Und wieder gellten die Bubenstimmen laut. »Nune biegense um de Ecke!«

Der alte Lemnitzer Karl schrak zusammen in seinem Ofenwinkel, in dem

er seine Tage verdrömelte. Verdattert richtete er sich auf. »Sind's

Schweden?«

»Niche doch, Vater, die kommen nune nie mehr. Hab nur niche Bange, die

Pösener Herrschaft kommt itze gefahren.«

»Die Schweden, die Schweden!« lallte der Alte verzagt. »Da passe du nur

druff, die finden wieder her.«

»Es tut dir niemand mehr was!« Frau Katarine Merfen, des Alten

verwitwete Tochter, strich mitleidig dem Vater über das verstörte

Gesicht. »Se ham uns genug getan.« »Gotte doch ganz genug.« Und einen

Augenblick schwankte die große, blonde Frau, und ihre Augen hatten den

Schreckensblick von damals, als die Schweden auf »friedlichem« Durchzug

in das Dorf gekommen waren. »Itze ist lange Friede,« sagte sie gut zu

dem Alten, und wiederholte feierlich: »Friede.«

»Das Wasser vor drei Jahren war 'n Anzeichen, sie kommen wieder,«

brummelte der Alte stöhnend. Er war völlig versponnen in das trübe

Erleben der Vergangenheit, ihm schimmerte keine Gegenwartshoffnung

mehr, kein Tagerleben machte ihn mehr froh.

Die Tochter trat an das Fenster. Draußen auf der Landstraße rollte

schwankend, schwerfällig ein Reisewagen daher. Groß war er und

ungefüge. Der neue Besitzer des dem Dorfe Bucha nahen Gutes Pösen,

Monsieur Anthoine de Charreard, saß darinnen, schlank, vornehm; neben

ihm seine junge Frau Sophia Christine.

Es war ein recht zaghaftes Weiberseelchen, was da in einer Ecke des

Wagens fast versank. Sophia Christine war nie sonderlich lebhaft

gewesen, bedrückt, verschüchtert war sie bisher durch ihre Tage

gegangen, aber seitdem ihr Vater, der herzogliche Geheime Rat Ries

in Jena ihr stolz den früheren Hofmeister der Herzöge von Weimar,

Kammerjunker Anthoine de Charreard, als künftigen Gemahl vorgestellt

hatte, war sie ganz verstummt. Aus übergroßer Liebe zu dem Manne, und

aus Verwunderung darüber, daß ihr stillverschwiegenes Sehnen Erfüllung

gefunden hatte.

Dem schönen Kammerjunker war die zierliche Frau, die da neben ihm im

Wagen saß, bisher herzlich gleichgültig gewesen. Er ersehnte Freiheit

von dem drückenden Zwang des Hoflebens, ersehnte, Herr auf eigener

Scholle zu sein. Darum, nicht um der Frau willen, die er freien

sollte, hatte er dem Plan seiner fürstlichen Freundin, die er heimlich

Feindin nannte, der Gemahlin des Herzogs Bernhard von Jena zugestimmt.

Die Herzogin Marie stammte aus Frankreich wie er, und als er einst

die junge Herzogin von Tremouville kennen gelernt, war sie ihm lieb

geworden. Das war vergangen, es gelüstete ihn nicht danach, der Narr

der übermütigen, hoffärtigen Dame zu sein, und als sie ihm in einer

bösen Laune eine Bürgerliche, die liebliche Jungfer Ries zur Gemahlin

vorgeschlagen, hatte er ja gesagt. Niemand ahnte ja, wie der schönste

Mann von Jena des Treibens müde war, das am Hofe herrschte.

Seit dem Tage, da Gaston de Charreard mit seinem Sohn und seiner Frau

in das von Kriegsstürmen durchtoste Deutschland geflüchtet war, weil

der hugenottische Edelmann des allmächtigen Richelieus Rache fürchten

mußte, hatte der junge Anthoine wenig Ruhe in seinem Leben gehabt.

Armut, oft Not, Lagerleben, Hofleben: hierhin und dorthin getrieben war

er im Wirrsal der Zeit, bis er endlich durch Vermittlung seines Paten,

des Herzogs von Tremouville und Thours, am Hofe zu Weimar Unterkunft

als Hofmeister der beiden jüngsten Prinzen gefunden hatte.

Und nun lag die Unruhe hinter ihm und er sollte eingehen in den

Frieden, er sollte seine feste Heimat finden. Ein Haus und eine Frau.

»Da sinse!« Aus dem Hause des Hannes Schurks drängten sich vier Kinder.

Alle strohblond, rotbäckig; aus aufgerissenen Blauaugen starrten sie

den Wagen an, zwei die Finger im Mund, zwei in der Nase. Allen vier

Strohköpfchen aber mißlang die Verneigung, zu der Frau Anne-Marie

Schurks, die Mutter, sie durch Püffe und halblaute Scheltworte

aufforderte, so gründlich, daß die vier untereinander purzelten, als

wäre der Sturmwind in sie hineingefahren. Sophia Christine sah es, und

ein ganz holdes Lächeln lief über ihr Gesicht, und dies Lächeln sahen

die Kindsmutter und Frau Katarine Merfen zu gleicher Zeit, und die

Merfin redete in das Zimmer hinein: »Die wird gut, Vater.«

Die Kindsmutter sagte das auch, als sie ihre Vier, die Kleinen sacht,

die größeren mit Püffen und Verweisen, wieder auf die Beine stellte. Es

redeten viele im Dorf das gleiche Wort mit erleichtertem Herzen. Denn

den Buchaer Bauersleuten war es nicht gleichgültig, wer auf Pösen saß.

Das Gut war Kirchlehen, und jede zweite Woche mußte der Pfarrer von

Bucha in der kleinen Hauskapelle des Gutes Gottesdienst halten. Dagegen

hatte kein Buchaer etwas einzuwenden, auch das Hingehen hätten sie gern

getan, nur mußte es in Kirchsachen heißen, gleich zu gleich, und weil

der letzte Besitzer, der Herr von Nesselrode, nie die kleine Dorfkirche

aufgesucht hatte, war man andauernd gekränkt gewesen. Bis dann beim

letzten Schwedeneinfall, Anno 1647, die Not so groß wurde, daß in dem

übermenschlichen Jammer Gekränktsein und Groll unterging. Den Herrn

von Nesselrode hatten sie erschlagen, von sechs Bauernhäusern und

einem Dorf, das zu Pösen gehörte, war ein einziger Hof übriggeblieben,

und der kleine Buchaer Teich vor dem Pfarrhaus war rot gewesen vom

vergossenen Blut. Und dabei hatte kein Einwohner den Durchziehenden

sich feindlich gezeigt.

An diese vergangene Not, an all die Hoffnungen, die sich an sein Dasein

knüpften, dachte der Herr de Charreard nicht. Der blinzelte träge,

schlafumfangen in die helle Mittagssonne hinaus. Seine Frau dagegen sah

jedes Haus, jeden Baum und Zaun, jedes Kind auf der Gasse: alles was

lief, rannte, flatterte und gackerte. Wie ein Kind freute sie sich an

allem Gegenständlichen, verglich alles mit dem dunklen Heimatgäßchen

und dem feierlichen steifen Zuhause ohne Mutterwärme. Als sie ein paar

Blumen am Wegrand blühen sah, erfaßte sie eine unbändige Lust, diese zu

pflücken. Sie beugte sich weit hinaus, dachte, sie möchte dem Kutscher

ein Haltegebot zurufen, und dann erschrak sie doch, als plötzlich der

Wagen mit einem Ruck anhielt.

Herr de Charreard erwachte jäh aus seinem Halbschlaf. War das Ziel

erreicht?

Doch nirgends war ein Haus zu erblicken, und er entsann sich, daß bei

einem Ritt, dem einzigen, den er, bei trübem Winterwetter dazu, in die

neue Heimat unternommen, der Weg sich tief gesenkt hatte.

Der Kutscher war abgestiegen, er trat an den Wagenschlag und fragte mit

einem gutmütigen Klang in der Stimme: »Wollen Gnaden enmal aussteigen?«

»Aussteigen! =Mon Dieu=, ist Er toll geworden?«

»Ich heeße nich Mongieh, ich heeße Jakob. Und mit dem Aussteigen ist's

wegen dem Umfallen. Manchmal fällt er, weil's runner gieht! Un manchmal

nicht, wie das so ist!«

»Der Wagen?« Monsieur Anthoine de Charreard krauste die Stirn, und der

Kutscher sah ihn bedenklich an. Aber da steckte schon die liebliche

Frau den Kopf auf ihrer Sitzseite hinaus und rief mit heller Freude:

»Ach ja, gehen!«

Anthoine de Charreard stieg aus, er sah nun auch, daß der Weg steil

war; er hatte Altersfurchen, und bergab laufende Wasser hatten tiefe

Rinnsale gegraben. Rechts stieg der Berg an, links ging es steil hinab,

Wacholderbüsche standen da und dünnstämmige Pappeln. Tiefer sah man

in die Kronen alter Linden, zur Seite ein Stück zerfallene Mauer mit

Brandspuren, ein grüner Schleier darüber, allerlei liebes, feines

Unkraut breitete sich schon über eine zerstörte Wohnstätte.

»Wir müssen gehen, =ma chère=, der Weg ist nicht =agréable=.«

Herr Anthoine de Charreard half seiner jungen Frau aus dem Wagen, dann

reichte er ihr die Fingerspitzen. Sophia Christine legte schüchtern

ihre Finger an seine und so standen sie beide, als wollten sie zum Tanz

antreten.

Sie merkten es bald, der lehmige Weg voller Schrammen und Risse war

kein Tanzboden, drei Schritte, und Herr de Charreard rief unwillig:

»=Impossible.=« Er sah seine junge Frau kummervoll an und sah

zu seinem grenzenlosen Erstaunen ein heiteres Glänzen in den schönen

Augen. »Blumen, ach Blumen,« rief Sophia Christine kindlich froh. Sie

löste ihre Hand rasch aus der des Mannes, raffte ganz flink ihr Kleid

zusammen und pflückte ein paar Adonisröschen, eine blaue Glockenblume

und wilde Kamillen, die sie zierlich zum Strauße fügte.

Und als hätte ihr das bunte Kraut Schwungkraft gegeben, mit so leichter

Anmut schritt sie heiter den Berg abwärts, ihr Fuß fand sicher den Weg,

aber auf halber Höhe blieb sie stehen. Sie sah in die grüne blühende

Lindenherrlichkeit hinein. Sie atmete den Duft, der schwer und süß

die Luft erfüllte, und sah die blühenden Linden umdrängt, umsummt von

Hunderten von Bienen. Die feinen Stiele der Blätter erzitterten, so

heftig war der Ansturm des fleißigen, kleinen Volkes.

Sophia Christine stieg auf einen Wegstein. Was sie da hörte und sah,

war ihr eine fremde Musik, noch nie gesehenes Leben. Wie die kleinen

Tiere hin- und herflogen, manche ganz beschwert von gelbem Blütenstaub,

wie sie emsig sich in die Blumen einbohrten, das war Arbeit und Mühe.

Sophia Christine wußte nicht viel vom Tun der Bienen, aber sie sah den

rastlosen Fleiß, und unwillkürlich knüpfte sie ein Band von diesem

tätigen Leben zu ihrem Leben hin. Und eine junge, frohe Arbeitsfreude

ergriff sie. Sie tat einen Hupfer, landete ein wenig schwankend auf dem

Weg und wandte ihr Gesicht jetzt ohne alle Scheu dem vornehmen Gemahl

zu und rief: »So möchte ich werden!«

»Wie, Madame? Sie träumen wohl!« Herr Anthoine de Charreard sah zum

erstenmal recht die holdselige Anmut seiner jungen Frau, darüber ging

ihm seine feierliche Steifheit etwas verloren: er trat neben Sophia

Christine, die hurtig wieder den Stein erstieg und ihrem Mann das

summende, blühende Sommerwunder der Lindenkronen wies.

Sie standen beide, sahen, wie die Bienen auf und ab flogen, die Blüten

sich bogen; dem Herrn de Charreard kam dabei der Gedanke, daß er früher

immer an eine vornehme Frau gedacht hatte, die mit ihm zu Hofe gehen

sollte. Kein Hausbienchen. Aber nun sah er den Wind in den Locken

seiner jungen Frau spielen, er sah ihr frohes Kinderlächeln, und ganz

sanft umfaßte er sie, hob sie von dem Stein herunter und sagte: »Wir

wollen heimgehen, Madame!«

Und wieder legte Sophia Christine ihre Hand nur lose in die des Mannes

und dann gingen sie sacht nebeneinander den Weg abwärts unter den tief

schattenden Linden dahin. Bis sich der Weg ein wenig bog und die junge

Frau einen hellen Freudenruf ausstieß.

Im Tal lag ein stattliches Anwesen. Freilich das Dach des Wohnhauses

und die Ställe waren schadhaft; aber vor dem Haus blühte auch eine

mächtige Linde, wilder Wein und Efeu rankten sich an den Mauern hoch,

in einem kleinen Terrassengärtchen glühten Rosen; Sonne und Himmelsblau

gaben dem Bild Farbe und Freude. Hinter dem Hause stieg ein mit

Nußbäumen bepflanzter Berg empor, gegenüber krönte Nadel- und Laubwald

die Höhen, und durch das Tälchen rann ein kleiner Bach so heiterschnell

wie Kinder laufen.

Sophia Christine dachte an das düstere Haus in Jena, in dem sie an

der Seite eines harten Vaters eine freudlose Jugend verlebt hatte.

Und hier war Glanz auf Wiesen und Wegen, Glanz auf den Höhen, Glanz

über dem Haus. Ein sommerfrohes Summen und Singen erfüllte die Luft,

und Herr Anthoine de Charreard sah in den Augen seines Weibes den

Widerschein alles Sommerglanzes und da strömte auch ihm aus dem stillen

Tal Heimatfrieden entgegen. Jetzt hielt er die Hand seiner Frau nicht

mehr, als schritte er mit ihr zum höfischen Tanz, er hielt sie fest

umschlossen, und so gingen sie beide schweigend dem Hause zu.

Am Wegende gackerte eine Henne. Goldbraun, behäbig, zehn Küchlein

umpiepsten sie. Und Sophia Christine vergaß, daß es für eine Madame de

Charreard, Gattin des Kammerjunkers Monsieur Anthoine de Charreard,

nicht schicklich war, auf dem Boden zu hocken wie ein Spielkind.

Sie kniete nieder, breitete ihr Kleid weit aus und ließ mit einem

kinderfrohen Locken Glucke und Küchlein in diesen Hafen laufen. »Und

sie gehören uns,« rief die junge Frau mit einem innigen Sington in der

Stimme.

»Ja, sie gehören uns, Sophia Christine.« Auch der Mann vergaß den

höfischen Umgangston, sein Herz redete, da kam der Name weich und

zärtlich heraus. »Doch nun komm, sie erwarten uns am Hause.«

Vor dessen Tür drängte sich ein Häuflein Menschen zusammen. Drei Mägde,

die eine ältlich, ein Hofverwalter, und neben dem Knecht standen noch

zwei Männer und drei Frauen. Die waren von der jenseitigen Höhe von

dem Dorfe Zimmritz gekommen, es waren die letzten Anwohner des einst

zu dem Gute gehörigen Dorfes, das die Schweden völlig zerstört hatten.

Sie standen hager, gebeugt da, aber wie die junge, liebliche Frau

so daherkam, ein Lächeln auf den Lippen, fanden auch sie ein karges

Lächeln, war es doch, als wehe ihnen der Sommerwind eine lichte Wolke

entgegen.

Und Sophia Christine, die bis daher das schweigsamste Jüngferlein

auf der Welt gewesen war, fand warme, gute Worte, als sie in die

von Gramlinien durchzogenen Gesichter blickte und die harte Hand

des Hofverwalters ihre Rechte umschließen fühlte. In ihrem Herzen

sprang ein Quell auf, und eine Anmut kam in Wort und Blick, die

das verschüchterte Kind daheim nie besessen hatte. Auch Anthoine de

Charreard fühlte Wärme, Freude in sich, auch er, dessen Hochmut einst

manchen gekränkt, redete ohne Herablassung, mit heiter sicherer Würde

zu den Leuten.

Steife, stelzbeinige, seltsam verschnörkelte Glückwünsche mußten die

Beiden aushalten, feierliche Verzierungen waren den Sätzen beigefügt,

aber es schwang immer ein guter Unterton mit und die Begrüßung gab

beiden Parteien, den neuen Besitzern, den Dienstleuten und Anwohnern,

das Gefühl, es wird mit uns zusammenstimmen.

Zuletzt durchzitterte eine ganz leise Ungeduld Sophia Christines Herz.

Die galt dem Haus. Das lockte sie, die Kühle, die ihr aus dem weiten

Flur entgegenströmte, die geschlossenen Türen, die dicken Mauern, alles

hatte einen besonderen Reiz für sie, und sie zog den Mann mit heiterer

Schelmerei hinein, als die alte Magd Röse ernsthaft fragte: »Darf ich

Gnaden das Haus zeigen?«

»Ach ja, ach ja!« Das Haus ansehen, das eigene Haus, die neue Heimat.

Die Zimmer und Flure waren niedrig, aber geräumig. Nach dem Hof hinaus

lagen zwei Zimmer und ein kleiner Festsaal. In dem standen fremd, gar

nicht dem Raume sich einfügend, ein paar weißlackierte, mit rotem

Damast überzogene Stühle neben einem alten Eichenschrank. Die Stühle

hatte die Herzogin Marie gesandt. Den Schrank hatte der Geheime Rat

Ries aus dem Nachlaß der alten Frau von Nesselrode erstanden. Die

Bilder der letzten Nesselrodes hingen noch an den Wänden, ein paar

Zinkkannen standen auf dem Schrank. Ein wunderliches Gemisch von Prunk

und Ärmlichkeit bildete auch die Einrichtung der anderen Stuben. Drei,

vier neue Stücke, das andere aus dem Nachlaß erstandenes, zum Teil

hundert und mehr Jahre altes Hausgerät. Es hatte keine liebevolle

Hand Herrn Anthoine de Charreard und seinem jungen Weibe das Heim

bereitet. Sie flatterten wirklich wie ein paar verflogene Vögel in ein

fremdes Nest, fühlten aber doch rasch die Wärme des Nestes. Und Sophia

Christine ging mit der hellen Freude einer ganz jungen Frau durch alle

Räume des Hauses. Oben im obern weiten Flur blieben sie vor einem

grünen Schrank stehen, er zeigte die Zahl 1618.

»Damals hat's angefangen, das Unglück,« sagte die alte Magd leise, »den

hat unsere alte Gnädige mitbekommen, als sie geheiratet hat.«

Sophia Christine strich linde über das Holz, nickte versonnen und

fragte: »Wo liegt die Frau begraben?«

»In der Kapelle. Beide.«

Ach ja, es war eine Kapelle im Hause. »Wir wollen hineingehen,« sagte

Sophia Christine fromm. Sie faßte nach der Hand des Mannes und ging

still neben der alten Beschließerin die Treppe hinab. Vom unteren Flur

bog ein schmaler Gang ab. Der führte nach der Kapelle. Die Magd öffnete

das schmale Türlein, das nach einer kleinen Empore führte. In der

Wand war ein Loch, und das Holzgetäfel schien locker. Die Magd schob

es zurück, eine kleine Kammer, fensterlos und muffig, wurde sichtbar.

»Darin haben wir alle gelegen, als die Schweden hier waren,« redete die

Alte dumpf in die Dunkelheit hinein. »Herregott, Herregott, war das

eine Angst! Wenn sie uns gefunden hätten, wär's uns gegangen wie dem

Lemnitzer, dem sie Jauche in den Hals gegossen haben, bis er schier

verplatzt ist. Unsere alte, gnädige Frau hat den Husten gehabt, da hat

sie zum Heine gesagt: >Mach mich tot, mach mich tot, ich verrate euch

sunsten.< Wir han ihr'n Bett übergelegt und han gedacht, sie verstickt

uns, aber sie ist am Leben geblieben. Der Herr unser Gott hab' sie

selig, sie war gut zu Mensch und Vieh.«

Die Rede sank Sophia Christine tief ins Herz. Frommes Bitten quoll in

ihr empor: Gott, gib mir auch eine solche Nachrede: »Gut zu Mensch und

Vieh.«

Und dann gingen die Eheleute von der Empore hinab in die kleine Kapelle

und die Magd ließ sie allein: »Itze müssen die alleine sein mit dem

Herrgott,« sagte sie draußen.

Allein mit Gott, sie waren es beide.

Die Kapelle war klein, schmucklos. Ein dürftig ausgestatteter Altar,

ein paar welke Kränze an der der Tür gegenüberliegenden Wand, ein paar

Bänke zur Seite und an der Decke ein Gottesauge.

Eine Schwalbe flatterte ängstlich hin und her, sie war durch ein

kleines, offenstehendes Lukchen an einem der bunten, spitzbogigen

Fenster hereingeflattert, huschte ängstlich über Altar und Kanzel

hinweg und fand den Ausweg nicht. Da öffnete Sophia Christine die Tür,

um die Gefangene hinauszulassen, und ein breiter Strom Sonne floß in

die Kapelle. In seinem Glanz knieten Anthoine de Charreard und sein

junges Weib vor dem Altar nieder, waren still, und ihre Herzen waren

voll Dank.

Hand in Hand traten sie beide aus dem Hause, traten auf den Hof, und da

sah Sophia Christine rechts einen losen Zaun, der einen Garten vom Hofe

schied, dahinter blühte es rosig, und des Mannes Hand festhaltend, lief

sie auf den Zaun zu und rief jauchzend: »Da blühen Rosen, Rosen. Ach

wir haben Rosen. Viele Rosen.«

Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie · 第 9 / 28 题