Zwölfter Brief

Ich schreibe Dir dieses, obschon Du's nicht verdienst. Aber ich kann

nicht, ich kann die Freude über alle mein Glück nicht bei mir

behalten. Und da ich sonst gewohnt war, mein Herz gegen Dich zu

öffnen--Wisse alles, Rothe, sie kennt mich, sie weiß, daß ich um

ihrentwillen hier bin, wer muß ihr das gesagt haben?

Gestern konnt' ich's fast nicht aushalten in meiner Hütte. Alles war

versteinert um mich, und ich habe die Kälte in der härtesten

Jahrszeit in meinem Vaterlande selbst nicht so unmitleidig gefunden.

Ich nahm mir das Eis aus den Haaren, und es war mir nicht möglich,

Feuer anzumachen; ich mußte also ziemlich spät ins Dorf hinabgehen,

mich zu wärmen.

Stelle Dir das Entzücken, die Flamme vom Himmel vor, die meine

ausgequälte Seele durchfuhr, als ich auf einmal Fackeln vor einem

Schlitten auf mich zu kommen und bei deren Schein die Liverei meiner

angebeteten Gräfin sah. Ich hielt sie dafür, ich betrog mich nicht.

Sie war es, sie war es selbst, nicht die, die ich auf dem Ball

gesehen, aber mein Herz sagte mir's, daß sie es sei, denn als sie

mich sah, sie sah scharf heraus, hielt sie den Muff vor das Gesicht,

um die Bewegungen ihres Herzens zu verbergen. Und wie groß, wie

sprachlos war meine Freude, als ich hernach im Dorf hörte, sie habe

sich durch ihre Bedienten nach einem gewissen Waldbruder erkundigen

lassen, der hier in der Nähe wohnte.

Ich, so lebhaft gegenwärtig in ihrem Andenken--und in dieser Kälte

kam sie heraus, mich zu sehen--wenn es auch nur Spazierfahrt war, wie

glücklich, daß meine Hütte sie auf diesen Weg locken

mußte--vielleicht kann ich sie noch einmal sehen und sprechen.--Rothe!

Gibt's eine höhere Aussicht für menschliche Wünsche?

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 24 / 61 题