Sie wollen das Schicksal des armen Herz wissen und was ihn zu einem
so schleunigen und seltsamen Entschluß, als der ist, nach Amerika zu
gehen, hat bewegen können. Lieber Pfarrer, um das zu beantworten,
muß ich wieder zurückgehn und eine ziemlich weitläuftige Erzählung
anfangen, die mir, da ich so gern Briefe schreibe, ein sehr
angenehmer Zeitvertreib ist.
Ich habe seitdem vollständigere Nachrichten eingezogen von Herzens
erster Bekanntschaft mit der Witwe Hohl, von der unglücklichen
Leidenschaft, die er für die Gräfin Stella faßte, von den Ursachen,
die alle zusammentrafen, diese Leidenschaft zu unterhalten, welches
bei jedem vernünftigen Menschen sonst unbegreiflich sein würde, da
die Gräfin nicht allein so weit über seinen Stand erhaben, sondern
auch seit fünf Jahren schon eine Braut mit einem gewissen Obersten
Plettenberg ist, der schon eine Campagne wider die Kolonisten in
Amerika mitgemacht hat, bloß damit er Gelegenheit habe, sich bis zum
General oder Generallieutnant zu bringen, weil er sonst nicht wagen
darf, bei dem Vater der Gräfin um sie anzuhalten. Heimlich ist aber
unter ihr und ihren Verwandten alles mit ihm schon ausgemacht.--Alle
diese Nachrichten sollen Ihnen den Schlüssel zu Herzens wunderbarem
Charakter und Handlungen geben.
Diese Geschichte ist aber so wie das ganze Leben Herzens ein solch
unerträgliches Gemisch von Helldunkel, daß ich sie Ihnen ohne innige
Ärgernis nicht schreiben kann. Kein Zustand der Seele ist mir
fataler, als wenn ich lachen und weinen zugleich muß, Sie wissen, ich
will alles ganz haben, entweder erhabene Melancholei oder
ausgelassene Lustigkeit--indessen ist es nun einmal so und ich kann
mir nicht helfen.
Die Witwe Hohl--Sie kennen die Witwe Hohl und ich brauche Ihnen ihre
Häßlichkeit nicht zu beschreiben, doch wenn Sie sich nicht mehr auf
ihr Gesicht erinnern sollten, sie hat eingefallene Augen, den Mund
auf die Seite verzogen, der ein wahres Grab ist, das, wenn sie ihn
öffnet, Totenbeine weist, eine eingefallene Nase, kurz alles was
häßlich und schrecklich in der Natur ist--hier lassen Sie mich
aufstehn und abbrechen, die Beschreibung hat mich angegriffen,
besonders wenn ich bedenke, daß der delikate, der fein organisierte
Herz in sie verliebt war--