Ungefähr ein Jahr nach Michels glückseligem Tage übergab der Postbote
dem jungen Wirt einen Brief, den der Empfänger in der Hand mehrmals um
und um drehte und aufmerksam betrachtete, ehe er ihn seiner Frau gab,
an die er adressiert war.
»Du, Helenerl! Da schau einmal. Schau dir diese Marke an. Eine
russische oder woher. Oder wo du überall Bekannte hast!« setzte er
schalkhaft bei.
Sie schaute den Brief ebenfalls an und suchte dann die Schere, um ihn
aufzuschneiden.
»Uh, Nelson! wo ist denn das lauter? Gar aus Engelland her?« Sie sah
nach der Unterschrift und erschrak ein wenig. »Mir scheint,« sagte sie
und wendete sich seitlings, »das geht mich allein an.«
Und in dem Briefe stand es so zu lesen:
»Nelson, Neuseeland
~Cook-Street 93 Cy XI.~
Liebe Helene!
Du wirst Dich staunen über diesen Schreibebrief aus dem Land,
wo die Gegenfüßler sind. Bin jetzt auch so ein Gegenfüßler
geworden und wenn ich mit dem Fuß auf den Boden stampfe, so
habt ihr dort drüben Erdbeben. Wie ich da hergekommen bin, das
will ich Dir lieber mündlich sagen, bis Du’s auch probiert
hast. Bissel weiter, wie nach Löwenburg ist es schon. Gehen
tut’s mir sehr gut, bin am Seehafen ein Arbeiter. Aber dahier,
meine Liebe, heißt Arbeiter sein ein bissel was anders als in
Europa. Ich logiere in drei schönen Zimmern und esse täglich
mein Beefsteak. Verdienen tu ich mir in der Woche 8 bis 10
Pfund Sterling, das ist in eurem Geld so viel wie 200 Kronen.
Mit dem besten Willen kann ich’s nit verjuxen. Ja, ich werde
am End noch so ordentlich und brav wie die Eustacher. Hier
ist alles englisch, auch Deutsche sind viele da, die Werft,
wo ich bin, gehört einem Hamburger. Neuseeland, was jetzt
meine Heimat ist, hat hohe Berge, zweimal so hoch wie eure
Tauern. Und Urwald. Da sieht man erst, was Wald heißt. Nach
Europa verlangt’s mich nicht mehr, aber eine von dort möcht
ich dahaben, wenn sie mich nicht vergessen hätte. Liebe
Helene, Du hast mir immer gefallen, und hast Lust meine Frau
zu werden, so komm her. Eustachen ist eh nix for Dich. Dein
Vater, meinetwegen, soll Dich begleiten bis Triest, wo ich
Dich erwarten will. Weiter entgegengehen mag ich nicht, indem
was wir in Eustachen erlebt haben. Mein Bruder, der Elias,
ist im Gymnasium einer norddeutschen Stadt, heißt Köln am
Rhein. Vielleicht kommt er auch einmal nach Neuseeland, für
Heidenapostel gibt’s hier zu tun genug. Aber ich sag, er soll
lieber ein Arbeitsmensch werden und die Leut glauben lassen,
was sie wollen. Wir haben auch noch Kannibalen auf Lager, aber
anstatt daß sie uns auffressen, machen wir’s umgekehrt. Wegen
warum ich mich bei Dir im vorigen Jahr nicht verabschiedet
hab, kannst Dir denken. Macht ja nix, wenn wir eh wieder
zusammenkommen. Ich hoffe von Dir eine recht baldige Antwort,
so oder so. Die Adresse an mich schreibe genau, wie sie am
Anfang von diesem Brief steht, aber Lateinschrift, die andere
kann da kein Mensch lesen. Bist überhaupt’s einverstanden,
was ich erst einmal wissen will, nachher können die weiteren
diplomatischen Verhandlungen beginnen. Gereuen wird’s Dich
nicht. Mit schönem Gruß
Fridolin Rufmann,
Werft-Mister.«
Auf _diesen_ Brief war die Antwort so leicht, daß Helene nicht einen
Augenblick nachzusinnen brauchte. Sofort setzte sie sich hin und
schrieb:
»Lieber Herr Fridolin Rufmann!
Daraufhin in welcher Art Sie uns verlassen haben, hätte ich
einen solchen Brief von Ihnen wohl nicht erwartet. Mich freut
es, daß Sie so starkmütig geworden, aber mir scheint, Sie sind
gar zu stolz auf das geschehene Unrecht, wo doch auch andere
hart haben leiden müssen. Für die Ehr bedank ich mich recht
schön, ist aber zu spät und mein Vater könnte mich auch nicht
bis Triest begleiten, er ist seit Herbst des vorigen Jahres tot.