1
Wir kennen Abschied, dich von alten Tagen:
Kein Strom so alt als wie der Strom der Tränen,
Und Unrecht ist's, die Zeiten anzuklagen: --
Weh denen, die sie schlimm und schuldig wähnen!
Kein Falsch ist droben bei dem höchsten Wesen,
Die Sphären laufen nach gerechten Plänen.
Auch ist schon alles einmal dagewesen,
Die Hand des Herrn hat einmal nur geschrieben,
Und neues ist hienieden nicht zu lesen;
Wo seines Siegelringes Spur geblieben,
Da blieb es, wie es war, und alles Neue
Ist alt aus alter Zeit heraufgetrieben;
Man küßt sich nur, daß man sich wieder scheue;
Daß Völker sich aus einem Volk gebären,
Brach man in alten Zeiten sich die Treue;
Und wenn nicht jene alten Zeiten wären,
Da sich die Menschen trennten ohne Reue,
Die Welt wär' menschenleer und öd' geblieben.
2
Und andre Dinge gibt's in diesem Leben,
Der eine nennt sie gut, der andre schlecht,
Fülle ist hier, doch Dürre liegt daneben;
Der eine hat dem Leben abgeschworen
Und wird zum Fluche gleich die Arme heben,
Dem Tage fluchen, der ihn einst geboren.
Demselben Tag, den andre wieder preisen,
Und dessen Stunden ewig unverloren
Hinrinnen ihm in lieblich frohen Gleisen.
Den jungen Lippen und den lebensroten,
Zu Honig werden ihnen alle Speisen,
Den Kranken wird im Honig Gift geboten;
Dem Kummervollen leuchten keine Sonnen,
Sein Aug' schaut nie des Lichtes Wunderboten,
Und alle Helligkeit ist ihm verronnen; --
Mein Auge auch versank in dunklen Nächten,
Aus seinem Grunde brachen heiße Bronnen,
Als heute schied der Freund von meiner Rechten.
3
Ihm rann der Weisheit Quell vom roten Munde,
Es ruhte Gold in seiner Seele Schächten
Und Edelstein im allertiefsten Grunde.
Als ungezäumt noch seine Rosse standen,
Saßen wir Herz an Herz im trauten Bunde
Und froh in friedevollen Menschenlanden.
Zwei Mütter haben uns dem Licht gegeben,
Und doch wie Brüder uns die Menschen fanden,
Denn Liebe einte uns zum Zwillingsleben.
Auf grünem Hügel hat sie uns geboren,
Wir lagen an den Brüsten süßer Reben,
Als Wiege ward uns holder Duft erkoren. --
Nun denk' ich dein auf ödem Hügelland,
Das gestern, da es dich noch nicht verloren,
In Blumenbeeten und in Düften stand;
Nun hängen heiße Tränentropfen nieder
Von meiner Wimper schwer benetztem Rand,
Und jede Träne hängt im Blute wieder:
Du bist dahin! -- Nun stehn auf deinen Wegen
Wohl andre, singen auch wohl Friedenslieder,
Doch weiß ich, wie sie Krieg im Herzen hegen.
O fort mit ihnen! Ihre Zähne nagen
An ekler Speise, während Mannaregen
Und Süße einst auf deinen Lippen lagen.
4
Grimm und Glut den übermüt'gen Narren,
Die sich selbst für zehnmal weise halten
All in ihres Geistes dürren Sparren;
Ihre Götzen sind in ihren Hirnen
Reinster Glaube, doch als Zauber galten
Immer meines Glaubens klare Stirnen.
Wie sie sä'n und ernten ihre Gaben!
Wie sie jauchzen zu des Himmels Firnen,
Wenn sie leeres Stroh gedroschen haben!
Hört mich, Freunde, Neues will ich künden:
Meine Perlen will ich tief vergraben,
Lichter hab ich, die sie wiederfinden.
Aber wenn die Narren zu mir kommen:
»Zeig'uns doch den Schatz in deinen Gründen!« --
Eine Antwort soll allein mir frommen: --
Vor die Säue nimmer kommt mein Gold,
In die Wüste -- habt ihr wohl vernommen? --
Niemals meiner Wolke Regen rollt!
Fort mit euch! Ich brauche nicht die Zeiten!
Ach, als wenn die Seele brauchen sollt'
Ihres Leibes eitle Nichtigkeiten!
_Ihr_ braucht _mich_, der Leib die Seele immer:
Halte er sie fest! Zum Sternenschimmer
Wird sie sonst, er selbst zur Tiefe gleiten!
Ist's der Myrrhe zartes Düften?
Oder Duft vom süßen Moste?
Oder ist es in den Lüften
Myrtenduft auf leisem Oste?
Sind es Tränen, die ich schaue,
Tränen auf verliebten Wangen?
Oder ist's im Morgentaue
Rosenkelches Silberprangen?
Ist's die Laute im Verstecke,
Die ich leise spielen höre?
Oder hinter jener Hecke
Sind's die Nachtigallenchöre? --
Oder ist das alles nur,
All die Töne, all die Lichter,
Des Erinnerns süße Spur
An den weitberühmten Dichter? -- --
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