Dritter Brief

Herz an Rothen, der dem Boten weiter nichts als einen Zettel

mitgegeben,auf dem mit Bleistift geschrieben war:Herz! Du dauerst

mich!

Ich danke Dir für Dein zuvorkommendes Mitleid. Das Pressende und

Drückende meiner äußern Umstände preßt und drückt mich nicht. Es ist

etwas in mir, das mich gegen alles Äußere gefühllos macht.

Du hast vermutlich erfahren, daß mein letztes Geld, das ich aus der

Stadt mitgenommen, mir von einem schelmischen Bauren gestohlen worden,

der die Zeit abpaßte, als ich unten war, Brot zu kaufen. Aber wozu

sollte mir auch das Geld? Wenn ich Mangel habe, gehe ich ins Dorf,

und tue einen Tag Tagelöhners Arbeit, dafür kann ich zwei Tage meinen

Gedanken nachhängen.

Ich bin glücklich, ich bin ganz glücklich. Ich ging gestern, als die

Sonne uns mitten im Winter einen Nachsommer machte, in der Wiese

spazieren, und überließ mich so ganz dem Gefühl für einen Gegenstand,

der's verdient, auch ohne Hoffnung zu brennen. Das matte Grün der

Wiesen, das mit Reif und Schnee zu kämpfen schien, die braunen

verdorrten Gebüsche, welch ein herzerquickender Anblick für mich!

Ich denke, es wird doch für mich auch ein Herbst einmal kommen, wo

diese innere Pein ein Ende nehmen wird. Abzusterben für die Welt,

die mich so wenig kannte, als ich sie zu kennen wünschte--o welche

schwermütige Wollust liegt in dem Gedanken!

Beständig quält mich das, was Rousseau an einem Ort sagt, der Mensch

soll nicht verlangen, was nicht in seinen Kräften steht, oder er

bleibt ewig ein unbrauchbarer schwacher und halber Mensch. Wenn ich

nun aber schwach, halb unbrauchbar bleiben will, lieber als meinen

Sinn für das stumpf machen, bei dessen Hervorbringung alle Kräfte der

Natur in Bewegung waren, zu dessen Vervollkommnung der Himmel selbst

alle Umstände vereinigt hat. O Rousseau! Rousseau! wie konntest du

das schreiben!

Wenn ich mir noch den Augenblick denke, als ich sie das erstemal auf

der Maskerade sah, als ich ihr gegenüber am Pfeiler eingewurzelt

stand und mir's war, als ob die Hölle sich zwischen uns beiden

öffnete und eine ewige Kluft unter uns befestigte. Ach wo ist ein

Gefühl, das dem gleichkommt, so viel unaussprechlichen Reiz vor sich

zu sehen mit der schrecklichen Gewißheit, nie, nie davon Besitz

nehmen zu dürfen. Ixion an Jupiters Tafel hat tausendmal mehr

gelitten, als Tantalus in dem Acheron. Wie sie so stand und alles

sich um sie herdrängte und in ihrem Glanze badete, und ihr überall

gegenwärtiges Auge keinen ihrer Bewunderer unbelohnt ließ. Sieh,

Rothe, diese Maskerade war der glücklichste und der unglücklichste

Tag meines Lebens. Einmal kam sie nach dem Tanz im Gedränge vor mir

zu stehen, als ich eben auf der Bank saß, und als ob ich bestimmt

gewesen wäre, in ihren Zauberzirkel zu fallen, so dicht vor mir, daß

ich von meinem Sitz nicht aufstehen konnte, ihr meinen Platz

anzutragen, denn die Ehrfurcht hielt mich zurück, sie anzureden.

Diese Attitüde hättest Du sehen und zeichnen sollen, das Entzücken,

so nah bei ihr zu sein, die Verlegenheit, ihr einen Platz genommen zu

haben, o es war eine süße Folter, auf der ich diese wenige glückliche

Minuten lag.

Wo bin ich nun wieder hineingeraten, ich fürchte mich, alle die

Sachen dem Papier anvertraut zu haben. Heb es sorgfältig auf, und

laß es in keine unheiligen Hände kommen.

_Herz._

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 7 / 61 题