Der kleine schwarze Michel war noch nicht heimgekehrt in sein
Wirtshaus. Da war’s wie ein Weltgericht -- in diesem Wirtshaus. Mägde
scheuerten in der Gaststube die Tische, die Bänke und den Fußboden. Da
gab’s noch viel Fasching hinauszuschwemmen. Die letzten drei Tage und
Nächte waren üppig gewesen!
»Heunt ist der Faschingtag,
Heut sauf ich, was ich mag,
Morg’n mach ich Testament,
’s Geld hat ein End.«
Diese Gedenkschrift hatte einer hinterlassen, mit Kreide verewigt auf
dem braunen Brette des Uhrkastens. Und nicht weniger bedeutsam waren
die Reihen der Namen und Ziffern, die auf der Tür standen.
Die Pipen im Keller tröpfelten nur mehr in die untergestellten
Holznäpfe, der säuerliche Weingeruch durchatmete noch das ganze Haus.
In der Küche war das Herdfeuer ausgegangen. Das Küchenmädel hatte unter
den Tischen und Bänken einen großen Korb voll Knochen gesammelt und
dieselben draußen im Viehhof ausgeschüttet auf den Dunghaufen.
Frau Apollonia, die Wirtin, siebte in der Küche Fisolen. Das wird von
jetzt ab das tägliche Brot sein bis zum Ostersonntag, da wieder die
Fleischtöpfe brodeln werden. Sieben Wochen lang Fisolen! Der Frau war
das recht. Sie, die am Herde fast allein vom Speisenduft satt wurde,
konnte nie begreifen, wie die Leute denn so viel zusammenessen und
trinken könnten. Und sterben doch nicht dran. Sie war indes überzeugt,
daß viel mehr Leute sich zu Tode essen als zu Tode hungern. Aber
das sagte die Wirtin nicht. Sie sagte überhaupt nichts von all den
tausend Dingen, die nicht gerne gehört werden. Und da unter Umständen
nichts gerne gehört wird als das, was man sich selber sagt, so fand
Frau Apollonia alles Reden für eine überflüssige Ausgabe und sagte am
liebsten gar nichts. Sie war eine ruhige, schlanke Frau, bei der die
Küchenschürze hinten zusammenlangte. Ihr Auge hatte -- wenn man in
einem musikalischen Wirtshause auch von Farben musikalisch sprechen
dürfte -- einen lichtgrauen Ton, nicht allzutief gestimmt. Sie war
nicht seicht und nicht tief, sie war praktisch. Ihr schon grauendes
Haar über dem schmalen Gesicht war in der Mitte gescheitelt; sie sah
eher wie eine Mädcheninstitutsvorsteherin aus als wie eine Dorfwirtin.
Ihr Schweigen nahm sie so ernst, daß man sie auch nie zanken hörte; ein
Blick, ein Wink, und die Mägde wußten, wie sie daran waren.
So ging in der Küche alles stets friedlich ab, und die Mägde, die Frau
Apollonia einmal aufgenommen, wurden alle bei ihr alt; keine wollte
fort, außer wenn der Freier kam, und da gab es einen Kasten voll Flachs
oder Leinwand als Heiratsgut.
Niemals kam jemand geradehin betteln zur Michelwirtin. Bisweilen wohl
humpelte ein Armer zur niederen Küchentür herein, setzte sich im Winkel
auf eine Bank und seufzte ein Erkleckliches. Nichts weiter. Dann kam
die Wirtin und fragte nach dem Anliegen, teilte eine Gabe, und den
Dankesworten winkte sie mit der Hand ab. Kein Mensch in Eustachen
lobte die Frau Apollonia, im stillen geehrt war sie von allen. Es war
auch schon selbstverständlich, wer ein Anliegen hat, der geht zur Frau
Apollonia.
Manch einer oder eine ist freilich umsonst gegangen, und zu solchen
redete sie: »Du lieber Mensch, du! Gern, daß ich dir was wollt geben,
aber schau, du bist halt ein Lump. Wenn du brav wirst, nachher darfst
schon kommen.« Und das sagte sie so freundlich und mütterlich, daß die
Abgewiesenen schier wie geehrt davongingen und es weiter sagten, was
die Michelwirtin für ein »gutes Leutel« ist. Manch einer kam später
wieder mit der Nachricht, er glaube sich beim Lumpbleiben doch besser
zu stehen als mit der Freundschaft der schweigsamen Michelwirtin.
Unter einer solchen Frau und Mutter war auch das einzige Kind
aufgewachsen, die schlanke blonde Helenerl. An Gutmütigkeit und
Schweigsamkeit war sie ihrer Mutter ganz ähnlich geworden. Ob der
Mutter jedoch die Freudigkeit je einmal so aus den Augen gelacht hat
wie dieser Tochter? Wo es lieblich und froh herging -- war es im Garten
bei dem gedeihenden Gemüse oder bei den still brennenden Blumen, oder
im Hofe bei den regen Hühnern und Küchlein, oder bei den tollenden
Nachbarskindern, oder war es bei harmlosen Sängern in der Gaststube --
da war sie gern in der Nähe. Aber womöglich im Hinterhalte. Ausgeben
mochte sie sich nicht, nur immer in sich aufnehmen, von den Blumen
das Blühen, von der Sonne das stille Lachen, von den Kindern die
unschuldige Lust. Es war, als ob sie aller Welt Frohheit in sich sauge
und davon schon einen so großen Vorrat gesammelt habe, daß er einmal
explodieren wird, wenn der rechte Zunder dazu kommt. Es gab freilich
auch Meinungen darauf hin: Explodieren würde an diesem Mädel nie etwas,
das werde, wie die Mutter ist, immer klug, gelassen und freundlich
sein. Vielleicht als Zugabe ein bißchen schalkhafte Trutzigkeit vom
Vater. So wie sie vom väterlichen Schwarzaug und vom mütterlichen
Grauaug das schönste Blauaug erhalten hatte, so durfte man wohl auch
in ihrer Seele die Sanftmut und Gleichmäßigkeit der Mutter, gleichwie
künftig noch die überschwengliche Lustigkeit und die zeitweilige
traumhafte Wehmut des Vaters zu finden hoffen.
Da zum Wirtshause auch eine größere Landwirtschaft gehörte, so gab es
nebst der bewegsamen Kellnerin und dem derben Hausknecht auch noch Alt-
und Jungknechte, Mägde und halbwüchsiges Volk. Das Gesinde hielt im
nahen Wirtschaftsgebäude seine Ständigkeit.
Das waren nun die Hausgenossen Michels, des kleinen Wirtes mit den
kurzen, stets emsigen Beinen, mit dem schwarzen langen Bart und den
dunklen Augen, in denen immer Kohlenglut gloste, manchmal auch sprühte.
Zwischen dem Michel und seiner Frau schien eine Gegensätzlichkeit
vorhanden zu sein, deren Tiefe nicht ergründet war. Da es nie einen
Sturm gab, wie solcher auf seichten Gewässern leicht vorkommt, so riet
man auf eine große Tiefe. Michels Abstand zu dem stillen, blühenden
Töchterlein war gerade so groß, daß er sie mit einer Art frommen
Wohlgefallens betrachten und mit einer zarten Verschämtheit anbeten
konnte. Er ahnte es kaum, daß er sie anbetete, hatte es noch nicht
einmal so weit gebracht, ihr offen zu sagen, wie sehr er sie lieb
hatte. Zu jedem Gast konnte er »mein Lieber« sagen, zu der schönen
Gastin erst recht »meine Liebe!«. Geschätzte und liebe Muhmen und
Schwägerinnen hatte er eine Menge; aber eine »liebe Tochter«, ein
»liebes Kind« gab es nicht, dafür hatte er sein Helenerl zu lieb.
Mit Frau Apollonia stand das insofern anders, als er sie in früheren
Jahren wirklich etlichemale mit: »Ja, meine Liebe!« angesprochen hatte.
Weil solches aber zumeist nur bei größeren Meinungsverschiedenheiten
und in gereiztem Tone geschah, so kam der Ausdruck in eine zweifelhafte
Stimmung. Und als sie mit der Zeit in allem ganz einig geworden, weil
eins das andere hatte verstehen und behandeln gelernt, so ist das Wort
»lieb« endlich gar nicht mehr ausgesprochen worden oder höchstens
vielleicht in Augenblicken, da die Zunge nicht mehr weiß, was sie
spricht und ihr Stammeln auch gleichgültig ist.
Die Ehegatten hatten übrigens ihr getrenntes Bereich auch in der
Wirtschaft. Frau Apollonia kam gar selten aus ihrer Küche hervor. Er
ließ sie im Haushalte gewähren und war froh, der Sorgen enthoben zu
sein und sich seinen Gästen heiter oder auch ernsthaft widmen und
sich seinen Liedern und Büchern hingeben zu können. Er hatte so seine
Passionen, mit denen er der Frau Apollonia allerdings nicht kommen
durfte: ihr war alles Nachdenken über Himmel und Erden zum mindesten
unnütz, wenn nicht Frevel. Der Michel hingegen war manchmal wie eine
Spinne, die ihre Fäden spinnt und wartet, wohin der Wind sie tragen
wird; dorthin nahmen dann seine Gedanken ihren Weg, gleichgültig, ob
in Höhen oder Tiefen, nur fort ins Ungemessene und Traumhafte.
Für solche Ausflüge in unbekannte Welten hatte er einen Freund, der ihn
nicht ungern begleitete. Das war der Förster Paul Rufmann. Mitdenken
und mitreden konnte zwar auch der nicht viel, um so erstaunter jedoch
zuhören, wenn der Michel seinen jetzt tiefsinnigen, jetzt wieder
krausen Gedanken freien Lauf ließ. Am besten verstanden diese Freunde
sich -- im Singen. Kamen sie im Wirtshause zusammen, so sangen sie
ihre Volkslieder nach der Zither; kamen sie im Forsthause zusammen, so
sangen sie nach der Laute, und waren sie im Walde selbander, so sangen
sie ohne Begleitung -- der Michel in Tenor, der Paul in Baß. Übermütige
Gesänge aus dem Wald- und Almleben, aber auch uralte Weisen, in denen
jauchzende Lust oder blutiges Leid oder inniges Gebet der Ahnen zu uns
herüberhallen.