Sie trieb es so weit, daß sie in ihren Briefen an die Gräfin von
ihrer neuen Bekanntschaft mit Herzen redte oder vielmehr mit dieser
neuen und seltenen Eroberung prahlte, da sie denn, wie natürlich, auf
die Beschreibungen, die sie von seinem Charakter gemacht und die
ausschweifend vorteilhaft waren, von der Gräfin auch für ihn sehr
vorteilhafte Ausdrücke zur Antwort erhalten mußte. Sie hielt diese
Kriegslist für notwendig, um das Feuer, das sie einmal in seinem
Herzen angeblasen und das er aus Politik auf seinem Gesicht oft sehr
trüb und dunkel brennen ließ, nicht auslöschen zu lassen. Wer war
glücklicher als Herz? Er suchte in allen diesen Ausdrücken der ganz
und gar unschuldigen Gräfin wahre Spuren dessen, was er für sie
fühlte, und nun ging's mit seinem Verstande, Genie und Talenten
Galopp berghinunter. Er hörte, sie sei zu den Winterlustbarkeiten in
** angekommen. Er lief überall wie ein Wahnwitziger herum, sie zu
suchen, sie zu sehen, das Bild zu dieser unsichtbaren Gottheit zu
finden, die er anbetete. Sie können sich vorstellen, daß er sich
alles hat kosten lassen, und so mußte er bei seinem
schmalzugeschnittenen Vermögen notwendigerweise in Schulden geraten.
Endlich als ihm das Geld ausging und ihm niemand mehr borgen wollte,
denn so viel Vernunft war ihm immer noch übriggeblieben, daß er sich,
auch wenn's ihm das Leben gekostet hätte, nie um Geld an die Witwe
Hohl wenden wollte, um ihr kein Recht über ihn zu geben, worauf sie
nur lauerte--marschierte er aus der Stadt und in eine Einsiedelei, wo
kein Mensch weiter von ihm hörte oder sah.
Rothe war hinter alles das gekommen. Er hat seit langer Zeit Zutritt
in dem Hause der Gräfin, so wie er überhaupt hier in den besten
Häusern hat, weil er von den Großen in wichtigen Geschäften mit
Erfolg gebraucht wird und seine persönlichen Gaben seine Gesellschaft
zu der angenehmsten von der Welt machen. Er versuchte alles, Herzen
wieder in die Stadt zu bringen, da alles vergeblich war, wandte er
sich an die Gräfin und erzählte ihr aufrichtig den Verlauf der Sache
und die komplizierte Rolle, die die Witwe Hohl bei derselben gespielt.
Die Gräfin, wie Sie sich leicht vorstellen können, war ganz
innigstes tiefstes Bedauern für die Verirrung eines Menschen von so
vielen Talenten, wie Rothe ihr den Herz beschrieb, und bat ihn, ihr
ein Mittel an die Hand zu geben, ihn vielleicht zu heilen. Rothe
wußte ihr kein bessers vorzuschlagen, als daß sie sich etwa für ihn
malen ließe, damit er doch einige Entschädigung für seine getäuschten
Hoffnungen hätte, und alsdenn wollten sie dafür sorgen, ihn zu
entfernen und darüber mit Plettenberg selber korrespondieren, der von
der ganzen Sache unterrichtet werden mußte, weil sie schon eine Fabel
in der Stadt geworden war. Das geschah, Plettenberg schlug vor, ihn
nach Amerika mitzunehmen, um gegen die Kolonisten zu dienen. Das
wunderbarste war, daß Plettenberg ihn schon ehmals auf der Akademie
gekannt und daselbst viel Freundschaft für ihn gefaßt hatte. Er trug
ihm also die Stelle als Adjutant bei seinem Regiment an, die denn
auch Herz mit beiden Händen annahm, weil er glaubte, dies sei die
Laufbahn, an deren Ziel Stella mit Rosen umkränzt ihm den Lorbeer um
seine Schläfe winden würde.
Sie hatten zugleich den Plan gemacht, dem armen Herz nichts von ihrer
Verbindung mit Plettenberg merken zu lassen, sondern ihn in seinem
lieben Irrtum fortträumen zu lassen, bis Zeit und Entfernung ihn von
selbst in den Stand setzten, einen solchen Todesstreich auszuhalten.
Denn jetzt war nichts anders als sein unvermeidlicher Untergang
abzusehen, sobald er ihn erführe. Unterdessen sollte Plettenberg aus
Amerika zurückkommen, und in Abwesenheit unsers Ritters die Hochzeit
vollziehen, den er denn so lange von Europa entfernt halten konnte,
als es ihm gelegen war.
Dieser Plan ist grausam genug, indessen ist er doch der einzig
erträgliche für einen so gespannten Menschen als Herz ist. Sie haben
auch wirklich den Anfang gemacht ihn auszuführen: wie er ausgehen
wird, weiß der Himmel, ich mache immer die Augen zu, wenn ich daran
denke.
Nun stellen Sie sich vor, was die arme liebenswürdige Gräfin dabei
leidet. Einen Menschen unglücklich zu sehen bloß dadurch, daß sie so
vollkommen ist, mit dazu beigetragen zu haben, ohne daß sie im
mindesten die Absicht dazu gehabt, die schrecklichsten Aussichten für
diesen Menschen vor sich zu sehen, den sie sich nicht entbrechen kann,
hochzuschätzen, dessen Schwärmerei für sie selbst das schönste
Kolorit seines Charakters macht. Auf der andern Seite eines
Liebhabers zu schonen, der schon fünf Jahre her die redendsten Proben
seiner Treue gegeben hat und mit dem sie die glücklichsten Tage
voraussieht.--Sie hat sich wirklich für Herzen malen lassen, wobei
die Witwe Hohl immer die Hand mit im Spiel gehabt, weil Plettenberg
dies nicht erfahren sollte. Sie wissen, die Delikatesse eines
Liebhabers kann durch nichts so sehr beleidigt werden, als auch nur
das Bild von seiner Angebeteten in fremden Händen zu wissen.
So stehen die Sachen, lieber Pfarrer! und so wie ich höre, soll Herz
wirklich gestern abends zu den hessischen Truppen abgegangen sein,
die nach Amerika eingeschifft werden. Er schwimmt jetzt in lauter
seligen Träumen von Liebe und Ehre, ich fürchte, das Aufwachen wird
schrecklich sein.
Ich kenne Plettenberg von Person, er ist nicht schön und schon bei
Jahren, hat aber vielen Verstand und ein ungemein empfindliches Herz,
Geld genug hat er und könnte die äußern Glücksumstände des armen Herz
sehr leicht in guten Stand setzen. Aber welche Entschädigung für
einen solchen Verlust und bei einem Menschen wie Herz ist! dessen
ganzes Glück in Träumen besteht und der das, was man solid nennt, mit
Füßen tritt.
Leben Sie wohl und verzeihen Sie, daß ich soviel geplaudert habe.
Nicht wahr, ich hab eine gute Anlage zur Romanenschreiberin?