5. unterirdische Region, bewohnt von _Amei Awi_ und dessen Gemahlin
_Buring Une_.
Für die gebildeteren Bahau ist _Tamei Tingei_ derjenige Gott,
welcher das Lebenslos der Menschen beherrscht, der bereits hier
auf Erden denjenigen straft, der sich Übertretungen der _adat_ und
andere Übeltaten zu Schulden kommen lässt, und denjenigen belohnt,
der sich durch gute Werke auszeichnet. Er ist allwissend und hat zur
Vollstreckung seines Willens eine Schar böser, die Erde bewohnender
Geister zur Verfügung. Man sollte vom Allvater, der nicht nur straft,
sondern auch belohnt, erwarten, dass ihm ausser den bösen Geistern
auch gute direkt zu Diensten stehen. Ich habe aber letztere nie
erwähnen hören; es ist daher wahrscheinlich, dass _Tamei Tingei_ sich
für seine Zwecke der im _Apu Lagan_ unter _Diaja Hiwis_ spezieller
Aufsicht stehenden guten _to_ bedient.
_Amei Awi_ und _Buring Une_ beherrschen die Erde und den Ackerbau. Da
das Gelingen der Ernte von ihnen abhängt, wird ihnen besonders bei
den Saatfesten und beim Beginn der Erntefeste geopfert. Sie leben in
aller Herrlichkeit auf einer Erde, die unter derjenigen der Menschen
liegt und so fruchtbar ist, dass sie nahrhaften Reis und Früchte
aller Art in Hülle und Fülle hervorbringt.
Während _Tamei Tingei, Amei Awi_ und ihre Gemahlinnen von Anbeginn
an Gottheiten gewesen sind, lebte _Djaja Hiwi_, die Beherrscherin
der guten Geisterwelt _Apu Lagan_, einst als menschliches Weib auf
Erden und zwar im Stammland aller Bahau, im Apu Kajan, als Ehefrau
von _Tamei Angoi_, einem Häuptling am Kajanufer. _Djaja Hipuis_
Vorgeschichte ist folgende:
Im Apu Kajan, wo für gewöhnlich ein Überfluss an Reis und herrlichen
Früchten herrschte, trat einst Hungersnot ein. Daher begab sich
_Tamei Angoi, Djaja Hipuis_ Gatte, mit seinem Sohne _Tekwan_, auch
wohl _Sunung Kule_ genannt, in das Land _Lagan Pau_, um dort für
Gonge, Schwerter und Perlen Reis einzukaufen. Aber auch dort herrschte
Reisnot, so dass sie sich unverrichteter Sache auf den Rückweg machen
mussten. Zum Übermass des Unglücks ertrank _Tekwan_ unterwegs in den
Wasserfällen des Flüsschens Lirong. Tief gebeugt kehrte der Vater in
sein langes Haus am Kajan zurück; sein Kummer wurde von _Djaja Hiwi_
und dem ganzen Volke geteilt.
Als _Tamei Angoi_ nach Ablauf der Trauerzeit zufällig auf eine Leiter
stiess, die nach oben in die Geisterwelt _Apu Lagan_ führte, beschloss
er in seiner Not, von dort mit Hilfe seiner Tauschartikel Reis für
seine hungernden Untertanen zu holen. So stieg er denn voller Hoffnung
die Leiter hinauf und gelangte vor _Buring Bango_, die Frau, die
damals den _Abu Lagan_ beherrschte. _Tamei Angoi_ wurde für seinen Mut
belohnt; denn er fand hier nicht nur einen Überfluss an Reis, sondern
feierte auch Wiedersehen mit seinem Sohne _Tekwan_. Leider durfte
ihm dieser aus der Geisterwelt nicht wieder auf die Erde folgen, was
die Freude des Vaters, der im übrigen sehr befriedigt von dem Erfolg
seiner Unternehmung in sein Land zurückkehrte, etwas beeinträchtigte.
Kaum hatte _Djaja Hipui_ erfahren, dass ihr ältester Sohn im _Apu
Lagan_ wohnte, als sie sich auf Erden nicht mehr halten liess; trotzdem
weder _Tamei Angoi_ noch ihr jüngerer Sohn _Imu Djoatut_ das Land,
in dem sie bis jetzt so glücklich gelebt hatten, verlassen wollten,
beschloss die Mutter dennoch, zu ihrem _Tekwan_ überzusiedeln. Ein
grosser Teil der Dorfbewohner schloss sich _Djaja Hipui_ an und so
stiegen sie gemeinsam auf der Leiter nach oben, worauf sie diese
zerbrachen. _Buring Bango_ jedoch wollte die Neuangekommenen in ihrem
Reiche nicht aufnehmen, daher entbrannte ein heftiger Kampf. _Buring
Bango_ wurde besiegt und gezwungen, nach _Pu-u Siu_ zu flüchten und
ihr Reich _Djaja Hipui_ zu überlassen.
Von_ Tamei Angoi_ und _Imu Djoatut_, den auf Erden Zurückgebliebenen,
stammen sämmtliche Bahau ab.
_Djaja Hipui_ lebt mit den Ihren im _Apu Lagan_ nach der Weise
der Bahau auf Erden, in langen Häusern, an einem Flussufer. Ober-
und unterhalb von _Djaja Hipuis_ Hause stehen je zwölf dieser langen
Häuser und zwar heissen die zwölf ersten, von oben gerechnet: _Ingan
I; Bua Kudja; Ulo Lawing; Paren Tingin; Paren Balui; Batang; Uniang
Awang; Utan; Ingan II; Bua Kaping; Tijung_ und _Apu Lagan_. Die Namen
der flussabwärts gelegenen Häuser sind mir nicht bekannt.
_Djaja Hipui_ greift auch in das Lebenslos der Menschen ein; wird
sie z.B. zu häufig oder zu ungelegener Zeit, besonders durch Fluchen,
angerufen, so straft sie.
Die guten Geister des _Apu Lagan_ sind den Bahau günstig gesinnt: sie
beseelen die Priester und helfen ihnen dadurch, die in Krankheitsfällen
entflohenen Seelen der Menschen zurückzurufen; sie beseelen auch die
Tätowierkünstler, Hirschhornschnitzer; Schmiede und ähnliche Leute;
auch sind sie es, die mit Hilfe von Tieren, Träumen und Begebnissen
aller Art die Bahau auf das, was sie tun und lassen müssen, aufmerksam
machen.
Über die Vorstellung, die sich die Bahau von dem Aussehen der guten
_to_ machen, habe ich nie etwas vernommen.
Dagegen schreiben sie den strafenden Geistern, die sie daher als die
"bösen (_dja-ak_)" bezeichnen, alle Körpereigenschaften zu, die sie
selbst an ihren Nebenmenschen unangenehm und hässlich finden. Die
bösen_ to_ sind menschenähnliche Wesen mit grossen, dicken Leibern,
riesigen Augen in grossen Köpfen, schweren Hauern, dichter langer
Behaarung und aussergewöhnlicher Stärke. Die den Donner und Blitz
verursachenden _to belare_ sind z.B. so stark, dass man glaubt,
vom Blitz getroffene Bäume seien von ihnen auseinander gerissen. Das
Blitzen erzeugen sie durch das Funkeln ihrer Augen, das Donnern durch
das Tönen ihrer Stimmen. Sie bewohnen gewöhnlich Höhlen an Bergabhängen
und bilden ähnliche Gemeinwesen wie die Bahau. Auch die übrigen bösen
Geister suchen sich als Wohnplätze die Orte aus, die auf das Gemüt
der Menschen einen beängstigenden Eindruck hervorbringen, wie stark
bewachsene Berge, dunkle Waldgebiete, Felshöhlen und eigentümlich
geformte Felsen und Steinklumpen.
Viele Berge werden von den Eingeborenen wegen der dort hausenden
Geister gemieden und auch mir gestatteten sie öfters nicht, in die
Nähe einer Berghöhle zu gehen. Bei der Besteigung des Batu Kasian
hörte ich den Häuptling _Kwing Irang_ unseren Pflanzensucher fragen,
ob er nicht die Höhle des dort lebenden _belare_ entdeckt habe. Während
der Reise warfen meine Träger mit Steinen und Holzstücken nach allen
Höhlen und Felsen, die für Wohnsitze von Geistern galten. Einst sah
ich einen Mann den Mond anspeien, ich weiss nicht aus welchem Grunde.
Als weitere Abschreckungsmittel für böse Geister dienen auch
menschliche Phantasiegestalten, deren Genitalien übertrieben gross
dargestellt werden. Derartige Figuren, mit Schild, Schwert und Speer
bewaffnet, werden, besonders wenn Krankheiten im Lande herrschen,
an den Pfaden längs des Flussufers aufgestellt. Auch Genitalien an
und für sich sind im stande, andringende Geister zu verscheuchen;
sie werden daher in roher Form aus Holz geschnitzt häufig auf Treppen
und Bretterstegen angebracht. Wie im Kapitel über Kunst gezeigt werden
wird, hat dieser Glaube den Bahau die eigenartigsten Motive für die
Verzierung ihrer Häuser, Waffen und Gerätschaften geliefert. Aus
der Schöpfungsgeschichte der Kajan geht hervor, dass ihre Götter
und Geister vor geschlechtlichen Beziehungen ein Grauen empfinden;
hieraus erklärt sich die abschreckende Wirkung, die der Anblick von
Genitalien auf die bösen Geister übt.
Dass auch das Pflanzenreich zur Abwehr böser Geister vielerlei Mittel
liefert, ist bereits im vorhergehenden Kapitel gezeigt worden,
ebenso dass die Zähne von Hunden, Wildkatzen, Bären und Panthern,
besonders geformte Steine u.s.w. als Schreckmittel benutzt werden.
Die bösen sowie die guten Geister besitzen einen viel weiteren Blick
als die Menschen und sind, wie wir gesehen haben, auch viel mächtiger
als diese; sie bilden für die meisten Bahau das religiöse Element,
mit dem sie sich bei ihrem Gottesdienst hauptsächlich befassen.
Da die guten Geister nicht nur an sich ungefährlich sind, sondern
den Menschen auch alles erdenkliche Gute anzutun bestrebt sind, die
bösen Geister dagegen den Menschen, als Strafe für ihre Missetaten,
alles Unglück übermitteln, haben diese für die Bahau begreiflicher
Weise mehr Interesse als jene. Man hört sie daher viel häufiger von
den gefürchteten bösen als von den harmlosen guten _to_ sprechen.
Obgleich die Bahau an eine wenn auch beschränkte Unsterblichkeit der
Seele glauben, sind sie doch der Überzeugung, dass _Tamei Tingei_
ihnen durch seine Diener schon hier auf Erden das Los zuerteilt, das
sie sich durch ihre Lebensweise selbst verdient haben. Diejenigen,
welche die menschliche oder göttliche _adat_ übertreten, erleiden
Missgeschick oder werden krank; sind die Geister sehr erzürnt, so
lassen sie die Schuldigen im Kampfe fallen, verunglücken, sich selbst
töten oder, wenn es Frauen betrifft, bei der Geburt sterben. Alle auf
diese Weise Umgekommenen sind _matei dja-ak_, d.h. eines schlechten
Todes gestorben. Es wird ihnen kein ehrenvolles Begräbnis zu Teil;
auch gelangen ihre Seelen nicht in den Himmel _Apu Kesio_, sondern
an einen anderen Ort; aber von einer weiteren Vergeltung ihrer auf
Erden begangenen Missetaten im künftigen Leben ist keine Rede.
Den guten Menschen sendet Allvater Glück und Wohlergehen; auch
lässt er sie durch Krankheit eines schönen Todes (_matei saju_)
sterben. Ihre Seelen gelangen nach _Apu Kesio_, wo sie in einem
Überfluss an Nahrungsmitteln schwelgen und nicht zu arbeiten brauchen.
Im Anfang dieses Kapitels ist bereits gesagt worden, dass die Bahau
nicht nur sich selbst, sondern auch allen belebten und unbelebten
Wesen auf Erden den Besitz von Seelen zuschreiben; sie glauben,
dass die Menschen und deren Haustiere: Schweine, Hunde und Hühner,
ferner die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine von zwei Seelen,
die übrigen Tiere, Pflanzen und toten Gegenstände dagegen nur von
einer Seele bewohnt werden.
Betrachten wir zuerst die Seelen der Menschen, ihren Charakter und
ihr Schicksal.
Alle Leiden, von Angstgefühlen und quälenden Träumen an bis zu
Missgeschicken und Krankheiten, schreibt der Bahau dem Umstande zu,
dass ein Teil seiner Persönlichkeit zeitweise seinen Körper verlässt;
er nennt diesen nur locker mit seinem Körper verbundenen Teil:
_bruwa_ (malaiisch: _mata kanan_ = rechtes Auge). Einen zweiten Teil
seiner Persönlichkeit, der zeitlebens mit seinem Körper verbunden
bleibt, nennt der Bahau: _ton luwa_ (malaiisch: _mata kiba_ = linkes
Auge). Diese beiden geistigen Teile des Bahau, seine beiden Seelen,
spielen sowohl in seinem Leben als nach seinem Tode eine wichtige
Rolle.
Die stets unruhige _bruwa_ entflieht dem menschlichen Körper, nach
Aussagen der Priesterinnen, in Gestalt eines Tieres: eines Fisches,
Vogels oder einer Schlange. Die Fischform verspricht ein langes,
die Schlangenform ein kurzes Erdenleben. Der wichtigste Wohnsitz der
_bruwa_ liegt im Haupte des Menschen, sie verlässt den Leib durch den
Scheitel. Schlägt man ein Kind daher aufs Haupt, so entflieht seine
_bruwa_ leicht.
Eine der wichtigsten Aufgaben der Priesterinnen besteht darin, die
_bruwa_, die den Menschen schon bei geringen Anlässen, wie Schreck
und Verstimmung, besonders aber bei Krankheit, verlässt, wieder in den
Körper zurückzulocken. Sie tun dies mit Hilfe der Geister aus dem _Apu
Lagan_ und zwar auf sehr verschiedene Weise. Bisweilen lässt sich die
_bruwa_ schon dadurch besänftigen, dass ein schönes Stück Zeug auf
das Haupt des Patienten gelegt wird; sonst spaltet die Priesterin in
der Dunkelheit das Haupt zum Schein und lässt die entflohene Seele
wieder in ihren alten Wohnsitz zurückkehren.
Bei dem Tode des Menschen verlässt die _bruwa_ den Körper für immer
und zieht nach Aras Kesio. So viel ich habe erfahren können, verweilt
die Seele auch hier nicht ewig, sondern begiebt sich später an einen
anderen Ort, _Langit Mengun_, und wird erst dort zu einem wirklichen,
ewig fortlebenden Geiste.
Der Weg, den die _bruwa_ zum Apu Kesio zurückzulegen hat, ist äusserst
mühe- und gefahrvoll; daher giebt man dem Verstorbenen alles mit, was
seiner Seele auf der Reise und auch später beim Aufenthalt im Jenseits
von Nutzen sein könnte. Hierzu gehören: eine vollständige und prächtige
Kleiderausrüstung nach altem Muster; schöne Schmucksachen; Waffen;
Gerätschaften aller Art; Gonge, die neben dem Grabe aufgestellt oder
bei Häuptlingen in die Prachtgräber (_salong_) gelegt werden; ferner
eine winzige Leiter, um der Seele zu ermöglichen, Felsen zu erklimmen
und Abgründe zu überschreiten und ein Vorrat von Nahrungsmitteln. Um
die _bruwa_ gegen Anfälle böser Geister unterwegs zu schützen, giebt
man ihr in einem Tragkorbe (_briut_) seltsam geformte Steine und
Tierzähne mit, zur Anlockung der guten Geister dagegen ein Bambusgefäss
mit Zuckerrohrsaft.
Die _bruwa_ begiebt sich nicht sogleich nach dem Tode des Menschen
auf die Wanderung, sondern hält sich, solange die Angehörigen die
Trauer noch nicht abgelegt haben, in der Nähe des Leichnams auf. Die
Seelen der Kapuas Dajak wählen für diese Zeit den Berg Batu Tilung
am Mandai als Aufenthaltsort. Beim Ablegen der Trauer ist es daher
Aufgabe der Priesterin, durch Abhalten einer _mela_ dafür zu sorgen,
dass die Seele sicher nach _Apu Kesio_ befördert (_anter_) wird.
Die _bruwa_ beginnt ihre Reise unterhalb der Erde und Flüsse und hat
ausser den gewöhnlichen Terrainschwierigkeiten auch noch Brücken aus
heftig wippenden Baumstämmen und Wege von der Schärfe der Schwerter
zu überwinden. Kommt sie über diese Hindernisse nicht hinweg, so geht
sie zu Grunde; stürzt sie z.B. von der Brücke in den Fluss, so fressen
sie die Fische und sie ist vernichtet. Die Unsterblichkeit der _bruwa_
ist somit eine begrenzte.
Die Seelen der _matei saju_, eines schönen Todes Gestorbenen, und der
_matei dja-ak_, eines schlechten Todes Gestorbenen, wandern zuerst
auf gemeinschaftlichem Pfade, dann aber findet Dreiteilung des Weges
statt: rechts führt ein Weg zum _Apu Kesio_, links führen zwei Wege,
von denen der eine durch Schwerter, der andere durch Gonge bezeichnet
ist, zu anderen Anfenthaltsorten, die für die eines gewaltsamen
Todes Gestorbenen bestimmt sind. Die Verunglückten, Erschlagenen,
Selbstmörder u.s.w. schlagen den Weg der Schwerter, die Frauen und
Kinder, die während oder kurz nach der Geburt gestorben sind, dagegen
den der Gonge ein.
Was die zweite Seele der Bahau, die _ton luwa_, betrifft, so ist
sie zeitlebens mit seinem Körper fest verbunden. Erst wenn der Leib
gestorben ist, verlässt auch diese Seele die stoffliche Hülle. Die
_ton luwa_ bleibt jedoch auf dem Begräbnissplatz, wo sie solange
herumirrt, bis sie endlich zu einem bösen Geiste wird. Gehen die
Bahau daher an einem Begräbnisplatz vorüber, so werfen sie den _ton
luwa_, um sie zu beruhigen, Stückchen Esswaren, Tabak u. dergl. zu,
auch weisen sie nicht nach ihnen und sprechen nicht von ihnen.
Die _ton luwa_ haben die Fähigkeit, während ihres Aufenthaltes
auf der Totenstätte in Tiergestalt, als Hirsche und graue Affen,
zu erscheinen. Desshalb essen die Bahau diese Tiere nur dann, wenn
der Hunger sie dazu zwingt. Da die Malaien keine Schweine essen,
glauben die Bahau, dass deren Seelen nach dem Tode bisweilen in
Schweine übergehen.
Als Beweise für den gelegentlichen Aufenthalt der _ton luwa_ in Tieren
führten mir die Mendalam Kajan die folgenden Erzählungen an
Ein Mann zog aus um zu_ silem_, d.h. mit einem Blasrohr zu
jagen. Obgleich er den ganzen Tag umherlief, hatte er doch keinen
Erfolg, und so schlief er endlich müde und verstimmt auf einem
Begräbnisplatze ein. Da erschien ihm ein wunderschönes Mädchen, mit der
er den Rest der Nacht verbrachte. Beim Erwachen in der Frühe bemerkte
der Mann, dass ein Hirsch, der neben ihm lag, eiligst aufstand und
entfloh. Hieraus ersah er, dass die Seele des Mädchens sich tagsüber
in einem Hirsch aufhielt.
Ein anderer Jäger stiess an einer Stelle des Waldes, wo er lange Zeit
nicht gewesen war, auf ein Haus, das von grossen, dunklen Menschen
bewohnt wurde; etwas weiter stand ein zweites Haus, in dem schöne
Frauen lebten, und in einem dritten Hause fand er Menschen noch
anderer Art. Mit allen diesen Leuten plauderte der Jäger, ass mit
ihnen, kaute Betel und schlief endlich an der Seite einer der Frauen
ein. Als er in der Nacht vor Kälte erwachte und sich zur Erwärmung ein
Feuer anzündete, bemerkte er, dass sich ein Waffenhalter an der Wand in
einen Baumast und die Hausbewohner in graue Affen verwandelten. Darauf
ergriff er eiligst die Flucht. Im Vorüberlaufen sah er noch, dass sich
die Menschen in den beiden anderen Häusern in Hirsche verwandelten.
Wenden wir uns jetzt den Seelen der Tiere, Pflanzen und leblosen
Wesen zu.
Die Bahau bezeichnen diejenigen Tiere, die nur eine einzige Seele
besitzen, als _tular lan_ (wirkliche Tiere); die Haustiere, ferner
die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine dagegen sind im Besitze
der gleichen Seelen wie die Menschen, einer _bruwa_ und einer _ton
luwa;_ sie können daher auch zeitweilig als Menschen leben und wie
diese Häuser bewohnen. Auch hierfür lieferten mir die Kajan durch
eine Erzählung den Beweis:
Ein Mann, der sich mit seinem Blasrohr auf die Jagd begeben hatte,
irrte lange im Walde umher, bis er an ein Haus gelangte, das von
schönen Frauen bewohnt wurde.
Mit einer dieser Frauen lebte er mehrere Monate zusammen; eines Morgens
erklärte sie ihm jedoch, dass sie eigentlich ein _bawui_ (Wildschwein)
sei und dass sie von nun an nicht länger in ihrer menschlichen Gestalt
weiterleben dürfe, sondern in den Wald zurückkehren müsse. Sie hatte
den Mann aber inzwischen sehr lieb gewonnen und legte ihm ans Herz,
stets dabei zu sein, wenn die Jäger seines Stammes Wildschweine
erlegten, da es leicht geschehen könne, dass auch sie sich unter
den Jagdopfern befinde. Darauf nahm sie Abschied und begab sich mit
vielen anderen Frauen an das Ufer eines Weihers, der vor dem Hause
lag; in diesen tauchten sie unter und kamen am gegenüberliegenden
Ufer in Gestalt von Wildschweinen wieder zum Vorschein. Die Tiere
liefen einen Hügel hinan und verschwanden im dichten Walde.
Bald nachdem der Mann in sein Dorf zurückgekehrt war, erlegten
seine Stammesgenossen wirklich ein Wildschwein. An einer Narbe an
der Seite des Tieres erkannte der Mann seine frühere Geliebte und
bemächtigte sich daher der Leiche. Gross war sein Erstaunen, als
er beim Aufschlitzen von Brust und Bauch das ganze Tier mit Gold
gefüllt fand. So wurde er zum reichsten Manne im ganzen Dorfe. Die
Bahau jagen daher nie mehr Wildschweine, ohne deren Seelen zuvor ein
Opfer gebracht zu haben.
Haben die Bahau einen _kule_, den gefürchteten borneoschen Panther
geschossen, so sind sie für ihr Seelenheil sehr besorgt; denn die
Pantherseele ist beinahe mächtiger als die ihre. Sie schreiten
daher acht Mal über das getötete Tier unter der Beschwörungsformel:
"_kule, bruwa ika hida bruwa akui_" = "Panther, Seele deine unter
Seele meine". Zu Hause angelangt werden Jäger, Hunde und Waffen mit
Hühnerblut eingerieben, um ihre Seelen zu beruhigen und am Entfliehen
zu verhindern. Die Bahau essen nämlich Hühnerfleisch so gern, dass sie
den gleichen Geschmack auch bei ihrer Seele voraussetzen, auch glauben
sie, dass ihr schon der Genuss des Blutes allein genüge. Ausserdem
müssen die Männer acht Tage lang sowohl tags als nachts baden. Nach
Verlauf dieser acht Tage müssen sie sich aufs neue auf die Jagd
begeben.
Haben die Jäger bei der Wildschweinjagd der Beute den Schwanz
abgehauen, so müssen sie vorschriftsgemäss ebenfalls nach acht Tagen
wieder jagen gehen; haben sie einen Bären erlegt, so gehen sie bereits
nach sechs Tagen wieder auf die Jagd.
Die Pflanzen besitzen nach Auffassung der Bahau zwar nur eine Seele,
diese ist aber oft sehr anspruchsvoll und rächt sich für jede
Verletzung oder Vernachlässigung an den Menschen. Daher tun die
Kajan nach dem Bau eines Hauses, wobei sie zahlreiche Bäume haben
misshandeln müssen, ein Jahr lang Busse, d.h. es folgt eine Zeit,
in der ihnen vieles verboten (_lali_) ist, unter anderem das Töten
von Bären, Tigerkatzen, Schlangen u.s.w.
Bei den Ulu-Ajar Dajak am Mandai, südlich vom oberen Kapuas, bestehen
ähnliche, aber noch strengere Vorschriften für den Häuserbau. Dort
hängt die Dauer der Busse von den hauptsächlich gebrauchten Baumarten
ab; für ein Haus aus wertvollem Eisenholz muss man sich drei Jahre
lang verschiedener Leckerbissen enthalten; die Seelen geringerer
Baumarten machen dagegen bescheidenere Ansprüche.
Eine derartige Verbotszeit wird durch eine Festlichkeit abgeschlossen
(_bet lali)_. Dabei spielt die Kopfjägerei, allerdings nur pro forma,
auch noch eine Rolle; man entlehnt nämlich einen alten Schädel bei
einem benachbarten Stamme.
Sehr verschieden geartet sind auch die Seelen der die Pfeilgifte
liefernden Bäumeder Täsembaum (Antiaris toxicaria Lesch.) scheint
schwer zu befriedigen zu sein; denn nur selten ist das Kernholz dieses
Baumes wohlriechend; dies ist nur dann der Fall, wenn derjenige,
der ihn fällt, die richtigen Opfer zu bringen versteht. Das Gleiche
gilt für den in Ost-Borneo vorkommenden Kampferbaum.
Auch der Reis ist beseelt und die gute Gesinnung seiner Seele ist für
den Ernteausfall von grosser Bedeutung, daher müssen die Priesterinnen,
wie wir in der Folge sehen werden, beim Reisbau ein sehr kompliziertes
Zeremoniell erfüllen.
Eigentümlicher Weise stellen sich die Bahau, wie schon gesagt, auch die
toten Wesen ihrer Umgebung beseelt und mit menschlichen Eigenschaften
begabt vor. Aus diesem Grunde wirft ein Kajan, der schwer dazu zu
bewegen ist, einen Gegenstand durch Verbrennen zu vernichten, ihn
anstandslos in den Fluss, in der Überzeugung, dass er sich im Wasser
doch noch durch Schwimmen retten könne.
Eine besonders rücksichtsvolle Behandlung erfahren bei den Mendalam
Kajan und allen Busang sprechenden Stämmen am Mahakam die Seelen
derjenigen Gegenstände, die im Leben des Menschen eine wichtige
Rolle gespielt haben; sie werden zu Lebzeiten gesammelt und auch
nach dem Tode ihres Eigentümers in einem grossen Packen, _legen_
genannt, aufbewahrt. Zwar kümmert sich keiner weiter um den Packen,
auch lässt man ihn beim Verlassen des Hauses unter dem Dache zurück;
niemand würde jedoch wagen, ihn zu vernichten. (Siehe folg. Kap.)
Im vorhergehenden haben wir die Vorstellungen kennen gelernt, die
sich die Bahau von sich selbst, ihrer irdischen Umgebung und den
über ihnen stehenden Mächten gebildet haben; betrachten wir jetzt
die Beziehungen, die zwischen der Geister- und Menschenwelt bestehen.
Das Bedürfnis, für ihren Lebenswandel eine Richtschnur und über
ihre Zukunft einige Gewissheit zu erlangen, hat in den Bahau die
Überzeugung entstehen lassen, dass ihnen die guten Geister des _Apu
Lagan_ durch die Vermittlung von Tieren und auffallenden Ereignissen
den Willen und die Pläne Allvaters mitteilen. Aus dieser Überzeugung
hat sich ein ausgebreitetes System von Vorzeichen entwickelt, das
nicht nur bei wichtigen Unternehmungen, sondern auch im täglichen
Leben, und zwar bei den verschiedenen Stämmen in verschiedenem Masse,
eine grosse Bedeutung erlangt hat.
Die Zahl dieser Vorzeichen ist eine sehr grosse und ihre Arten sind
sehr verschieden; die wichtigsten, welche unter allen Umständen bei den
Bahau Gültigkeit haben, werden dem Vogelkluge entnommen. Es handelt
sich hierbei hauptsächlich darum, ob gewisse Vögel rechts oder links
vom Beobachter auffliegen oder ihre Stimme hören lassen. Die beiden
massgebendsten der wahrsagenden Vögel der Bahau sind der _hisit_ oder
_sit_ (Anthreptes malaccensis) und der _telandjang_ (Platilophus
coronatus), beides auf Borneo sehr verbreitete Honigvögel. Die
Kenjastämme legen ausserdem viel Gewicht auf das Erscheinen einer roten
Trogonart (Trogon elegans) und eines verbreiteten braunen Falken mit
milchweissem Kopf (Habiastur intermedia).
Zu den wahrsagenden Tieren gehören ferner auch das Reh, _kidjang_
(Cervulus muntjac) und eine schwarze Schlange mit 4 weissen
Längsstreifen und einem lackroten Kopf, Bauch und Schwanz (Doliophis
bivirgatus Boie).
Da auch ein sorgfältiges Befragen und Befolgen der Vorzeichen den
Bahau nicht genügend erschien, um sich _Tamei Tingeis_ Wohlwollen und
somit ein glückliches Leben ohne Krankheit und Unglück zu verschaffen,
erfanden sie ein System von Verbotsbestimmungen, eine religiöse _adat_,
die ihnen zwar jede Freiheit des Handelns benimmt, ihren ängstlichen
Gemütern jedoch eine grosse Beruhigung gewährt.
Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf die zahlreichen Arten der
Verbotsbestimmungen näher einzugehen; sie durchziehen das ganze Leben
der Bahau derart, dass der Leser mit den Bewohnern von Mittel-Borneo
gleichzeitig auch diese religiöse _adat_ kennen lernen wird. Einige
Beispiele mögen aber erläutern, was die Bahau im allgemeinen mit
den ständig bei ihnen wiederkehrenden Worten "_pemali_" und "_lali_"
bezeichnen.
Unter _pemali_ (Hauptwort) und _lali_ (Eigenschaftswort) wird in
der Busangsprache alles, was sich auf religiöse Verbote bezieht,
verstanden. Das Wort _lali_ hat die gleiche Bedeutung wie das
polynesische _tabu_, wie das malaiische _pantang_ und das _buling_ im
Kapuas-Malaiisch. Die Dajak legen dein _lali_ einen doppelten Sinn bei:
das eine Mal bedeutet es "verboten" im allgemeinen, so wird z.B. beim
Tode eines Häuptlings die Niederlassung und der Flusslauf für _lali_
erklärt, d.h. sie dürfen von keinem Fremden betreten werden; ferner
ist es _lali_, zu bestimmten Zeiten etwas Bestimmtes zu essen, zu
tun, zu sagen. Das andere Mal wird _lali_ in dem Sinne von "geweiht"
gebraucht, z.B.: "_luma lali_" = "geweihtes Reisfeld", das nur für
religiöse Zwecke benutzt werden darf; "_haureg lali_" = "geweihter
Hut", der nur bei religiösen Zeremonien aufgesetzt werden darf
u.s.f. Wie dem Eigenschaftswort "_lali_" kommt auch dem zugehörigen
Hauptwort "_pemali_" eine doppelte Bedeutung zu. Mit "_pemali_"
werden sowohl alle durch die religiöse _adat_ vorgeschriebenen
Verbotsbestimmungen als auch geweihte Gegenstände bezeichnet. Alle
symbolischen Gegenstände, durch welche die Priesterinnen den
Geistern ihre Wünsche vortragen, heissen "_pemali_", desgleichen alle
Gegenstände, die überhaupt beim Gottesdienst gebraucht werden.
Obgleich die Bahau mit Hilfe der guten Geister und der Vorzeichen
selbständig mit Allvater in Verbindung treten können, halten sie
unter Umständen doch noch eine besondere Vermittlung durch berufene
Personen für notwendig. Durch die Erfahrung belehrt, dass auch eine
gewissenhafte Beobachtung der Vorzeichen und Verbotsbestimmungen nicht
im stande ist, sie vor Krankheit und Unglück zu schützen, wenden sie
sich in schwierigen Fällen lieber an Menschen, die ihrer Meinung nach
der Geisterwelt näher stehen als sie selbst, um Rat und Hilfe.
Eine eigentliche Priesterkaste existiert bei den Bahau nicht;
die Personen, die eine Vermittlung zwischen Volk und Geisterwelt
übernehmen, behalten ihre sonstigen Berufe als Ackerbauer, Hausfrauen
u.s.w. stets bei. Die Zahl der weiblichen Priester ist eine weit
grössere als die der männlichen; sie alle werden _dajung_ (singen _=
dajung_) genannt.
Die Pflichten der _dajung_ sind sehr mannigfaltig; ihre Hilfe wird
bei bösen Träumen, Krankheit, Tod und Unglücksfällen von ihren
Stammesgenossen beansprucht; eine wichtige Rolle spielen sie auch;
wie wir später sehen werden, bei den Ackerbaufesten. Die _dajung_ sind
zugleich auch die Gebildeten und Weisen des Stammes; denn sie sind
es hauptsächlich, welche die Überlieferungen des Stammes bewahren,
ausser der göttlichen auch die weltliche _adat_ kennen, sich stets
auf der Höhe der medizinischen Wissenschaft erhalten und diese auch
praktisch anwenden.
Die _dajung_ halten Versammlungen und Lehrstunden, in welchen die
Jüngeren zwei Jahre lang unterwiesen werden. Die jungen Priester haben
eine Probezeit zu überstehen, in welcher sie allerhand unangenehme
Dinge tun müssen, wie z.B. Erde essen. Während der Lehrzeit tragen
die Priesterinnen bei Festen Röckchen mit weissem Mittelfelde.
Trotzdem ich alle Ackerbaufeste bei den Mendalam Kajan mitmachte,
beobachtete ich exaltierte Zustände der _dajung_ nur in rudimentärer
Form. Es war beim Neujahrsfeste, als eine der Hauptpriesterinnen,
_Tipong Igau_, den Geistern die auf einem Opfergerüst (_lasa_)
ausgebreiteten Geschenke als Opfer anbot. Sie umkreiste in immer
schneller werdendem Tanze das Opfergerüst, bis sie zuletzt an ihm
emporkletterte und es schüttelte, als wollte sie die Opfer gen Himmel
steigen lassen. (Siehe Kap. VIII).
Um ihr priesterliches Amt antreten zu können muss die junge _dajung_
zuvor durch einen guten Geist beseelt werden. Der Vorgang der
Beseelung wurde mir erst bei den Mahakamstämmen klar; ich beobachtete
indessen bereits bei den Mendalam Kajan, dass einer jungen Priesterin
eine am Opfergerüst befestigte Schnur in die Hand gegeben wurde,
längs welcher der Geist sich auf sie herablassen sollte; eine ältere
Priesterin weihte sie unterdessen in die Geheimnisse der priesterlichen
Wissenschaft ein.
Bei den Bahau fehlt es zwar nicht an Frauen mit allerhand
Nervenkrankheiten wie Epilepsie, sie gehörten aber nie zu den _dajung_,
die alle als brave Hausmütter und -väter ihren Pflichten auf ruhige
Weise nachkamen.
Die _dajung_ geniessen seitens des Volkes grosse Achtung; selbst
wenn die Ungeschickteren unter ihnen bei den religiösen Tänzen
oft unverständliche und komische Sprünge und Bewegungen ausführen,
erregen sie doch nie die Heiterkeit der Zuschauer.
In sexueller Hinsicht spielen die _dajung_ auch durchaus nicht die
Rolle der _blian_ (Priesterin) und des _basir_ (Priester) am Barito,
ihr sittliches Leben ist untadelhaft.
Das Priesteramt verschafft an und für sich keine besonderen Vorrechte
und Vorteile. Die eifrigen und gewandten _dajung_ können allerdings,
trotzdem sie einen Teil ihrer Einnahmen den sie beseelenden Geistern
und höheren Göttern opfern müssen, sich durch ihr Amt eine reiche
Erwerbsquelle erschliessen.
Die Priesterinnen sind verpflichtet, den Verbotsbestimmungen strenger
als die Laien nachzukommen.
Äusserlich unterscheiden sich die _dajung_ von den Laien nur, wenn
sie ihres Amtes walten, durch ein bis mehrere besondere Armbänder
und bei festlichen Gelegenheiten durch schöne, auf besondere Weise
geschlungene Schale.
Jede Niederlassung am Mendalam besitzt ihre eigenen _dajung_, die
mit einander in keiner Verbindung stehen; auch sind die religiösen
Gebräuche selbst bei benachbarten, verwandten Stämmen von einander
etwas verschieden.
Die _dajung_ bedienen sich während ihrer Amtshandlungen einer
besonderen, älteren Sprache, die von der gegenwärtigen verschieden
ist und _dahaun to_ (Geistersprache) genannt wird.
Ausser durch die Sprache treten die _dajung_ mit den Geistern auch
durch Herstellung verschiedener Gegenstände in Verbindung, die
sie selbst teils als Ausdruck ihrer Wünsche, teils als Opfergaben
betrachten. Diese symbolischen Gegenstände sind alle aus sehr
einfachem, dem Pflanzenreiche entnommenem Material verfertigt und
werden, wie weiter oben bereits ausgeführt ist, mit allen Gegenständen,
Vorschriften und Verbotsbestimmungen, die auf den Gottesdienst Bezug
haben, als _pemali_ zusammengefasst.
Sobald die Priesterschaft mit der Geisterwelt in Verbindung treten
will, benachrichtigt sie diese durch Schläge auf alte, kupferne Becken
oder runde, kupferne Platten, die 3-4 dm Durchmesser haben und mit
einem 5 cm hohen Rande versehen sind. Die vibrierenden Töne dieses
Instrumentes begleiten jede religiöse Handlung, man hört sie aber
nie bei anderen Gelegenheiten.
In der Wirksamkeit der _dajung_ lassen sich zwei Hauptaufgaben
unterscheiden: die erste besteht darin, die _bruwa_ des Menschen
zu dessen Lebzeiten am Entfliehen zu hindern oder, wenn sie bereits
entflohen ist, sie zurückzuholen und sie nach dem Tode des Menschen
sicher nach _Apu Kesio_ zu geleiten (_anter);_ die zweite verlangt
eine Vermittelung zwischen der Menschen- und Geisterwelt in allen
Dingen, die den Ackerbau, die eigentliche Lebensquelle der Bahau,
betreffen. Betrachten wir zunächst, wie sich die Priester ihrer ersten
Aufgabe entledigen.
Unter einer _mela_ verstehen die Bahau eine religiöse Handlung,
die den Zweck hat, die beunruhigte Seele eines Menschen, die im
Entfliehen begriffen oder bereits entflohen ist, durch besänftigende
Mittel und mit Hilfe der guten Geister zum Bleiben bzw. zur Rückkehr
in den Menschen zu bewegen. Sobald ein Familienglied schlecht geträumt
hat, sich krank fühlt oder Unglück erlitten hat, wird eine _dajung_
zur Vornahme einer solchen _mela_ herbeigerufen. Auch mit gesunden
Menschen wird eine _mela_ vorgenommen, wenn es sich darum handelt,
ihre Seele für ein bevorstehendes, beunruhigendes Ereignis, wie
z.B. eine Reise, feierliche Handlungen u.s.w. vorzubereiten.
Soll ein körperlich oder geistig Kranker geheilt werden, so findet die
_mela_ stets in seiner Wohnung statt. Der gewichtige Tag wird morgens
gegen acht Uhr mit einer besonders guten Mahlzeit, an der sowohl die
Familie als auch die Priesterin teilnimmt, eingeleitet. Die Mahlzeit
besteht aus Huhn, Fisch, Reis, Ei und einer Gemüsesuppe. Von allen
diesen Herrlichkeiten wird für die Geister etwas auf die Seite gelegt
und später zu einer Geisterspeise verarbeitet, welche, je nachdem es
sich um Krankheit, böse Träume. oder einen Unglücksfall handelt, mit
besonderen Zutaten versehen zu einer _blaka_, dem materiellen Ausdruck
des von dem leidenden Teil Gewünschten, vereinigt wird. Einige dieser
Geisterspeisen werden an die Kindertragbretter und die Dachfenster,
durch welche die guten Geister eintreten sollen, gehängt.
Ausser durch Leckerbissen erfreuen die _dajung_ die guten Geister
auch durch Geschichtenerzählen; am Boden hockend berichten sie ihnen
stundenlang die Stammesgeschichte oder sie erzählen ihnen allerlei
Sagen, wie die von _Belawan Buring_, von denen sie annehmen, dass
auch die _to_ sie mit Interesse und Vergnügen anhören.
Mit allerhand derartigen Vorbereitungen verstreicht der Vormittag;
nachmittags schlachtet einer der männlichen Hausgenossen ein Ferkel,
dessen Blut auf Bananen- und _sawang_-Blättern (Cordyline javanica
Bl. [beta].) aufgefangen wird, um später bei der eigentlichen _mela_
als Geistertrank zu dienen. Unterdessen hat sich die Priesterin auf
einer schönen Rotangmatte vor dem offenen Dachfenster, durch welches
die Geister eintreten sollen, niedergelassen und zwar nach Kajanweise
mit gekreuzten Beinen hockend, das Haupt auf die rechte Hand gestützt.
Vor ihr stehen allerhand schöne Dinge: hübsche Zeugstücke,
Perlenketten, alte Schwerter und Gonge, ausserdem die _blaka_. Am
Dachfenster hängt die _alan bruwa_, der Seelenweg, eine Schnur mit
Lockmitteln, welche der entflohenen Seele bei der Rückkehr den Abstieg
durch das Fenster erleichtern soll. Die singende Priesterin sucht nun
mit Hilfe der Geister von _Apu Lagan_ die verirrte Seele des Patienten
längs des _alan bruwa_ zurückzuholen. Glaubt sie ihr Ziel erreicht zu
haben, so befördert sie die Seele in ein Körbchen mit Geisterspeise
und setzt dieses, nachdem es sorgfältig geschlossen worden, in einer
dunklen Ecke der Wohnung nieder. Hierauf geniesst die Familie wieder
ein kräftiges Mahl, bei dem das Ferkelchen das Hauptgericht ausmacht.
Der Einbruch der Dunkelheit giebt das Zeichen für den Beginn
der eigentlichen _mela_. Türe und Fenster werden geschlossen, ein
altes Schwert und eine Speerspitze werden mit der Geisterspeise und
den mit Ferkelblut besprengten Blättern versehen und der Patient
niedergesetzt. Er stützt den einen Fuss auf das Schwert, während
ihm die Priesterin den Arm von oben nach unten mit der Speerspitze
streicht. Die Handlung hat den Zweck, die verirrte Seele, welche
die Priesterin vorher aus dem Korbe genommen und in das Haupt des
Kranken geblasen, in dessen Körper fest zu halten. Nachdem der Patient
wieder in den Besitz seiner _bruwa_ gelangt ist, werden auch seine
Angehörigen auf die gleiche Weise behandelt, um für ihr Gesundbleiben
zu sorgen. Hiermit ist die _mela_ zu Ende und die Priesterin kehrt
beim, belohnt mit einem Schwert und vier bis fünf Perlen, deren Wert,
wenn die behandelte Familie reich ist, 7 1/2 fl das Stück betragen
kann.
Wie im folgenden Kapitel gezeigt werden wird, führen die _dajung_ die
_mela_, je nach dem Zweck, den sie erfüllen soll, auf verschiedene
Weise aus; das Prinzip ist aber stets das gleiche: eine Beruhigung
der Seele mittelst ihr angenehmer Dinge.
An dem Tage nach der _mela_ ist den Hausbewohnern jede Arbeit verboten,
auch dürfen sie mit den Dorfgenossen nicht verkehren, ihre Wohnung ist
_lali_. Als Zeichen hiervon legen sie sich ein besonderes Perlenarmband
(_leku mela_) um, in dessen Mitte sich acht rote Perlen, an den Seiten
je vier gelbe, vier blaue und vier schwarze, kleinere Perlen befinden;
abgeschlossen wird die Kette durch zwei braune Früchte einer Coïx-Art,
welche die bösen Geister zu vertreiben im stande ist. Dieses Armband
wird erst am Ende des zweiten Tages abgelegt.
Ungefähr auf die gleiche Weise wird die _mela_ vorgenommen, wenn
es sich um jemand handelt, der sich beunruhigt fühlt, der schlecht
geträumt oder Missgeschick erlebt hat.
Gilt es das Wohlsein eines Häuptlings oder das des ganzen langen
Hauses, so genügt eine Priesterin für die _mela_ nicht, sondern es
vereinigen sich drei bis vier der ältesten, um ihren Einfluss auf
die Geisterwelt geltend zu machen.
Sowohl bei der _mela_ als bei anderen Gelegenheiten spielt das Ei als
Opfer eine besondere Rolle. Augenscheinlich liegt der Grund darin,
dass ein Ei einen leicht zu beschaffenden und billigen Opfergegenstand
bildet; die Kajan jedoch leiten den Ursprung dieses Gebrauches von
folgendem Begebnis ab:
_Umwo_, das Kind eines Elternpaares_ Tedjulong Apong_ und _Buro Ling_,
fiel einst in den Fluss und kam nicht wieder zum Vorschein. Darüber
entstand so viel Jammer und Verzweiflung im Hause, dass selbst die
Geister oben aufmerksam wurden und untersuchten, was eigentlich
geschehen war. Zwei grosse Geister, _Belarè Kingan Tuman Tana_
und _Belarè Tuman Langit_, sandten mitleidsvoll aus ihrem Himmel
ein Ei herab, um mit dessen Hilfe die entflohene Seele des Kindes
zurückzurufen. Die Eltern wussten jedoch nicht, was mit dem Ei zu
beginnen sei, wickelten es in ein Tuch und legten es unter ihre
Schlafstätte. Nachts träumte ihnen, dass es gut sei, das Ei an den
Fluss zu bringen und ins Wasser zu werfen. Das taten sie denn auch
in aller Feierlichkeit und, als sie nach Hause zurückkehrten, fanden
sie zu ihrer Freude das Kind auf der Galerie sitzen.
Als die Eltern ihr Kind badeten, trat das Ei an die Oberfläche des
Wassers und trieb den Fluss hinab, sie erkannten es jedoch nicht und
stiessen es weg. Das Ei schwamm aber langsam den Fluss wieder hinauf;
da nahmen die Eltern es als Spielzeug für das Kind mit nach Hause und
bewahrten es in Tüchern. Nach Verlauf einiger Zeit, während welcher
das Kind immer gesunder wurde, krochen aus dem Ei ein Hahn und eine
Henne hervor. Da merkten die Eltern, dass das Ei ihnen von den Geistern
gesandt worden war und eine besondere Bedeutung hatte, und seit der
Zeit bringen die Kajan den _to_ Eier und Hühner als Opfer dar.