So war in Andalusien der Boden beackert für die Saat eines neuen
Wissens, das gerade damals in Spanien seinen Einzug hielt. Es war die
Inbrunst des Persers Al Gazzâlî, welche den Samen auswarf. Dieser
wundersame Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus gehörigen
Städtchen Gazzâlah geboren ward, war nach mannigfachem Suchen und
Forschen an allem irre geworden, was seine Zeit ihm bot. Die islamische
Theologie, die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an kalten
Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, ekelte ihn an.
Die Philosophie, die im Geiste die vollkommenste Macht gefunden zu haben
glaubte, befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem Studium
zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror ihm die Seele. Die
Spekulation war ebenso kalt wie die Dogmatik. Dies wird ihm zum
schwersten Kampfe seines Lebens. Tiefe religiöse Erschütterungen machen
ihn an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein
aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, an der er ein
bedeutendes Lehramt innehatte. Er ging, um sich ganz dem beschaulich
einsamen Leben eines Sûfî[1] hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus,
die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte er der Welt seine
neue Lehre.
Es ist eine tiefe, inbrünstige und leidenschaftliche Religion, die er
vom Menschen verlangt. Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Seele
steht. Sie ist die Macht aller Mächte. Aber diese Macht ist gebunden,
gebunden in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt es, el
mulk und el malkût, die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Zwei
Tore hat die Seele den Welten entsprechend: Das Tor nach außen und das
Tor nach innen. Glaube aber nicht, daß du das Tor nach innen wirst
öffnen können, wenn du den Riegel des Leibes nicht zu sprengen vermagst.
Befreie dich vom Leibe, vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge
schauen, was nie dein äußeres sah. So wird der Aufstieg nach el malkût
gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen den Herrn. Ewig aber wird er
dir verborgen sein, wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein
Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. Ein Kelch ist dein
Herz: Solange der noch voll Wasser ist, hat er für den Wein keinen
Platz. Laß das Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen,
deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der dich hindert, den ewig
Geliebten zu schaun. In der Stunde des Todes springt der Kerker auf, die
Fesseln fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? Erst der
Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du kannst das Erwachen vorwegnehmen.
Läutere dich durch die gute Tat. Sie ist die Brücke, die hinüberführt zu
el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht und Inbrunst, Versenkung und
Kasteiung tragen dich zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern
bedeckt ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst gibst, so
wird er einen Schleier nach dem anderen von dir nehmen, bis du ihm nahe
bist, ihn im klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. Dann
hast du den Frieden. --
Es war die Religion seines Lebens, die Gazzâlî lehrte. Es war nur
natürlich, daß sie wirkte wie das Leben. Als das berühmte Buch des
Philosophen über »die Belebung der Religionswissenschaften« nach
Andalusien kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Während die
ernsteren Geister, die unter dem Drucke der almoravidischen Fakîhs
seelisch zugrunde gingen, das Erlösende der Lehre nur zu tief verspürt
haben mögen, entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl das
Buch keineswegs heterodox war, fühlten diese doch, daß der Geist ihnen
im innersten fremd war. So verketzerten sie das Buch und setzten durch,
daß es nicht bloß in Cordova und allen anderen Städten des Reiches
verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars bei Todesstrafe
verboten wurde.