Arinsdorf

endlich, welches mitten am Wege liegt, mahnte mich fühlbarer an die seit

Nachmittag zurückgelegten neun Stunden; die verderbte Strasse hatte,

gleich Alpenstegen, meine Glieder ermüdet, ich ruhte auf einigen

Bretern, um Halstuch und Rock, deren ich mich des Schweisses wegen beim

Marsche begab, wieder umzuthun. Es war 10 Uhr; »wirst schwerlich

allzuviel Gäste im Wirthshause finden« dachte ich, und ging, dasselbe

aufzusuchen, ins Dorf. Doch kein Licht, keine menschliche Seele war zu

finden, todt ruhte die Gegend, als hätte die Pest sie verzehrt! dennoch

hoffte ich den Trostplatz der Reisenden zu finden. Nur einige

Pferd-Futtergrände, von denen ich nicht wußte, zu welchem Hause sie

gehören, weil nirgends Wirthszeiger sichtlich waren, lagen auf der

Strasse, und bewiesen, daß gleichwohl bisweilen Einkehr hier Statt

fände. Nun riß meine Geduld; ich befahl meinem _Duna_ zu bellen, um

Jemanden vom bleiernen Schlafe zu wecken; die fernen Berge wiederhallten

von dem mächtigen Aufruf und kündigten ihre Gegenwart; doch die Menschen

waren entweder todt, oder tauber als Felsen. Ein einziges Hündchen

meldete seine Wachsamkeit, welches vielleicht auch den Nachtwächter

vorgestellt haben mag, und ich wählte diesen vierfüssigen Sprachmeister

zu meinem Dollmetsch. An das Thor klopfend erbitterte ich den Zorn eines

grösseren Haushüthers noch mehr, bis endlich der gesammte Lärm den

schlaftrunkenen Besitzer zum Fenster lockte. Taumelnd fragte er, ob es

vielleicht Feuer gebe? Feuer und Schlossen wollte ich euch über die

Köpfe schütten, ihr verwünschten Schlafbolde! schrie ich erbittert, euer

Nest das verdammte Wirthshaus will ich wissen! Geh der Herr zum Teufel!

tröstete er, und schlug das Fenster zu. Ich aber mit dem Bescheide nicht

zufrieden, wünschte lieber zum Richter zu kommen, als die ganze Nacht

ohne Nahrung unter freiem Himmel zu frosteln, zumal mir nur noch eine

Stunde zu wandern unmöglich schien; ich machte daher noch ärgeren Lärm,

und befahl meinem Hunde ein Gleiches zu thun; das wirkte. »Sind denn

Räuber hier?« krächzte eine heisere Weiberstimme aus dem wieder

geöffneten Fenster, »ich werde um Hülfe schreien!« »Das wird vergebens

seyn! liebes Mütterchen,« antwortete ich besänftigt, »oder ihr müßtet

eine doppelt so starke Stimme haben, als ich und mein Gefährte zusammen

besitzen; sagt mir lieber in Güte, wo ist das Wirthshaus? ich bin fremd,

und will andere Wege unternehmen, als heute die ganze Nacht im Dorfe

spazieren gehen!« -- Es ist ausgemachte Sache, daß Weiber, wenn auch alt

und aus dem Schlafe geweckt, immer etwas weichherziger gestimmt sind,

als die öfter betrunkenen Männer; ich fand es hier vollkommen bestätigt.

»I du mein Gott! also fremd? und kommts so spot in der Nocht?« und da

ergoß sie sich in Verwunderung und Geblausche, als wäre es am hellen

Tage, bis ich endlich erfuhr, daß ich ein Wirthshaus schon

überschritten, das andere aber weiter oben rechts an einem Stockwerke

und grossem Hofe zu erkennen sey. Ich wünschte ihr guten Schlaf, für

dessen Mangel sie ohnedieß nicht medizinirte, und ging auf den mir

bezeichneten Ort.

Aufs neue mußte ich meine früher erfolgreiche Lärmglocke ertönen lassen,

die noch ein grosser Fleischerhund mit seinem Baß vermehrte; die Thüre

wurde eröffnet, er stürzte heraus, und der erste Auftritt war -- eine

ziemlich lebhafte Hetze. »Wos daits denn d’ Hund hussen, und wos wöllts

denn?« brummte abermal eine zwergförmige Matrone, streichelte ihr Thier

und leuchtete mir mit dem brennenden Kienspahne unter die Nase. »Die

Frau wird mich schwerlich erkennen! und wenn dieß möglich wäre,

vielleicht erst bei einem guten Nachtessen« gab ich lakonisch zur

Antwort, und drängte sie sammt ihrem rauflustigen Begleiter zur Thüre

hinein. »Jo essen könnts heut nix mehr, s’ is holt schu z’spot, ober an

Wein will i enk bringe.« Sie übergab mir ihr Flambeau, und ich trat in

das ganz leere Zimmer; welches mit ihrer Versicherung getreulich

harmonirte.

Das Limonade-ähnliche Getränk und ein Stück Brot wurden aufgetragen;

nachdem ich beides mehr berochen als verzehrt hatte, schienen grosse

Klumpen Gutherzigkeit in dem winzigen Körper sich entwickelt zu haben,

denn die Wirthin sagte, ich würde auch etwas zu essen bekommen. Wirklich

brachte die schmutzige Dienstmagd eine ungeheuere Schüssel voll Speisen;

ich untersuchte und fand Schöpfen-Theilchen in saurer unschmackhafter

Brühe. Da ich Fleisch, aber nicht Knochen und Knorpeln zu essen

wünschte, gab ich das angepriesene Mahl, trotz dem Zorne der Wirthin --

dem _Duna_. Meine Jagdtasche unter dem Haupte, verschlief ich die Nacht

auf der Bank.

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 39 / 52 题