Sagte der Michel: »Heut soll seine Ehr einmal der Ärmere haben.«

»Nachher, Herr Vater, setz du dich auf die recht Seiten!« --

Der Wirt war schier aufgeräumt. Er wollte sogar eins pfeifen. Ob nicht

der verwildert über die Lippen herabhängende Bart schuld war -- es

pfiff nicht. Als sie an der Ach glatt dahinfuhren, sagte er zum Alten:

»Wenzel, es kann sein, daß du mir heut einen Gefallen wirst tun müssen.

Wenn etwan auch eine alte Laute sollt versteigert werden, sei so gut,

lizitier mit.«

»Ich? Kann halt nix musizieren, nit.«

»Bis zu hundert Kronen kannst sie hinauftreiben, wer’s auch sein mag.

Und wenn ich’s selber sollt sein. Da hast Geld.«

Der Alte nahm die Note wohl an, schüttelte seinen Kahlkopf und sagte:

»Herr Vater, du haltst mich für’n Narrn!«

»Du haltst _mich_ für’n Narren!« lachte der Wirt bitter. »Hast

denn kein Spurius, warum du sollst nauf treiben?« Er mußte es dem

begriffsstutzigen Alten des Näheren erklären. Als diesem der Knopf

einmal aufgegangen war, zog er sein schlaues Gesicht: »Werden’s schon

machen, Herr Vater.«

Um das Forsthaus herum war alles voll Leute. Die Sachen waren

ausgebreitet und aufgestellt um den Tisch des Amtmanns. Ein paar

Kästen, Truhen und Betten, Holzsessel, Küchengeschirr, Wandbilder,

Arbeiterwerkzeug, ein paar Schießgewehre und kleines Gerümpel. Die

Leute wunderten sich, daß so wenig da war. Ein anwesender fürstlicher

Anwalt erklärte bei manchem Stück, das etwas wertvoller aussah: »Das

gehört ständig zum Forsthause!«

»Gut viel wird heut nit ausfallen für die Buben,« sagten die Leut

zueinander. Und man wollte gehört haben, daß sie es sehr gut brauchen

könnten.

Jeder Gegenstand, der dran kam, wurde niedrig ausgerufen und dann

aufgezeigt. Das ging flau, aber der Michelwirt steigerte überall mit.

Manches Stück trieb er fabelhaft hoch hinauf und dann blieb es ihm in

der Hand. Und anderen kam das, was sie nicht lassen wollten, teuer zu

stehen.

Der Beamte mit dem Hammer war ein humoristischer Mensch, wie es alle

Versteigerer sind. Zu jedem Stück, das er ausrief, besonders wenn

es sehr unbedeutend war, machte er eine spaßhafte Bemerkung, um die

Aufmerksamkeit der Leute darauf zu lenken. Zu dem Stück, das er jetzt

in die Hand nahm, machte er keine, sondern zog das Gesicht breit,

wiegte mit dem Kopf, zupfte an den Saiten -- klim, klim! und sang: »O

du lieber Augustin!« Die Laute war’s.

Dann bot er sie aus um fünf Kronen.

Dem Michel gab’s einen Stich. Diese Laute, _seine_ Laute um fünf Kronen.

»Ich gebe zehn!« rief er.

»Ich gebe fünfzehn!« kreischte jemand in der Menge. Das war der

Einleger Wenzel. Die Leute lachten, aber der Versteigerer entdeckte

seine Amtswürde und rief: »Ernster Weise!«

»Ist auch ernster Weis,« gab der Einleger zurück. »Ich mag’s Kirtharl

um fünfzehn Kronen. Man kann nit wissen. In so alten Möbeln ist immer

einmal was versteckt.«

»Fünfzehn Kronen! Wer gibt mehr?«

»Fünfzig Kronen!« rief der Michelwirt.

»Hundert Kronen!« kreischte der Einleger.

»Fünfhundert Kronen!« sagte der Michelwirt.

Da war es still.

»Was soll das heißen?« fragte der Beamte.

»Der Mann ist nit recht gescheit!« rief ein anderer drein. »’s gilt

nit!«

»’s gilt!« sagte der Michel, trat an den Tisch und erlegte fünfhundert

Kronen.

Jetzt war alles gerührt. »Er tut’s für seinen Freund. Den Buben wird’s

wohl gut tun.«

Das meinte der Michel eben auch. Aber er meinte eben auch noch etwas

anderes.

Als er die Laute zu sich genommen hatte, pfiff er dem Wenzel und

schnell ging’s auf dem Steirerwäglein nach Eustachen. Und vergnügt

war er schon darüber, daß er den Försterbuben einen Possen hatte

spielen können. Obgleich sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen.

Den beträchtlichen Erlös für die Sachen werden sie wohl nicht können

zurückweisen. -- Kaum daheim angekommen, eilte er auf seine Stube,

um die Laute zu versuchen. -- Sie war all verstimmt. Er setzte an

die Schrauben den Stimmschlüssel; nein, die Saite könnte reißen. Er

strich mit der Hand darüber hin. Er setzte das Instrument an die Brust,

tastete die Griffe, zupfte die Saiten:

»Wann ich amal stirb, stirb, stirb.

Schlagt’s auf die Truhen drauf,

Aft steh ich wieder auf ...«

Was war denn das hinter ihm? Eine Stimme. Eine Baßstimme. Er wendete

sich um. -- Es war niemand da. Er war ganz allein.

Seinen Gästen zeigte er sich gar nicht mehr. Aber spät abends saß

er noch auf seinem Zimmer und verlangte nach Rufmann. Sagte Frau

Apollonia: »Schau, mein lieber Mann, das Trinken so viel ist nit

gesund. Leg dich in Gottes Namen schlafen.«

Und wenn er dann in seinem Bette lag, kamen die Klänge eines längst

verlorenen Singens. -- -- -- »Wenn ich aufdenk auf mein junges Leben,

wo ich überall bin umerglegen.« -- Gute und böse Zeiten, wie sie halt

kommen. Erdenleben heißt man’s. »Ich ging einmal im grünen Wald, da

hört ich die Vöglein singen.« -- Ist denn das auch einmal wirklich

gewesen? Oder ist es erst jetzt, wie ich so dran denke? Der Freund ist

ins Wasser gegangen, die Kinder haben sich verlaufen. »Verlassen,

verlassen, wie der Stein auf der Straßen.« Wenn man’s nur kunnt

auslöschen, wie mit dem Schwamm auf der schwarzen Tafel die Ziffern.

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.« -- Schlafen. Ich möcht

schlafen! So spat in der Nacht. »Alles ist still, wie in der ewigen

Ruh.« -- Aber das Wehleid! das Wehleid! ’s will halt nit aufhören. --

Ei was, Dummheiten! ’s ist ja nix. ’s ist alles miteinander nix ...

Legen wir uns einmal auf die andere Seiten. Auf der linken Seiten

liegen, da druckt alles so aufs Herz. Legen wir uns auf die rechte. Und

lassen uns was Gutes träumen.

Auf der rechten Seite lag er sanfter. Er merkte, es schliche der Schlaf

heran. Da ist er auf der Lauer, den möcht er doch einmal erwischen, um

zu sehen, wie es zugeht, wenn einer einschläft. Kein Mensch ist noch

dabei gewesen, bei seinem Einschlafen. -- Was ist denn das? Hat jetzt

nit wer auf der Laute gespielt? -- »Apollonia!«

Sie hat einen leichten Schlummer, hebt ein wenig ihr Haupt: »Hast was

g’sagt, Michel?«

»Hältst du’s? Die Laute! Der Rufmann! Im Nebenzimmer. Der Rufmann singt!

Und die Holzknechtbuben,

Müssen fruh aufstehn,

Müssen’s Hackerl nehmen --«

»Mein Gott! Mann, was hast denn? Tut dir träumen?«

»Den Rufmann begleiten. -- Bin a lustiger Wildpratschütz ...«

Da sie das Entzücken seines Traumes wohl merkte, so ließ sie ihn

singen. Manches Lied schlug er an, kam jedoch mit keinem zu Ende.

Einmal unterbrach er sich und stellte dem Rufmann aus, daß er um einen

Ton zu tief dran sei. Dann wieder war es, als scherze er mit jemand und

necke ihn. Und endlich ist er in einen tiefen Schlaf gesunken.

Um diese Zeit hatten es die Leute gemerkt, daß mit dem Michel wieder

eine Veränderung vorging. Zwar saß er noch immer nicht bei seinen

Gästen, kümmerte sich auch nicht um die Wirtschaft oder um eine

Gemeindeangelegenheit. Aber heiterer war er geworden. Wo er wem

begegnete, da blieb er stehen und sprach ein paar gewohnte Worte oder

machte gar einmal ein seltsames Späßchen. Körperlich verfiel er. Eines

Tages, als er wieder am Ufer des Flusses saß und hinschaute, wie die

Sonne so schön in den kreiselnden Wellen zitterte, kam Gerhalt zu ihm

und wollte ihn nach Hause führen.

»Ich hab’ jetzt nit Zeit, Nachbar,« antwortete der Michel in

gemütlicher Art, »kunnt versäumen, kunnt versäumen.«

»Was ist denn da zu versäumen?« lachte der Vorstand überlaut. »Das

Wasser läuft dir nit davon. Das rinnt in alle Ewigkeit herab.«

»Ja alle Ewigkeit, sagst du. Rinnt her und rinnt fort und ist immer

dasselb Wasser. Das ist spaßig. Wirst dir’s aber gewiß nur einbilden,

Martin.«

»Mein lieber Michel, das Wasser ist keine Einbildung!«

»Ich weiß es wohl, Nachbar, ich weiß es wohl. Ist ja der Rufmann drin

ertrunken. Sind ja die Buben übers Wasser fortgefahren. Aber sie

kommen wieder. Sie kommen alle wieder. Und derowegen muß ich warten.«

»Ja, da wirst freilich noch eine Zeitlang warten müssen.«

»Lang oder nit lang. Ich warte halt. Jetzt, weil ich wieder gesund bin

worden, wart ich auch hundert Jahr. Die Zeit vergeht -- der Mensch nit.«

Der Arzt in Ruppersbach hatte gesagt, man könne ihn unbesorgt gewähren

lassen. Wer, wie der Michel, warten wolle, bei dem sei nichts zu

fürchten. Es stehe so, daß man ihm nichts mehr versagen solle.

Und wie sein Dämon Wirklichkeit und Traum so seltsamlich verwechselt

und endlich ihm den langersehnten glückseligen Tag nicht versagt hat,

das erzählt der nächste Bericht.

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 47 / 55 题