Herz an Rothe

Das einzige, was mir in Deinem letzten Briefe erträglich war, ist die

Stelle, da Du eine Abschilderung von dem Charakter des Gegenstandes

meiner einsamen Anbetung wünschtest, das übrige habe ich nicht

gelesen. Zwar scheint auch in diesem Wunsch nur die Bosheit des

Versuchers durch, der dadurch, daß er mein Geheimnis aus meinem

Herzen über die Lippen lockt, mir dasselbe gern gleichgültiger machen

möchte. Aber sei es, es soll Dir dennoch genug geschehen. Zwar weiß

ich wohl, wie vielen Schaden ich ihr durch meine Beschreibungen tue,

aber dennoch wirst Du, wenn Du klug bist und Seele hast, Dir aus

meinem Gestotter ein Bild zusammensetzen können.

Denke Dir alles, was Du Dir denken kannst, und Du hast nie zu viel

gedacht--doch nein, was kannst Du denken? Die Erziehung einer

Fürstin, das selbstschöpferische Genie eines Dichters, das gute Herz

eines Kindes, kurzum alles, alles beisammen, und alle Deine Mühe ist

dennoch vergeblich, und alle meine Beschreibungen abgeschmackt. So

viel allein kann ich Dir sagen, daß Jung und Alt, Groß und Klein,

Vornehm und Gering, Gelehrt und Ungelehrt, sich herzlich wohl

befinden, wenn sie bei ihr sind, und jedem plötzlich anders wird,

wenn sie mit ihm redt, weil ihr Verstand in das Innerste eines jeden

zu dringen, und ihr Herz für jede Lage seines Herzens ein

Erleichterungsmittel weiß. Alles das leuchtet aus ihren Briefen, die

ich gelesen habe, die ich bei mir habe und auf meinem bloßen Herzen

trage. Sieh, es lebt und atmet darinnen eine solche Jugend, so viel

Scherz und Liebe und Freude, und ist doch so tiefer Ernst, die

Grundlage von alledem, so göttlicher Ernst--der eine ganze Welt

beglücken möchte!

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 13 / 61 题