Dritter Brief

Sie trieb es so weit, daß sie in ihren Briefen an die Gräfin von

ihrer neuen Bekanntschaft mit Herzen redte oder vielmehr mit dieser

neuen und seltenen Eroberung prahlte, da sie denn, wie natürlich, auf

die Beschreibungen, die sie von seinem Charakter gemacht und die

ausschweifend vorteilhaft waren, von der Gräfin auch für ihn sehr

vorteilhafte Ausdrücke zur Antwort erhalten mußte. Sie hielt diese

Kriegslist für notwendig, um das Feuer, das sie einmal in seinem

Herzen angeblasen und das er aus Politik auf seinem Gesicht oft sehr

trüb und dunkel brennen ließ, nicht auslöschen zu lassen. Wer war

glücklicher als Herz? Er suchte in allen diesen Ausdrücken der ganz

und gar unschuldigen Gräfin wahre Spuren dessen, was er für sie

fühlte, und nun ging's mit seinem Verstande, Genie und Talenten

Galopp berghinunter. Er hörte, sie sei zu den Winterlustbarkeiten in

** angekommen. Er lief überall wie ein Wahnwitziger herum, sie zu

suchen, sie zu sehen, das Bild zu dieser unsichtbaren Gottheit zu

finden, die er anbetete. Sie können sich vorstellen, daß er sich

alles hat kosten lassen, und so mußte er bei seinem

schmalzugeschnittenen Vermögen notwendigerweise in Schulden geraten.

Endlich als ihm das Geld ausging und ihm niemand mehr borgen wollte,

denn so viel Vernunft war ihm immer noch übriggeblieben, daß er sich,

auch wenn's ihm das Leben gekostet hätte, nie um Geld an die Witwe

Hohl wenden wollte, um ihr kein Recht über ihn zu geben, worauf sie

nur lauerte--marschierte er aus der Stadt und in eine Einsiedelei, wo

kein Mensch weiter von ihm hörte oder sah.

Rothe war hinter alles das gekommen. Er hat seit langer Zeit Zutritt

in dem Hause der Gräfin, so wie er überhaupt hier in den besten

Häusern hat, weil er von den Großen in wichtigen Geschäften mit

Erfolg gebraucht wird und seine persönlichen Gaben seine Gesellschaft

zu der angenehmsten von der Welt machen. Er versuchte alles, Herzen

wieder in die Stadt zu bringen, da alles vergeblich war, wandte er

sich an die Gräfin und erzählte ihr aufrichtig den Verlauf der Sache

und die komplizierte Rolle, die die Witwe Hohl bei derselben gespielt.

Die Gräfin, wie Sie sich leicht vorstellen können, war ganz

innigstes tiefstes Bedauern für die Verirrung eines Menschen von so

vielen Talenten, wie Rothe ihr den Herz beschrieb, und bat ihn, ihr

ein Mittel an die Hand zu geben, ihn vielleicht zu heilen. Rothe

wußte ihr kein bessers vorzuschlagen, als daß sie sich etwa für ihn

malen ließe, damit er doch einige Entschädigung für seine getäuschten

Hoffnungen hätte, und alsdenn wollten sie dafür sorgen, ihn zu

entfernen und darüber mit Plettenberg selber korrespondieren, der von

der ganzen Sache unterrichtet werden mußte, weil sie schon eine Fabel

in der Stadt geworden war. Das geschah, Plettenberg schlug vor, ihn

nach Amerika mitzunehmen, um gegen die Kolonisten zu dienen. Das

wunderbarste war, daß Plettenberg ihn schon ehmals auf der Akademie

gekannt und daselbst viel Freundschaft für ihn gefaßt hatte. Er trug

ihm also die Stelle als Adjutant bei seinem Regiment an, die denn

auch Herz mit beiden Händen annahm, weil er glaubte, dies sei die

Laufbahn, an deren Ziel Stella mit Rosen umkränzt ihm den Lorbeer um

seine Schläfe winden würde.

Sie hatten zugleich den Plan gemacht, dem armen Herz nichts von ihrer

Verbindung mit Plettenberg merken zu lassen, sondern ihn in seinem

lieben Irrtum fortträumen zu lassen, bis Zeit und Entfernung ihn von

selbst in den Stand setzten, einen solchen Todesstreich auszuhalten.

Denn jetzt war nichts anders als sein unvermeidlicher Untergang

abzusehen, sobald er ihn erführe. Unterdessen sollte Plettenberg aus

Amerika zurückkommen, und in Abwesenheit unsers Ritters die Hochzeit

vollziehen, den er denn so lange von Europa entfernt halten konnte,

als es ihm gelegen war.

Dieser Plan ist grausam genug, indessen ist er doch der einzig

erträgliche für einen so gespannten Menschen als Herz ist. Sie haben

auch wirklich den Anfang gemacht ihn auszuführen: wie er ausgehen

wird, weiß der Himmel, ich mache immer die Augen zu, wenn ich daran

denke.

Nun stellen Sie sich vor, was die arme liebenswürdige Gräfin dabei

leidet. Einen Menschen unglücklich zu sehen bloß dadurch, daß sie so

vollkommen ist, mit dazu beigetragen zu haben, ohne daß sie im

mindesten die Absicht dazu gehabt, die schrecklichsten Aussichten für

diesen Menschen vor sich zu sehen, den sie sich nicht entbrechen kann,

hochzuschätzen, dessen Schwärmerei für sie selbst das schönste

Kolorit seines Charakters macht. Auf der andern Seite eines

Liebhabers zu schonen, der schon fünf Jahre her die redendsten Proben

seiner Treue gegeben hat und mit dem sie die glücklichsten Tage

voraussieht.--Sie hat sich wirklich für Herzen malen lassen, wobei

die Witwe Hohl immer die Hand mit im Spiel gehabt, weil Plettenberg

dies nicht erfahren sollte. Sie wissen, die Delikatesse eines

Liebhabers kann durch nichts so sehr beleidigt werden, als auch nur

das Bild von seiner Angebeteten in fremden Händen zu wissen.

So stehen die Sachen, lieber Pfarrer! und so wie ich höre, soll Herz

wirklich gestern abends zu den hessischen Truppen abgegangen sein,

die nach Amerika eingeschifft werden. Er schwimmt jetzt in lauter

seligen Träumen von Liebe und Ehre, ich fürchte, das Aufwachen wird

schrecklich sein.

Ich kenne Plettenberg von Person, er ist nicht schön und schon bei

Jahren, hat aber vielen Verstand und ein ungemein empfindliches Herz,

Geld genug hat er und könnte die äußern Glücksumstände des armen Herz

sehr leicht in guten Stand setzen. Aber welche Entschädigung für

einen solchen Verlust und bei einem Menschen wie Herz ist! dessen

ganzes Glück in Träumen besteht und der das, was man solid nennt, mit

Füßen tritt.

Leben Sie wohl und verzeihen Sie, daß ich soviel geplaudert habe.

Nicht wahr, ich hab eine gute Anlage zur Romanenschreiberin?

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 50 / 61 题