Herz an Rothen

Welch ein schreckliches Ungewitter hat diesen himmlischen

Sonnenschein abgelöst! Rothe, ich weiß nicht, ob ich noch lebe, ob

ich noch da bin oder ob alles dies nur ein beängstigender Traum ist.

Auch Du ein Verräter--nein, es kann nicht sein. Mein Herz weigert

Sich, die schrecklichen Vorspiegelungen meiner Einbildungskraft zu

glauben und doch kann ich mich deren nicht erwehren. Auch Du,

Rothe--nimmermehr!

Schick mir das Bild zurück, oder ich endige schrecklich. Du mußt es

nun haben, dieses Bild, und mit blutiger Faust werde ich's

zurückzufodern wissen, wenn Du mir's nicht in gutem gibst.

Dein Stillschweigen, Dein geheimnisvolles Wesen gegen mich--gegen

mich, Rothe--bedenke, was das sagen will--nein doch, ich kann es,

kann es nicht glauben. Du kannst Dich eines so schwarzen Complots

nicht schuldig gemacht haben.

Ich will Dir alles erzählen, aber ich fodere von Dir, daß Du mir

Aufrichtigkeit mit Aufrichtigkeit belohnst.

Ich flog den Nachmittag, sobald meine Informationen vorbei waren, zur

Witwe Hohl hinauf--kannst Du Dir vorstellen, mit welchen

Empfindungen? Ich wollte ihre beide Hände unbeweglich an meine

Lippen drücken, mich auf die Knie vor ihr werfen, und ihr mit Blicken

und Tränen für alle das Vergnügen danken, das sie mir den Vormittag

verschafft hatte. Aber Gott! wie ward mir das versalzen? Ich fand

sie--zu Bette. Mit der wahren Stimme einer Verzweifelnden redte sie

mich an: "Unglücklicher, fort von mir! was wollt Ihr bei mir"--"Was

ist Ihnen, beste Witwe Hohl"--"Seht da Euer Werk, Verräter"--"Ich

schuld an Ihrer Krankheit"--"Ja schuld an meinem

Tode"--"Wodurch"--"Fragt Euer Herz, Bösewicht!"

Ich war für Wut außer mir, ich fing an zu bitten, ich fing an zu

schmeicheln, zu weinen, zu schwören--Welche grausame Verwirrungen

hatte unser Mißverstand angerichtet, oder vielmehr meine

Nachlässigkeit, sie eher aus ihrem Irrtum zu reißen. Sie war über

mein Betragen den Vormittag eifersüchtig geworden--sie

eifersüchtig--nie hatte ich mir das träumen lassen. Hätte sie doch

nur einmal während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft in den

Spiegel gesehen, wieviel Leiden hätte sie sich ersparen können!

Indessen, der Mensch sucht seine ganze Glückseligkeit im Selbstbetrug.

Vielleicht betrüge ich mich auch. Sei es was es wolle, ich will

das Bild wieder haben, oder ich bringe mich um.--Nun kommt das

Schlimmste erst. Ich hatte ihr gesagt, ich würde Dir das Bild

zuschicken, weil ich wirklich glaubte, die Gräfin hätte vielleicht

gewünscht, daß Du es auch vorher sehen solltest, eh' ich's nach

Amerika mitnähme. Jetzt sagte sie mir, daß ich die Gräfin aufs

grausamste und unverzeihlichste beleidigen würde, wenn ich ihr nicht

mit einem Eide verspräche, Dir das Bild zuzuschicken und es nimmer

wiederzufodern--"Es nimmer wiederzufodern", sagte ich, "wie können

Sie das verlangen"--"Ja das verlange ich", sagte sie, "und zwar auf

Ordre der Gräfin, denn das erste ist schon geschehen."

Nun stelle Dir vor, sie hatte während meiner Abwesenheit mein Zimmer

vom Hausherrn aufmachen lassen, und das Bild herausgenommen. Ich

hatte mir vorgesetzt, davon eine Kopei nehmen zu lassen und sie Dir

zuzusenden, das Original aber für mich zu behalten, weil des Malers

Hand dabei sichtbarlich von einer unsichtbaren Macht geleitet ward

und ich das, was die Künstler die göttliche Begeisterung nennen,

wirklich da arbeiten gesehen habe--und nun--ich hätte sie mit Zähnen

zerreißen mögen--alles fort--Rothe, das Bild wieder, oder den Tod!

Dazu kommt noch, daß ich übermorgen reisen soll. Ich wünschte, ich

könnte Dich abwarten. Schick nur, wenn Du selbst nicht kommen kannst,

das Bild an Fernand, der weiß meine Adresse. O mein Herz ist in

einem Aufruhr, der sich nicht beschreiben läßt.

Was für Ursachen konnte die Gräfin haben, das Bild Dir malen zu

lassen?--Nein, es ist ein Einfall der Witwe Hohl. Antworte mir doch.

_Herz._

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 45 / 61 题