Herz an seinen Freund Rothe in einer großen Stadt

Ich schreibe Dir dieses aus meiner vÖllig eingerichteten HÜtte, zwar

nur mit Moos und BaumblÄttern bedeckt, aber doch für Wind und Regen

gesichert. Ich hätte mir nie vorgestellt, daß dies Klima auch im

Winter so mild sein könne. Übrigens ist die Gegend, in der ich

mich hingebaut, sehr malerisch. Grotesk übereinander gewälzte Berge,

die sich mit ihren schwarzen Büschen dem herunterdrückenden Himmel

entgegen zu stemmen scheinen, tief unten ein breites Tal, wo an einem

kleinen hellen Fluß die Häuser eines armen aber glücklichen Dorfs

zerstreut liegen. Wenn ich denn einmal heruntergehe und den engen

Kreis von Ideen, in dem die Adamskinder so ganz existieren, die

einfachen und ewig einförmigen Geschäfte und die Gewißheit und

Sicherheit ihrer Freuden übersehe, so wird mir das Herz so enge und

ich möchte die Stunde verwünschen, da ich nicht ein Bauer geboren bin.

Sie sehen mich oft verwundrungsvoll an, wenn ich so unter ihnen

herumschleiche und nirgends zu Hause bin, mit ihrem Scherz und Ernst

nicht sympathisieren kann, so daß ich mich am Ende wohl schämen und

in ihre Form zu passen suchen muß, da sie denn ihren Witz nach ihrer

Art meisterhaft über meine Unbehelfsamkeit wissen spielen zu lassen.

Alles dies beleidigt mich nicht, weil sie meistens recht haben und

ein Zustand wie der meinige durch die äußern Symptome, die er

veranlaßt, schon seit Petrarchs Zeiten jedermann zum Gespött dienen

muß. Soll ich aber die Wahl haben, so ist mir der Spott des

ehrlichen Landmanns immer noch Wohltat gegen das Auszischen leerer

Stutzer und Stutzerinnen in den Städten.

Wenn Du einmal einen geschäftfreien Tag hast, so komm zu mir, Du bist

der einzige Mensch, der mich noch zuweilen versteht.

_Herz._

Der Waldbruder, ein Pendant zu Werthers Leiden · 第 5 / 61 题