VI

So war in Andalusien der Boden beackert für die Saat eines neuen

Wissens, das gerade damals in Spanien seinen Einzug hielt. Es war die

Inbrunst des Persers Al Gazzâlî, welche den Samen auswarf. Dieser

wundersame Mann, der im Jahre 1059 in dem kleinen zu Tus gehörigen

Städtchen Gazzâlah geboren ward, war nach mannigfachem Suchen und

Forschen an allem irre geworden, was seine Zeit ihm bot. Die islamische

Theologie, die an der Schale haftend ihre ganze Kraft an kalten

Rechtsfragen halb und ganz ritueller Natur vergeudete, ekelte ihn an.

Die Philosophie, die im Geiste die vollkommenste Macht gefunden zu haben

glaubte, befriedigte ihn nicht, sondern brachte ihn nach langem Studium

zu verzweifelter Skepsis. Hier wie dort erfror ihm die Seele. Die

Spekulation war ebenso kalt wie die Dogmatik. Dies wird ihm zum

schwersten Kampfe seines Lebens. Tiefe religiöse Erschütterungen machen

ihn an Leib und Seele siech. So erfolgt im Jahre 1095 sein

aufsehenerregender Abgang von der Bagdader Akademie, an der er ein

bedeutendes Lehramt innehatte. Er ging, um sich ganz dem beschaulich

einsamen Leben eines Sûfî[1] hinzugeben. Aus dieser Einsamkeit heraus,

die im Jahre 1111 mit seinem Tode endete, predigte er der Welt seine

neue Lehre.

Es ist eine tiefe, inbrünstige und leidenschaftliche Religion, die er

vom Menschen verlangt. Eine Religion, in deren Mittelpunkt die Seele

steht. Sie ist die Macht aller Mächte. Aber diese Macht ist gebunden,

gebunden in des Leibes irdischer Leidenschaft. Zwei Welten gibt es, el

mulk und el malkût, die Welt des Sichtbaren und des Unsichtbaren. Zwei

Tore hat die Seele den Welten entsprechend: Das Tor nach außen und das

Tor nach innen. Glaube aber nicht, daß du das Tor nach innen wirst

öffnen können, wenn du den Riegel des Leibes nicht zu sprengen vermagst.

Befreie dich vom Leibe, vom irdischen Hang, so wird dein inneres Auge

schauen, was nie dein äußeres sah. So wird der Aufstieg nach el malkût

gelingen, und Auge in Auge wirst du schauen den Herrn. Ewig aber wird er

dir verborgen sein, wenn du nicht zur Reue dringen kannst, wenn dein

Herz des Irdischen sich nicht zu entschlagen vermag. Ein Kelch ist dein

Herz: Solange der noch voll Wasser ist, hat er für den Wein keinen

Platz. Laß das Wasser auslaufen, o Herz! Die Liebe wird es vollbringen,

deine Liebe zu Gott. Die Welt ist ein Kerker, der dich hindert, den ewig

Geliebten zu schaun. In der Stunde des Todes springt der Kerker auf, die

Fesseln fallen, du bist bei deinem Geliebten. Und vorher nicht? Erst der

Tod ist das Erwachen? Ruhig, Seele! Du kannst das Erwachen vorwegnehmen.

Läutere dich durch die gute Tat. Sie ist die Brücke, die hinüberführt zu

el malkût. Reue und Zerknirschung, Andacht und Inbrunst, Versenkung und

Kasteiung tragen dich zu ihm, dem Einzigen, den du suchst. Mit Schleiern

bedeckt ist heute deine Seele, so du aber Gott deine Inbrunst gibst, so

wird er einen Schleier nach dem anderen von dir nehmen, bis du ihm nahe

bist, ihn im klarsten Lichte zu schaun wie einst die Propheten. Dann

hast du den Frieden. --

Es war die Religion seines Lebens, die Gazzâlî lehrte. Es war nur

natürlich, daß sie wirkte wie das Leben. Als das berühmte Buch des

Philosophen über »die Belebung der Religionswissenschaften« nach

Andalusien kam, rief es eine ungeheure Aufregung hervor. Während die

ernsteren Geister, die unter dem Drucke der almoravidischen Fakîhs

seelisch zugrunde gingen, das Erlösende der Lehre nur zu tief verspürt

haben mögen, entfesselte sie bei den Theologen helle Wut. Obwohl das

Buch keineswegs heterodox war, fühlten diese doch, daß der Geist ihnen

im innersten fremd war. So verketzerten sie das Buch und setzten durch,

daß es nicht bloß in Cordova und allen anderen Städten des Reiches

verbrannt, sondern sogar der Besitz eines Exemplars bei Todesstrafe

verboten wurde.

Ein Diwan · 第 24 / 36 题