Fünftes Kapitel

An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich geräuschlos

an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorwürfe wegen ihres zu

frühen Aufstehens gemacht hätte. Dann lief sie in ihrem Zimmer

herum, stellte sich ans Fenster und sah auf den Marktplatz hinaus.

Das Morgengrauen huschte um die Pfeiler der Hallen und um die

Apotheke, deren Fensterläden noch geschlossen waren. Die großen

Buchstaben des Ladenschildes ließen sich durch das fahle

Dämmerlicht erkennen.

Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem

Goldnen Löwen. Artemisia öffnete ihr gähnend die Tür und fachte

der gnädigen Frau wegen im Herde die glühenden Kohlen an. Ganz

allein saß Emma dann in der Küche.

Von Zeit zu Zeit ging sie hinaus. Hivert spannte höchst gemächlich

die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuhörte, die in der

Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster heraussah und ihm

tausend Aufträge und Verhaltungsmaßregeln erteilte, die jeden

andern Kutscher verrückt gemacht hätten. Die Absätze von Emmas

Stiefeletten klapperten laut auf dem Pflaster des Hofes.

Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel

angezogen, die Tabakspfeife angezündet und die Peitsche in die

Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.

Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfangs machte sie allerorts

Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Straße vor den Hoftoren

standen und warteten. Leute, die sich Plätze vorbestellt hatten,

ließen meist auf sich warten; ja es kam vor, daß sie noch in ihren

Betten lagen. Dann rief, schrie und fluchte Hivert, stieg von

seinem Sitz herunter und pochte mit den Fäusten laut gegen die

Fensterläden. Inzwischen pfiff der Wind durch die schlecht

schließenden Wagenfenster.

Allmählich füllten sich die vier Bänke. Der Wagen rollte jetzt

schneller hin. Die Apfelbäume an den Straßenrändern folgten sich

rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser gefüllten

Gräben dehnte sich die Chaussee noch endlos hin bis in den

Horizont.

Emma kannte jede Einzelheit des Weges. Sie wußte genau, wann eine

Wiese oder eine Wegsäule kam oder eine Ulme, eine Scheune, das

Häuschen eines Straßenwärters. Manchmal schloß sie die Augen eine

Weile, um sich überraschen zu lassen. Aber sie verlor niemals das

Gefühl für Zeit und Ort.

Endlich erschienen die ersten Backsteinhäuser. Der Boden dröhnte

unter den Rädern, rechts und links lagen Gärten, durch deren

Gitter man Bildsäulen, Lauben, beschnittene Taxushecken und

Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.

Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst

erfüllten Tiefe. Jenseits der Brücken verlief das Häusermeer in

undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich flaches Land in

eintönigen Linien, bis es weit in der Ferne im fahlen Grau des

Himmels verschwamm. So aus der Vogelschau sah die ganze Landschaft

leblos wie ein Gemälde aus. Die vor Anker liegenden Zillen

drängten sich in einem Winkel zusammen. Der Strom wand sich im

Bogen um grüne Hügel, und die länglichen Inseln in seinen Fluten

glichen großen schwarzen, tot daliegenden Fischen. Aus den hohen

Fabrikessen quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in

der Luft auflösten. In das Dröhnen der Dampfhämmer mischte sich

das helle Glockengeläut der Kirchen, die aus dem Dunste

hervorragten. Die blätterlosen Bäume auf den Boulevards wuchsen

aus den Häusermassen heraus wie violette Gewächse, und die vom

Regen nassen Dächer glitzerten stärker oder schwächer, je nach der

höheren oder tieferen Lage der Stadtteile. Bisweilen trieb ein

frischer Windstoß das dunstige Gewölk nach der Sankt

Katharinen-Höhe hin, an deren steilen Hängen sich die luftige Flut

geräuschlos brach.

Emma empfand jedesmal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,

diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Das Blut stürmte

ihr heftiger durch die Adern, als ob ihr die hundertundzwanzigtausend

Herzen, die da unten schlugen, den Brodem der Leidenschaften, die

in ihnen lodern mochten, in einem einzigen Hauche entgegensandten.

Vor der Gewalt dieses Anblicks wuchs ihre eigene Liebe, und das

dumpfe Rauschen des Straßenlärms, das zu ihr heraufdrang, hob ihre

Stimmung. Die Plätze, die Straßen, die Promenaden erweiterten und

vergrößerten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr

zur Kosmopolis, zu einem zweiten Babylon, in das sie Einzug hielt.

Sie lehnte sich aus dem Wagenfenster hinaus und sog die frische

Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der

schmutzigen Landstraße knirschten, der Wagen schwankte. Hivert

rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die Bürger,

die aus ihren Landhäusern im Wilhelmswalde zurückkehrten, wo sie

die Nacht über geblieben waren, wichen mit ihren Familienkutschen

gemächlich aus.

Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer

Überschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht

und stieg aus.

In der Stadt wurde es lebendig. Die Lehrjungen putzten die

Schaufenster der Läden. Marktweiber mit Körben schrien an den

Straßenecken ihre Waren aus. Emma drückte sich mit

niedergeschlagenen Augen an den Häusermauern entlang. Unter ihrem

herabgezogenen schwarzen Schleier lächelte sie vergnügt. Um nicht

beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch düstre Gassen

hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen am Ende

der Rue Nationale. Wegen der Nähe des Theaters gibt es dort die

meisten Kneipen. Es wimmelt von Frauenzimmern. Ein paarmal fuhren

Karren mit Bühnendekorationen an Emma vorüber. Beschürzte Kellner

streuten Sand auf das Trottoir, zwischen Kästen mit grünen

Gewächsen. Es roch nach Absinth, Zigarren und Austern.

Emma bog in die verabredete Straße ein. Da stand Leo. Sie erkannte

ihn schon von weitem an dem welligen Haar, das sich unter seinem

Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm nach dem

Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, öffnete die Tür

und trat ein ...

Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebesworte und Küsse ohne Ende!

Sie erzählten sich vom Leid der vergangenen Woche, von ihrem

Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber dann war

das alles vergessen. Sie sahen sich von Auge zu Auge, unter dem

Lächeln der Wollust und unter dem Geflüster der Zärtlichkeit.

Das Bett war aus Mahagoni und sehr groß. Zu beiden Seiten des

Kopfkissens hingen rotseidne weitbauschige Vorhänge herab. Wenn

sich Emmas braunes Haar und ihre weiße Haut von diesem Purpurrot

abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme verschämt hob und ihr

Gesicht in den Händen verbarg: was hätte Leo Schönres schauen

können?

Das warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten

Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu

einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte

alles, was blank im Gemache war, hell auf: die Messingbeschläge an

der Tür, an den Gardinenhaltern und am Kamin.

Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig

verblichen war. Jedesmal, wenn sie kamen, fanden sie alles so vor,

wie sie es verlassen. Mitunter lagen sogar die Haarnadeln noch auf

dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am Donnerstag vorher liegen

gelassen hatte.

Das Frühstück pflegten sie am Kamin an einem kleinen eingelegten

Tisch aus Polisanderholz einzunehmen. Emma machte alles zurecht

und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den Teller, unter tausend

süßen Torheiten. Wenn der Sekt ihr über den Rand des dünnen

Kelches auf die Finger perlte, lachte sie lustig auf. Sie waren

beide in den gegenseitigen Genuß versunken und vergaßen völlig,

daß sie in einer Mietwohnung hausten. Es war Ihnen, als wären sie

Jungvermählte und hätten ein gemeinsames Heim, das sie nie wieder

zu verlassen brauchten. Sie sagten »unser Zimmer, unser Teppich,

unsre Stühle,« wie sie »unsre Pantoffeln« sagten, wobei sie die

meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln aus rosa Atlas

mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie über den nackten Füßen. Wenn

sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir ihren Beinen

und balancierte die zierlichen Schuhe mit den großen Zehen.

Zum ersten Male in seinem Leben genoß er den unbeschreiblichen

Reiz einer mondänen Liebschaft. Alles war ihm neu: diese

entzückende Art zu plaudern, dieses verschämte Sichentblößen,

dieses schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verzückte

Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihres Unterrockes. Er hatte

eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine

verheiratete Frau ... Was hätte er mehr haben wollen?

Durch den fortwährenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald

tiefsinnig, bald ausgelassen machten, bald redselig, bald

schweigsam, bald überschwenglich, bald blasiert, rief und reizte

Emma in ihm tausend Lüste, Gefühle und Reminiszenzen. Die

Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je

gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der

Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der »Badenden

Odaliske«, ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen Vrouwen

der Minnesänger, und ihr blasses Gesicht glich denen, die

spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr als alles das:

sie war sein »Engel«.

Oft, wenn er sie anblickte, war es ihm, als ergösse sich seine

Seele über sie und fließe wie eine Welle über ihr Antlitz und von

da herab wie ein Strom auf ihre weiße Brust. Er sank ihr zu Füßen

auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah zu ihr empor

und schaute sie lächelnd an. Und sie neigte sich zu ihm herab und

flüsterte wie im Rausche:

»O rühr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! Es ist etwas

Liebes, Süßes in deinen Augen, das ich so gern habe!«

Sie nannte ihn »mein Junge«.

»Mein Junge, liebst du mich?«

Er bestürmte sie mit Küssen. Eine andre Antwort begehrte sie

nicht.

Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor aus Bronze,

der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande trug. Er

machte ihnen viel Spaß. Nur wenn die Trennungsstunde schlug, kam

ihnen alles ernsthaft vor.

Unbeweglich standen sie einander gegenüber, und immer wiederholten

sie:

»Auf Wiedersehn! Nächsten Donnerstag!«

Plötzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände, küßte

ihn rasch auf die Stirn, und mit einem »Adieu!« stürmte sie die

Treppe hinunter.

Zunächst ging sie jedesmal zum Friseur in der Theaterstraße und

ließ sich ihr Haar in Ordnung bringen. Es war schon spät. Im Laden

brannten bereits die Gasflammen. Sie hörte das Klingeln drüben im

Theater, das dem Personal den Beginn der Vorstellung anzeigte.

Durch die Scheiben sah sie, wie Männer mit bleichen Gesichtern und

Frauen in abgetragenen Kleidern im hinteren Eingang des

Theatergebäudes verschwanden.

Der sehr niedrige Raum war überheizt. Mitten unter den Perücken

und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der heißen Brennscheren

und der fettigen Hände, die sich mit ihrem Haar zu schaffen

machten, betäubte sie beinahe. Es fehlte nicht viel, so wäre sie

unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.

Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Maskenball an.

Dann ging sie fort, die Straßen wieder hinan, zurück ins »Rote

Kreuz«. Sie suchte ihre Überschuhe hervor, die sie am Vormittag

unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und nahm ihren

Platz ein, unter den bereits ungeduldigen Mitfahrenden. Wo die

steile Strecke begann, stiegen alle aus. Emma blieb allein im

Wagen zurück.

Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der

Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weites

Lichtermeer, in dem die Häuser verschwanden. Auf dem Sitzpolster

kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend

flüsterte sie den Namen Leos vor sich hin, küßte ihn in Gedanken

und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind verschlang.

Oben auf der Höhe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen

ablauerte. Er war in Lumpen gehüllt, und ein alter verwetterter

Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn

abnahm, sah man in seinen Augenhöhlen zwei blutige Augäpfel mit

Löchern an Stelle der Pupillen. Das Fleisch schälte sich in roten

Fetzen ab, und eine grünliche Flüssigkeit lief heraus, die an der

Nase gerann, deren schwarze Flügel nervös zuckten. Wenn man ihn

ansprach, grinste er einen blöd an. Dann rollten seine bläulichen

Augäpfel fortwährend in ihrem wunden Lager.

Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:

»Wenns Sommer worden weit und breit,

Wird heiß das Herze mancher Maid ...«

Manchmal erschien der Unglückliche ohne Hut ganz plötzlich hinter

Emmas Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.

Hivert pflegte den Bettler zu verhöhnen. Er riet ihm, sich auf dem

nächsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er fragte

ihn, wie es seiner Liebsten ginge.

Einmal streckte der Bettler seinen Hut während der Fahrt durch das

Wagenfenster herein. Er war draußen auf das kotbespritzte

Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand fest. Sein

erst schwacher und kläglicher Gesang ward schrill. Er heulte durch

die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Das Schellengeläut

der Pferde, das Rauschen der Bäume und das Rasseln des Wagens

tönten in diese Jammerlaute hinein, so daß sie wie aus der Ferne

zu kommen schienen. Emma war tieferschüttert. Empfindungen

brausten ihr durch die Seele wie wilder Wirbelsturm durch eine

Schlucht. Grenzenlose Melancholie ergriff sie.

Inzwischen hatte Hivert bemerkt, daß eine fremde Last seinen Wagen

beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf den

Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den

Straßenkot und stieß ein Schmerzensgeheul aus.

Die Insassen des Wagens waren nach und nach eingenickt. Die einen

schliefen mit offenem Munde; andern war das Kinn auf die Brust

gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter des Nachbars,

und jener hatte den Arm in dem Hängeriemen, der je nach den

Bewegungen des Wagens hin und her schaukelte. Der Schein der

Laterne drang durch die schokoladenbraunen Kattunvorhänge und

bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit blutroten Lichtstreifen.

Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie fror unter ihren Kleidern.

Ihre Füße wurden ihr kälter und kälter. Sie fühlte sich

sterbensunglücklich.

Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstags hatte die Post immer

Verspätung. Endlich kam sie. Das Essen war noch nicht fertig, aber

was kümmerte sie das? Das Dienstmädchen konnte jetzt machen, was

es wollte.

Es geschah oft, daß Karl, dem Emmas Blässe auffiel, sie fragte, ob

ihr etwas fehle.

»Nein!« antwortete sie.

»Aber du bist so sonderbar heute abend?«

»Ach nein, nicht im geringsten!«

Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war

gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser als

eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die Streichhölzer

zurecht, legte ihr ein Buch hin und das Nachthemd und deckte das

Bett auf.

»Gut!« sagte sie. »Du kannst gehn.«

Er blieb nämlich immer noch eine Weile an der Türe stehen und

blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.

Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gräßlich, und noch

qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit

der sie nach ihrem Glücke lechzte. Sie verging fast vor

Lüsternheit, unter wollüstigen Erinnerungen, bis alle ihre

Sehnsucht am siebenten Tage in Leos zärtlichen Armen befriedigt

wurde. Seine eigne, heiße Sinnlichkeit verbarg sich unter

leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. Seine

anbetungsvolle stille Liebe war Emmas Entzücken. Sie hegte und

pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, sein Herz zu

verlieren.

Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:

»Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! Wirst

es machen wie alle andern!«

»Welche andern?«

»Wie alle Männer, meine ich.«

Ihn sanft zurückstoßend, fügte sie hinzu:

»Ihr seid alle gemein!«

Eines Tages führten sie ein philosophisches Gespräch über die

menschlichen Enttäuschungen, als sie plötzlich, um seine

Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch aus allzu starkem

Mitteilungsbedürfnis, das Geständnis machte, daß sie vor ihm einen

andern geliebt habe.

»Nicht wie dich!« fügte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte

ihres Kindes, daß es »zu nichts gekommen« sei.

Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der

Betreffende jetzt sei.

»Er war Schiffskapitän, mein Lieber!«

Log sie das, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich ein

gewisses Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer und gewiß

vielumworbener Mann zu ihren Füßen gelegen haben sollte?

In der Tat empfand der Adjunkt etwas wie das Bewußtsein der

Inferiorität. Am liebsten hätte er gleichfalls Epauletten, Orden

und Titel getragen. Alle diese Dinge mußten ihr gefallen, das sah

er deutlich an ihrem Hang zum Luxus.

Dabei verschwieg ihm Emma noch einen großen Teil ihrer ins

Großartige gehenden Wünsche; zum Beispiel, daß sie gern einen

blauen Tilbury mit einem englischen Vollblüter und einem Groom in

schicker Livree gehabt hätte, um in Rouen spazieren zu fahren.

Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich

gebeten hatte, ihn als Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn die

Nichterfüllung dieser Laune ihr auch die Seligkeit des Wiedersehns

nicht weiter trübte, so verschärfte sie doch zweifellos die

Bitterkeit der Trennung.

Oft, wenn sie zusammen von Paris plauderten, sagte sie leise:

»Ach, wenn wir dort leben könnten!«

»Sind wir denn nicht glücklich?« erwiderte Leo zärtlich und strich

mit der Hand liebkosend über ihr Haar.

»Doch! Du hast recht! Ich bin töricht. Küsse mich!«

Gegen ihren Gatten war sie jetzt liebenswürdiger denn je. Sie

bereitete ihm seine Lieblingsgerichte und spielte ihm nach Tisch

Walzer vor. Er hielt sich für den glücklichsten Mann der Welt.

Emma lebte in völliger Sorglosigkeit. Aber eines Abends sagte er

plötzlich:

»Nicht wahr, du hast doch bei Fräulein Lempereur Stunden?«

»Ja!«

»Merkwürdig! Ich habe sie heute bei Frau Liégeard getroffen und

sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht.«

Das traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie unbefangen:

»Mein Name wird ihr entfallen sein.«

»Oder es gibt mehrere Lehrerinnen dieses Namens in Rouen, die

Klavierstunden geben«, meinte Karl.

»Das ist auch möglich!«

Plötzlich sagte Emma:

»Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich

eine bringen.«

Sie ging an ihren Schreibtisch, riß alle Schubfächer auf, wühlte

in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, daß Karl sie bat,

sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel Mühe zu machen.

»Ich werde sie schon finden!« beharrte sie.

In der Tat fühlte Karl am Freitag darauf, als er sich die Stiefel

anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gelaß zu stehen

pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein Stück Papier. Er

zog es hervor und las:

»Quittung.

Honorar für drei Monate Klavierstunden, nebst Auslagen für

verschiedene beschaffte Musikalien: 65,-- Frkn.

Dankend erhalten

Friederike Lempereur,

Musiklehrerin.«

»Zum Kuckuck! Wie kommt denn das in meinen Stiefel?«

»Wahrscheinlich«, erwiderte Emma, »ist es aus dem Karton mit den

alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal steht.«

Von nun an war ihre ganze Existenz nichts als ein Netz von Lügen.

Sie hüllte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit niemand

sie sähe. Aber auch sonst wurde ihr das Lügen geradezu zu einem

Bedürfnis. Sie log zu ihrem Vergnügen. Wenn sie erzählte, daß sie

auf der rechten Seite der Straße gegangen sei, konnte man wetten,

daß es auf der linken gewesen war.

Eines Donnerstags war sie früh, wie gewöhnlich ziemlich leicht

gekleidet, abgefahren, als es plötzlich zu schneien begann. Karl

hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien in der Kutsche

des Bürgermeisters. Sie fuhren zusammen nach Rouen. Er ging

hinunter und vertraute dem Priester einen dicken Schal an mit der

Bitte, ihn seiner Frau einzuhändigen, sobald er im »Roten Kreuz«

angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe sogleich nach Frau

Bovary, erhielt aber von der Wirtin die Antwort, daß sie das »Rote

Kreuz« sehr selten aufsuche. Abends traf er sie in der Postkutsche

und erzählte ihr von seinem Mißerfolge, dem er übrigens keine

sonderliche Bedeutung beizumessen schien, denn er begann alsbald

eine Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale

so wunderbar predige, daß die Frauen in Scharen hingingen.

Wenn sich auch Bournisien ohne weiteres zufrieden gegeben hatte,

so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so diskret sein. Und

so hielt es Emma für besser, fortan im »Roten Kreuz« abzusteigen,

damit die guten Leute aus Yonville sie hin und wieder auf der

Treppe des Gasthofes sahen und nichts argwöhnten.

Eines Tages traf sie Lheureux, gerade als sie an Leos Arm den

Boulogner Hof verließ. Sie fürchtete, er könne schwatzen; aber er

war nicht so töricht. Dafür trat er drei Tage später in ihr Zimmer

und erklärte, daß er Geld brauche.

Sie erwiderte ihm, sie könne ihm nichts geben. Lheureux fing zu

jammern an und zählte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.

In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl ausgestellten Wechsel

bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin verlängert

und dann abermals prolongiert. Jetzt zog er aus seiner Tasche eine

Anzahl unbezahlter Rechnungen für die Stores, den Teppich, für

Möbelstoff, mehrere Kleider und verschiedene Toilettenstücke, im

Gesamtbetrag von ungefähr zweitausend Franken.

Sie ließ den Kopf hängen, und er fuhr fort:

»Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien.«

Und nun machte er sie auf ein halbverfallenes altes Haus in

Barneville aufmerksam, das sie mit geerbt hatten. Es brachte nicht

viel ein. Es hatte ursprünglich zu einem kleinen Pachtgute gehört,

das der alte Bovary vor Jahren verkauft hatte. Lheureux wußte

genau Bescheid über das Grundstück; er kannte sogar die Anzahl der

Hektare und die Namen der Nachbarn.

»An Ihrer Stelle«, sagte er, »versuchte ich, es loszuwerden. Sie

bekämen dann sogar noch bar Geld heraus!«

Sie entgegnete, es sei schwer, einen Käufer zu finden, aber

Lheureux meinte, das ließe sich schon machen. Da fragte sie, was

sie tun müsse, um das Haus zu verkaufen.

»Sie haben doch die Vollmacht«, antwortete er.

Dieses Wort belebte sie.

»Lassen Sie mir die Rechnung hier!« sagte sie.

»O, das eilt ja nicht!« erwiderte Lheureux.

In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und

berichtete, es sei ihm mit vieler Mühe gelungen, einen gewissen

Langlois ausfindig zu machen, der schon lange ein Auge auf das

Grundstück geworfen habe und wissen möchte, was es koste.

»Der Preis ist mir gleichgültig!« rief Emma aus.

Lheureux erklärte, man müsse den Käufer eine Weile zappeln lassen.

Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie selbst

nicht gut verreisen könne, bot er sich dazu an, um das Geschäft

mit Langlois zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung zurück, der

Käufer habe viertausend Franken geboten.

Emma war hocherfreut.

»Offen gestanden,« fügte der Händler hinzu, »das ist anständig

bezahlt!«

Die erste Hälfte der Summe zählte er ihr sofort auf. Als Emma

sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte

Lheureux:

»Auf Ehre, es ist doch schade, daß Sie ein so schönes Sümmchen

gleich wieder aus der Hand geben wollen!«

Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der

Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.

»Wie? Wie meinen Sie?« stammelte sie.

»O,« erwiderte er mit gutmütigem Lächeln, »man kann ja was ganz

Beliebiges auf die Rechnung setzen. Ich weiß ja, wie das in einem

Haushalte so ist.«

Er sah sie scharf an, während er die beiden Tausendfrankenscheine

langsam durch die Finger hin und her gleiten ließ. Endlich machte

er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je

tausend Franken auf den Tisch.

»Unterschreiben Sie!« sagte er, »und behalten Sie die ganze

Summe!«

Sie fuhr erschrocken zurück.

»Na, wenn ich Ihnen den Überschuß bar auszahle,« sagte Lheureux

frech, »erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?«

Er schrieb unter die Rechnung:

»Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,

bescheinigt

Lheureux.«

»So! Sie können unbesorgt sein. In sechs Monaten erhalten Sie die

weiteren zweitausend Franken für Ihre alte Bude! Eher ist auch der

letzte Wechsel nicht fällig.«

Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den

Ohren klang es ihr, als würden Säcke voll Goldstücke vor ihr

ausgeschüttet, die nur so über die Diele kollerten. Lheureux sagte

noch, er habe einen Freund Vinçard, Bankier in Rouen, der die vier

Wechsel diskontieren wolle. Die überschüssige Summe werde er der

gnädigen Frau persönlich bringen.

Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.

Freund Vinçard habe »wie üblich« zweihundert Franken für Provision

und Diskont abgezogen. Dann forderte er nachlässig eine

Empfangsbestätigung.

»Sie verstehen! Geschäft ist Geschäft! Und das Datum! Bitte! Das

Datum!«

Tausend nun erfüllbare Wünsche umgaukelten Emma. Aber sie war so

vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann

die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.

Der Fälligkeitstag des vierten Papieres fiel zufällig auf einen

Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber geduldig auf

Emmas Rückkehr. Die Sache würde sich schon aufklären.

Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nichts gesagt zu haben, um

ihm häusliche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die

Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und zählte ihm tausend

unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg hätte anschaffen

müssen.

»Nicht wahr, du mußt doch zugeben: für so viele Dinge ist tausend

Franken nicht zuviel?«

In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen

Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu

bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel ausstelle, einen

davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin

schrieb Bovary seiner Mutter einen kläglichen Brief. Statt einer

Antwort kam sie persönlich. Als Emma wissen wollte, ob sie etwas

herausrücke, gab er ihr zur Antwort:

»Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!«

Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine

besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst käme die ganze

Geschichte und auch die Veräußerung des Grundstücks heraus.

Letztere hatte der Händler so geschickt betrieben, daß sie erst

viel später bekannt wurde.

Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte

die alte Frau Bovary nicht umhin, die Ausgaben unerhört zu finden.

»Gings denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mußten die

Lehnstühle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab es in

keinem Hause mehr als einen einigen Lehnstuhl, den Großvaterstuhl!

Die jungen Leute hatten keine nötig. So war es wenigstens bei

meiner Mutter, und das war eine ehrbare Frau! Das kann ich dir

versichern! Es sind nun einmal nicht alle Menschen reich. Und

Verschwendung ruiniert jeden! Ich würde mich zu Tode schämen, wenn

ich mich so verwöhnen wollte wie du! Und ich bin doch eine alte

Frau, die wahrlich ein bißchen der Pflege nötig hätte ... Da schau

mal einer diesen Luxus an! Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter,

das Meter zu zwei Franken! Wo man ganz schönen Futterstoff für

vier Groschen, ja schon für dreie bekommt, der seinen Zweck

vollkommen erfüllt!«

Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:

»Ich finde, es ist nun gut!«

Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie

würden alle beide im Armenhause enden. Übrigens sei Karl der

Hauptschuldige. Es sei ein wahres Glück, daß er ihr versprochen

habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten ...

»Was?« unterbrach Emma ihre Rede.

»Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!«

Emma öffnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der Unglücksmensch

mußte zugeben, daß ihm die Mutter das Ehrenwort abgenötigt hatte.

Da ging Emma aus dem Zimmer, kam sehr bald wieder und händigte

ihrer Schwiegermutter mit der Gebärde einer Fürstin ein großes

Schriftstück ein.

»Ich danke dir!« sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in

den Ofen.

Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache aus. Sie hatte

einen Nervenchok bekommen.

»Ach du mein Gott!« rief Karl aus. »Siehst du, Mutter, es war doch

nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!«

Frau Bovary · 第 35 / 43 题