4. Kapitel.

Es wurde ein rechtes Frühlingsbüblein, das seinen Einzug in einer

Mainacht auf Pösen hielt.

»Mein Sohn,« sagte Herr de Charreard stolz. »Ein Charreard!«

»Mein Kind,« sagte die junge Mutter, denn ihr war es gleich, ob Bube

oder Mädel da neben ihr lag als schönstes Gottgeschenk.

Drei Tage hatte Sophia Christine eine ungestörte Freude an dem kleinen

schreienden, zappelnden Menschenwesen, dann schritt die Sorge in das

Haus. Diesmal trug sie die Gestalt eines herzoglichen Reitknechtes

und stand in einem feierlichen, äußerst huldvollen Schreiben. Herzog

Bernhard meldete sich mit seiner Gemahlin und einigen wenigen Herren

und Damen des Hofes zur Taufe auf Pösen an. Seine Gemahlin habe

den Wunsch, den »kleinen Franzosen« selbst aus der Taufe zu heben.

Sonntag Rogate würden die hochfürstlichen Taufgäste eintreffen. >Sie

verhofften,< hieß es in dem Schreiben, >ihrem Treugeliebten Ehemaligen

Hofmeister, dem Herrn Kammerjunker, Herrn Anthoine de Charreard und

seiner viellieben Ehefrau Sophia Christine, geborene Riesin, eine

sonderliche Freude zu bereiten.<

Ach du lieber Himmel, fürstliche Taufgäste und alle Vorratskammern leer!

Die zweihundert Taler sollten erst Johanni gezahlt werden. Bis dahin

hatten einige Bauern in dem Flecken Magdala sich zur Hergabe von

Brotgetreide bereit erklärt. Aber mit Brot allein waren fürstliche

Gäste nicht zufrieden.

»Wir fischen,« sagte Herr Anthoine, der bedrückt am Bett seines

Weibes saß. »Die Forellen sind jetzt gut. Und schlachten unsere

jungen Hühnchen.« Über Sophie Christines blasse Wangen liefen Tränen.

Ihre jungen Kückelchen, ihren Stolz, mußte sie hergeben. Oh, welche

Hoffnungen hatte die junge Frau an die kleine Schar geknüpft, sie hatte

sie schon alle als dicke gewichtige, aufgeplusterte goldgelbe Hennen

gesehen, die jeden Tag das Nest voll Eier legten. Gute Hausfreundinnen

sollten es werden. Aber Forellen und junge Hühner, Salat aus dem Garten

und Brot genügten nicht für einen Taufschmaus, da mußte Kuchen gebacken

werden, dazu gehörten Eier, Butter, alles, was so knapp wie nur möglich

auf Pösen war.

Woher in aller Welt dies nehmen?

Sophia Christine dachte wieder an den kleinen Schatz und Herr de

Charreard dachte auch daran, und er sagte aus seinen sorgenden Gedanken

heraus: »Es geht nicht anders.« Er wollte noch etwas von Standespflicht

hinzufügen, da tat sich die Tür auf und die ganze weibliche

Dienerschaft lugte herein und alle sagten sie wie aus einem Munde:

»Itze sind sie da!«

»Wer denn?« Sophie Christine dachte erschrocken, der Herzog Bernhard

mitsamt Gemahlin und Hofstaat wäre eingetroffen; der Besuch, ihre

leeren Vorratskammern, das noch unverkaufte Silberschätzlein, alles

strudelte ihr im Kopf durcheinander und sie sagte hilflos: »Aber sie

wollten doch erst am Sonntag Rogate kommen.«

»Nee, so lange warten die niche!« Die alte Röse drängte sich vor, sie

sah ordentlich ein bißchen gekränkt drein. »Nee, heute sind's die

Buchschen, de Schorbschen kommen erst morgen, es muß alles rechte

gehen.«

Und die Bäuerinnen von Bucha, alle, die Kinder hatten oder zu denen

einmal ein Kind Mutter gesagt hatte, kamen herein. Voran die alte

Rabenmutter, die das größte Mutterleid zu tragen hatte, und jede

Bäuerin trug einen weiß verdeckten Henkelkorb. Aus dem einen krähte,

aus dem andern gackerte es, denn jede brachte eine Gabe dar.

Die alte Rabenmutter sprach den Glückwunsch, sprach ihn in einem

singenden leiernden Ton, denn so erheischte es Anstand und Sitte. Und

verschnörkelt und feierlich waren Satz und Rede.

Herr Anthoine de Charreard war zuerst in den Hintergrund des Zimmers

vor den andrängenden Frauen geflüchtet, doch die alte Röse, die sonst

eine demütige Ehrfurcht vor dem schönen feinen Mann bezeigte, gab ihm

diesmal einen sanften Rippenstoß. Sie tat es freilich in tiefster

Demut, aber das Stößlein sagte dem Herrn doch, daß augenblicklich sein

Platz neben dem Bett seiner Frau war, und er merkte, die anderen Frauen

waren der gleichen Meinung.

Die Rabenmutter begann ihr Sprüchlein noch einmal vorzutragen. Die

Frauen standen alle mit gefalteten Händen und dann beugten sie alle die

Knie zur Verneigung vor dem Bett der jungen Frau.

Es war wie im Dornröschenmärlein, in dem die guten Feen alle kommen,

nur fehlte hier die böse Fee; es waren lauter gute Wünsche und Gaben,

die die Buchschen dem kleinen Anthoine darbrachten. Nahrhafte Gaben.

Einen Hahn, zwei Hennen, ein paar junge Küchlein, Eier, Butter, eine

Speckseite, es fehlte nicht an Wurst und Käse, auch nicht an einem

Säcklein Mehl. Und unter den Frauen war eine, die brachte zwei Eier.

Sophia Christine aber wußte, die Frau hatte nur ein Huhn und von den

wenigen Eiern, die ihr das schwärzliche Huhn legte, hatte sie die

beiden abgespart. Sauber lagen sie in frisches Grün gebettet da, und

ein wenig ängstlich sah die Alte auf die liebliche Hausfrau, fand sie

die Gabe nicht zu schlecht?

Da tat Sophia Christine etwas, das gegen Sitte und Herkommen verstieß.

Sie hielt keine feierliche Danksagung, sie faßte zuerst die Hand der

Rabenmutter und dann Hand um Hand, der Alten aber mit den beiden Eiern

strich sie noch einmal linde über die welke Hand. Dabei liefen ihr die

Tränen über das Gesichtchen, und es war schon gut, daß ihr Anthoine

es etwas besser verstand, eine feierliche Dankrede zu halten. Er

redete höflich und herzlich zugleich, stand würdevoll und vornehm vor

den Frauen. Denen tat es wohl, Händedrücke und Tränen waren gut, die

schwungvollen, feierlichen Worte aber gehörten dazu; da Röse wußte, daß

ein Würzebier auch dazu gehörte, hatte sie vorgesorgt. So verlief denn

der Besuch recht in den vorgeschriebenen Formen und die »Buchschen«

verließen zufrieden mit leeren Handkörben das Haus und versicherten,

morgen würden die Schorbschen kommen.

Dann wird unsere Speisekammer voll werden, dachte der Hausherr. Ein

heimliches Lachen kam ihn an. Er hatte sich noch nie so um eine leere

Vorratskammer gesorgt, und als er gefreit hatte, da hatte er gemeint,

in ein recht wohlhäbiges Leben hineinzugeraten. Er hatte das auch

manchmal gesagt, hatte etwas übermütig der Herzogin Marie gegenüber

betont, er wäre des Hoflebens und des Dienstes bei ihr satt und wolle

nun ein freies Herrenleben führen. Da wußte er plötzlich, warum die

Herzogin ihren Gatten angetrieben hatte, ihn mit der Jungfer Riesin zu

verheiraten. In Not und Sorge sollte er hinein, weil er nicht ihr Narr

hatte sein wollen. Oh ja, die Landsmännin hatte sich gerächt. War es

ihr gelungen? Anthoine de Charreard sah auf sein junges Weib nieder,

und er sagte: »Sie gedachten es böse mit uns zu machen, Gott aber hat

es gut gemacht.«

Sophia Christine nickte ihm zu. Und dann schloß sie müde die Augen und

träumte, ihr Bübchen im Arm, von kommenden Zeiten.

Herr Anthoine aber verließ das Haus, er stieg den abwärts führenden

Weg hinab und gelangte an des Baches Quelle, er wollte ein wenig nach

den Forellen sehen, denn eine gute Forellenfischerei war des Gutes

Stolz. Und wie er an dem schmalen Wasser stand, das hell über große

Steine rann, vergaß er die Fische. Er dachte an das stolze Schloß an

der Loire, an der Charreards einstigen Besitz. Kein Charreard hatte

wohl noch um den Taufschmaus für den Erben sorgen müssen. Bei Gott,

dachte der Herr Anthoine wieder, ich bin in ein recht klägliches Leben

hineingeraten. Möge meinem Sohn es besser ergehen, unser König wird es

wohl besser mit seinen treuen Untertanen im Sinn haben, als der böse

Kardinal Richelieu, dann soll mein Sohn wieder den Namen Charreard zu

Ehren bringen.

Der Gutsherr vergaß die Fische, aufrecht, hochmütig ging er dem Hause

zu, und als er mit der Feierlichkeit früherer Tage an das Bett seiner

Frau trat, die ihr Bübchen im Arme hielt, fand er ihr Gesicht ganz

überströmt von Tränen.

Über diesen Tränen vergaß Herr Anthoine das Schloß an der Loire und

allen Glanz der Charreards. Betroffen fragte er nach dem Kummer der

kleinen Frau Sophia Christine. »Ach,« schluchzte sie, »ich bin ja so

froh, so froh, nun brauchen unsere Küchlein nicht geschlachtet zu

werden.«

Das war wirklich nicht nötig. Am nächsten Tage kamen die Schorbaer

Bäuerinnen mit nicht minder reichen Gaben, und so konnte man denn auf

Pösen dem Sonntag Rogate mit Ruhe entgegensehen. Denn die alte Röse

führte den Hausherrn selbst in den allerletzten Keller. Tief im Winkel

verborgen lag da, aus guten Zeiten stammend, noch ein Fäßchen Wein,

an ihm war aller Kriegslärm vorbeigezogen. »Gut, daß es zuletzt die

Schweden nicht auch noch durch ihre höllischen Gurgeln gejagt haben,«

sagte die Alte. »Denn ob Wein aus protestantischem Hause oder aus einem

katholischen Keller, denen ist das so gleich gewesen, wie es ihnen war,

woher sie raubten, wen sie mordeten.«

Herr Anthoine de Charreard bezeigte wenig Lust, sich von den

vergangenen Kummertagen erzählen zu lassen, er stieg vergnügt

ans Tageslicht empor, um seiner Frau von dem Fund zu berichten,

und er fand wieder ein betrübtes, verzagtes Weiberseelchen. Ein

wenig Aprilwetter war schon die kleine Frau in diesen Tagen. Frau

Sophia Christine hatte, so gut sie es konnte, Gäste und Eßgeschirr

nacheinander an den Fingern abgezählt, und es fehlten mehr Teller als

im Dornröschenschloß, ach, es fehlte so viel. Ihr Mann sah ein, daß

dies schon eine Not war. Er wußte aber Rat. Am nächsten Morgen fuhr

er selbst nach Jena, um bei seinem Schwiegervater und den übrigen

Verwandten seiner Frau das notwendige Hausgerät zu erborgen. Er

bekam alles, ja sogar die schweren, einst mit eigener Lebensgefahr

erretteten, silbernen Prunkleuchter gab eine Muhme her, denn die Kunde,

daß das fürstliche Paar selbst zur Taufe kommen wollte, erregte ganz

Jena. Sämtliche Frauenzimmer redeten nur von der Taufe. Und Sophia

Christine wurde so viel und mit solcher Ehrerbietung von allen Vettern,

Muhmen und Basen genannt, daß diese Überfülle von Hochachtung die

kleine Frau gewiß sehr bedrückt hätte.

Doch glücklicherweise ahnte sie nichts davon. Sie hielt mit Röse und

der Rabenmutter eine sehr eindringliche Eßberatung ab. Das Ergebnis

war, nachdem Sophia Christine ein noch von ihrer Mutter stammendes

Rezeptbüchlein zugezogen hatte, daß man trotz aller Spenden ein

speckfettes Ferkel schlachten müsse. In dieses sollte eine Gans

gesteckt werden, in diese ein Huhn, in das Huhn eine Taube, in die

Taube, was gerade daherflog, auch ein Spatz, wenn es sein mußte. Und

dann ein Zungenmüßlein, Torten und Pasteten. Frau Sophia Christine tat

bei jedem Gericht, das ihr einfiel, einen bitterschweren Seufzer, aber

glücklicherweise sagte die alte Röse immer: »Es langt zu. Da bruche wir

niche bange zu sein.«

Und es reichte und wurde ein prächtiges Mahl. Ein Tauftag voll

Erdenpracht und Himmelsglanz. Nur ein paar weiße Flatterwolken wehten

über den blauen Himmel. In der kleinen Pösener Hauskapelle dufteten

große Sträuße, ein buntfarbiges Kranzgewinde schlang sich um die

Sessel, die für den Herzog Bernhard und seine Gemahlin hingestellt

worden waren. Die Herzogin staunte über das festliche Gepränge, das

nach Reichtum ausschaute. Die scheue heimliche Armut, das bange Sorgen

der Eheleute, die Quellen der Hilfe ahnte sie nicht. Sie sah nur,

was da war, und weil sie den stolzen Landsmann in einer kärglichen

Armseligkeit geglaubt hatte, war sie doppelt überrascht.

Dazu Sophia Christine! Die war nicht mehr scheu und ungewandt wie

einst, sie fühlte sich auf sicherem Heimatboden stehen, dies Gefühl

und ihr junges Mutterglück verliehen ihr eine anmutige Würde. Sie

war freilich einfach gekleidet, aber sie sah doch festlich und schön

aus, und die Herzogin Marie in ihrer dunklen Schönheit, die das

neueste Pariser Gewand trug und so gekleidet war wie die Damen am Hofe

des jungen Königs Ludwig XIV., vermochte nicht die junge Madame de

Charreard zu verdunkeln.

Dazu der Sonnenglanz draußen, die Schönheit des stillen Tales. -- Der

Herzog Bernhard sagte sein Wiederkommen zu, aber die Herzogin kniff ein

wenig die dunklen Augen zusammen. Scharf zogen sich die Falten am Mund

herab. Da wußten ihre Damen, sobald wurde der Besuch nicht wiederholt.

Sie drängte auch zum Aufbruch und übersah dabei das leise Aufleuchten

in den braunen Augen der jungen Frau. Vielleicht wäre sie sonst

geblieben. Da hätte sie dann freilich an manches, was im Hause fehlte,

ihren Spott hängen können.

Als der Abend sank, eine Mondnacht mit lindem Glanz heraufdämmerte,

rollten die Wagen mit den Gästen davon; nur ein paar Verwandte

Sophia Christines blieben noch. Die aber waren so geblendet von dem

fürstlichen Glanz, daß die alte Base Anna Sabine -- jene, die die

Silberleuchter hergegeben hatte -- ihrer Nichte diese für künftige

Zeiten als Erbe versprach.

Ein paar Tage später herrschte wieder die alte Stille in Pösen,

aber auch wieder der Mangel. Nach reichen Tagen gab es sehr knappe

Mahlzeiten und Herr Anthoine de Charreard freute sich mehr als über

den fürstlichen Besuch über den des Herrn Heinrich Rudolph, der von

Leuchtenburg her an einem Nachmittag in den Hof einritt und das

versprochene Darlehen brachte. Ja, er war nicht ohne Stolz, als Herr

Rudolph lobte, wie gute Ordnung unter dem neuen Herrn herrsche. »Ich

bin an den Schlägen am Eselsberg vorbeigeritten,« sagte der, »dort

wächst ein gutes Korn, das gibt kein Notjahr.«

[Illustration]

Daß dieser Herr sich zum Bleiben entschloß, freute Frau Sophia

Christine herzlich. Sie hörte still den Reden der beiden Männer zu,

spürte wohl, daß ihr Gemahl die Lehren des andern mit Aufmerksamkeit

annahm. So lauschte sie, bis der Herr Rudolph von seinen eigenen

häuslichen Verhältnissen sprach. Von der Frau, die ihm gestorben

war, von dem jungen Heinrich Wilhelm von Draksdorf, den er mit seinem

eigenen Kinde erzog.

»Die beiden müssen uns besuchen,« rief Frau Sophia Christine warm. Und

wehmütig klang es hinterher: »Ein Kind ohne Mutter, wie traurig ist

das.«

Doch dann beruhigte sie sich, als sie hörte, daß eine Verwandte des

Hausherrn, Jungfer Elisabeth Scheitlin, die Büblein mütterlich behüte.

Aber sacht wuchs doch in ihrem Herzen ein Blümlein auf, in dessen Kelch

die Namen der Mutterwaisen standen. Sie schenkte schnell den noch nie

gesehenen Kindern Liebe vom Überfluß ihres reichen Herzens.

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 12 / 28 题