinem

Menschen als mir von seinen Schicksalen was hat merken lassen.

Dieser war es auch, der ihn nach Leipzig schickte, um Deutsch zu

lernen, wo Sie ihn denn müssen gekannt haben. Als er zurückkam,

brauchte er ihn hauptsächlich zu seiner Korrespondenz und hat ihm, so

wie man auch nicht anders konnte, wenn man näher mit ihm umging, sein

ganzes Herz geschenkt. Endlich verschickte er ihn, um dem Bankerut

eines der größten Häuser vorzubeugen, nach der Hauptstadt, wo er sich

auch mit so vieler Ehre dieses Geschäfts entledigte, daß er von

beiden eine jährliche Pension erhielt, die er verzehren konnte, wo er

wollte. Er ging nach Holland damit, weil er von jeher das Land zu

sehen gewünscht hatte, wo Peter der Große Schiffszimmermann gewesen,

weil er aber zu nachlässig war, die Gewogenheit seiner Wohltäter

durch öftere Briefe zu unterhalten, so verlor er die Pension, kam

darauf ins Clevische, von da er endlich hieher gekommen ist.

Sehen Sie hier die wunderbare Landkarte seiner Schicksale. Sollte

ich Ihnen aber die Geschichte seines Herzens erzählen und wieviel

Anteil die an seinen äußern Umständen und Begebenheiten gehabt hat,

so würde Ihre Verwunderung und vielleicht Ihr Mitleid noch höher

steigen.

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 53 / 61 题