Herz an Rothen, der dem Boten weiter nichts als einen Zettel
mitgegeben,auf dem mit Bleistift geschrieben war:Herz! Du dauerst
mich!
Ich danke Dir für Dein zuvorkommendes Mitleid. Das Pressende und
Drückende meiner äußern Umstände preßt und drückt mich nicht. Es ist
etwas in mir, das mich gegen alles Äußere gefühllos macht.
Du hast vermutlich erfahren, daß mein letztes Geld, das ich aus der
Stadt mitgenommen, mir von einem schelmischen Bauren gestohlen worden,
der die Zeit abpaßte, als ich unten war, Brot zu kaufen. Aber wozu
sollte mir auch das Geld? Wenn ich Mangel habe, gehe ich ins Dorf,
und tue einen Tag Tagelöhners Arbeit, dafür kann ich zwei Tage meinen
Gedanken nachhängen.
Ich bin glücklich, ich bin ganz glücklich. Ich ging gestern, als die
Sonne uns mitten im Winter einen Nachsommer machte, in der Wiese
spazieren, und überließ mich so ganz dem Gefühl für einen Gegenstand,
der's verdient, auch ohne Hoffnung zu brennen. Das matte Grün der
Wiesen, das mit Reif und Schnee zu kämpfen schien, die braunen
verdorrten Gebüsche, welch ein herzerquickender Anblick für mich!
Ich denke, es wird doch für mich auch ein Herbst einmal kommen, wo
diese innere Pein ein Ende nehmen wird. Abzusterben für die Welt,
die mich so wenig kannte, als ich sie zu kennen wünschte--o welche
schwermütige Wollust liegt in dem Gedanken!
Beständig quält mich das, was Rousseau an einem Ort sagt, der Mensch
soll nicht verlangen, was nicht in seinen Kräften steht, oder er
bleibt ewig ein unbrauchbarer schwacher und halber Mensch. Wenn ich
nun aber schwach, halb unbrauchbar bleiben will, lieber als meinen
Sinn für das stumpf machen, bei dessen Hervorbringung alle Kräfte der
Natur in Bewegung waren, zu dessen Vervollkommnung der Himmel selbst
alle Umstände vereinigt hat. O Rousseau! Rousseau! wie konntest du
das schreiben!
Wenn ich mir noch den Augenblick denke, als ich sie das erstemal auf
der Maskerade sah, als ich ihr gegenüber am Pfeiler eingewurzelt
stand und mir's war, als ob die Hölle sich zwischen uns beiden
öffnete und eine ewige Kluft unter uns befestigte. Ach wo ist ein
Gefühl, das dem gleichkommt, so viel unaussprechlichen Reiz vor sich
zu sehen mit der schrecklichen Gewißheit, nie, nie davon Besitz
nehmen zu dürfen. Ixion an Jupiters Tafel hat tausendmal mehr
gelitten, als Tantalus in dem Acheron. Wie sie so stand und alles
sich um sie herdrängte und in ihrem Glanze badete, und ihr überall
gegenwärtiges Auge keinen ihrer Bewunderer unbelohnt ließ. Sieh,
Rothe, diese Maskerade war der glücklichste und der unglücklichste
Tag meines Lebens. Einmal kam sie nach dem Tanz im Gedränge vor mir
zu stehen, als ich eben auf der Bank saß, und als ob ich bestimmt
gewesen wäre, in ihren Zauberzirkel zu fallen, so dicht vor mir, daß
ich von meinem Sitz nicht aufstehen konnte, ihr meinen Platz
anzutragen, denn die Ehrfurcht hielt mich zurück, sie anzureden.
Diese Attitüde hättest Du sehen und zeichnen sollen, das Entzücken,
so nah bei ihr zu sein, die Verlegenheit, ihr einen Platz genommen zu
haben, o es war eine süße Folter, auf der ich diese wenige glückliche
Minuten lag.
Wo bin ich nun wieder hineingeraten, ich fürchte mich, alle die
Sachen dem Papier anvertraut zu haben. Heb es sorgfältig auf, und
laß es in keine unheiligen Hände kommen.
_Herz._