Helene Gerhalt geb. Schwarzaug.«

Seit diesen Ereignissen sind Jahre verflossen. Und weil nun die

Geschichte zu Ende geht, so wollen wir den Abschiedsbesuch machen bei

unseren Bekannten in Eustachen.

Das Wirtshaus zum »Schwarzen Michel« steht stattlich und wohlgeordnet

wie früher. Es schenkt frisches Bier und gerechten Wein, ja wie

einst auch Milch und Honig, wer danach trachten sollte. Aber der

Gäste Zulauf ist nicht allzugroß. Wirt ist Sepp, der Gerhaltsohn.

Das ist ein ernsthafter, nicht arg gesprächiger Mann, der lieber

im Wirtschaftsgebäude oder auf Feld und Wiesen umtut als in der

Wirtsstube. Die Helenerl ist eine treffliche und freundliche Wirtin

geworden, sie lächelt manchmal, aber nicht lebhafter und nicht länger,

als man es den Gästen schuldig ist. Die alte Frau Apollonia ist noch

wie früher, sie arbeitet und schweigt.

»Fürst« ist immer noch der alte Gerhalt. Er versichert zwar oft

und oft, sein »Amtl« wolle er nicht mehr länger tragen, doch die

Einstimmigkeit der Wähler überwältigt ihn immer wieder. Das letztemal

aber hat er unerbittlich ausreißen wollen, da sagte der Pfarrer von

Ruppersbach: »Volkesstimme -- Gottesstimme!« Dieses große Wort hat ihn

wieder eingefangen auf drei Jahre.

Bei dem Umzuge seines Sohnes Sepp ins Michelwirtshaus ist im

Wirtschaftsgebäude des Gerhalthofes eine Stube frei geworden. Es

ist nur ein Bretterverschlag, der sie vom Rinderstalle trennt, aber

eine Stube ist sie doch, eine friedsame Statt, deren kleines Fenster

hinausblickt in den Baumgarten. Der Sepp hat nie einer künstlichen

Wärme bedurft, nun aber hat der Gerhalt ein Tonöfelein hineinstellen

lassen. Aber auch einen Kasten, und an die Wand ein Marienbild mit der

Ampel. Denn im Bette liegt ein armes altes Weiblein. Es liegt ganz

klein und in sich zusammengebogen unter der blauen Wergdecke; die Gicht

hat es fast lahm gemacht. Die alte Sali. Nach jenen Veränderungen im

Forsthause hat sie noch eine Weile in der Gegend herumregiert als

Dienstmagd, hat fleißig gegreint und noch fleißiger gearbeitet -- und

auch gebetet, der liebe Gott möge sie nur so lange leben lassen, als

sie was arbeiten könne.

Wie sie nun aber nicht mehr arbeiten konnte und immer noch lebte,

nahm sie es so, daß für sie nun ganz die Zeit sei zum Beten. So hielt

sie den Rosenkranz in der Hand und betete zu unserer lieben Frau, und

dachte dabei an längst verstorbene und verdorbene liebe Menschen.

Manchmal besucht sie Frau Apollonia, sitzt an ihrem Bette und schweigt.

Da nimmt sie die alte Magd wohl an der Hand -- beider Hände sind kühl,

aber treu sind die Gedanken. Geweint haben sie in späterer Zeit nicht

mehr um die Verlorenen ...

Und da ist eines Tages der Brief gekommen und hat die alten Herzen

aufgerüttelt. Und die Sali hat nicht liegen bleiben können auf ihrem

Stroh. Sie ist aufgestanden und hat mit zitternder Hand das Ämplein

angezündet unter dem Marienbild. Denn was in diesem Briefe steht, das

ist wie eine Botschaft vom Himmel.

»Eiland San Catharina, im Atlantischen Ozean.

Farm Rufmann.

Liebe Sali!

Lebst Du noch? Dein Elias schreibt Dir. Ich habe es erst tun

wollen, bis was Gutes zu melden ist, und habe oft gebetet, daß

Du so lange leben sollst, bis das geschehen kann. Gedacht haben

wir Dein alle Tage, wie man einer Mutter gedenkt, die Du uns

gewesen bist. Aber heimbleiben haben wir nach dem Unglück nicht

mehr können. Mein Bruder Fridolin ist damals fort, so weit es

geht auf dieser Erde. Neuseeland heißt das Land, wo er sieben

Jahre lang gewesen ist und bei der Schiffahrt gearbeitet hat.

Ich habe noch weiterstudiert zu Köln am Rhein, wo die heiligen

drei Könige sind. Dann hat mir mein Bruder geschrieben, ich

solle zu ihm kommen und haben bei der Schiffahrt gearbeitet

und gut verdient. Und dann auf einer Seefahrt haben wir eine

kleine Insel gefunden, mit Gebirge und Urwald, nur von wenigen

Eingeborenen bewohnt, die gutmütig sind. Und an der Küste auch

Europäer, sogar etliche Deutsche, arme Leute. Und hat uns der

Urwald so gefallen, sind auch Bäume drin, wie sie in Eustachen

wachsen. Und haben eine solche Freude gehabt, daß wir unser

Erspartes dransetzen und uns auf der Insel seßhaft machen.

So leben wir jetzt hier und haben Arbeit genug. Fridolin ist

Jäger, der die wilden Tiere totschießt, und ist Förster, der

den wilden Wald rodet. Das geschieht mit Axt und Feuer. Die

Leute, die schon früher dagewesen, sind uns untertan und führen

das aus, was wir anordnen. Aus den gerodeten Grundflächen

machen wir Kornfelder und Gärten, und das ist meine Sache. Ich

leite eine Anzahl von Arbeitern, mit denen ich Korn baue und

Fruchtbäume züchte. Wir haben uns auch aus Holzstämmen ein

Haus gebaut, wo wir mit Weib und Kind wohnen. Der Friedl hat

eine von hier genommen. Ich bin in Köln mit einem braven Mädel

bekannt worden, das habe ich mir herübergeholt. Wir sind recht

zufrieden. Wenn das der Vater noch hätte erleben können! Es

vergeht keine Stunde, wo ich nicht an ihn denke. Und am Sonntag

kommen wir zusammen im Hause oder unter Bäumen und ich lese den

Leuten aus der heiligen Schrift vor und lege sie aus und bete

mit ihnen. Und so bin ich zugleich Bauer und Geistlinger, wie

Du mich immer genannt hast, lange ehe ich noch eine Ahnung

hatte, was das heißt, ein Apostel Jesu Christi zu sein.

Und dieses, liebe Sali, ist das Gute, was wir Dir zu melden

haben. Wenn Du noch lebst, so schreibe uns, wie es Dir geht

und genau den Ort, wo Dich etwas antreffen kann, das wir Dir

schicken möchten. Auf dieser Welt werden wir uns wohl nicht

mehr sehen, aber es steht geschrieben, daß wir im ewigen Leben

alle die wiederfinden werden, die wir einmal lieb gehabt haben.

Vergiß nicht, liebe Sali, der Försterbuben im fernen Urwald,

die auch Deiner nicht vergessen.

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 51 / 55 题