Rothens Antwort

Dein Brief trägt die offenbaren Zeichen des Wahnsinns, würde ein

andrer sagen, mir aber, der ich Dir ein für allemal durch die Finger

sehe, ist er unendlich lieb. Du bist einmal zum Narren geboren, und

wenigstens hast Du doch so viel Verstand, es mit einer guten Art zu

sein.

Ich lebe glücklich wie ein Poet, das will bei mir mehr sagen, als

glücklich wie ein König. Man nötigt mich überall hin und ich bin

überall willkommen, weil ich mich überall hinzupassen und aus allem

Vorteil zu ziehen weiß. Das letzte muß aber durchaus sein, sonst

geht das erste nicht. Die Selbstliebe ist immer das, was uns die

Kraft zu den andern Tugenden geben muß, merke Dir das, mein

menschenliebiger Don Quischotte! Du magst nun bei diesem Wort die

Augen verdrehen, wie Du willst, selbst die heftigste Leidenschaft muß

der Selbstliebe untergeordnet sein, oder sie verfällt ins

Abgeschmackte und wird endlich sich selbst beschwerlich.

Ich war heut in einem kleinen Familienkonzert, das nun vollkommen

elend war und in dem Du Dich sehr übel würdest befunden haben. Das

Orchester bestand aus Liebhabern, die sich Taktschnitzer, Dissonanzen

und alles erlaubten und Hausherr und Kinder, die nichts von der Musik

verstunden, spähten doch auf unsern Gesichtern nach den Mienen des

Beifalls, die wir ihnen reichlich zumaßen, um den guten Leuten die

Kosten nicht reu zu machen. Nicht wahr, das würde Dir eine Folter

gewesen sein, Kleiner? besonders da seine Töchter mit den noch nicht

ausgeschrienen Singstimmen mehr kreischend als singend uns die Ohren

zerschnitten. Da in laute Aufwallungen des Entzückens auszubrechen

und bravo, bravissimo zu rufen, das war die Kunst--und weißt Du,

womit ich mich entschädigte? Die Tochter war ein freundlich

rosenwangigtes Mädchen, das mich für jede Schmeichelei, für jede

herzlichfalsche Lobeserhebung mit einem feurigen Blick bezahlte, mir

auch oft dafür die Hand und wohl gar gegen ihr Herz drückte, das hieß

doch wahrlich gut gekauft. Ich weiß, Du knirschest die Zähne

zusammen, aber mein Epikureismus führt doch wahrhaftig weiter, als

Dein tolles Streben nach Luft- und Hirngespinsten. Ich weiß, das

Mädchen denkt doch heute den ganzen Abend mit Vergnügen an mich,

warum soll ich ihr die Freude nicht gönnen, daß sie sich mit den

Gedanken an mich zu Bette legt.

Willst Du's auch so gut haben, komm zu uns, ich will gern die zweite

Rolle spielen, wenn ich Dich nur zum brauchbaren Menschen machen kann.

Was fehlte Dir bei uns? Du hattest Dein mäßiges Einkommen, das zu

Deinen kleinen Ausgaben hinreichte, Du hattest Freunde, die Dich ohne

Absichten liebten, ein Glück, das sich Könige wünschen möchten, Du

hattest Mädchen, die an kleinen Netzen für Dein Herz webten, in denen

Du Dich nur so weit verstricktest, als sie Dir behaglich waren,

hernach flogst Du wieder davon und sie hatten die Mühe, Dir neue zu

weben. Was fehlte Dir bei uns? Liebe und Freundschaft vereinigten

sich, Dich glücklich zu machen, Du schrittst über alles das hinaus in

das furchtbare Schlaraffenland verwilderter Ideen!

Nichts lieblicher als die Eheknoten, die für mich geschlungen werden

und an denen ich mit solcher Artigkeit unten weg zu schleichen weiß.

Denk, was für ein Aufwand von Reizungen bei alle den Geschichten um

mich her ist, welch eine Menge Charaktere sich mir entwickeln, wie

künstliche Rollen um mich angelegt und wie meisterhaft sie gespielt

werden. Das ergötzt meinen innern Sinn unendlich, besonders weil ich

zum voraus weiß, daß sich die Leute alle an mir betrügen, um mir

hernach doch nicht einmal ein böses Wort darum geben dürfen. So gut

würde Dir's auch werden, wenn Du mir folgtest; wäre doch besser,

unter blühenden und glühenden Mädchen in Scherz und Freude und

Liebkosungen sich herumzuwälzen, als unter deinen glasierten Bäumen

auf der gefrornen Erde. Was meinst Du, Herz? Lachst Du? Narr, wenn

Du lachen kannst, so ist alles gewonnen.

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 15 / 61 题