Wissen Sie auch wohl, daß wir hier einen neuen Werther haben, noch
wohl schlimmer als das, einen Idris, der es in der ganzen Strenge des
Worts ist, und zu der Nische, die Herr Wieland seinem Helden am Ende
leer gelassen hat, mit aller Gewalt ein lebendes Bild sucht. Kurz,
es ist der junge Herz, den Sie bisweilen in unserm Hause müssen
gesehen haben, er war sehr einschmeichelnd beim Frauenzimmer, aber
immer in seinen Ausdrücken etwas romantisch, welches mir um soviel
besser gefiel. Er hat im ganzen Ernst seine Bedienung niedergelegt,
und ist in den Odenwald gegangen und Einsiedler geworden. Jedermann
redt davon und bedaurt das Unheil, das solche Schriften anrichten.
Ich aber behaupte, daß der Grund davon in seinem Herzen liegt, und
daß er auch ohne Werther und Idris das geworden wäre, was er ist.
Die Person, die er liebt, ist eine Gräfin, die in der Tat ein rechtes
Muster aller Vollkommenheiten ist, wie man sie mir beschrieben hat.
Sie tanzt wie ein Engel, zeichnet, malt nach dem Leben, spricht alle
Sprachen, ist mit jedermann freundlich und liebreich, kurz, sie
verdient es wohl, daß eine Mannsperson um sie den Kopf verliert.
Alle ihre Stunden sollen so eingeteilt sein, daß sie niemalen müßig
ist, sie unterhält allein eine Korrespondenz, wozu mancher
Staatsminister nicht Sekretärs genug finden würde, und die Briefe
schreibt sie alle während der Zeit, da sie frisiert wird, auf der
Hand, damit sie ihr von ihren übrigen Beschäftigungen nicht Zeit
wegnehmen. Es muß ein liebes Geschöpf sein, sie soll von dem Unglück
des armen Herz gehört haben, und darüber untröstlich sein, denn sie
hat ein Gemüt, das nicht gern ein Kind beleidigen möchte. Er hat
einige von ihren Briefen in die Hände bekommen, die sie während ihres
Aufenthalts auf dem Lande an die Witwe Hohl hier geschrieben hatte.
Sie wissen doch die Witwe Hohl in der Laubacherstraße in dem großen
roten Hause. Herz soll bei ihr logiert haben. Das seltsamste ist,
daß er seinen Abgott noch nicht von Person kennt, obschon er alles
angewandt, sie zu sehen zu kriegen. Er hat eine andere für sie
angesehen und also eine ganz falsche Vorstellung von ihr in seine
Zelle mitgenommen.
Die Fräulein Schatouilleuse kennt die Gräfin auch, weil sie oft in
ihr Haus kommt, will aber nicht viel Gutes von ihr sagen. Sie meint,
sie affektiere entsetzlich, nun ist das ganz natürlich, weil ihre Art
zu denken von jener ihrer himmelweit unterschieden sein muß.
Man sagt, die Gräfin wolle an den armen Herz schreiben, um ihn
vielleicht wieder zurecht zu bringen. Ich habe nicht Zeit, Ihnen
mehr zu sagen, obgleich ich sonst so ungern weiß Papier übriglasse.
Unser Haus ist voll Fremde, die zur Ostermesse gekommen sind. Wenn
Sie doch auch auf einige Tage herein könnten. Der wunderliche Herr
Hokum ist auch da.
_Honesta_.