Es wurde ein rechtes Frühlingsbüblein, das seinen Einzug in einer
Mainacht auf Pösen hielt.
»Mein Sohn,« sagte Herr de Charreard stolz. »Ein Charreard!«
»Mein Kind,« sagte die junge Mutter, denn ihr war es gleich, ob Bube
oder Mädel da neben ihr lag als schönstes Gottgeschenk.
Drei Tage hatte Sophia Christine eine ungestörte Freude an dem kleinen
schreienden, zappelnden Menschenwesen, dann schritt die Sorge in das
Haus. Diesmal trug sie die Gestalt eines herzoglichen Reitknechtes
und stand in einem feierlichen, äußerst huldvollen Schreiben. Herzog
Bernhard meldete sich mit seiner Gemahlin und einigen wenigen Herren
und Damen des Hofes zur Taufe auf Pösen an. Seine Gemahlin habe
den Wunsch, den »kleinen Franzosen« selbst aus der Taufe zu heben.
Sonntag Rogate würden die hochfürstlichen Taufgäste eintreffen. >Sie
verhofften,< hieß es in dem Schreiben, >ihrem Treugeliebten Ehemaligen
Hofmeister, dem Herrn Kammerjunker, Herrn Anthoine de Charreard und
seiner viellieben Ehefrau Sophia Christine, geborene Riesin, eine
sonderliche Freude zu bereiten.<
Ach du lieber Himmel, fürstliche Taufgäste und alle Vorratskammern leer!
Die zweihundert Taler sollten erst Johanni gezahlt werden. Bis dahin
hatten einige Bauern in dem Flecken Magdala sich zur Hergabe von
Brotgetreide bereit erklärt. Aber mit Brot allein waren fürstliche
Gäste nicht zufrieden.
»Wir fischen,« sagte Herr Anthoine, der bedrückt am Bett seines
Weibes saß. »Die Forellen sind jetzt gut. Und schlachten unsere
jungen Hühnchen.« Über Sophie Christines blasse Wangen liefen Tränen.
Ihre jungen Kückelchen, ihren Stolz, mußte sie hergeben. Oh, welche
Hoffnungen hatte die junge Frau an die kleine Schar geknüpft, sie hatte
sie schon alle als dicke gewichtige, aufgeplusterte goldgelbe Hennen
gesehen, die jeden Tag das Nest voll Eier legten. Gute Hausfreundinnen
sollten es werden. Aber Forellen und junge Hühner, Salat aus dem Garten
und Brot genügten nicht für einen Taufschmaus, da mußte Kuchen gebacken
werden, dazu gehörten Eier, Butter, alles, was so knapp wie nur möglich
auf Pösen war.
Woher in aller Welt dies nehmen?
Sophia Christine dachte wieder an den kleinen Schatz und Herr de
Charreard dachte auch daran, und er sagte aus seinen sorgenden Gedanken
heraus: »Es geht nicht anders.« Er wollte noch etwas von Standespflicht
hinzufügen, da tat sich die Tür auf und die ganze weibliche
Dienerschaft lugte herein und alle sagten sie wie aus einem Munde:
»Itze sind sie da!«
»Wer denn?« Sophie Christine dachte erschrocken, der Herzog Bernhard
mitsamt Gemahlin und Hofstaat wäre eingetroffen; der Besuch, ihre
leeren Vorratskammern, das noch unverkaufte Silberschätzlein, alles
strudelte ihr im Kopf durcheinander und sie sagte hilflos: »Aber sie
wollten doch erst am Sonntag Rogate kommen.«
»Nee, so lange warten die niche!« Die alte Röse drängte sich vor, sie
sah ordentlich ein bißchen gekränkt drein. »Nee, heute sind's die
Buchschen, de Schorbschen kommen erst morgen, es muß alles rechte
gehen.«
Und die Bäuerinnen von Bucha, alle, die Kinder hatten oder zu denen
einmal ein Kind Mutter gesagt hatte, kamen herein. Voran die alte
Rabenmutter, die das größte Mutterleid zu tragen hatte, und jede
Bäuerin trug einen weiß verdeckten Henkelkorb. Aus dem einen krähte,
aus dem andern gackerte es, denn jede brachte eine Gabe dar.
Die alte Rabenmutter sprach den Glückwunsch, sprach ihn in einem
singenden leiernden Ton, denn so erheischte es Anstand und Sitte. Und
verschnörkelt und feierlich waren Satz und Rede.
Herr Anthoine de Charreard war zuerst in den Hintergrund des Zimmers
vor den andrängenden Frauen geflüchtet, doch die alte Röse, die sonst
eine demütige Ehrfurcht vor dem schönen feinen Mann bezeigte, gab ihm
diesmal einen sanften Rippenstoß. Sie tat es freilich in tiefster
Demut, aber das Stößlein sagte dem Herrn doch, daß augenblicklich sein
Platz neben dem Bett seiner Frau war, und er merkte, die anderen Frauen
waren der gleichen Meinung.
Die Rabenmutter begann ihr Sprüchlein noch einmal vorzutragen. Die
Frauen standen alle mit gefalteten Händen und dann beugten sie alle die
Knie zur Verneigung vor dem Bett der jungen Frau.
Es war wie im Dornröschenmärlein, in dem die guten Feen alle kommen,
nur fehlte hier die böse Fee; es waren lauter gute Wünsche und Gaben,
die die Buchschen dem kleinen Anthoine darbrachten. Nahrhafte Gaben.
Einen Hahn, zwei Hennen, ein paar junge Küchlein, Eier, Butter, eine
Speckseite, es fehlte nicht an Wurst und Käse, auch nicht an einem
Säcklein Mehl. Und unter den Frauen war eine, die brachte zwei Eier.
Sophia Christine aber wußte, die Frau hatte nur ein Huhn und von den
wenigen Eiern, die ihr das schwärzliche Huhn legte, hatte sie die
beiden abgespart. Sauber lagen sie in frisches Grün gebettet da, und
ein wenig ängstlich sah die Alte auf die liebliche Hausfrau, fand sie
die Gabe nicht zu schlecht?
Da tat Sophia Christine etwas, das gegen Sitte und Herkommen verstieß.
Sie hielt keine feierliche Danksagung, sie faßte zuerst die Hand der
Rabenmutter und dann Hand um Hand, der Alten aber mit den beiden Eiern
strich sie noch einmal linde über die welke Hand. Dabei liefen ihr die
Tränen über das Gesichtchen, und es war schon gut, daß ihr Anthoine
es etwas besser verstand, eine feierliche Dankrede zu halten. Er
redete höflich und herzlich zugleich, stand würdevoll und vornehm vor
den Frauen. Denen tat es wohl, Händedrücke und Tränen waren gut, die
schwungvollen, feierlichen Worte aber gehörten dazu; da Röse wußte, daß
ein Würzebier auch dazu gehörte, hatte sie vorgesorgt. So verlief denn
der Besuch recht in den vorgeschriebenen Formen und die »Buchschen«
verließen zufrieden mit leeren Handkörben das Haus und versicherten,
morgen würden die Schorbschen kommen.
Dann wird unsere Speisekammer voll werden, dachte der Hausherr. Ein
heimliches Lachen kam ihn an. Er hatte sich noch nie so um eine leere
Vorratskammer gesorgt, und als er gefreit hatte, da hatte er gemeint,
in ein recht wohlhäbiges Leben hineinzugeraten. Er hatte das auch
manchmal gesagt, hatte etwas übermütig der Herzogin Marie gegenüber
betont, er wäre des Hoflebens und des Dienstes bei ihr satt und wolle
nun ein freies Herrenleben führen. Da wußte er plötzlich, warum die
Herzogin ihren Gatten angetrieben hatte, ihn mit der Jungfer Riesin zu
verheiraten. In Not und Sorge sollte er hinein, weil er nicht ihr Narr
hatte sein wollen. Oh ja, die Landsmännin hatte sich gerächt. War es
ihr gelungen? Anthoine de Charreard sah auf sein junges Weib nieder,
und er sagte: »Sie gedachten es böse mit uns zu machen, Gott aber hat
es gut gemacht.«
Sophia Christine nickte ihm zu. Und dann schloß sie müde die Augen und
träumte, ihr Bübchen im Arm, von kommenden Zeiten.
Herr Anthoine aber verließ das Haus, er stieg den abwärts führenden
Weg hinab und gelangte an des Baches Quelle, er wollte ein wenig nach
den Forellen sehen, denn eine gute Forellenfischerei war des Gutes
Stolz. Und wie er an dem schmalen Wasser stand, das hell über große
Steine rann, vergaß er die Fische. Er dachte an das stolze Schloß an
der Loire, an der Charreards einstigen Besitz. Kein Charreard hatte
wohl noch um den Taufschmaus für den Erben sorgen müssen. Bei Gott,
dachte der Herr Anthoine wieder, ich bin in ein recht klägliches Leben
hineingeraten. Möge meinem Sohn es besser ergehen, unser König wird es
wohl besser mit seinen treuen Untertanen im Sinn haben, als der böse
Kardinal Richelieu, dann soll mein Sohn wieder den Namen Charreard zu
Ehren bringen.
Der Gutsherr vergaß die Fische, aufrecht, hochmütig ging er dem Hause
zu, und als er mit der Feierlichkeit früherer Tage an das Bett seiner
Frau trat, die ihr Bübchen im Arme hielt, fand er ihr Gesicht ganz
überströmt von Tränen.
Über diesen Tränen vergaß Herr Anthoine das Schloß an der Loire und
allen Glanz der Charreards. Betroffen fragte er nach dem Kummer der
kleinen Frau Sophia Christine. »Ach,« schluchzte sie, »ich bin ja so
froh, so froh, nun brauchen unsere Küchlein nicht geschlachtet zu
werden.«
Das war wirklich nicht nötig. Am nächsten Tage kamen die Schorbaer
Bäuerinnen mit nicht minder reichen Gaben, und so konnte man denn auf
Pösen dem Sonntag Rogate mit Ruhe entgegensehen. Denn die alte Röse
führte den Hausherrn selbst in den allerletzten Keller. Tief im Winkel
verborgen lag da, aus guten Zeiten stammend, noch ein Fäßchen Wein,
an ihm war aller Kriegslärm vorbeigezogen. »Gut, daß es zuletzt die
Schweden nicht auch noch durch ihre höllischen Gurgeln gejagt haben,«
sagte die Alte. »Denn ob Wein aus protestantischem Hause oder aus einem
katholischen Keller, denen ist das so gleich gewesen, wie es ihnen war,
woher sie raubten, wen sie mordeten.«
Herr Anthoine de Charreard bezeigte wenig Lust, sich von den
vergangenen Kummertagen erzählen zu lassen, er stieg vergnügt
ans Tageslicht empor, um seiner Frau von dem Fund zu berichten,
und er fand wieder ein betrübtes, verzagtes Weiberseelchen. Ein
wenig Aprilwetter war schon die kleine Frau in diesen Tagen. Frau
Sophia Christine hatte, so gut sie es konnte, Gäste und Eßgeschirr
nacheinander an den Fingern abgezählt, und es fehlten mehr Teller als
im Dornröschenschloß, ach, es fehlte so viel. Ihr Mann sah ein, daß
dies schon eine Not war. Er wußte aber Rat. Am nächsten Morgen fuhr
er selbst nach Jena, um bei seinem Schwiegervater und den übrigen
Verwandten seiner Frau das notwendige Hausgerät zu erborgen. Er
bekam alles, ja sogar die schweren, einst mit eigener Lebensgefahr
erretteten, silbernen Prunkleuchter gab eine Muhme her, denn die Kunde,
daß das fürstliche Paar selbst zur Taufe kommen wollte, erregte ganz
Jena. Sämtliche Frauenzimmer redeten nur von der Taufe. Und Sophia
Christine wurde so viel und mit solcher Ehrerbietung von allen Vettern,
Muhmen und Basen genannt, daß diese Überfülle von Hochachtung die
kleine Frau gewiß sehr bedrückt hätte.
Doch glücklicherweise ahnte sie nichts davon. Sie hielt mit Röse und
der Rabenmutter eine sehr eindringliche Eßberatung ab. Das Ergebnis
war, nachdem Sophia Christine ein noch von ihrer Mutter stammendes
Rezeptbüchlein zugezogen hatte, daß man trotz aller Spenden ein
speckfettes Ferkel schlachten müsse. In dieses sollte eine Gans
gesteckt werden, in diese ein Huhn, in das Huhn eine Taube, in die
Taube, was gerade daherflog, auch ein Spatz, wenn es sein mußte. Und
dann ein Zungenmüßlein, Torten und Pasteten. Frau Sophia Christine tat
bei jedem Gericht, das ihr einfiel, einen bitterschweren Seufzer, aber
glücklicherweise sagte die alte Röse immer: »Es langt zu. Da bruche wir
niche bange zu sein.«
Und es reichte und wurde ein prächtiges Mahl. Ein Tauftag voll
Erdenpracht und Himmelsglanz. Nur ein paar weiße Flatterwolken wehten
über den blauen Himmel. In der kleinen Pösener Hauskapelle dufteten
große Sträuße, ein buntfarbiges Kranzgewinde schlang sich um die
Sessel, die für den Herzog Bernhard und seine Gemahlin hingestellt
worden waren. Die Herzogin staunte über das festliche Gepränge, das
nach Reichtum ausschaute. Die scheue heimliche Armut, das bange Sorgen
der Eheleute, die Quellen der Hilfe ahnte sie nicht. Sie sah nur,
was da war, und weil sie den stolzen Landsmann in einer kärglichen
Armseligkeit geglaubt hatte, war sie doppelt überrascht.
Dazu Sophia Christine! Die war nicht mehr scheu und ungewandt wie
einst, sie fühlte sich auf sicherem Heimatboden stehen, dies Gefühl
und ihr junges Mutterglück verliehen ihr eine anmutige Würde. Sie
war freilich einfach gekleidet, aber sie sah doch festlich und schön
aus, und die Herzogin Marie in ihrer dunklen Schönheit, die das
neueste Pariser Gewand trug und so gekleidet war wie die Damen am Hofe
des jungen Königs Ludwig XIV., vermochte nicht die junge Madame de
Charreard zu verdunkeln.
Dazu der Sonnenglanz draußen, die Schönheit des stillen Tales. -- Der
Herzog Bernhard sagte sein Wiederkommen zu, aber die Herzogin kniff ein
wenig die dunklen Augen zusammen. Scharf zogen sich die Falten am Mund
herab. Da wußten ihre Damen, sobald wurde der Besuch nicht wiederholt.
Sie drängte auch zum Aufbruch und übersah dabei das leise Aufleuchten
in den braunen Augen der jungen Frau. Vielleicht wäre sie sonst
geblieben. Da hätte sie dann freilich an manches, was im Hause fehlte,
ihren Spott hängen können.
Als der Abend sank, eine Mondnacht mit lindem Glanz heraufdämmerte,
rollten die Wagen mit den Gästen davon; nur ein paar Verwandte
Sophia Christines blieben noch. Die aber waren so geblendet von dem
fürstlichen Glanz, daß die alte Base Anna Sabine -- jene, die die
Silberleuchter hergegeben hatte -- ihrer Nichte diese für künftige
Zeiten als Erbe versprach.
Ein paar Tage später herrschte wieder die alte Stille in Pösen,
aber auch wieder der Mangel. Nach reichen Tagen gab es sehr knappe
Mahlzeiten und Herr Anthoine de Charreard freute sich mehr als über
den fürstlichen Besuch über den des Herrn Heinrich Rudolph, der von
Leuchtenburg her an einem Nachmittag in den Hof einritt und das
versprochene Darlehen brachte. Ja, er war nicht ohne Stolz, als Herr
Rudolph lobte, wie gute Ordnung unter dem neuen Herrn herrsche. »Ich
bin an den Schlägen am Eselsberg vorbeigeritten,« sagte der, »dort
wächst ein gutes Korn, das gibt kein Notjahr.«
[Illustration]
Daß dieser Herr sich zum Bleiben entschloß, freute Frau Sophia
Christine herzlich. Sie hörte still den Reden der beiden Männer zu,
spürte wohl, daß ihr Gemahl die Lehren des andern mit Aufmerksamkeit
annahm. So lauschte sie, bis der Herr Rudolph von seinen eigenen
häuslichen Verhältnissen sprach. Von der Frau, die ihm gestorben
war, von dem jungen Heinrich Wilhelm von Draksdorf, den er mit seinem
eigenen Kinde erzog.
»Die beiden müssen uns besuchen,« rief Frau Sophia Christine warm. Und
wehmütig klang es hinterher: »Ein Kind ohne Mutter, wie traurig ist
das.«
Doch dann beruhigte sie sich, als sie hörte, daß eine Verwandte des
Hausherrn, Jungfer Elisabeth Scheitlin, die Büblein mütterlich behüte.
Aber sacht wuchs doch in ihrem Herzen ein Blümlein auf, in dessen Kelch
die Namen der Mutterwaisen standen. Sie schenkte schnell den noch nie
gesehenen Kindern Liebe vom Überfluß ihres reichen Herzens.