verließen wir nun den Gangsteig, welcher nördlich, hoch zwischen
_Gleirscher_ und _Kögl-Ferner_ sich hinzieht ins _Melacher_- und
_Ziriner_-Thal. Wir brauchten vom Markte bis zu dieser letzt bewohnten
Stätte nächst den ewigen Eisfernern, fünf viertel Stunden; bei Tage kann
hier der Wanderer auf Brot und Branntwein hoffen. Froh, dessen nicht zu
bedürfen, stieg ich nun meinem Führer in den Nadelwald nach. Ohne
Mondenlicht wäre bei Nacht darin schwerlich durchzukommen, indem Gruben
und vom Sturme niedergerissene Bäume noch die geringsten Hindernisse
gegen die steilen Abhänge des Nichtweges sind; demohngeachtet fand ich
zu meinem Erstaunen, Spuren, daß hier bisweilen Hornvieh klettere, und
wirklich lobte mein Führer zwei vortreffliche Sennereien in der Nähe.
Aber kein Laut kündigte Leben; entwöhnt der Triller kosender Vögel,
schien der Wald nur ein Aufenthalt freßlustiger Raubthiere zu seyn,
welche stumm ihre Beute erlauern.
_Lehner_ war wohl gut zu Fuß und kannte jeden Stein, aber sein dicker
Hals und dampfähnliches Athmen erklärte ihn zum unpassendsten Führer,
deren ich je hatte! Alle Augenblicke mußte ich seinetwegen rasten; er
schob die Schuld auf meine Bagage, die er bedingnißweise trug; ich sah
mich also genöthigt, sie anfänglich abwechselnd, und später durchaus
allein zu tragen, wozu ich lieber noch einen Mann in Oberlengenfeld
gedungen hätte.
Näher drangen wir dem Ursprunge des Fischbaches, der, sein Wasser im
Schaume versilbernd, nunmehr aus zwei Armen zusammfloß; den vom
_Gaisten-_ und _Schran-Kogl_ niederwirbelnden ließen wir links, und
folgten dem rechts auf dem _Glanersgrub-Ferner_ Erzeugten. Wir
durchwateten das Beet, um auf den Abstufungen der Felsen leichter als in
der unzugänglichen Bachkluft aufwärts zu kriechen. Die Eisen halfen hier
wenig, weil die Zähne sich in dem tiefen und nassen Moose und
Wurzelgeflechte öfter verwirrten, und man mehr zu thun hatte, den Fuß zu
befreien, als Abgleiten zu besorgen; demohngeachtet mußte man sie
belassen, indem mehrere mit Kalkgruß überdeckte steile Felsenwände sie
wieder nothwendig machten. _Lehner_ nannte diesen Bezirk
Gamsrüffl.
Itzt betraten wir den Schnee, dessen ausgedehntes Reich sich schon
geraume Strecke um uns herzog; hier und da tupfte noch eine Alpenfichte
ihr schwarzes Grün auf sein blendend Weiß; es schien die karge Stickerei
eines Trauerschleiers, welchen die Schöpfung einem stiefmütterlichen
Theile des Erdballes umwarf, damit der Mensch sie verkenne und fliehe.
Allein, so wie der strömende Fluß seinen Wellen keinen Rückfall
gestattet, so vermag wohl Keiner umzukehren, der bereits hierher
gedrungen, sein Herz und Auge der Natur froh Preis zu geben. Meinem
Führer war es mehr um Tabakschmauchen und Frühstück, als um rednerische
Lobeserhebungen und Alpenschönheiten zu thun. Das angestrengte Klettern
verboth ihm den Genuß der Pfeife und sogar den Diskurs; kaum daß ich
aber glaubte, auf einem Steine ausruhend, von ihm etwas Merkwürdiges zu
erfahren, so ward schon wieder der Tabak angebrannt, für dessen
Fortglimmen er alle Aufmerksamkeit anzuwenden strebte, und nur das
Ansuchen um Schnappserfolg herauskramte. Wie oft erinnerte ich mich an
jenen rüstigen Wildschützen des _Duxerthales_ und den munteren Moser,
welche wie _Cicerones_ die Wanderung angenehm zu machen wußten, ohne
durch Sitzen und Schmauchen selbe in die Länge zu ziehen.
Solcher Rastperioden gab es übergenug, jedoch führten sie das Gute mit
sich, daß _Lehner’s_ Speise- und Trankvorrath immer leichter wog, und
ich vor Ermüdung und zu starker Erhitzung in der decemberischen
Morgenkälte mich wahrte. Dieser Frost und einige heisse Mittage, welche
vorhergingen, hoben das Kritische der Wanderung, weil sonst der frische
hie und da drey, am Ferner acht und zehn Schuh hohe Schnee, weder wie
gegenwärtig hätte behutsam überschritten, noch durchwatet werden können.
Desto mehr mußten wir uns vor dem Schmelzfeuer der hochgestiegenen Sonne
scheuen, wenn es uns saumselig noch auf den Glätscher-Spitzen zu dieser
Jahrszeit ertappen sollte. Im Februar und März, wo der Alpenschnee
bereits durchgehends zu einer festen Masse geknetet ist, und Phöbus
weniger feurig um sich blickt, kann man sorglos hinüberwandern; Thäler
und Klüfte sind dann durch Lavinen verschüttet, und biethen eine flach
emporstrebende Bahn, bis der Frühlingshauch diese unergründlichen Lager
öffnet, und ihren unversiegbar scheinenden Reichthum durch kleine aber
eingreifende Bäche verringert.
Das einzige Gefährliche, was bei Sommer- und Herbst-Reisen weniger
zutrifft, ist, daß obgleich Februar und März solche Glätscher ersteigbar
machen, die sonst nie besiegt würden, unvermuthet Schneegestöber
bringen, welches schon allzuviele Opfer schöner Wißbegierde hinwegrafte.
Rein aber schwächer beglänzte noch der Mond die aufathmende Erde; schon
fühlte die Bergwelt den Wiederbesuch der höheren Gebietherin;
unaussprechliche Ahnung und Empfindungen wogten aus dem frischen Aether
in meinen Busen, der mit heiligem Schauer diese Geschenke zu verwahren
schien.
Wir hatten nun allmählich die Gränzscheide der _Oezthaler_ Abdachung
nach Endigung des Fischbaches erklommen, nur anderthalb Stunden sollten
uns in das Bereich des _Längen- respektive Stubay-Ruzthales_ bringen. An
diese Zwischenhöhe ketten sich die ewigen und höchsten Ferner des
hochgebauten Tirols. Wir sahen sie noch nicht; die vier Stunden von
Oberlengenfeld hatten uns nur noch kleine Alpenumrisse vorgegaukelt, wir
sollten dadurch zum frohen Erstaunen hingehalten werden, welches ihre
Betretung und Ansicht zugleich entwickelt.
»Etwas rasten, eh wir die