KAPITEL XX.

Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren

der westlichen Wasserfälle--Flössen des Rotang--In Long Deho

bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken

zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den

Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur

in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--Über Uma Mehak, Udju Halang,

Ana und Tengaron nach Samarinda.

Am 13. April fand unsere langersehnte Abreise von Long Blu-u endlich

statt. Die Kajan, die durch den Bau ihrer eigenen Wohnung und andere

Arbeiten daran verhindert waren, uns zur Küste zu begleiten, brachten

uns jetzt nach Long Tepai, teils um etwas zu verdienen, teils um

auch etwas für uns getan zu haben. Am ersten Taue fuhren wir bis

Batu Sala, übernachteten dort und trafen bereits am Vormittag des

folgenden Tages in Long Tepai ein.

Das Flusstal verbreitert sich vom Batu Mili an; unmittelbar an den

Ufern befinden sich nur wenige Hügel und erst in grösserem Abstand sind

einige Berge sichtbar. Zwischen den zahlreichen Inseln bei Lulu Njiwung

wählt man, je nach dem Stand des Wassers, um die vielen Stromschnellen

zu vermeiden, ein verschiedenes Fahrwasser. Von der Mündung des Merasè

an tragen die flachen Ufer nur Gestrüpp, niedrigen Wald und einige

Reisfelder. Bei Long Tepai erreichen die Ausläufer des Batu Lesong,

der sich hier dem Mahakam nähert, dessen Ufer.

Long Tepai stellt oberhalb der Wasserfälle die wichtigste Niederlassung

der Long-Glat vor, weniger ihrer Grösse, als der Persönlichkeit ihres

Häuptlings _Bo Lea_ wegen. Der Häuptling von Lulu Njiwung, _Ding Ngow_,

ist in bezog auf seine Geburt zwar vornehmer, er ist aber ein junger,

unbedeutender Mann, während _Bo Lea_ als bejahrter Mann und energische

Persönlichkeit, trotzdem er nur der Sohn einer _panjin_ ist, in den

Augen der Bahau viel mehr Ansehen geniesst. Sein Einfluss lässt sich

bereits daraus beurteilen, dass bei der Teilung der Niederlassung

Lirung Ban die meisten Bewohner ihm folgten (pag. 281). Als ich mich

im Jahre 1896 nach dem oberen Mahakam begab, gereichte es meinem

Geleite von Mendalam Kajan zur grossen Beruhigung, dass _Bo Lea_

mit meiner Expedition einverstanden war. Nachdem ich in Long Blu-u

zurückgeblieben war, begab sich _Akam Igau_, nur um sich _Bo Lea_

vorzustellen, nach Long Tepai. Bei meinem Besuch in Long Tepai hatte

ich damals das Glück gehabt, den Häuptling von einer akuten Diarrhoe,

die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte, kurieren zu können.

Alle schreckenerregenden Berichte, die ich über _Bo Lea_ zu hören

bekam, liefen, wie ich später merkte, darauf hinaus, dass er seine

Rechte in bezug auf die Erzeugnisse des Waldes den Malaien gegenüber

besser als die anderen Häuptlinge zu wahren wusste und dass jene sich

bei ihm weniger breit als anderswo machen durften. Seine Massregeln

waren allerdings oft hart, entsprachen aber seiner Natur und waren

übrigens auch vom europäischen Standpunkt gegenüber Vagabunden,

wie die Malaien es sind, die mit allen Mitteln, die ihren Kopf nicht

gefährden, bei den Bahau ein Schlaraffenleben zu führen versuchen,

durchaus gerechtfertigt.

Da er, wie alle übrigen Häuptlinge, von Banden, die gegen eine

Vergütung von 10% seine Wälder auf Guttapercha und Rotang durchsuchten,

sehr bestohlen wurde, hatte er zwei Mal einer Gesellschaft, die die

gewonnenen Produkte ohne Bezahlung auf Seitenwegen fortschaffte,

ihren ganzen Vorrat abgenommen. Die Schuldigen sorgten dafür, dass

diese Tat ruchbar wurde und die an dergleichen energische Massregeln

nicht gewöhnten Bahau fanden sie gewalttätig und hart. Übrigens erging

es den Malaien bei _Bo Lea_ doch noch besser als bei _Belarè_, bei

dem sie sich überhaupt nicht niederlassen durften.

Bei meiner Ankunft hausten in _Bo Leas_ Galerie so zahlreiche

Buschproduktensucher, dass ich es vorzog, bei einem niedrigeren

Häuptling, _Bo Ibau_, der mit _Kwing Irangs_ Schwester _Uniang_

verheiratet war, meinen Einzug zu halten. Die Kajan waren hiermit

natürlich sehr einverstanden, aber aus politischen Gründen hätte

ich lieber bei _Bo Lea_ gewohnt, da die Häuptlinge ein Wohnen unter

ihrem Dache sehr hoch schlitzen. _Bo Ibau_ stellte uns seine neue,

18 m lange und 8 m breite Galerie gänzlich zur Verfügung.

Fast alle Hausbewohner befanden sich der Ernte wegen auf den

Reisfeldern. Im Hause traf ich nur _Bo Ibau_ mit seiner kranken,

kleinen Tochter. _Barth_ hatte das Kind bereits zu behandeln versucht,

aber es hatte das bittere Chinin nicht einnehmen wollen und litt noch

fortwährend an chronischen Malariaanfällen, auch sah es kachektisch

aus und zeigte eine starke Hypertrophie von Leber und Milz. Ich

verspürte jedoch wenig Lust, mich dem verwöhnten Kinde viel zu widmen

und interessierte mich mehr für das, was von dem Kontrolleur und

seiner Reise nach Long Deho bekannt war als vorsichtiger Mann wollte

mir _Ibau_ über diesen Gegenstand nichts mitteilen und erklärte, dass

ich _Njok Lea_, den ältesten Sohn des Häuptlings, der den Kontrolleur

selbst nach Long Deho begleitet hatte, hierüber befragen müsse. Da

_Njok_ erst abends vom Felde zurückkehrte, machte ich, nachdem ich

unseres Gepäckes wegen einige Anordnungen getroffen, einen Gang durch

die Niederlassung, um die seit meinem letzten Besuch staugefundenen

Veränderungen zu besichtigen.

Die Niederlassung macht einen gut unterhaltenen, aber alten Eindruck,

da man zum Bau altes Material, hauptsächlich Pfähle und Querbalken

aus Eisenholz, von Lirung Ban, benützt hatte. Hinter dem langen,

hohen Hause am Ufer, in dem 16 Familien wohnen, steht ein zweites,

gleich langes Haus, das mit dem ersten durch Bretterstege verbunden

ist. Sowohl diese Häuser als die anderen und die der Häuptlinge _Bo

Lea_ und _Bo Ibau_ sind durch derartige Stege verbunden, so dass man

die ganze Niederlassung, ohne den Boden zu berühren, passieren kann.

Während unter den Häusern der meisten Bahau nur die nackte Erde

mit allen Abfällen des Hauses zu sehen ist, ist der Boden unter den

Wohnungen der Long-Glat zur Hälfte gedielt, auch führen von hier aus

in jede Einzelwohnung Treppen. Der übrige Teil des Raumes ist durch

Verschläge, in denen Ferkel oder besonders schöne Schweine gezogen

werden, eingenommen. Die Long-Glat bauen ihre Häuser ohne Galerieen,

die ihnen unterworfenen Stämme haben sich aber, trotzdem sie über ein

Jahrhundert mit ihnen zusammenwohnen, neben anderen Eigentümlichkeiten,

auch ihren alten Baustil erhalten. Ihre langen Häuser ruhen, wie

die der übrigen Bahau, auf Pfählen und besitzen eine durchlaufende

Galerie. _Bo Leas_ Haus liegt unterhalb derjenigen der übrigen

Long-Glat, dann folgen die der Ma-Tuwan, Batu-Pala und Long-Tepai.

Ein Glied der Häuptlingsfamilie der Ma-Tuwan erzählte mit Stolz,

dass der Kontrolleur die letzten Tage in ihrer Galerie gewohnt

hatte, aus Furcht, durch das _lali parei_ der Long-Glat aufgehalten

zu werden, da er beim ersten Fallen des Wassers weiterreisen

wollte. Der Felsblock, an dem der Wasserstand abgelesen wurde,

war aber während der ganzen Verbotszeit der Long-Glat unter Wasser

geblieben, so dass der Kontrolleur sich längere Zeit bei ihnen hatte

aufhalten müssen. Zu meiner Zufriedenheit hörte ich, dass die Frau

des Häuptlings ihren ganzen Satz _klinge tedak_ (Tätowierbrettchen)

dem Kontrolleur verkauft hatte. Ich hatte nämlich _Barth_ gebeten,

jede Gelegenheit, schöne Gegenstände aufzukaufen, zu benützen, und

ihn mit allem Nötigen versehen.

Spät abends kehrte _Njok Lea_ von seinem Reisfeld am Tepai zurück;

man schien ihn vor uns gewarnt zu haben, denn er liess seine Familie

und, die seines Vaters auf dem Felde übernachten. Er empfand eine

gewisse Genugtuung, dass es den Kajan noch immer nicht geglückt war,

die Reise mit mir zu unternehmen, auch berichtete er mit Stolz, dass

er dem Kontrolleur nach Long Deho das Geleite gegeben hatte und dass

er ihn noch weiter gebracht hätte, wenn der Kontrolleur nicht dort

auf mich hätte warten wollen. Er erzählte ferner, dass _Bang Jok_

unterhalb der Wasserfälle einen Wachtposten aufgestellt hatte, um

ihn, sobald wir nach unten kämen, zu benachrichtigen, und dass er

damals mit Frau und Kindern sein Haus eiligst verlassen hatte. Der

alte Häuptling _Bo Adjang Ledjü_ und dessen Familie waren aber zu

Hause geblieben und hatten _Barth_ freundlich empfangen.

Obgleich sie vom Kontrolleur bereits gut bedacht worden waren, kehrten

die Häuptlingsfamilien in den folgenden Tagen von ihren Reisfeldern

heim, um auch von mir Geschenke in Empfang zu nehmen. Glücklicher

Weise hatte ich darauf gerechnet und von Anfang an einige Sachen bei

Seite gelegt. Es zeigte sich, dass der Satz Armbänder aus Elfenbein,

den ich einstens _Hinan Lirung_ gegeben hatte, seine Wirkung bis

hierher geltend machte, denn _Bo Lea_ bat sich für seine Frau den

gleichen Schmuck aus. Ich ging bei der Austeilung der Geschenke mit

Überlegung zu Werke, da ich sehr viele Menschen und noch dazu nach

ihrem Range zu beschenken hatte. Darauf blieb mir nichts weiter zu

tun übrig, als Patienten zu behandeln und auf den Neumond zu warten,

an dem _Kwing Irang_ kommen sollte. Als ich von diesem nichts hörte

und einige Gerüchte über seine Ankunft sich als falsch erwiesen, wuchs

meine Ungeduld aufs neue. Des hohen Wasserstandes wegen kamen auch

aus Long Deho keine Böte heraufgefahren, so dass ich sehr froh war,

als sich vier Fremde dazu überreden liessen, mit einem kleinen Boot,

das sie über die Felsen tragen oder ziehen konnten, nach Long Deho

zu fahren, um dem Kontrolleur einen Brief zu übergeben.

Zu unserem Trost fanden wir hier bei den Long-Glat mehr zu essen als

in den letzten Monaten bei den Kajan. Unsere Schutzsoldaten schossen

in der Nähe einiger Salzquellen in kurzer Zeit ein wildes Rind und

zwei Hirsche, die nicht nur frisches Fleisch, sondern auch Proviant

für die Reise lieferten. Das Konservieren von Fleisch durch Räuchern

und Salzen war mir früher mehrmals missglückt; _Bier_, der die Arbeit

diesmal auf sich nahm, erzielte ein gutes Resultat, indem er das

Fleisch in Stücke, die 2-3 dm lang, 1 1/2 dm breit und 3-4 cm dick

waren, schneiden und einen Tag lang über einem Holzfeuer trocknen

und räuchern liess. Selbst das fette Schweinefleisch liess sich auf

diese Weise aufbewahren. So hatten wir von der Menge Fleisch, die

ein grosses Stück Wild liefert, mehrmals einige Wochen essen können,

was uns bei Stämmen, die nur eine geringe Anzahl Hühner hielten und

bei denen auch der Fischfang wenig ergab, sehr willkommen war.

Meine Gesandten brachten erst am 28. April, nachdem das Wasser

stark gefallen war, aus Long Deho den Bericht, dass unsere ganze

Gesellschaft dort längere Zeit geblieben war und mit den Bewohnern auf

freundschaftlichem Fuss verkehrt hatte, dass sie aber aus Furcht,

wiederum durch Hochwasser aufgehalten zu werden, den günstigen

Wasserstand benützt hatte, um den Fluss weiter hinunter zu fahren. Der

Kontrolleur war, als unsere Gesandten ihre Rückreise antraten, bereits

abgereist, während _Bier_ sich sogar einen Tag vorher aufgemacht hatte,

um den Fluss zu messen.

Das Wasser fiel ständig, daher suchte ich zum soundsovielten Male,

_Bo Lea_ und _Bo Ibau_ dazu zu bewegen, mir über die Wasserfälle zu

helfen. Die beiden Häuptlinge waren nämlich, aus Furcht vor _Kwing

Irang_, dem daran gelegen war, uns persönlich zu begleiten, bisher

meinem Drängen gegenüber taub geblieben.

Ein wichtiger Umstand kam mir zu Hilfe. _Hadji Umar_ hatte durch meine

Leute _Njok Lea_ melden lassen, dass dieser mit den 600 Packen Rotang,

die sie gemeinschaftlich besassen, so schnell als möglich hinabfahren

solle, um die Ware mit ihm unten am Mahakam zu verkaufen. Das half. Nun

fand sich plötzlich eine genügende Anzahl junger Leute zur Reise bereit

und obwohl ich wusste, dass es ihnen hauptsächlich um den Rotang zu tun

war, erfreute mich die Aussicht, wieder ein Stück weiter zu kommen,

doch zu sehr, um dem Zufall nicht dankbar zu sein. Eine Verzögerung

von einigen Tagen wurde noch dadurch bewirkt, dass einige Leute

vom Merasè berichteten, _Kwing Irang_ sei im Begriff aufzubrechen

und _Sorong_ befinde sich bereits am Merasè. An diesem Tage traf

jedoch niemand ein und als ich am folgenden einige Männer in einem

Boot nach oben auf Kundschaft schickte, kamen sie mir abends melden,

dass man dort nichts wisse. In der Ungewissheit, ob es _Kwing Irang_

jemals gelingen würde, abzureisen, beschloss ich, die Reise mit _Njok

Lea_ zu unternehmen. Dieser hatte es nun mit seinem Rotang so eilig,

dass er nicht einmal dafür war, ein Boot zu _Kwing Irang_ zu senden,

um zu sehen, wie es dort stand.

Am 3. Mai sollten wir wiederum warten, weil einer der Reisegenossen

noch nicht vom Reisfelde zurückgekehrt war, aber ich setzte die Abreise

doch leicht durch. Es schlossen sich uns auch einige Böte mit Frauen

und Kindern an, die unter unserem Schutze Familienglieder in Long Deho

besuchen wollten. Um 9 Uhr brachen wir auf und zwar ohne den Rotang,

der, aus Mangel an Hilfskräften, erst nachdem man uns bis oberhalb

der Wasserfälle gebracht hatte, abgeholt werden sollte.

Bei Long Tepai beträgt die Breite des Mahakam 200 m, unmittelbar

unterhalb der Niederlassung wird das Flussbett aber von hohen, felsigen

Ufern eingeengt. Dabei treten bei niedrigem Wasserstande zahlreiche

Felsblöcke aus dem Flussbett hervor, so dass eine grössere Anzahl

Böte nur hinter einander dem gewundenen Fahrwasser folgen kann. Nach

einstündiger Fahrt erreichten wir, nachdem der Kiham (Wasserfall)

Hulu in dieser günstigen Zeit mit einiger Vorsicht hatte befahren

werden können, den mir von 1897 her bekannten Lagerplatz oberhalb des

Kiham Hida, von dem aus das Gepäck und die Böte eine grosse Strecke

weit getragen werden mussten.

An der Stelle, an der wir uns eben befanden, windet sich der Mahakam um

den Batu Ajo; an seinem rechten Ufer erheben sich beinahe horizontale

Sandsteinschichten in senkrechten, über 100 m hohen Wänden, während

am linken Ufer ein viel höheres Gebirge, der Ong oder Batu Hida,

steil aufsteigt. Da der Fluss sich sein Bette in den harten, weissen

Hornstein, der in 1/2-1 m mächtigen Schichten unter dem Sandstein

liegt, hat erodieren müssen, ist sein Bette über eine etwa 2 km weite

Strecke sehr schmal und die Wassermassen, die bei Long Tepai noch

eine Breite von 200 m zur Verfügung hatten, drängen sich hier durch

einen 15-20 m breiten Spalt hindurch.

Diese Stelle kann nur bei sehr tief stehendem Wasser passiert werden,

da bei hohem und besonders bei steigendem Wasserstande die Strömung

sehr reissend ist. Auch im günstigsten Falle muss alles Gepäck aus

den Böten genommen werden. An den schwierigsten Stellen werden die

kleineren Böte mit Hilfe von Baumstämmen, welche als Rollen benützt

werden, über die Felsen gezogen, während die grossen Böte, die alle

mit einem sehr hohen Rande versehen sein müssen, von den Männern über

die Fälle gefahren werden müssen. Das Gepäck wird auf den Felspfaden

des linken Ufers hinabgetragen. Die Stellen, an denen Felsen oder

Geröllbänke grössere Fälle verursachen, oder die ihrer Enge wegen

besonders gefährlich sind, tragen, von oben nach unten gerechnet,

folgende Namen: Kiham Hulu; K. Hida; K. Nöb; K. Lobang Kubang;

K. Binju; K. Benpalang; K. Kenhè.

Sobald wir oberhalb des Kiham Hida angelangt waren, ging ein Teil

der Männer Rotang für unsere Böte suchen, ein anderer begab sich nach

Long Tepai zurück, um nun auch die Bündel Rotang hinunter zu befördern.

_Njok Lea_ hatte den Rotang, der unter seinem Hause aufbewahrt lag,

bereits am Tage zuvor in dicke Bündel binden und diese am gleichen

Morgen ins Wasser bringen lassen. Die Bündel (_gulung_) bestehen in der

Regel aus 40 Stücken Rotang von 3-4 Faden Länge, die mit Rotangtauen

zusammengebunden werden. Für den Transport zu Wasser vereinigt man

diese _gulung_ zu Bündeln von 1 m Durchmesser und lässt sie einfach

von der Strömung abwärts treiben, wobei einige in den Wasserfällen

zwar auseinander gerissen werden und verloren gehen, die meisten

aber heil ankommen. Unterhalb der Wasserfälle werden die Bündel zu

Flössen zusammengefügt, die je von einem Steuermann flussabwärts

gelenkt werden. Nach einiger Zeit kehrten die Männer zu uns zurück

und bald darauf trieb ein Rotangbündel nach dem anderen an uns vorbei

und suchte sich durch die brausenden Wasser massen seinen Weg. Einige

Männer fingen die Bündel in dem ruhigen Becken auf, das sich unterhalb

des Lobang Kubang befindet, und banden sie dort vorläufig fest,

um sie später die folgenden Fälle hinuntertreiben zu lassen.

Mit Rücksicht auf den vorausgeschwommenen Rotang wurde es für

ratsam gehalten, nicht am Kiham Hida, sondern weiter unten das Lager

aufzuschlagen, und so beeilte man sich, alles wertvolle Gepäck und

die Kisten mit Ethnographica dorthin zu schaffen. Die Familien,

die mit uns reisten, hatten gleich nach ihrer Ankunft begonnen, ihr

Gepäck so weit als möglich abwärts zu tragen. Da sie einen grossen

Reisvorrat mitgenommen hatten, um ihn in Long Deho, wo Reismangel

herrschte, zu hohen Preisen zu verkaufen, hatten sie sehr grosse

Lasten zu befördern. Trotzdem hatten sie es so eilig, weiterzukommen,

dass sie nicht mit uns Schritt hielten. Als sie daher weiter unten,

statt den Reis mit uns über Land zu transportieren, die kleineren

Wasserfälle hinunterfahren wollten, schlugen ihre zu schwer beladenen

Böte um und die Männer verloren zwar nicht ihr Leben und ihre Böte,

aber ihren kostbaren Reis.

Ich sorgte dafür, dass alles, was getragen werden konnte, aus den

Böten geholt wurde; alle Pflanzen mussten natürlich im grossen Boot

bleiben, ebenso die grossen Kisten. Obwohl ihm sein Rotang sehr am

Herzen lag, traf _Njok Lea_, in gleicher Weise wie früher _Akam Igau_

und _Kwing Irang_, alle Vorsichtsmassregeln beim Transport, so dass

kein Boot umschlug und keine Kiste fiel. Nachts sank das Wasser noch

um einen halben Meter, die grossen Böte konnten daher am folgenden

Morgen ohne grosse Gefahr die Fälle passieren. Da die Kajan unter

_Kwing Irang_ 1897 das grosse Boot mit lebenden Pflanzen wohlbehalten

nach unten geschafft hatten, lag den Long-Glat viel daran, ihnen an

Geschicklichkeit nicht nachzustehen. Sie wussten auch, dass ich damals

durch die beiden Fälle Binju und Kenhè gefahren war, und schlugen mir

vor, es diesmal auch mit ihnen zu versuchen. Das Wagstück erschien

mir nicht gross und ich befand mich bereits mitten auf dem Fluss,

als ich am Ufer _Njok Lea_ bemerkte, der aus Verzweiflung über unser

ruchloses Unternehmen die Arme in die Luft erhob; doch verloren seine

Leute das Vertrauen nicht.

Der Kiham Binju, der auf den Lobang Kubang folgt, stellt eine verengte

Flussstelle mit heftiger Strömung dar, aus welcher hohe Felsblöcke

hervorragen. Mit einiger Vorsicht legt man die erste Strecke gut

zurück, dann aber wird das Boot von einer Stromschnelle gepackt

und geradeaus auf eine alleinstehende Felsspitze geschleudert. Die

Wassermassen, die rechts vom Felsen verhältnismässig ruhig fortströmen,

prallen etwas weiter unten an das hohe Ufer an, links aber bilden sie

einen Strudel, dessen mittlerer Trichter bei normalem Wasserstande

sicher einen Meter tief ist. Da man, um rechts weiter unten nicht an

das felsige Ufer geschleudert zu werden, über diese Stelle hinweg

muss, kann sie nur von langen, schweren Böten, die mit grosser

Geschwindigkeit ankommen und sich daher nicht leicht ablecken lassen,

überwunden werden. Das Wagstück gelang, aber _Njok Lea_ liess es doch

nicht zu, dass _Demmeni_ uns in dem zweiten grossen Boote folgte. Wir

übernachteten unterhalb des Binju. Die Nacht blieb trocken, aber

morgens hörten wir es im Osten gewittern, auch fiel ein schwacher

Regen. Der Fluss begann sogleich zu steigen, doch ist, um den Kiham

Kenhè zu passieren, ein hoher Wasserstand günstiger als ein sehr

niedriger. Wir beeilten uns daher mit unserer Mahlzeit und fuhren bis

zum Anfang des Kenhè. Hier beschlossen wir, das Gepäck nicht auf dem

Bergpfade nach Hait Aja (grosser Sand), unserem nächsten Lagerplatz,

tragen zu lassen, sondern mit ihm die Fahrt zu wagen.

Der Wasserstand war für mein grosses Boot gerade der richtige und ich

begann die Fahrt, wie früher bereits, stehend. Die heftige Strömung

brachte aber das Fahrzeug so sehr ins Schwanken, dass ich mich setzen

musste, um nicht umzufallen, und gleich hinter Kelang Gak, wo sich

ein kleiner Fluss über 50 m hohe Felsen in den Mahakam ergiesst,

schlug eine Welle über das Boot. Der grosse Bootsraum füllte sich

aber nicht so leicht mit Wasser und da wir uns hier am Ende der

Flussenge befanden, beunruhigten wir uns nicht. Im Kenhè werden die

Wassermassen durch zwei hohe Felsen in einem sicher nicht über 15 m

breiten Bette wie durch einen Trichter gepresst, derart, dass sie in

der Mitte wild dahinschiessen, zu beiden Seiten aber einige Meter

weit ruhiger strömen. Die Bemannung musste nun das Boot nicht nur

in diesem ruhigeren Wasserstreifen zu halten suchen, sondern es auch

schneller als die Strömung fortbewegen, da es sonst am hinteren Ende

gepackt und mit der Spitze gegen die Felswand oder in das tobende

Wasser gedreht worden wäre; in beiden Fällen schlägt das Boot um und

zerschellt in der Regel vollständig.

Bevor meine Leute noch längs des Uferpfades _Demmeni_ erreicht hatten,

um auch ihn im zweiten grossen Boot durch den Kenhè zu befördern,

stieg das Wasser um 6 Meter. Die Felsen am Anfang des Kenhè wurden fast

gänzlich überflutet und weiter abwärts geriet die ganze Wasserfläche

in Aufruhr und bildete zwei grosse Strudel, über die unser Boot aber

noch gut hinwegkam. Schlimmer erging es dem Malaien _Bang W-a_, der

mit uns nach Udju Tepu reisen wollte, weil er sich nach der Ermordung

seines Halbbruders _Adam_ bei den Bahau nicht mehr sicher fühlte. Der

Mann hatte sein kleines Boot hinter das grosse von _Njok Lea_ gebunden,

wurde aber vom Strudel losgerissen und verschwand in der Tiefe. Nach

einiger Zeit kam er aber, zur grossen Belustigung der Long-Glat,

mit seinem Boote wieder nach oben und wurde von ihnen für den Verlust

seiner Sachen so reichlich entschädigt, dass er sein Untertauchen kaum

zu bereuen hatte. Des mit enormer Schnelligkeit steigenden Wassers

wegen machten sich die Leute um die Rotangbündel, die oberhalb der

letzten Fälle angebunden waren, Sorgen. Nach einiger Zeit wurden auch

die ersten Bündel heruntergetrieben und bei Halt Aja, wo das Wasser

stiller wurde, mit vieler Mühe ans Land gezogen. Einige Männer begaben

sich zu Fuss wieder nach oben, um auch die übrigen Bündel zu lösen,

damit sie nicht hoch auf den Felsen liegen blieben, von wo man sie

bei niedrigem Wasserstande nur schwer in den Fluss hätte schaffen

können. Viele wurden auf dem Wege nach unten zwischen Felsblöcken

und Baumstämmen eingeklemmt und mussten befreit werden. Glücklicher

Weise blieben die Bündel heil und kamen, nachdem man auch noch den

folgenden Tag mit ihnen zu tun gehabt hatte, wohlbehalten an.

Eine Gesellschaft Buschproduktensucher, Kahájan Dajak, die uns entgegen

kam, berichtete, dass sie dem Kontrolleur unterhalb des Kiham Halo,

wo er sein Lager aufgeschlagen hatte, begegnet war. Da das Wasser

ebenso schnell fiel als es gestiegen war, konnten wir am 7. Mai ruhig

nach Long Deho weiterfahren.

Bei unserer Ankunft trafen wir nur den alten Häuptling _Bo Adjang

Ledjü_ mit einer grossen Anzahl weiblicher Familienglieder zu

Hause. Wir wurden in dem verlassenen Hause des Malaien _Inoi_

empfangen, der aus Bandjarmasin gebürtig und hier einige Jahre

als Schreiber und Berater _Bang Joks_ tätig gewesen war. Er hatte

mit vielen seiner Stammesgenossen in einer der Schulen, welche die

Rheinische Mission in der "Zuider-Afdeeling" errichtet hat, seine

Bildung genossen. Auch _Barth_ hatte in seinem Hause gewohnt. Nachdem

wir uns eingerichtet hatten, begannen wir Umschau zu halten und die

alten Bekannten zu begrüssen.

Obgleich Long Deho ein sehr grosses Dorf ist, eine zahlreiche

Bevölkerung enthält und von Händlern von der Küste, die hier vor

allem in Buschprodukten Handel treiben, viel besucht wird, sieht

es doch baufälliger und vernachlässigter als die Niederlassungen

weiter oben am Flusse aus. Dies ist zum Teil der geringen Energie der

Bewohner zuzuschreiben, die in Übereinstimmung hiermit unter allen

Mahakamstämmen am meisten an Nahrungsmangel leiden.

Der greise _Bo Adjang_, der mich vor zwei Jahren noch humpelnd in

meiner Wohnung besucht hatte, war inzwischen so zusammengefallen, dass

er abgezehrt und mit geschwollenen Gelenken bewegungslos auf seiner

Matratze sass und sich von seinen zahlreichen Töchtern und Frauen

pflegen liess. Er musste ungefähr 90 Jahre alt sein, denn er erinnerte

sich noch, mit etwa 15 Jahren, _Georg Müller_ 1825 bei seinem Vater

gesehen zu haben. _Adjang_ war nämlich der jüngste Sohn des berühmten

Long-Glat-Häuptlings _Bo Ledjü Aja_, der seiner siegreichen Kriegszüge

wegen als der _Napoleon_ von Borneo bezeichnet worden ist. Da die Bahau

in Bezug auf alles, was die Ermordung von _Georg Müller_ betrifft,

sehr verschlossen sind, hatte ich mit _Adjang_, als einem Augenzeugen,

Bekanntschaft geschlossen. Er erzählte, dass _Georg Müller_ ein Mann

mit einem grossen Bart gewesen sei; auch zeigte er min _Müllers_

Feuersteingewehr, das ich ihm abkaufte. _Adjang_ war infolge seines

Alters minder zurückhaltend als die anderen und berichtete mir einiges

über _Müllers_ trauriges Ende (pag. 281).

Wie ich mich bei _Bo Adjang_ überzeugen konnte, wird die Vielweiberei

bei den Long-Glat-Häuptlingen unter malaiischem Einfluss in weit

höherem Grade als oberhalb der Wasserfälle betrieben. Von _Adjangs_

zahlreichen Frauen lebten noch fünf, von denen zwei zur Arbeit bereits

zu alt waren, drei aber alle Dienste verrichteten, die anderswo den

Sklavinnen zufallen. Eine der Frauen war so jung, dass sie erst seit

wenigen Jahren seine Gattin sein konnte. Ferner waren vier verheiratete

Töchter anwesend, weil der Tod des kranken Vaters jeden Augenblick

erwartet wurde.

_Adjangs_ ältester Sohn, _Ibau Adjang_, und zwei Sklavinnen

vervollständigten die Familie, deren Zusammenleben durch Zwistigkeiten

aller Art so unangenehm geworden war, dass man seit meinem vorigen

Besuch ein grosses Wohngemach angebaut hatte, in dem nun zwei Frauen

mit ihren Kindern getrennt lebten. In dem gleichen Genrache hatten auch

_Ibau Adjang_ und seine Schwester _Dèw Adjang_ ihre eigenen Kammern,

in denen sie schliefen und ihr Privateigentum bewahrten.

Am folgenden Morgen hatte ich meine Toilette noch kaum beendet, als

vier von _Adjangs_ Frauen bei mir eintraten und meine Tauschartikel,

von denen ihnen der Kontrolleur viel erzählt hatte, besichtigen

wollten. _Barth_ selbst hatte seinen Vorrat bereits in Long

Tepai fast gänzlich erschöpft und so hatte man alle Erwartung auf

mich gespannt. Ich fühlte mich der Häuptlingsfamilie gegenüber

ohnehin verpflichtet, und da _Bang Jok_ geflohen war, kam meine

Freigebigkeit der Familie _Adjang Ledjüs_ zugute. Zuerst musste ich

wiederum die Armbänder aus Elfenbein zeigen; vorsichtshalber holte

ich auch nur diese aus der Kiste hervor. Von den Frauen hatte keine

ein grosses Geschenk von mir zu beanspruchen, aber die einen waren

etwas angesehener oder sympathischer als die anderen, so dass ich

bald merkte, dass ein Satz Armbänder nicht genügen würde. Die vier

vorhandenen Sätze wurden auch sogleich von den Damen in Beschlag

genommen, doch sahen sie ein, dass ich sie unmöglich alle abtreten

konnte; da sie sich jedoch ebensowenig von den Armbändern zu, trennen

vermochten, verfielen sie auf den Ausweg, mir hübsche Perlenmützen und

andere kostbare Perlenverzierungen als Gegengeschenk anzubieten. Die

einen zeigten sich hierin freigebiger als die anderen, und so gelangte

ich in kurzer Zeit zu mehreren schönen Stücken, die ich auf andere

Weise nicht hätte erwerben können. Mit diesen Unterredungen und der

Behandlung _Adjangs_, den ich von Fieber und Husten befreien sollte,

und vieler anderer Kranken verging der Tag. Da ich den günstigen

Wasserstand noch benützen wollte, um die folgenden Wasserfälle zu

passieren, war ich sehr wenig erbaut, als abends die Nachricht kam,

dass es _Njok Leas_ Leuten noch nicht gelungen war, allen Rotang

von Hait Aja abzuholen; überdies mussten die Bündel hier von neuem

gebunden werden.

_Sekarang_ hatte, durch die Erfahrung belehrt, bereits abends zuvor

alle Pflanzen unter dem Palmblattdache des grossen Bootes hervorholen

und an Land bringen lassen. Da er dies bei jedem Aufenthalt tun

liess, litten seine Pfleglinge nur während der Fahrt durch Hitze,

Dunkelheit und schlechte Luft. Sie sahen in der Tat nach unserer

Ankunft am unteren Mahakam nicht schlechter als am oberen aus.

Während ich als Arzt einen Rundgang durch die Niederlassung machte,

wurde es mir plötzlich klar, warum es mit dem Herbeischaffen des

Rotang so langsam vorwärts ging; in der einen Familie, in der sich

ein hübsches junges Mädchen befand, traf ich den einen Long-Glat,

in einer anderen den anderen u.s.f. Die jungen Leute, die _Njok

Lea_ mitgenommen hatte, fanden hier so viele Bekannte und liebe

Verwandte, dass sie in den ersten Tagen nur für diese Sinn hatten

und _Njok Lea_ nicht viel mit ihnen anstellen konnte. Nachts lag

er auch beinahe allein in dem grossen Raume, der den Long-Glat in

unserem Hause angewiesen worden war, während die übrigen die Vorrechte

genossen, welche die unverheirateten Frauen den Junggesellen gewähren

dürfen. Erst am dritten Tage waren alle Bündel geordnet, aber noch

nicht zu einem Floss, das man schon hier zusammenstellen wollte,

vereinigt worden. Das Wasser war indessen wieder gestiegen und die

Geröllbank, die am jenseitigen Ufer den richtigen Wasserstand für

das Passieren der unteren Wasserfälle angab, war bereits überschwemmt.

In meiner Besorgnis, durch Hochwasser in Long Deho aufgehalten zu

werden, begrüsste ich am anderen Morgen die wenigen Grashalme, die

auf der Geröllbank hervortauchten, mit Freude, und da das Wasser

stets weiter fiel, suchte ich _Njok_ zur Abreise zu überreden. Der

grossen Gefahr wegen weigerten sich viele, aber ich liess alles

Gepäck in meine Böte bringen, erstens um in der Nähe des Kiham Udang,

des gefährlichsten Falles zu sein, sobald das Wasser eine Fahrt

auf demselben zuliess, zweitens um auf die Long-Glat einen Druck

auszuüben. _Njok_ zeigte sich endlich, wenn auch zögernd, damit

einverstanden, uns in den zwei grossen Böten weiter zu befördern;

für die kleinen wäre die Reise zu gefährlich gewesen, was ich nur zu

bald selbst merkte, denn obgleich ich früher bereits bei günstigem

Wasserstande diesen Teil des Flusses hinabgefahren war, hatte ich nicht

gedacht, dass ein Unterschied von zwei Fuss im Niveau des Wassers

einen solchen Einfluss auf die Strömung haben könnte. Gleich hinter

den beiden, von den Long-Glat abhängigen Niederlassungen Batu Pala und

Uma Wak verengt sich das Flussbett von 150 auf 75 m und weiter unten

bahnt sich der Fluss zwischen grossen Sandsteinfelsen (Batu Brang),

die nur etwa 40 m von einander entfernt sind, einen Weg. Nachdem wir

hier mit grosser Geschwindigkeit hindurch gefahren waren, gerieten wir

an eine Stelle, wo das gestaute Wasser, das sich plötzlich verbreiten

kann, sehr gefährliche Strudel bildet, die wir nur dank der Schwere

unserer Böte und der Geschicklichkeit unserer Mannschaft überwinden

konnten. Weiterhin wird der Fluss durch hohe, senkrechte Wände wiederum

in ein schmales, nur 60-70 m breites Bette gezwängt, so dass ich der

stets heftig bleibenden Strömung wegen schliesslich doch bereute,

nicht gewartet zu haben. Ich hoffte jedoch auf ein baldiges Fallen

des Wassers und bat daher _Njok_, der nach Long Deho zurückkehrte,

so schnell als möglich nachzukommen.

Den Udang zu passieren war unmöglich, denn in seiner engen Schlucht

schlugen die zusammengepressten Wassermassen in hohen Wellen

empor, während halbuntergetauchte Felsen unregelmässige Strömungen

verursachten. Dreihundert Meter weiter aufwärts befand sich aber

am linken Ufer eine kleine, von Felsen eingeschlossene Bucht, in

der bei normalem Wasserstande Sand und Äste blosslagen, jetzt aber

zwei Meter tiefes Wasser stand, das zum Unterbringen unserer Böte

gerade genügte. _Njok_ begab sich zu Lande nach Long Deho zurück

und zwar schweren Herzens, da er mich nicht dazu bewegen konnte,

mit ihm zu gehen, und uns allein mit unseren Malaien und Javanern

zurücklassen musste. Wir litten jedoch weniger durch den Gedanken an

irgend welche Gefahren als durch den Ärger über das Steigen des Wassers

und verbrachten im übrigen in unseren Böten eine sehr ruhige Nacht.

Das Wasser war morgens noch nicht gefallen; ich liess daher auf dem

hohen Uferwall einen Platz aushauen, auf dem _Sekarang_ die Pflanzen

der frischen Luft aussetzen konnte. Kurz darauf erschienen fünf

Long-Glat, die _Njok_ in seiner Besorgnis geschickt hatte, um auf

uns und unsere Böte zu achten. Sie erzählten, dass _Njok_ am vorigen

Abend vor Erregung nicht hatte essen können. In unserem feuchtkalten

Schlupfwinkel, in wenigen Metern Abstand vom brausenden Fluss,

verbrachten wir drei Tage, während welcher das Wasser abwechselnd 6

m stieg und dann um ebensoviel wieder fiel. Da der Wald sehr steil

anstieg, konnten wir uns keine Bewegung verschaffen, doch gewährte

das wilde Tosen der Wasser im Kiham Udang einen prachtvollen Anblick.

Am 16. Mai, als das Wasser zwar etwas gefallen war, aber doch noch

mit grosser Schnelligkeit an unserem Schlupfwinkel vorüberschoss,

äusserten des Morgens vier unserer Long-Glat den Wunsch, mit ihrem Boot

bis nach Uma Wak zurückzufahren, um dort ihren Vorrat an Sirihblättern

zum Betelkauen zu erneuern. Obgleich ich das Unternehmen sehr gewagt

und mit dem Anlass in keinem Verhältnis fand, war ich doch zu sehr

daran gewöhnt, mich in derartigen Angelegenheiten der Meinung der Bahau

zu fügen, die vom Befahren dieser Flüsse so viel mehr als die Weissen

verstehen, als dass ich mich ernsthaft ihrem Wunsch widersetzt hätte.

Eine Stunde darauf, als wir neben einander auf dem Uferwall sassen,

bemerkten wir ein Boot mit Schilden, das an uns vorüber trieb,

als hätte es sich eben vom Ufer gelöst. Wir beunruhigten uns daher

keineswegs, fanden es aber schade, dass die Strömung zu heftig war, um

das Boot durch Schwimmen vom Untergang im Udang zu retten. Wir mussten

ruhig zusehen, wie es dort von den Wellen einige Male emporgehoben,

mit Wasser gefüllt und in die Tiefe gezogen wurde.

Zu unserer Verwunderung erschien ungefähr eine Stunde darauf einer der

vier Long-Glat, _Lugat_, mit einigen Bewohnern von Uma Wak und fragte

uns, ob sein Bruder _Adjang_ und _Ibau_ nicht bei uns seien. So viel

wir aus seiner verworrenen Erzählung begriffen, waren sie in ihrem

Boot hinaufgefahren, aber bald von einem Strudel erfasst worden,

wobei _Lugat_ aus dem Boote geschleudert wurde. Nachdem dieser,

nach längerem Kampf mit dem Wasser, die Oberfläche erreichte hatte,

rettete er sich schwimmend ans Ufer. Dort fand er den einen Gefährten,

_Dja-ang_, dem es ebenso ergangen war. Von den beiden anderen wussten

sie nichts. Da sie an diesem Tage nicht zurückkehrten, waren sie

augenscheinlich ertrunken. Den Leuten von Uma Wak traten die Tränen in

die Augen, als sie hörten, dass die beiden nicht bei uns waren, und

_Lugat_ brach in heftiges Weinen aus, rief nach _Adjang_ und _Ibau_

und machte sich Vorwürfe, dass er nicht besser für sie gesorgt hatte.

_Demmeni_ und ich standen selbst noch so sehr unter dem Eindruck des

plötzlichen Todes der beiden tüchtigen jungen Leute, mit denen wir

kurz zuvor gescherzt hatten, dass wir keine Trostworte fanden. In

unserer unglücklichen Lage und in dieser wilden, finsteren Umgebung

fühlten wir uns durch das Geschehene doppelt niedergeschlagen. Schwere

Wolken hingen über uns und ununterbrochen fiel ein feiner Staubregen.

Im Lauf des Tages traf _Njok_ tief betrübt bei uns ein. Obgleich

ich indirekt an dem Unglück die Schuld trug, indem ich zu früh von

Long Deho aufgebrochen war, hörte ich kein Wort des Vorwurfs; nur

betrauerten alle den Verlust der Ihrigen und _Lugat_ quälte sich

unaufhörlich mit Selbstvorwürfen.

Die Leute von Long Deho und Uma Wak kehrten mit _Njok_ nach Hause

zurück und liessen andere Dorfgenossen bei uns. Am anderen Morgen

kam _Njok_ zu uns und sagte, er habe abends mit anderen beschlossen,

hier neun Tage zu verbringen, da die Leichen, die er gern begraben

wollte, in dieser Zeit an die Oberfläche kommen würden. Die Bewohner

der anderen Niederlassungen sollten ihm helfen. Ich war überzeugt,

dass die heftige Strömung die Leichen abwärts getrieben haben musste,

aber _Njok_ behauptete, dass dies nicht der Fall sei. Nach einiger Zeit

trafen auch _Ibau Adjang_ und einige Böte der Uma Wak und Batu Pala

ein, um suchen zu helfen. Ein Lager wurde oberhalb und ein zweites

unterhalb des Kiham Udang aufgeschlagen. Zu meinem Erstaunen brachte

mir _Njok_ noch eine andere, erfreuliche Nachricht, nämlich, dass die

Kajan mit _Kwing Irang_ bereits in Long Deho waren und dass _Sorong_

sogleich kommen würde, um zu berichten, warum sie so lange mit der

Abreise gezögert hätten.

Gleich nach dem Essen traf _Sorong_ wirklich ein und erzählte, dass

_Kwing Irang_, seinem Plan gemäss, beim _bulan pusit_ (Neumond) mit

ihm ein _melo njaho_ gehalten hatte, dass aber am Abend des zweiten

Tages alle Gonge in der Niederlassung ertönt hatten, weil ein Ehepaar,

_Anjang Bawan_ und _Anja Song_, die am Abhang des Batu Mili Harz

suchten, noch nicht zurückgekehrt waren. Es blieb ihnen nichts übrig,

als mit allen anderen auf die Suche zu gehen, was vier Tage dauerte,

worauf _Anjang_, man wusste nicht wie, plötzlich in einer Hütte

erschien, in der einige alte, halb blinde Männer wohnten. Sein Mund

war voll Erde, die man nur mit Mühe entfernen konnte, auch konnte er

beinahe nicht sprechen. Aus seinen verwirrten Antworten erfuhr man nur,

dass er und seine Frau durch Geister erschreckt worden waren und dass

diese sie auf den Berg mitgenommen hatten. Im Reiche der Geister, die

gerade Neujahr feierten, hatten sie einander aus dem Auge verloren;

doch hatte sich _Anjang_ trotzdem am Hühner- und Schweinefleisch

gütlich getan. Nach einigen Tagen, als man sich gemeinschaftlich über

hohe Bretterstege zu den Geistern auf dem gegenüberliegenden Batu

Kasian begab, fiel _Anjang_ vom Stege und langte plötzlich bei den

alten Männern an. Seit der Zeit war er sehr verschlossen und wollte

nichts mehr erzählen. Auch nach viertägigem Suchen hatte man _Anja

Song_ nicht gefunden, aber _Kwing_ hatte nicht länger warten wollen und

war abgereist. Ich zweifelte nicht an der Wahrheit dieses Berichtes,

wusste aber nicht, was ich davon denken sollte, und erhielt auch von

_Sorong_ keinen Aufschluss.

Am 18. Mai, gegen Mittag, traf _Kwing Irang_ mit 10 Leuten bei uns

ein. Dass er nun doch die Reise mit mir fortsetzen konnte, schien

ihn sichtlich zu bewegen und ich war zu froh, diese Unglücksstätte

verlassen zu können, um ihm der endlosen Verzögerungen wegen Vorwürfe

zu machen. Hierzu hatte ich, mit meiner Überlegenheit an Kenntnissen

und Handlungsfreiheit übrigens kein Recht, da er ohnehin meinetwegen

mit den Überzeugungen und Sitten seines Stammes einen ständigen

Kampf führte.

_Kwing_ erklärte auch jetzt, nicht mit den Long-Glat auf das Finden

der Leichen warten zu können. Er wollte am anderen Morgen mit seinen

Kajan und ihrem vielen Gepäck den Udang passieren und mich dann

abholen. Das Wasser fiel und der Himmel klärte sich auf, so sah ich

_Kwing_ guter Stimmung nach Uma Wak zurückkehren. Hier konnten sich

die jungen Kajan nur mit Mühe den Liebenswürdigkeiten der Frauen

entziehen, die die frischen jungen Burschen gern bei sich behalten

hätten; es blieb diesen auch nichts übrig, als durch Geschenke, wie

Tragkörbe und neue Kopftücher aus Baumbast, den Frauen ihren Dank zu

bezeigen. Daher fuhr die Flotte der Kajan, die aus 20 Böten bestand,

erst um 12 Uhr an uns vorüber; nur _Kwing_ legte für einen Augenblick

bei uns an, um zu sehen, ob wir reisefertig waren.

Am Abend zuvor war es den Long-Glat geglückt, wenigstens eine der

Leichen zu finden. _Lugat_, der den ganzen Tag mit einigen Freunden

den Fluss auf- und niedergefahren war, hatte die Leiche seines

Bruders, noch bevor diese in den Udang geriet, auffangen können. Am

gleichen Abend wurde _Adjang_ am Ufer begraben, ein kleines Grabmal

errichtet und dort zugleich auch für _Ibau_, dessen Leiche später am

mittlerer. Mahakam gefunden wurde, eine Ausstattung für _Apu Kesio_

niedergelegt.

Mit _Njok_ vereinbarte ich, dass ich in Uma Mehak auf ihn warten

sollte, da er uns mit seinem Gepäck und Rotang folgen wollte. Allein

hätten die Long-Glat dies sicher nicht zu tun gewagt, da das Unglück,

ein deutlicher Beweis der Unzufriedenheit der Geister, sie zur

Heimreise gezwungen hätte.

Gegen 3 Uhr wurden wir aus unserer feuchten, dunklen Höhle, in

der wir nun 1 m niedriger als anfangs lagen und mit unseren Böten

zwischen Sand und Ästen eingeklemmt zu werden drohten, befreit. Die

Malaien hatten die Pflanzen wieder in das grösste Boot gebracht,

das mittelst fester Rotangtaue längs der Uferfelsen vorsichtig den

Fall hinabgelassen wurde.

Das übrige Gepäck wurde, ausser den Kisten, die für einen Mann zu

schwer waren, aus den Böten genommen. Die Kisten wurden, trotz der

Erhöhung der Bootsränder, doch noch nass, da sie nicht vollständig

wasserdicht waren und durch double-waterproof-sheeting nicht ganz

bedeckt werden konnten; so verdarb uns noch ein bedeutender Teil

unserer grösseren Ethnographica.

Nachdem wir den Kiham Udang überwunden hatten, blieb uns noch Zeit

übrig, uns ruhig abwärts treiben zu lassen. Ich fühlte mich wie aus

einem finsteren Gefängnis in eine strahlende Aussenwelt versetzt. Von

der Tiefebene des mittleren und unteren Mahakam trennte uns nur noch

der Kiham Halo. In einem Brief, den der Kontrolleur einigen Kahájan

Dajak, die aufwärts zogen, für mich mitgegeben hatte, schrieb er mir,

dass er unten in Long Bagung auf mich wartete.

Zwar regnete es am folgenden Morgen und die. tief herniederhängenden

Wolken hüllten die schönen Gipfel der Berge ein, auch hatte der

_bilang_ (Baumgekko) nachts seine warnende Stimme ertönen lassen,

aber _Kwing Irang_ machte, wie früher zur Beruhigung des Tieres

einen kleinen Rundgang durch den Wald und da der Fluss nur wenig

stieg, sassen wir um 8 Uhr bereits in den Böten, in der Hoffnung,

den Kontrolleur noch am gleichen Tage zu erreichen. Wir hatten diese

frohe Aussicht zur Ermunterung sehr nötig, denn die schmale Schlucht

des Kiham Halo, die uns 1897 bei guter Beleuchtung entzückt hatte,

zeigte sich jetzt, wegen der schwer aufliegenden Wolken, nur als eine

finstere Spalte, die bei dem Geschrei, das die Kajan über den tobenden

Wassermassen anhuben, einen doppelt unheimlichen Eindruck machte.

Auf halbem Wege begegneten wir in der engen Durchfahrt einer

Gesellschaft Kenja, die ihre Böte langsam an Rotangseilen längs der

Uferfelsen aufwärts zogen. Trotzdem ich, hauptsächlich im Hinblick auf

unsere späteren Pläne, grosse Lust verspürte, mit Kenja in Berührung

zu kommen, konnten wir bei ihnen nicht Halt machen, da die heftige

Strömung uns mit sich riss. Die Kajan liessen nun ihren Ajo-Ruf um so

lauter ertönen; die Kenja antworteten und aus den Bergen erschallte

das Echo. Der Fluss wurde stets breiter und die Ufer niedriger, bis

wir gegen 3 Uhr nachmittags hinter einer Flussbiegung Long Bagung zum

Vorschein kommen sahen. Durch einige Gewehrschüsse meldete ich _Barth_

unsere Ankunft.

Long Bagung ist eine Haltestelle für malaiische Händler und

Buschproduktensucher und liegt auf dem rechten Ufer des Mahakam. Der

Kontrolleur hatte hier bereits wochenlang auf uns gewartet; es war ihm

zwar im allgemeinen gut ergangen, doch freute er sich, endlich mit uns

weiterreisen zu können. Seine Gesellschaft hatte an Fieber gelitten,

am meisten _Hadji Umar_, der auch jetzt noch krank lag. Die Aufnahme

des Mahakam war _Bier_ gut geglückt, nur war er durch das häufige

Hochwasser oft an der Arbeit gehindert worden und im Kiham Halo war

ihm ein Boot an den Felsen zerschellt, wobei beinahe ein Malaie ums

Leben gekommen wäre.

Abends tauschten _Barth_ und ich unsere Erfahrungen über die Gesinnung

aus, die die Mahakambevölkerung uns gegenüber hegte und über die

Möglichkeit, eine niederländische Verwaltung bei ihr einzusetzen. Auch

_Barth_ hatte während seiner monatelangen Reise den Eindruck empfangen,

dass eine stärkere Macht, die sich mit der ganzen Verwaltung betraute,

hauptsächlich zum Schutz gegen Einfälle aus Serawak und Kutei, sehr

erwünscht sei.

Obwohl _Barth_ als Fremder nach Long Tepai und Long Deho gekommen war,

hatte die Bevölkerung ihm viel Sympathie bezeigt, nur war sie ihm,

als Fremdem, begreiflicher Weise mit mehr Misstrauen entgegengekommen

als einem Menschen ihrer eigenen Umgebung.

_Bier_, den das lange Warten am selben Ort sehr gelangweilt hatte,

fuhr am folgenden Tage fort, um den Mahakam weiter unten zu messen;

wir versprachen, in Uma Mehak auf ihn warten zu wollen und begaben

uns erst zwei Tage später auf die Reise.

Unsere Gesellschaft war somit ohne bedeutende Verluste über

die Wasserfälle gelangt; nur _Hadji Umars_ Zustand beunruhigte

mich. _Umar_ war bereits die letzten drei Jahre leidend gewesen;

ich hatte zwar seinen Zustand während seines Aufenthaltes am

Blu-u etwas bessern können, aber seit der Zeit war das Fieber immer

wieder zurückgekehrt. Dass _Umar_ sich weigerte, Chinin einzunehmen,

verschlimmerte seine Lage; ich wusste ihm nicht zu helfen. Obwohl

er mit uns zur Küste fuhr, war seine Anwesenheit uns unter diesen

Umständen kaum von Nutzen.

Eine der interessantesten Begegnungen, welche der Kontrolleur während

seines sehr eintönigen Aufenthaltes gehabt hatte, war die mit den

Kenja, die wir im Kiham Halo getroffen hatten. Da _Barth_ meine

Absicht, die bis dahin so gut wie unbekannten Kenjastämme zu besuchen,

kannte, war er dem Zufall dankbar, dass diese Gesellschaft, die eine

Handelsreise nach dem unteren Mahakam unternommen und einen Besuch

bei ihren Stammverwandten am Tawang gemacht hatte, die ausgedehnte

Geröllbank bei Long Bagung als Lagerplatz wählte. Kaum hatten die Kenja

erfahren, wer auf dem Ufer wohnte, als ihre vornehmsten Leute _Barth_

einen Besuch machten. Dabei erschienen sowohl die Häuptlinge als deren

Geleite völlig unbewaffnet, was in einem Lande, in dem jung und alt

stets bewaffnet geht, sehr auffallend war. Das Gespräch, das in der

Busang-Sprache geführt wurde, verlief durchaus gemütlich. Die Kenja

hatten sehr offenherzig von ihrem Lande berichtet und zu verstehen

gegeben, dass meinem Besuch bei ihnen nichts im Wege stände, dass

sie mich im Gegenteil gern bei sich sehen würden. _Barth_ hatte ihnen

die Erinnerung an ihren Besuch angenehm zu machen verstanden, indem

er sie reichlich mit Tabak und Perlen bedachte.

Der Kontrolleur hatte ausserdem die nähere Bekanntschaft mit

Blutsverwandten von _Bang Jok_ gemacht, der sich selbst nur kurze

Zeit in Long Bagung aufgehalten und auch seine Frau und Kinder nach

Udju Halang mitgenommen hatte. In Long Bagung wohnte nämlich seine

Schwester _Bua_, die in zweiter Ehe einen Malaien Rauf, den Sohn

eines früheren Distrikt-Häuptlings vom oberen Barito, _Raden Djaja

Kusuma_, geheiratet hatte. _Kusuma_ war der erste Malaie gewesen,

der die Bahauhäuptlinge zu besuchen gewagt und sich angeboten hatte,

ihre Wälder auf Buschprodukte durchsuchen zu lassen. Dadurch hatte

er in den neunziger Jahren die fremden Buschproduktensucher nach dem

Mahakam gezogen. Seine drei Söhne liessen sich dort nieder, zwei als

Kaufleute, einer als Gatte von _Bang Joks_ Schwester, die ebenfalls

Anrecht auf die noch unberührten Wälder der Long-Glat von Lirung Tika

hatte. Bug war nach dem Tode ihres ersten Gatten, eines Häuptlings

in Mujub, nicht zu ihrem Bruder gezogen, sondern hatte sich Long

Bagung gegenüber, am jenseitigen Ufer, ein Haus gebaut und später

_Raup_ geheiratet. Dieser verstand, dank seinen Beziehungen zu den

Buschproduktensuchern am Barito, die Wälder seiner Frau vorteilhaft

auszubeuten, ausserdem verdiente er viel als Kaufmann, indem er

alles, was die Leute für ihre Lebensbedürfnisse nötig hatten, von

der Küste beischaffen liess und auch mit den Bahau und Kenja von oben

Tauschhandel trieb. Eine weitere Kundschaft besass er im Gebiet des

oberen Murung, den er längs des Bunut leicht erreichen konnte. _Raups_

Familie hatte sich ebensowenig wie die in Long Deho zurückgebliebenen

Häuptlinge vor einer Berührung mit dem Kontrolleur gefürchtet und so

hatte sich über den hier 200 m breiten Fluss ein lebhafter Verkehr

entwickelt. Sehr willkommen war es _Barth_, dass er hier wieder Salz,

Zucker, Petroleum und einige Konserven kaufen konnte, Dinge, mit denen

wir bereits seit langem sehr sparsam hatten umgehen müssen. Der Fluss

ist hier überdies nicht so ausgefischt wie oberhalb der Wasserfälle,

wo der Fischstand durch die tuba-Fischerei sehr heruntergebracht worden

ist. Bei Hochwasser suchen die Fische hier in kleinen, für gewöhnlich

trockenen Nebenflüssen eine Zuflucht vor der reissenden Strömung. Die

Malaien, die sich bei _Barth_ befanden, schlossen die Nebenflüsse bei

Hochwasser mittelst eines Heckwerks aus Bambus ab und fingen auf diese

Weise bei fallendem Wasser mehr Fische als sie gebrauchen konnten.

Am 22. Mai liessen wir uns, nachdem alles Gepäck in den Böten

untergebracht worden war, ruhig vom Flusse abwärts treiben, in der

angenehmen Überzeugung, dass uns bei hohem oder niedrigem Wasserstande

kein ernsthaftes Hindernis mehr drohte. Das Wasser war wieder so hoch

gestiegen, dass wir weiter unten _Bier_ zur Tatenlosigkeit verurteilt

antrafen, weil die hier niedrigen und daher überschwemmten Ufer ihm

keinen Standplatz boten. Am folgenden Tage fuhr er denn auch nach

Uma Mehak weiter, mit der Absicht, dieses Stück später zu messen.

Die rasche Strömung brachte uns bereits bald nach 4 Uhr nach Uma Mehak,

der ersten grösseren Niederlassung unterhalb der Wasserfälle. Seitdem

Uma Mehak in den letzten Jahren der Sammelpunkt malaiischer

Buschproduktensucher geworden ist, sind auf dem Uferstreifen

zwischen den langen Bahau-Häusern und dem Flusse malaiische Häuser

entstanden, so dass das Ganze nicht mehr den einheitlichen Charakter

der Niederlassungen oberhalb der Wasserfälle trägt. Auch beim Betreten

des Dorfes machte alles einen verfalleneren Eindruck als oben. Da die

Bevölkerung hier nicht zahlreich genug ist, wechselt sie ihre Dörfer

viel seltener als es am oberen Mahakam üblich ist, daher sehen die

Häuser hier in der Regel älter und baufälliger als im Innern der

Insel aus.

Auf der Galerie des langen Hauses wurde uns aber ein gutes Unterkommen

angeboten und wir liessen im grossen Raume Bretterverschläge

herrichten, um einige von uns, die an Fieber litten, von dem grossen

Getriebe fernzuhalten. Das Interesse für uns war hier besonders

rege und da wir nur einige Tage bleiben wollten, suchte man nach

Möglichkeit, aus unserer Gegenwart Vorteil zu ziehen; hauptsächlich

wurde ich um Arzneien angegangen. Wir fühlten aber wenig Sympathie für

unsere neue Umgebung, denn aus einem Kreise primitiver, unverdorbener

Bahau gerieten wir hier plötzlich in eine degenerierte Gesellschaft

der verschiedensten Stämme vom Barito und Mahakam. Von allen Seiten

starrten uns Menschen mit fremden, verdächtigen Gesichtern an, die

sich hier zu dem alleinigen Zwecke, um den oberhalb der Wasserfälle

unbekannten Genüssen, wie Hazardspielen und Hahnenkämpfen um hohen

Einsatz und dergl. zu fröhnen, aufhielten. Dabei herrschten hier

ständig Streit und Zank, an die wir seit langer Zeit nicht mehr

gewöhnt waren. Man hatte uns übrigens oberhalb der Wasserfälle

bereits darauf aufmerksam gemacht, dass sich in diesem Zentrum der

Buschproduktensucher alles um Spiel und Wetten drehte.

Abends, lange nachdem wir uns zur Ruhe begeben hatten, hörten wir noch

Würfel rollen und Geld zählen; beim Schein kleiner Lampen hockten

auf der Galerie kleine Gruppen, die teils mit chinesischen, teils

mit europäischen Karten spielten. Bei Sonnenaufgang hielten einige

Buginesen, die als die wichtigsten Bankiers fungierten, ihren Einzug

in der Galerie und versammelten bald einen grossen Kreis um sich. Zum

grossen Verdruss ihrer Häuptlinge beteiligten sich auch die Bahau des

langen Hauses am Spiel, wodurch sowohl der Ackerbau als das Verhältnis

des Hausbewohner untereinander litt. Die Häuptlinge konnten sich nicht

besser ausdrücken, als indem sie diesen Zustand als "_rusak murib_

Bahau" "Verderben des Bestehens der Bahau" bezeichneten.

Zwei in Uma Mehak verbrachte Tage genügten, um uns davon zu überzeugen,

dass derartige Zustände auf die Dauer nur zur Demoralisierung einer

Bevölkerung dienen können, deren gute Eigenschaften wir oberhalb der

Wasserfälle kennen gelernt hatten. Ausserdem bilden sie für alle, die

von der Ostküste aus Beziehungen mit dein Binnenlande anknüpfen wollen,

eine Gefahr. Wir hätten hier nur durch einen langdauernden Aufenthalt

Einfluss ausüben können; da wir hierfür aber keine Zeit hatten und

den ersten Teil des von der Regierung gestellten Auftrages erfüllt

hatten, beschlossen wir, den Mahakam weiter bis Udju Halang zu fahren

und dort zu warten, bis ein Dampfboot uns zur Küste abholen würde.

_Bier_ begann von Uma Mehak aus, bei günstigerem Wasserstande, seine

Aufnahme und hoffte sie noch vor unserer Abreise zur Küste bis Ana

fortsetzen zu können.

Ich hatte die Ruhetage dazu verwandt, unseren Pflanzensucher _Sekarang_

von der Malaria zu kurieren, aber das Fieber hatte ihn bereits so

angegriffen, dass es für ihn ein Glück war, dass wir zu Wasser und

nicht zu Lande weiterreisten. Schlimmer ging es _Hadji Umar_, der

sich immer noch weigerte, Arzneien zu nehmen, und daher täglich an

Malariaanfällen litt und sichtlich herunterkam. Er raffte sich trotzdem

auf, um mit uns weiterzureisen und nahm auch seine Familie mit.

Nach einer langen Tagereise erreichten wir _Udju_ Halang, das uns offen

stand, da das _lali_ wegen des Todes von _Bang Joks_ Schwester bereits

aufgehoben war. Wir nahmen sogleich die Galerie in Beschlag; während

_Kwing Irang_ mit den Seinen am folgenden Tage nach Udju Tepu und

Ana weiterfuhr, um dort Handel zu treiben und uns zu benachrichtigen,

sobald das Dampfboot uns abholen käme. Gleich nach _Kwings_ Abreise

traf auch _Njok Lea_ bei uns ein; es hatte ihn unangenehm berührt,

dass wir in Uma Mehak nicht auf ihn gewartet hatten, doch reiste er

schliesslich guter Stimmung _Kwing_ nach.

Trotz meiner Ungeduld, die Küste zu erreichen, hoffte ich doch,

hier einige Ruhetage zu finden, da wieder einige von uns an Malaria

erkrankt waren. _Barth_, der die ganze Reise über gesund gewesen

war, wurde nachts von einem heftigen Fieberanfall gepackt, ferner

erkrankten zwei Schutzsoldaten, auch fühlte sich _Sekarang_ immer

noch nicht wohl. In den vier Tagen, die wir hier bleiben konnten,

gelang es uns zum Glück, alle soweit wiederherzustellen, dass sie die

Reise fortsetzen konnten. An Beschäftigung fehlte es uns auch hier

nicht. _Doris_ ordnete seine Vögel und die anderen untersuchten die

eisernen Koffer, um deren Inhalt nötigen Falls zu trocknen.

Am meisten machte mir wiederum die Bevölkerung zu schaffen, die stark

an Malaria und anderen Krankheiten litt und der ausserdem viel daran

lag, mir in kurzer Zeit allerhand Gegenstände zu verkaufen. Ich merkte

hier deutlich, dass die Bevölkerung, durch den langdauernden Umgang

mit Malaien an Handel gewöhnt, sich viel leichter als im Innern

von ihrem Hab und Gut trennte. Daher erwarb ich hier an schönen

Dingen, besonders an Tätowiermustern, in vier Tagen mehr als während

meines langen Aufenthaltes am oberen Mahakam. Auch empfand ich es

als vorteilhaft, dass die Leute den Wert des Geldes gut kannten;

sie freuten sich hier über einen Gulden ebenso sehr wie oberhalb

der Wasserfälle über vier. Von Udju Halang rühren auch die im

vorhergehenden Kapitel abgebildeten Tätowiermuster der Uma-Luhat,

der Bewohner dieser Niederlassung, her.

Leider war der Häuptling _Adjang_ nicht zu Hause; er war als der beste

Schwertschmied unterhalb der Wasserfälle bekannt und hätte mir gewiss

einige schöne Exemplare verkaufen können.

Am dritten Tage unseres Aufenthaltes traf auch _Bier_, der seine

Messung bis Ana fortgesetzt hatte, bei uns ein. Abgesehen von dem

kleinen Stück oberhalb Uma Mehak, das später ergänzt wurde, hatten

wir unseren ganzen Reiseweg von der Wasserscheide an messen können

und somit konnten die bereits erwähnten Aufnahmen des Kapuasgebietes

und des Gebietes von Ana bis zur Küste miteinander in Zusammenhang

gebracht werden.

Nun hatten wir noch nach einem Orte Umschau zu halten, der sich als

Wohnsitz für einen niederländischen Beamten eignete; aber die Aufgabe

war nicht leicht zu lösen, denn gleich unterhalb Uma Mehak flachen

sich beide Uferseiten ab und nur hie und da erheben sich einige

Hügel, die weiter unten gänzlich fehlen. Die wenigen, nur wenige

Meter über dem Wasserstande befindlichen Erhebungen waren bereits

von den Niederlassungen der Bahau eingenommen. Wir fuhren daher nach

vier Tagen weiter nach Ana, wo wir uns zugleich in grösserer Nähe

des Dampfbootes befanden.

In Ana nahm uns die Wittwe des früheren höchsten Häuptlings dieses

Gebietes, _Si Ding Ledjü_, als ihre Gäste auf. _Ledjü_ war mir

während meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam, im Jahre

1897, entgegengereist und hatte mir auf allerlei Weise zu helfen

getrachtet. Seine Wittwe zeigte mir mit Stolz ein schönes silbernes

Teebrett, das ich für sie in Batavia als Geschenk der Regierung

besorgt hatte und das ihr der Assistent-Resident von Samarinda später

überreicht hatte. Obwohl sie in sehr bescheidenen Verhältnissen

zurückgeblieben war und ihr Schwager die Häuptlingschaft für ihren

unmündigen Sohn _Djü_ führte, tat sie doch alles, um uns den Aufenthalt

bei ihr so angenehm als möglich zu machen. Wir wurden nicht in der

Galerie, sondern in der Häuptlingswohnung selbst aufgenommen, was

bis dahin nicht vorgekommen war. Unseren Malaien wurde eine grosse,

leere Wohnung angewiesen, in der auch der grösste Teil unseres Gepäckes

Platz fand.

Zum Glück war _Sekarang_ so weit hergestellt, dass er die Sorge für

die Kisten mit lebenden Pflanzen wieder übernehmen konnte. Die Sammlung

befand sich, da sie die meiste Zeit in der freien Luft verbracht hatte,

in ausgezeichnetem Zustand. Für diese Produkte der kühlen Gebirgswälder

wurde nun aber das Klima in der Ebene viel zu warm; da sie überdies

vor den Salzteilchen in der Luft während der Seereise geschützt werden

mussten, hatten sie eine ständige Bedeckung nötig, die wir ihnen aus

Rotangschirmen, welche mit Kattun überzogen wurden, herstellen liessen.

Sobald _Kwing Irang_ erfahren hatte, dass wir uns in Ana befanden,

gesellte er sich zu uns, um mit uns zu überlegen, wer von seinen

Leuten uns nach Samarinda begleiten sollte. Um zum ersten Mal in ihrem

Leben eine Dampferfahrt mitzumachen, um die Wunder einer Küstenstadt

zu sehen und um in Samarinda allerhand Dinge einzukaufen, wollten

nämlich sehr viele mitreisen, daher rief _Kwing_ meine Autorität zu

Hilfe. Nachdem wir auch _Njok Leas_ Rat eingeholt hatten, beschlossen

wir, dass 6 Kajan, 4 Long-Glat und die beiden angesehensten Mantri,

_Sorong_ und _Bo Ului Jok_, mitgehen sollten. _Kwing Irang_ selbst

und die anderen Häuptlinge wagten aus Furcht, vor dem Sultan nicht

uns zu begleiten und wollten uns daher in Udju Tepu erwarten.

Als der Handelsdampfer des Sultans "Sri Mahakam" in Udju Tepu ankam

und der Bootsführer hörte, dass wir uns in Ana befanden, zeigte er

sich sogleich bereit, uns dort mit unserem Gepäck abzuholen.

Nach zweitägiger Fahrt erreichten wir Tengaron, wo wir uns dem Sultan

vorstellten. Er empfing uns in seinem Palaste und stellte uns einen

Dampfer zur Verfügung, der uns noch am gleichen Tage nach Samarinda

brachte.

Quer Durch Borneo; Erster Teil · 第 64 / 66 题