Er pochte mit der Faust: »Was ist denn das heute! Sieben wird’s bald!«

»Ja, ja,« antwortete drinnen eine mißmutige Stimme. Sie waren noch

verschlafen.

Zum Frühstück waren sie da und aßen tüchtig. Dann verzog sich der

Student wieder, und der Friedl erstattete seinen Bericht von der Alm.

Hin und hin aper, nur im Rauhruckkar hatten sie noch Schnee liegen

sehen. Es sei ganz sommerwarm, täte schon überall grünen. Man könne

bald das Vieh auftreiben. An der Seealmhütte müßten die Dachlucken

ausgebessert und etliche Fensterscheiben eingeschnitten werden.

Stellenweise hätten Lahnen den Weg versperrt, an der Mooskehr hätten

sie nur mit Mühe weiterkommen können.

»Hat sich der Preuß gut gehalten?« fragte der Förster.

»Ganz gut.«

»Wie weit habt ihr ihn begleitet?«

»Bei der Seealmhütten hat er gesagt, nun wollt’ er schon allein

weiterkommen.«

»Kann er noch vor dem Gewitter hinübergekommen sein?«

»Glaub schon.«

»Gut ist’s. Heute nachmittags gehen wir auf den Ringstein. Das ist

wieder was für euch, Buben. Sonnwendfeuer!«

»So?« sagte der Friedl gleichgültig.

»Der Elias wird ja auch mitgehen.«

»Glaub nit.«

Als hernach der Förster nach dem Studenten sah, fand er diesen

bei seinem Kasten beschäftigt, die Schulbücher zu einem Pack

zusammenzubinden.

»Hat’s dich recht angestrengt, gestern?«

»Ein bissel.«

»Was machst du denn da?«

»Ich -- -- will doch wieder hinein.«

»Wo hinein?«

»Ins Seminar.«

»So dachte ich doch, Elias, du bliebest bis Herbst daheim?«

»Ich will doch lieber hinein.«

Der Alte ist mit Kopfschütteln die Treppe hinabgestiegen. Da hatte er

sich manchmal beklagt, wenn einer der Buben so lustig war; wenn sie’s

nicht sind, ist es erst recht ungemütlich.

Am Nachmittage gingen sie hinauf, der Förster Rufmann und sein

Sohn Friedl. Der Fußsteig durch den Wald ist steil, sie sprachen

unterwegs nicht viel. Auf einer Lichtung, wo man in die weiten

Berge hinaussieht, stellte der Bursche sich hin und jauchzte eins.

Dann trafen sie mit mehreren jungen Männern zusammen. Vormittags war

ein Begräbnis gewesen, da gibt’s allemal einen kleinen Feiertag den

ganzen Tag. So waren sie heraufgekommen, um den Feuerstoß schichten zu

helfen. Darunter auch ein Gerhaltsohn, der mit dem Förstersohn wieder

ganz kameradschaftlich stand, als gehe das, was die Alten miteinander

hätten, die Jungen nichts an.

»Dich sieht man selten jetzt, Friedl. Bist immer im Holzschlag, oder

schon auf der Alm?«

»Vielleicht seht ihr mich bald gar nimmer.«

»Geh, mach dich nicht patzig!«

»Wirst es schon sehen.«

»Was werd ich sehen?«

»Daß ihr mich bald gar nit mehr seht. Oder willst mit? Da draußen im

Hessenland oder wo wandern jetzt immer Leut aus nach Afrika.«

»Zu den Mohren? Da muß man ja früher angeschwärzt werden.«

»Das ist das wenigste, mein Lieber!« Dann zuckte das Gespräch ab.

Die Anschuldigung des Gerhalt war noch nicht vergessen. Der Friedl

hatte den Wegmacher Kruspel bemerkt, der mit anderen bereits daran war,

Gefällholz zu bearbeiten.

Der Förster führte sie im Walde, der hier oben flacher wurde, herum und

wies ihnen gefallene Bäume, niedergebrochene Äste und halbabgestorbene

Stämme, an die sie sich mit Äxten, Sägen und Stricken machten, um

sie klein zu kriegen und an Ort und Stelle zu bringen. Eine auf

vorspringender Felswand in die Lüfte hinausgelagerte Felszinne, genannt

der Ringstein, war die Stätte, wo seit alten Zeiten am 24. Juni das

Sonnwendfeuer angezündet wurde. Aber nur von drei zu drei Jahren. So

oft unten im Dorfe das Fronleichnamsfest abgehalten wurde, so oft

loderte ein paar Wochen später auf dem Ringstein das Feuer der alten

Germanen. Und je glanzvoller die Prozession ausfiel, um so größer war

der Holzstoß auf dem Berge. Es war ein alter Tort darin, doch die

harmlosen Leute von Eustachen dachten nicht daran, sie übten nur den

Brauch, und viele mochten meinen, das Sonnwendfeuer sei so eine Art

Nachfeier zum kirchlichen Fronleichnam.

Der Förster hatte angeordnet, daß der Holzstoß möglichst an die

Felszinne hinausgerückt werde, da könne das Feuer den nahen Wald nicht

gefährden, werde hingegen gesehen in der ganzen weiten Talgegend von

Sandwiesen bis Löwenburg.

Wie sie hingestreut liegen da unten an den Ufern der Tauernach und der

Mur, die schimmernden Gruppen der Ortschaften! Dort hinten oben, wo

das Gebirge mit seinem Halbkreise gleichsam die Talfläche abschneidet,

kommen aus den Schluchten Wässer zusammen zu dem großen Fluß, der

sich so schlängelt, daß man hie und da ein Spiegelchen von ihm sieht.

Tief unten, fast am Fuße des Berges, das freundlich zwischen Wiesen,

Feldern, Matten und Schachen ruhende Eustachen. Eine halbe Stunde

abseits Ruppersbach mit seinem hohen Kirchturm und ganz unten in blauer

Ferne ragt wie ein gläsernes Zacklein das alte Schloß Löwenburg über

der Stadt auf.

Der Förster blickte in die Gegend hinaus und mochte denken, wie der

Mensch doch nicht immer bloß am Nützlichen hängen, sondern öfter die

schöne Welt anschauen sollte. Und dieweilen schleiften die Burschen mit

lustigem Geschrei aus dem Walde Holz herfür und bauten den Brandtempel.

Aber dort stand eine kleine Gruppe von Männern beisammen. Sie hörten

dem Schnapperjosel zu, der schon Jungvieh auf seine Alm getrieben

hatte, gerade vom Gebirge zurückkam und zu erzählen wußte, daß unweit

des Rauhruckkares ein Toter gefunden worden sei mit Stichwunden

am Hals. Er habe ihn nicht gesehen, wisse weiter nichts, als was

die Holzknechte erzählt hätten. Die Gruppe um den Schnapperjosel

vergrößerte sich rasch. Ein Mord! Ermordet soll einer worden sein! Im

Gebirge? Das war was Seltsames.

Auch der Förster horchte hin und meinte, das sei gewiß wieder einmal

erstunken und erlogen, sonst müßten seine Buben davon wissen. Die seien

gestern auf der Alm gewesen, kein Wort von so was ...

Als er mit dem Friedl darüber sprechen wollte, war der Bursche nicht

da, und jemand sagte, er habe ihn den Waldsteig hinabgehen gesehen.

Bald ging auch der Förster heim, und als er unten an den Weg am

Waldrande kam, schritten zwei Zimmerleute vom Sägewerk daher. Die

fragte er, wie es dem Zimmermeister Josef gehe.

»Wie’s halt gehen kann bei einer schweren Lungenentzündung. Aber sonst

ist was. -- Habens schon die Neuigkeit gehört, Herr Förster? Der Preuß

oder wer er war, der sich beim Michelwirt hat aufgehalten, den habens

am Rauhruck tot gefunden. Ist erstochen worden!«

Der Förster eilte seinem Hause zu. Dort im Hofe war der Friedl und

spielte mit dem Kettenhund. Ein Holzstückchen hielt er ihm vor die

Schnauze, und wenn das Tier danach schnappte, zuckte er damit zurück,

so daß es bei diesem Scherz schon lebhaft wurde und der Hund dem

flinken Burschen angriffsweise an die Brust sprang.

»Laß den Hund in Ruh! Und sag mir, warum du so eilig bist fortgelaufen

auf dem Ringstein.« Den alten Mann klemmte es in der Brust, er war zu

schnell gegangen.

»Ich -- wegen was ich fort bin?« entgegnete der Bursche gleichgültig.

»Wenn ich die Wahrheit soll sagen, ’s ist einer oben, der mir nit

ansteht.«

»Der Schnapperjosel?«

»Der Schnapper? Ist der auch oben? Na, der geht mich nix an. Den mein

ich nit.«

»Der Schnapperjosel ist heute von der Alm herabgekommen und weiß zu

sagen, daß beim Rauhruckkar ein Toter gefunden worden wäre. Und heißt

es, der Nathan Böhme! Und wäre umgebracht worden ...«

Der Friedl schaute auf.

»Sag’s noch einmal, Friedl, wie weit seid ihr mit ihm gegangen?«

»Na halt bis --, mein Bruder wird’s eh auch wissen.«

»Von dir will ich’s hören!«

Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen · 第 30 / 55 题