Elias las weiter: »Andreas Holzbruckner.«

»Ist im Rausch in den Fluder gefallen, Gott tröst sein Seel!«

»Maria Buchebner.«

»Ah, das ist die Pichelbäuerin, die soviel hat leiden müssen.«

»Nathan --«

Elias stockte.

»Wer denn weiter?« fragte der Friedl.

»Nathan Böhme!«

Nun standen sie da und schwiegen. Und murmelte endlich der Friedl: »Da

drunten liegt er.« Und standen lange vor diesem Hügel und sagten nichts

weiter. Können es uns wohl denken, was durch ihre Seelen gezogen sein

mag. Endlich atmete der Friedl schwer auf und schritt weiter. Er hatte

feuchte Augen.

»Da ist ein Rufmann,« sagte Elias leise.

»Bei meiner Treu, da ist ein Rufmann. Paulus Rufmann, wie unser Vater

heißt.«

»Ich habe nie etwas gehört, daß es in unserer Pfarrei auch sonst noch

Leute gibt, die Rufmann heißen. Der Vater ist vom Bayerischen her.«

»In Sandwiesen, der Tabakkrämer heißt Rufmann. Hat Rufmann geheißen,«

wußte der Friedl zu sagen.

»Der wird’s sein,« gab Elias bei. Dann gingen sie aus dem Friedhofe

fort und ihres Weges weiter.

Oberhalb Ruppersbach kamen sie wieder zur Straße. Sie gingen ein

wenig schneller und sprachen nicht viel. Da sahen sie, wie ein Wagen

entgegenkam.

»Das ist der Vater!« rief der Friedl. »Es sind Michelwirts Pferde, da

sitzt der Vater im Wagen.«

Es saß wohl einer drinnen, aber das war der Michelwirt. Er war selbst

der Kutscher, hielt jetzt die Pferde an und stieg aus.

Fröhlich grüßten sie ihm entgegen und der Friedl sagte: »Du, Onkel, das

war jetzt eine Zeit! Die möcht ich nit wieder derleben. Warum ist der

Vater nit mit?«

»Ist so viel heiß heut und der staubige Weg. So bring ich euch den

Wagen entgegen,« sagte der Michel und faßte die Pferde am Riemen, um

sie zu wenden. »Steigt nur gleich ein.«

»Ich will auf den Bock.«

»Geht nit, Friedl, ist zu schmal für uns zwei, setzt euch nur kamod in

den Wagen.«

So fuhren sie gegen Eustachen.

Der Michelwirt hatte nur ein paarmal ausgerufen: »Also der Krauthas!«

Denn es war schon alles bekannt geworden. Im übrigen redete er nicht

viel, mußte auf die Pferde achtgeben. Elias schwieg und der Friedl

schwieg auch, weil ihm bange geworden war.

Der Michel hatte gemeint, er würde die Burschen bei dem Wiedersehen

an die Brust reißen müssen. Statt dessen war es so kühl hergegangen.

Schon gut so. Das ahnte er wohl, wenn er jetzt ruhig bleiben soll und

nichts verraten, so darf er das Herz gar nicht anrühren. -- Am Eingange

des Dorfes vor der Kapelle standen schon Leute, Jugendkameraden,

darunter auch die Gerhaltbuben. Ohne Willkommsgeschrei reckten sie

den Ankömmlingen die Hände entgegen, aber diese taten nicht viel

desgleichen und der Michel hielt die Pferde nicht an, ließ sie vielmehr

sehr rasch zwischen den Häusern hintraben bis zum Wirtshause.

»Wir wollen nit einkehren, wir wollen gleich heim,« sagte der Friedl.

»Na na, Buben, zukehren müßt ihr schon bei mir.« So der Michel, »ihr

habt Hunger und Durst. Frau Apollonia hat schon daran gedacht. Auch

abstauben werdet ihr euch wollen.«

»Wir möchten schon den Vater haben,« sagte der Student.

»Ich glaub’s euch, Buben, ich glaub’s euch, wird aber jetzt nit zu Haus

sein. Kunnt sein, daß -- er notig im Gebirg was zu tun hätt und vor dem

spaten Abend nit heimkommt.«

»Die Nachricht hat er doch erhalten?«

»Ei, das schon, die Nachricht, die wird er schon bekommen haben. --

Poldl, komm doch herfür und spann die Pferde aus!«

Wenn der Vater jetzt ohnehin nicht daheim ist, da konnten sie ja

einkehren, dachten die Burschen und traten ins Haus.

»Da seins halt jetzt, die armen Hascher,« klagte der alte Einleger

Wenzel, der im Vorhause stand.

»Schau, daß d’ weiter kommst,« herrschte ihm der Wirt zu, so daß dem

Alten ungleich wurde. Was hat er denn heut, unser Herr?

Der Tisch war schon gedeckt, die Kellnerin brachte Speise und Trank,

und die jungen Wanderer ließen sich nicht nötigen. Der Michel saß neben

ihnen, fragte nicht viel und erzählte nicht viel. -- Schenkte Wein in

die Gläser. »Tuts trinken, Buben. Der Wein, wenn’s auch heißt, zuviel

wär ungesund, er ist und bleibt eine Gottesgab und erfrischt das Herz.

Schon gar, wenn der Mensch ... Ich kunnt den Wein nimmer entbehren.« Er

füllte auch sich ein Glas und leerte es auf einen Zug.

So oft die Küchentür aufging oder auch nur das Küchenfensterlein,

spannte der Friedl die Augen. Aber er nahm nichts wahr. Auf dem Tisch,

in einem weißen Krüglein, stand ein frischer Blumenstrauß. Das war

alles.

Kurz, aber lebhaft hatten sie erzählt von den Verhören in Löwenburg,

besonders vom Krauthasen, und wie ihre Unschuld aufgekommen war. Da

fragte Elias plötzlich: »Ist jetzt nit ein Rufmann gestorben, da wo

herum --?«

Der Michel konnte wohl nicht gleich antworten.

»Auf dem Friedhof haben wir einen Rufmann gefunden.«

»Seid ihr auf dem Friedhof gewesen?«

»Das ist gewiß der Tabakkramer in der Sandwiesen,« sagte der Friedl,

»hat ja Paulus geheißen, nit?«

»Mir scheint.«

Der Michel tat, als sei er gerufen worden. Er ging rasch hinaus und

sagte zur Frau Apollonia, die schon immer ängstlich gehorcht hatte an

der Tür: »Das soll wer anderer tun. Ich bring’s nit übers Herz.«

»Aber mein Gott, ehvor sie heimkommen, muß es ihnen doch gesagt werden.«

»Frau, sie kommen selber drauf, sie sind schon nahe dran.«

»Wenigstens lassen wir sie früher essen,« sagte sie. »Mein Gott, wie

einem diese Buben derbarmen!«

Er beneidete die Frau um dieses arglose Erbarmen. Wie selig süß das war

im Vergleich zu dem, was er auf sich hatte!

Dann ging er wieder in die Gaststube und setzte anders ein. Er schenkte

neuerdings die Gläser voll: »Nur fest trinken, Buben! An so einem Tag

kann man sich schon ein Spitzel gunnen. Nach einem solchen Sturm.

Wie ihr tapfer seid gewesen. Leben sollt ihr! Gott erhalte euch! Und

was immer mag kommen, wir drei halten zusammen. Sollt einmal eine

Veränderung sein im Forsthaus oder wie -- daß ihr’s nur wißt: Im

Michelwirtshaus seid ihr daheim.«

Gleichzeitig standen die Burschen vom Tische auf und der Friedl rief

plötzlich: »Michelwirt! Mit unserem Vater ist was geschehen!«

Und darauf antwortete der Wirt: »Kinder, wie wäret ihr sonst auf den

Kirchhof gegangen, wenn ihr’s nit schon tätet wissen.«

Elias rührte sich nicht und blieb stumm. Der Friedl aber gab einen

gellenden Schrei. Dann warf er sich auf den Tisch nieder und weinte

laut. Und dazwischen hervor rief er zornig: »Was ist ihm geschehen?«

Und der Wirt zagend und gedämpft: »Ertrunken«.

»Ertrunken!« Der Bursche hielt den Kopf und hielt ihn mit beiden

Händen. »Ertrunken! So ist kein Mensch bei ihm gewesen? So habens ihn

allein gelassen!«

»Allein gelassen wohl nit ...«

Jetzt kein Halten mehr.

Als sie hinausgingen, stand im Hintergrunde des Vorhauses das schlanke

Mädel und schaute her. Er hat sie gesehen und nicht gesehen. Sie

warteten nicht ab, bis eingespannt war, sie lehnten den Wirt ab, der

sie begleiten wollte.

Als ob hinter ihnen etwas Feindliches her wäre, so eilten sie hin

am Waldsteig, und in der Abenddämmerung sahen sie das Forsthaus vor

sich liegen. Und hörten dort stoßweise weinen. Als sie in den Hof

kamen, sahen sie, daß es der Waldl war. Und als der Kettenhund die

Heimkehrenden bemerkte, da wurde sein Heulen noch kläglicher. Er sprang

sie nicht an, wie sonst, wenn sie sich nahten, er lag auf der Erde,

deren Sand er aufgescharrt hatte; feucht unter den großen schwarzen

Augen, so schaute er sie an und heulte und wimmerte leise, als wollte

er ihnen alles Schreckliche erzählen, was geschehen war.

Zum Tore kam die alte Sali heraus, langsam, gab ihnen aber nicht die

Hand. »Unser Herrgott weiß es! Weil nur ihr da seid! Weil nur endlich

ihr wieder da seid! O du liebe Frau im Himmel oben, die Freud, wenn er

das noch hätt erlebt!« Weinen tat sie nicht.

Elias hatte fast nicht den Mut, ins Haus zu treten. Nicht vor dem toten

Vater konnte er sich fürchten, aber vor seinem zürnenden Geiste ...

In der Stube, vor dem Marienbilde an der Wand, brannte eine rote Ampel.

Sie brannte seit drei Tagen.

»Und solang ich in dem Haus bin, wird sie nimmer auslöschen,« sagte die

Sali.

Aber als Elias in der Stube allein war, nahm er die Ampel von ihrer

Leiste herab und stellte sie über dem Tische auf die Wandeckstelle, wo

das Kruzifix stand. Maria, unsere Fürbitterin! Aber das Licht gehört

ihm allein.

So waren sie jetzt daheim.

Und in dem Augenblick, als sie in dieses Haus getreten, wußten sie

auch, hier waren sie fremd geworden.

Verwirrt und betäubt gingen sie eine Weile umher, gingen nur so umher

und konnten nichts denken. Sie gingen in sein Zimmer, in die Kanzlei,

in alle Stuben und Kammern und waren immer überrascht, den Vater nicht

zu finden. Sie sahen sein Gewand, sein Gewehr, seine Bergstecken, seine

Pfeife, seine Laute -- alles, nur ihn selbst nimmer.

Da setzten sie sich ermüdet hin und schluchzten.

Und endlich fragte der Friedl, wie es gekommen sei.

»Wie wird’s denn gekommen sein?« rief die Alte unwirsch. »Wie’s halt

kommt, wenn was sein will. Dran schuld seid auch ihr! Wenn man solche

Dummheiten macht, daß man von den Gendarmen wird fortgetrieben, das

soll einem Vater nit ’s Herz abstoßen?«

Fragte nun Elias scheinbar gefaßt: »Nicht wahr, Sali, unser Vater hat

sich selber das Leben genommen?«

»Ja, leicht wohl, daß er’s selber hat tan, aber dran schuld ist auch

noch ein anderer! Hab schon lang nimmer viel gehalten auf den Wirt.

Am selbigen Abend -- ’s ist am Tag, wie sie euch haben fortgeführt,

der Michelwirt ist kommen und sagt, er will bei ihm bleiben, weil man

ihn nit allein lassen kann. Und auch der Fürstand ist kommen und

hat’s dem Wirt auftragen: Schau gut auf den Rufmann, hat er g’sagt,

ich hab’s g’hört. Schau gut auf ihn, hat er g’sagt! Ich vertrau dir

ihn an! Und hat ihm’s der Wirt müssen versprechen und ist der Fürstand

wieder fort, weil das Feuer ist gewest auf dem Ringstein. Eine Weile

sinds noch gesessen beieinand und umeinander gangen im Haus. Ich

bet mein Rosenkranz, daß uns doch unsere liebe Frau nit ganz möcht

verlassen. Nachher später, ’s ist schon finster gewest, schau ich zum

Fenster aus und seh sie nebeneinander stehen auf dem Anger. Hättest

ihn nit sollen auslassen, denk ich, weil er schon voreh mit dem

Gewehr was hat anstellen wollen. Aber der Wirt schaut das Feuer an,

leichtsinnigerweis, und rührt sich nit und schaut das Feuer an auf dem

Ringstein. Und kümmert sich nit um den alten Herrn. Und auf einmal

steht der Wirt allein da und der Herr Vater ist nimmer neben seiner.

Da geht euch der Wirt noch a Weil vor dem Haus umeinand, eilen tut’s

ihm gar nit, so daß ich denk, der Herr ist schon wieder im Haus; aber

wie ich merk, er ist nit da, bin ich wohl auch geschwind gelaufen. Und

steht der Wirt bei der Brucken und sagt: Ein End hat’s. -- So, meine

Kinder, so ist’s gewest. Sonst weiß ich nix. Und jetzt möget ihr euch

denken, wer euren Vater auf dem Gewissen hat.«

»Der Michelwirt! Wir all miteinand,« sagte der Friedl.

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 42 / 55 题