»Ist im Rausch in den Fluder gefallen, Gott tröst sein Seel!«
»Maria Buchebner.«
»Ah, das ist die Pichelbäuerin, die soviel hat leiden müssen.«
»Nathan --«
Elias stockte.
»Wer denn weiter?« fragte der Friedl.
»Nathan Böhme!«
Nun standen sie da und schwiegen. Und murmelte endlich der Friedl: »Da
drunten liegt er.« Und standen lange vor diesem Hügel und sagten nichts
weiter. Können es uns wohl denken, was durch ihre Seelen gezogen sein
mag. Endlich atmete der Friedl schwer auf und schritt weiter. Er hatte
feuchte Augen.
»Da ist ein Rufmann,« sagte Elias leise.
»Bei meiner Treu, da ist ein Rufmann. Paulus Rufmann, wie unser Vater
heißt.«
»Ich habe nie etwas gehört, daß es in unserer Pfarrei auch sonst noch
Leute gibt, die Rufmann heißen. Der Vater ist vom Bayerischen her.«
»In Sandwiesen, der Tabakkrämer heißt Rufmann. Hat Rufmann geheißen,«
wußte der Friedl zu sagen.
»Der wird’s sein,« gab Elias bei. Dann gingen sie aus dem Friedhofe
fort und ihres Weges weiter.
Oberhalb Ruppersbach kamen sie wieder zur Straße. Sie gingen ein
wenig schneller und sprachen nicht viel. Da sahen sie, wie ein Wagen
entgegenkam.
»Das ist der Vater!« rief der Friedl. »Es sind Michelwirts Pferde, da
sitzt der Vater im Wagen.«
Es saß wohl einer drinnen, aber das war der Michelwirt. Er war selbst
der Kutscher, hielt jetzt die Pferde an und stieg aus.
Fröhlich grüßten sie ihm entgegen und der Friedl sagte: »Du, Onkel, das
war jetzt eine Zeit! Die möcht ich nit wieder derleben. Warum ist der
Vater nit mit?«
»Ist so viel heiß heut und der staubige Weg. So bring ich euch den
Wagen entgegen,« sagte der Michel und faßte die Pferde am Riemen, um
sie zu wenden. »Steigt nur gleich ein.«
»Ich will auf den Bock.«
»Geht nit, Friedl, ist zu schmal für uns zwei, setzt euch nur kamod in
den Wagen.«
So fuhren sie gegen Eustachen.
Der Michelwirt hatte nur ein paarmal ausgerufen: »Also der Krauthas!«
Denn es war schon alles bekannt geworden. Im übrigen redete er nicht
viel, mußte auf die Pferde achtgeben. Elias schwieg und der Friedl
schwieg auch, weil ihm bange geworden war.
Der Michel hatte gemeint, er würde die Burschen bei dem Wiedersehen
an die Brust reißen müssen. Statt dessen war es so kühl hergegangen.
Schon gut so. Das ahnte er wohl, wenn er jetzt ruhig bleiben soll und
nichts verraten, so darf er das Herz gar nicht anrühren. -- Am Eingange
des Dorfes vor der Kapelle standen schon Leute, Jugendkameraden,
darunter auch die Gerhaltbuben. Ohne Willkommsgeschrei reckten sie
den Ankömmlingen die Hände entgegen, aber diese taten nicht viel
desgleichen und der Michel hielt die Pferde nicht an, ließ sie vielmehr
sehr rasch zwischen den Häusern hintraben bis zum Wirtshause.
»Wir wollen nit einkehren, wir wollen gleich heim,« sagte der Friedl.
»Na na, Buben, zukehren müßt ihr schon bei mir.« So der Michel, »ihr
habt Hunger und Durst. Frau Apollonia hat schon daran gedacht. Auch
abstauben werdet ihr euch wollen.«
»Wir möchten schon den Vater haben,« sagte der Student.
»Ich glaub’s euch, Buben, ich glaub’s euch, wird aber jetzt nit zu Haus
sein. Kunnt sein, daß -- er notig im Gebirg was zu tun hätt und vor dem
spaten Abend nit heimkommt.«
»Die Nachricht hat er doch erhalten?«
»Ei, das schon, die Nachricht, die wird er schon bekommen haben. --
Poldl, komm doch herfür und spann die Pferde aus!«
Wenn der Vater jetzt ohnehin nicht daheim ist, da konnten sie ja
einkehren, dachten die Burschen und traten ins Haus.
»Da seins halt jetzt, die armen Hascher,« klagte der alte Einleger
Wenzel, der im Vorhause stand.
»Schau, daß d’ weiter kommst,« herrschte ihm der Wirt zu, so daß dem
Alten ungleich wurde. Was hat er denn heut, unser Herr?
Der Tisch war schon gedeckt, die Kellnerin brachte Speise und Trank,
und die jungen Wanderer ließen sich nicht nötigen. Der Michel saß neben
ihnen, fragte nicht viel und erzählte nicht viel. -- Schenkte Wein in
die Gläser. »Tuts trinken, Buben. Der Wein, wenn’s auch heißt, zuviel
wär ungesund, er ist und bleibt eine Gottesgab und erfrischt das Herz.
Schon gar, wenn der Mensch ... Ich kunnt den Wein nimmer entbehren.« Er
füllte auch sich ein Glas und leerte es auf einen Zug.
So oft die Küchentür aufging oder auch nur das Küchenfensterlein,
spannte der Friedl die Augen. Aber er nahm nichts wahr. Auf dem Tisch,
in einem weißen Krüglein, stand ein frischer Blumenstrauß. Das war
alles.
Kurz, aber lebhaft hatten sie erzählt von den Verhören in Löwenburg,
besonders vom Krauthasen, und wie ihre Unschuld aufgekommen war. Da
fragte Elias plötzlich: »Ist jetzt nit ein Rufmann gestorben, da wo
herum --?«
Der Michel konnte wohl nicht gleich antworten.
»Auf dem Friedhof haben wir einen Rufmann gefunden.«
»Seid ihr auf dem Friedhof gewesen?«
»Das ist gewiß der Tabakkramer in der Sandwiesen,« sagte der Friedl,
»hat ja Paulus geheißen, nit?«
»Mir scheint.«
Der Michel tat, als sei er gerufen worden. Er ging rasch hinaus und
sagte zur Frau Apollonia, die schon immer ängstlich gehorcht hatte an
der Tür: »Das soll wer anderer tun. Ich bring’s nit übers Herz.«
»Aber mein Gott, ehvor sie heimkommen, muß es ihnen doch gesagt werden.«
»Frau, sie kommen selber drauf, sie sind schon nahe dran.«
»Wenigstens lassen wir sie früher essen,« sagte sie. »Mein Gott, wie
einem diese Buben derbarmen!«
Er beneidete die Frau um dieses arglose Erbarmen. Wie selig süß das war
im Vergleich zu dem, was er auf sich hatte!
Dann ging er wieder in die Gaststube und setzte anders ein. Er schenkte
neuerdings die Gläser voll: »Nur fest trinken, Buben! An so einem Tag
kann man sich schon ein Spitzel gunnen. Nach einem solchen Sturm.
Wie ihr tapfer seid gewesen. Leben sollt ihr! Gott erhalte euch! Und
was immer mag kommen, wir drei halten zusammen. Sollt einmal eine
Veränderung sein im Forsthaus oder wie -- daß ihr’s nur wißt: Im
Michelwirtshaus seid ihr daheim.«
Gleichzeitig standen die Burschen vom Tische auf und der Friedl rief
plötzlich: »Michelwirt! Mit unserem Vater ist was geschehen!«
Und darauf antwortete der Wirt: »Kinder, wie wäret ihr sonst auf den
Kirchhof gegangen, wenn ihr’s nit schon tätet wissen.«
Elias rührte sich nicht und blieb stumm. Der Friedl aber gab einen
gellenden Schrei. Dann warf er sich auf den Tisch nieder und weinte
laut. Und dazwischen hervor rief er zornig: »Was ist ihm geschehen?«
Und der Wirt zagend und gedämpft: »Ertrunken«.
»Ertrunken!« Der Bursche hielt den Kopf und hielt ihn mit beiden
Händen. »Ertrunken! So ist kein Mensch bei ihm gewesen? So habens ihn
allein gelassen!«
»Allein gelassen wohl nit ...«
Jetzt kein Halten mehr.
Als sie hinausgingen, stand im Hintergrunde des Vorhauses das schlanke
Mädel und schaute her. Er hat sie gesehen und nicht gesehen. Sie
warteten nicht ab, bis eingespannt war, sie lehnten den Wirt ab, der
sie begleiten wollte.
Als ob hinter ihnen etwas Feindliches her wäre, so eilten sie hin
am Waldsteig, und in der Abenddämmerung sahen sie das Forsthaus vor
sich liegen. Und hörten dort stoßweise weinen. Als sie in den Hof
kamen, sahen sie, daß es der Waldl war. Und als der Kettenhund die
Heimkehrenden bemerkte, da wurde sein Heulen noch kläglicher. Er sprang
sie nicht an, wie sonst, wenn sie sich nahten, er lag auf der Erde,
deren Sand er aufgescharrt hatte; feucht unter den großen schwarzen
Augen, so schaute er sie an und heulte und wimmerte leise, als wollte
er ihnen alles Schreckliche erzählen, was geschehen war.
Zum Tore kam die alte Sali heraus, langsam, gab ihnen aber nicht die
Hand. »Unser Herrgott weiß es! Weil nur ihr da seid! Weil nur endlich
ihr wieder da seid! O du liebe Frau im Himmel oben, die Freud, wenn er
das noch hätt erlebt!« Weinen tat sie nicht.
Elias hatte fast nicht den Mut, ins Haus zu treten. Nicht vor dem toten
Vater konnte er sich fürchten, aber vor seinem zürnenden Geiste ...
In der Stube, vor dem Marienbilde an der Wand, brannte eine rote Ampel.
Sie brannte seit drei Tagen.
»Und solang ich in dem Haus bin, wird sie nimmer auslöschen,« sagte die
Sali.
Aber als Elias in der Stube allein war, nahm er die Ampel von ihrer
Leiste herab und stellte sie über dem Tische auf die Wandeckstelle, wo
das Kruzifix stand. Maria, unsere Fürbitterin! Aber das Licht gehört
ihm allein.
So waren sie jetzt daheim.
Und in dem Augenblick, als sie in dieses Haus getreten, wußten sie
auch, hier waren sie fremd geworden.
Verwirrt und betäubt gingen sie eine Weile umher, gingen nur so umher
und konnten nichts denken. Sie gingen in sein Zimmer, in die Kanzlei,
in alle Stuben und Kammern und waren immer überrascht, den Vater nicht
zu finden. Sie sahen sein Gewand, sein Gewehr, seine Bergstecken, seine
Pfeife, seine Laute -- alles, nur ihn selbst nimmer.
Da setzten sie sich ermüdet hin und schluchzten.
Und endlich fragte der Friedl, wie es gekommen sei.
»Wie wird’s denn gekommen sein?« rief die Alte unwirsch. »Wie’s halt
kommt, wenn was sein will. Dran schuld seid auch ihr! Wenn man solche
Dummheiten macht, daß man von den Gendarmen wird fortgetrieben, das
soll einem Vater nit ’s Herz abstoßen?«
Fragte nun Elias scheinbar gefaßt: »Nicht wahr, Sali, unser Vater hat
sich selber das Leben genommen?«
»Ja, leicht wohl, daß er’s selber hat tan, aber dran schuld ist auch
noch ein anderer! Hab schon lang nimmer viel gehalten auf den Wirt.
Am selbigen Abend -- ’s ist am Tag, wie sie euch haben fortgeführt,
der Michelwirt ist kommen und sagt, er will bei ihm bleiben, weil man
ihn nit allein lassen kann. Und auch der Fürstand ist kommen und
hat’s dem Wirt auftragen: Schau gut auf den Rufmann, hat er g’sagt,
ich hab’s g’hört. Schau gut auf ihn, hat er g’sagt! Ich vertrau dir
ihn an! Und hat ihm’s der Wirt müssen versprechen und ist der Fürstand
wieder fort, weil das Feuer ist gewest auf dem Ringstein. Eine Weile
sinds noch gesessen beieinand und umeinander gangen im Haus. Ich
bet mein Rosenkranz, daß uns doch unsere liebe Frau nit ganz möcht
verlassen. Nachher später, ’s ist schon finster gewest, schau ich zum
Fenster aus und seh sie nebeneinander stehen auf dem Anger. Hättest
ihn nit sollen auslassen, denk ich, weil er schon voreh mit dem
Gewehr was hat anstellen wollen. Aber der Wirt schaut das Feuer an,
leichtsinnigerweis, und rührt sich nit und schaut das Feuer an auf dem
Ringstein. Und kümmert sich nit um den alten Herrn. Und auf einmal
steht der Wirt allein da und der Herr Vater ist nimmer neben seiner.
Da geht euch der Wirt noch a Weil vor dem Haus umeinand, eilen tut’s
ihm gar nit, so daß ich denk, der Herr ist schon wieder im Haus; aber
wie ich merk, er ist nit da, bin ich wohl auch geschwind gelaufen. Und
steht der Wirt bei der Brucken und sagt: Ein End hat’s. -- So, meine
Kinder, so ist’s gewest. Sonst weiß ich nix. Und jetzt möget ihr euch
denken, wer euren Vater auf dem Gewissen hat.«
»Der Michelwirt! Wir all miteinand,« sagte der Friedl.