Rothe an Herz

Aber, Herz, bist Du nicht ein Narr, und zwar einer von den

gefährlichen, die, wie Shakespeare sagt, für ihre Narrheit immer eine

Entschuldigung wissen und folglich unheilbar sind. Ich habe Dir aus

Fräulein Schatouilleusens Brief begreiflich gemacht, daß Dein ganzer

Troß von Phantasei irregegangen wäre, daß Du eine andere für Deine

Gräfin angesehen hättest, und Du willst doch noch nicht aus Deinem

Trotzwinkel zu uns zurück. Du seist nicht in ihre Gestalt verliebt

gewesen, sondern in ihren Geist, in ihren Charakter, Du könntest Dich

geirrt haben, wenn Du zu dem eine andere Hülle aufgesucht hättest,

aber der Grund Deiner Liebe bleibe immer derselbe und

unerschütterlich. Solltest Du aber nicht wenigstens, da Du doch

durchaus einer von denen sein willst, die mit Terenz insanire cum

ratione volunt durch Abschilderung dieses Charakters, dieses Geistes

das Abenteuerliche Deiner Leidenschaft bei Deinem Freunde zu

rechtfertigen suchen? Vielleicht könntest Du hierin ebensowohl eines

Irrtums überwiesen werden, als in jenem, und dafür scheint es, ist

Dir bange.

Alle Deine Talente in eine Einsiedelei zu begraben--Und was sollen

diese Schwärmereien endlich für ein Ende nehmen? Höre mich, Herz,

ich gelte ein wenig bei den Frauenzimmern, und das bloß, weil ich

leichtsinnig mit ihnen bin. Sobald ich in die hohen Empfindungen

komme, ist's aus mit uns, sie verstehen mich nicht mehr, so wenig als

ich sie, unsere Liebesgeschichten haben ein Ende. Ich schreibe Dir

dies nicht, Dich in Deinem Vorhaben wankend zu machen, ich weiß, daß

Du einen viel zu originellen Geist hast, um Deine Eigentümlichkeit

aufgeben zu wollen, aber ich sage Dir nur, wie ich bin, ich klage Dir

meine kleinen Empfindungen auf der Querpfeife, wie Du Deine auf dem

Waldhorn. Siehst Du, so bin ich in einer beständigen Unruhe, die

sich endlich in Ruhe und Wollust auflöst und dann mit einer reizenden

Untreue wechselt. So wälze ich mich von Vergnügen auf Vergnügen, und

da kommen mir Deine Briefe eben recht, unsern eingeschrumpften

Gesellschaften Stoff zum Lachen zu geben. Es sticht alles so

schrecklich mit unsrer Art zu lieben ab. Nun lebe wohl und besinne

Dich einmal eines Bessern.

_Rothe._

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 11 / 61 题