Erstes Kapitel

Leo hatte während seiner Pariser Studienzeit die Ballsäle fleißig

besucht und daselbst recht hübsche Erfolge bei den Grisetten

gehabt. Sie hatten gefunden, er sähe sehr schick aus. Übrigens war

er der mäßigste Student. Er trug das Haar weder zu kurz noch zu

lang, verjuchheite nicht gleich am Ersten des Monats sein ganzes

Geld und stand sich mit seinen Professoren vortrefflich. Von

wirklichen Ausschweifungen hatte er sich allezeit fern gehalten,

aus Ängstlichkeit und weil ihm das wüste Leben zu grob war.

Oft, wenn er des Abends in seinem Zimmer las oder unter den Linden

des Luxemburggartens saß, glitt ihm sein Code-Napoléon aus den

Händen. Dann kam ihm Emma in den Sinn. Aber allmählich verblaßte

diese Erinnerung, und allerlei Liebeleien überwucherten sie, ohne

sie freilich ganz zu ersticken. Denn er hatte noch nicht alle

Hoffnung verloren, und ein vages Versprechen winkte ihm in der

Zukunft wie eine goldne Frucht an einem Wunderbaume.

Als er sie jetzt nach dreijähriger Trennung wiedersah, erwachte

seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt gälte es,

sich fest zu entschließen, wenn er sie besitzen wollte. Seine

ehemalige Schüchternheit hatte er übrigens im Verkehr mit

leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die Provinz

zurückgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, die nicht

schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Großstadt abgetreten

hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon eines berühmten

Professors mit Orden und Equipage, hätte der arme Adjunkt

sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in Rouen, am Hafen,

vor der Frau dieses kleinen Landarztes, da fühlte er sich

überlegen und eines leichten Sieges gewiß. Sicheres Auftreten

hängt von der Umgebung ab. Im ersten Stock spricht man anders als

im vierten, und es ist beinahe, als seien die Banknoten einer

reichen Frau ihr Tugendwächter. Sie trägt sie alle mit sich wie

ein Panzerhemd unter ihrem Korsett.

Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,

war er aus einiger Entfernung den beiden durch die Straßen

gefolgt, bis er sie im »Roten Kreuz« verschwinden sah. Dann machte

er kehrt und grübelte die ganze Nacht hindurch über einen

Kriegsplan.

Am andern Tag nachmittags gegen fünf Uhr betrat er den Gasthof mit

beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschluß, vor

nichts zurückzuscheuen.

»Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!« vermeldete ihm ein

Kellner.

Leo faßte das als gutes Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.

Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, als er eintrat. Sie bat ihn

kühl um Entschuldigung, daß sie gestern vergessen habe, ihm

mitzuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.

»O, das habe ich erraten«, sagte Leo.

»Wieso?«

Er behauptete, das gute Glück, eine innere Stimme habe ihn hierher

geleitet.

Sie lächelte; und um seine Albernheit wieder gutzumachen, log er

nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen

Gasthöfen nach ihnen zu fragen.

»Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?« fügte er hinzu.

»Ja,« gab sie zur Antwort, »aber ich hätte es lieber nicht tun

sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergnügungen gewöhnen,

wenn man zu Hause tausend Pflichten hat ...«

»Ja, das kann ich mir denken ...«

»Nein, das können Sie nicht. Das kann nur eine Frau.«

Er meinte, die Männer hätten auch ihr Kreuz, und nach einer

philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.

Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige

Einsamkeit, in die das Menschenherz verbannt sei.

Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillkürlicher

Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete

der junge Mann, er hätte sich während seiner ganzen Studienzeit

ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gräßlich

zuwider. Andere Berufsarten lockten ihn stark, aber seine Mutter

quäle ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten sie

sich die Gründe ihres Leids, und je eifriger sie sprachen, um so

stärker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. Aber ganz offen

waren sie alle beide nicht; sie suchten nach Worten, mit denen sie

die nackte Wahrheit umschreiben könnten. Emma verheimlichte es,

daß sie inzwischen einen andern geliebt, und er gestand nicht, daß

er sie vergessen hatte. Vielleicht dachte er auch wirklich nicht

mehr an die Soupers nach den Maskenbällen, und sie erinnerte sich

nicht ihrer Morgengänge, wie sie durch die Wiesen nach dem

Rittergute zu dem Geliebten gegangen war. Der Straßenlärm hallte

nur schwach zu ihnen herauf, und die Enge des Zimmers schien ihr

Alleinsein noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid

aus leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den Rücken des

alten Lehnstuhls, in dem sie saß. Hinter ihr die gelbe Tapete

umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr bloßer Kopf mit dem

schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,

wiederholte sich wie ein Gemälde im Spiegel.

»Ach, verzeihen Sie!« sagte sie. »Es ist unrecht von mir, Sie mit

meinen ewigen Klagen zu langweilen.«

»Keineswegs!«

»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort und schlug ihre schönen Augen,

aus denen Tränen rollten, zur Decke empor, »was ich mir alles

erträumt habe!«

»Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich

ausgegangen, still für mich hin, und hab mich die Kais entlang

geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu zerstreuen und

die trüben Gedanken loszubekommen, die mich in einem fort

verfolgten. In einem Schaufenster eines Kunsthändlers auf dem

Boulevard habe ich einmal einen italienischen Kupferstich gesehen,

der eine Muse darstellt. Sie trägt eine Tunika, einen

Vergißmeinnichtkranz im offnen Haar und blickt zum Mond empor.

Irgend etwas trieb mich immer wieder dorthin. Oft hab ich

stundenlang davor gestanden ...« Und mit zitternder Stimme fügte

er hinzu: »Sie sah Ihnen ein wenig ähnlich.«

Frau Bovary wandte sich ab, damit er das Lächeln um ihre Lippen

nicht bemerke, das sie nicht unterdrücken konnte.

»Und wie oft«, fuhr er fort, »habe ich an Sie Briefe geschrieben

und hinterher wieder zerrissen.«

Sie antwortete nicht.

»Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall müsse Sie mir

wieder in den Weg führen. Oft war es mir, als ob ich Sie an der

nächsten Straßenecke treffen sollte. Ich bin hinter Droschken

hergelaufen, aus denen ein Schal oder ein Schleier flatterte, wie

Sie welche zu tragen pflegen ...«

Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden

zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten

Hauptes die Rosetten ihrer Hausschuhe, auf deren Atlas die kleinen

Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den Zehen

machte.

Endlich sagte sie mit einem Seufzer:

»Ist es nicht das Allertraurigste, ein unnützes Leben so wie ich

führen zu müssen? Wenn unsere Schmerzen wenigstens jemandem

nützlich wären, dann könnte man sich doch in dem Bewußtsein

trösten, sich für etwas zu opfern.«

Er pries die Tugend, die Pflicht und das stumme Sichaufopfern. Er

selbst verspüre eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwas

aufzugehen, die er nicht befriedigen könne.

»Ich möchte am liebsten Krankenschwester sein«, behauptete sie.

»Ach ja!« erwiderte er. »Aber für uns Männer gibt es keinen

solchen barmherzigen Beruf. Ich wüßte keine Beschäftigung ... es

sei denn vielleicht die des Arztes ...«

Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von

ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben wäre. Wie

schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu leiden.

Sofort schwärmte Leo für die »Ruhe im Grabe«. Ja, er hätte sogar

eines Abends sein Testament niedergeschrieben und darin bestimmt,

daß man ihm in den Sarg die schöne Decke mit der Seidenstickerei

legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen hatte. Nach dem,

wie alles hätte sein können, also nach einem imaginären Zustand,

änderten sie jetzt in der Erzählung ihre Vergangenheit. Ist doch

die Sprache immer ein Walzwerk, das die Gefühle breitdrückt.

Bei dem Märchen von der Reisedecke fragte sie:

»Warum denn?«

»Warum?« Er zögerte. »Weil ich Sie so zärtlich geliebt habe!«

Froh, die größte Schwierigkeit überwunden zu haben, beobachtete

Leo Emmas Gesicht von der Seite. Es leuchtete wie der Himmel, wenn

der Wind plötzlich eine Wolkenschicht, die darüber war, zerreißt.

Die vielen traurigen Gedanken, die es verdunkelt hatten, waren aus

ihren Augen wie weggeweht.

Er wartete. Endlich sagte sie:

»Ich hab es immer geahnt ...«

Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage

einander zu erzählen, von allem Freud und Leid, das sie soeben in

ein einziges Wort zusammengefaßt hatten. Er erinnerte sich der

Wiege aus Tannenholz, ihrer Kleider, der Möbel in ihrem Zimmer,

ihres ganzen Hauses.

»Und unsere armen Kakteen, was machen die?«

»Sie sind letzten Winter alle erfroren!«

»Ach, wie oft hab ich an sie zurückgedacht. Das glauben Sie mir

gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damals im

Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und Sie

mit bloßen Armen Ihre Blumen begossen ...«

»Armer Freund!« sagte sie und reichte ihm ihre Hand.

Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er

tief auf und sagte:

»Damals übten Sie einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Ich

war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich zu Ihnen ...

aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran erinnern?«

»Doch, fahren Sie nur fort!«

»Sie standen unten in der Hausflur, wo die Treppe aufhört, gerade

im Begriff auszugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen blauen

Blumen auf. Ohne daß Sie mich dazu aufgefordert hatten, begleitete

ich Sie. Ich konnte nicht anders. Aber mir jeder Minute trat es

mir klarer ins Bewußtsein, wie ungezogen das von mir war.

Ängstlich und unsicher ging ich neben Ihnen her und brachte es

doch nicht über mich, mich von Ihnen zu trennen. Wenn Sie in einen

Laden traten, wartete ich draußen auf der Straße und sah Ihnen

durch das Schaufenster zu, wie Sie die Handschuhe abstreiften und

das Geld auf den Ladentisch legten. Zuletzt klingelten Sie bei

Frau Tüvache; man öffnete Ihnen, und ich stand wie ein begossener

Pudel vor der mächtigen Haustüre, die hinter Ihnen ins Schloß

gefallen war.«

Frau Bovary hörte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war das schon

her! Alle diese Dinge, die aus der Vergessenheit heraufstiegen,

erweckten in ihr das Gefühl, eine alte Frau zu sein. Unendlich

viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und zu sagte sie mit

leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:

»Ja ... So war es ... So war es ... So war es!«

Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug es acht, von den

Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Paläste. Sie sprachen

nicht mehr, aber sie sahen einander an und spürten dabei ein

Brausen in ihren Köpfen, und jeder hatte das Gefühl, dieses

Rauschen ströme aus den starren Augensternen des anderen. Ihre

Hände hatten sich gefunden, und Vergangenheit und Zukunft,

Erinnerung und Träume, alles ward eins mir der zärtlichen Wonne

des Augenblicks. Die Dämmerung dichtete sich an den Wänden, und

halb im Dunkel verloren, schimmerten nur noch die grellen

Farbenflecke von vier dahängenden Buntdrucken. Durch das oben

offene Fenster erblickte man zwischen spitzen Dachgiebeln ein

Stück des schwarzen Himmels.

Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der

Kommode anzuzünden. Dann setzte sie sich wieder.

»Was ich sagen wollte ...«, begann Leo von neuem.

»Was war es?«

Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder

anzuknüpfen, da fragte sie ihn:

»Wie kommt es, daß mir noch niemand solche innere Erlebnisse

anvertraut hat?«

Leo erwiderte, ideale Naturen fänden selten Wahlverwandte. Er habe

sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke bringe ihn

zur Verzweiflung, daß sie miteinander für immerdar verbunden

worden wären, wenn ein guter Stern sie früher zusammengeführt

hätte.

»Ich habe manchmal dasselbe gedacht«, sagte sie.

»Welch ein schöner Traum!« murmelte Leo. Und während er mit der

Hand über den blauen Saum der Schleife ihres weißen Gürtels

hinstrich, fügte er hinzu: »Aber was hindert uns denn, von vorn

anzufangen?«

»Nein, mein Freund«, erwiderte sie. »Dazu bin ich zu alt ... und

Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben ...

und Sie werden sie wieder lieben!«

»Nicht so, wie ich Sie liebe!«

»Sie sind ein Kind! Seien Sie vernünftig. Ich will es!«

Sie setzte ihm auseinander, daß Liebe zwischen ihnen ein Ding der

Unmöglichkeit sei und daß sie sich nur wie Schwester und Bruder

lieben könnten, wie ehemals.

Ob sie das wirklich im Ernst sagte, das wußte sie selbst nicht.

Sie fühlte nur, wie sie der Verführung zu unterliegen drohte und

daß sie dagegen ankämpfen müsse. Sie sah Leo zärtlich an und stieß

sanft seine zitternden Hände zurück, die sie schüchtern zu

liebkosen versuchten.

»Seien Sie mir nicht bös!« sagte er und wich zurück.

Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die

ihr viel gefährlicher war als die Kühnheit Rudolfs, wenn er mit

ausgebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemals war ihr ein

Mann so schön erschienen. In seinem Wesen lag eine köstliche

Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein wenig

aufwärtsgebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die zarte Haut

seiner Wangen war rot geworden, aus Verlangen nach ihr, wie sie

glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu widerstehen, sie mit

ihren Lippen zu berühren. Da fiel ihr Blick auf die Wanduhr.

»Mein Gott, wie spät es schon ist!« rief sie aus. »Wir haben uns

verplaudert!«

Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.

»Das Theater habe ich ganz vergessen«, fuhr Emma fort. »Und mein

armer Mann hat mich doch deshalb nur hiergelassen. Herr und Frau

Lormeaux aus der Großenbrückenstraße wollten mich begleiten ...«

Schade! Denn morgen müsse sie wieder zu Hause sein.

»So?« fragte Leo.

»Gewiß!«

»Aber ich muß Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwas zu

sagen!«

»Was denn?«

»Etwas ... Wichtiges, Ernstes! Ach, Sie dürfen noch nicht

heimfahren! Nein! Das ist unmöglich! Wenn Sie wüßten ... Hören Sie

mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? Ahnen Sie denn

nicht ...«

»Sie haben es doch ziemlich deutlich gesagt!«

»Ach, scherzen Sie nicht! Das ertrag ich nicht! Haben Sie Mitleid

mit mir! Ich möchte Sie noch einmal sehen ... einmal ... ein

einziges ...«

»Es sei!« Sie hielt inne. Dann aber, als besänne sie sich anders,

sagte sie: »Aber nicht hier!«

»Wo Sie wollen!«

Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:

»Morgen um elf in der Kathedrale!«

»Ich werde dort sein«, rief er aus und griff hastig nach ihren

Händen. Sie entzog sie ihm.

Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor

ihm, da beugte er sich über sie und drückte einen langen Kuß auf

ihren Nacken.

»Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!« rief sie und lachte mit einem

eigentümlichen tiefen Klange leise auf, während er ihren Hals

immer noch mehr mit Küssen bedeckte. Dann beugte er den Kopf über

ihre Schulter, als wolle er in den Augen ihre Zustimmung suchen.

Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.

Er trat drei Schritte zurück, der Türe zu. Auf der Schwelle blieb

er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:

»Auf Wiedersehn morgen!«

Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.

Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die

Verabredung zurücknahm. Es sei alles aus, und es wäre zum Wohle

beider, wenn sie sich nicht wiedersähen. Aber als der Brief fertig

war, fiel ihr ein, daß sie doch seine Adresse gar nicht wußte. Was

sollte sie tun?

»Ich werde ihm den Brief selbst geben,« sagte sie sich, »morgen,

wenn er kommt.«

Am andern Morgen stand Leo schon früh in der offnen Balkontüre,

reinigte sich eigenhändig seine Schuhe und sang leise vor sich

hin. Er machte es sehr sorgfältig. Dann zog er ein weißes

Beinkleid an, elegante Strümpfe, einen grünen Rock, und schüttete

seinen ganzen Vorrat von Parfüm in sein Taschentuch. Er ging zum

Coiffeur, zerstörte sich aber hinterher die Frisur ein wenig, weil

sein Haar nicht unnatürlich aussehen sollte.

»Es ist noch zu zeitig«, sagte er, als er auf der Kuckucksuhr des

Friseurs sah, daß es noch nicht neun Uhr war.

Er blätterte in einem alten Modejournal, dann verließ er den

Laden, zündete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei

Straßen, und als er dachte, es sei Zeit, ging er langsam zum

Notre-Dame-Platze.

Es war ein prächtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der

Juweliere glitzerten die Silberwaren, und das Licht, das schräg

auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchflächen der grauen

Quadersteine. Ein Schwarm Vögel flatterte im Blau des Himmels um

die Kreuzblumen der Türme. Über den lärmigen Platz wehte

Blumenduft aus den Anlagen her, wo Jasmin, Nelken, Narzissen und

Tuberosen blühten, von saftigen Grasflächen umrahmt und von Beeren

tragenden Büschen für die Vögel. In der Mitte plätscherte ein

Springbrunnen, und zwischen Pyramiden von Melonen saßen

Hökerinnen, barhäuptig unter ungeheuren Schirmen, und banden

kleine Veilchensträuße.

Leo kaufte einen. Es war das erstemal, daß er Blumen für eine Frau

kaufte; und das Herz schlug ihm höher, wie er den Duft der

Veilchen einatmete, als ob diese Huldigung, die er Emma darbringen

wollte, ihm selber gölte. Er fürchtete, beobachtet zu werden, und

rasch trat er in die Kirche.

Auf der Schwelle der linken Türe des Hauptportals unter der

'Tanzenden Salome' stand der Schweizer, den Federhut auf dem Kopf,

den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, würdevoller als

ein Kardinal und goldstrotzend wie ein Hostienkelch. Er trat Leo

in den Weg und fragte mit jenem süßlich-gütigen Lächeln, das

Geistliche anzunehmen pflegen, wenn sie mit Kindern reden:

»Der Herr ist gewiß nicht von hier? Will der Herr die

Sehenswürdigkeiten der Kathedrale besichtigen?«

»Nein!«

Leo machte zunächst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe

und kam zum Hauptportal zurück. Emma war noch nicht da. Er ging

abermals bis zum Chor.

Teile des Maßwerks und der bunten Fenster spiegelten sich in den

gefüllten Weihwasserbecken. Das durch die Glasmalerei einfallende

Licht brach sich an den marmornen Kanten und breitete bunte

Teppichstücke über die Fliesen. Durch die drei geöffneten Türen

des Hauptportals flutete das Tageslicht in drei mächtigen

Lichtströmen in die Innenräume. Dann und wann ging ein Sakristan

hinten am Hochaltar vorüber und machte vor dem Heiligtum die

übliche Kniebeugung der eiligen Frommen. Die kristallenen

Kronleuchter hingen unbeweglich herab. Im Chor brannte eine

silberne Lampe. Aus den Seitenkapellen, aus den in Dunkel

gehüllten Teilen der Kirche vernahm man zuweilen Schluchzen oder

das Klirren einer zugeschlagenen Gittertür, Geräusche, die in den

hohen Gewölben widerhallten.

Leo ging gemessenen Schrittes hin. Niemals war ihm das Leben so

schön erschienen. Nun mußte sie bald kommen, reizend, erregt und

stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem volantbesetzten

Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen Stiefeletten,

in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, und all dem

unbeschreiblich Verführerischen einer unterliegenden Tugend. Und

um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheures Boudoir. Die Pfeiler

neigten sich, um die im Dunkel geflüsterte Beichte ihrer Liebe

entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster leuchteten, ihr schönes

Gesicht zu verklären, und aus den Weihrauchgefäßen wirbelten die

Dämpfe, damit sie wie ein Engel in einer Wolke von Wohlgerüchen

erscheine.

Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen Stühle, und

seine Blicke fielen auf ein blaues Fenster, auf das Fischer mit

Körben gemalt waren. Er betrachtete das Bild aufmerksam, zählte

die Schuppen der Fische und die Knopflöcher an den Wämsen, während

seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die Weite irrten ...

Der Schweizer ärgerte sich im stillen über den Menschen, der sich

erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein

Benehmen unerhört. Man bestahl ihn gewissermaßen und beging

geradezu eine Tempelschändung.

Da raschelte Seide über die Fliesen. Der Rand eines Hutes tauchte

auf, eine schwarze Mantille. Sie war es. Leo eilte ihr entgegen.

Sie war blaß und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.

»Lesen Sie das!« sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. »Nicht

doch!«

Sie riß ihre Hand aus der seinen und eilte nach der Kapelle der

Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.

Leo war über diesen Anfall von Bigotterie zuerst empört, dann fand

er einen eigentümlichen Reiz darin, sie während eines

Stelldicheins in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische

Marquise, schließlich aber, als sie gar nicht aufhören wollte,

langweilte er sich.

Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der

Hoffnung, daß der Himmel sie mit einer plötzlichen Eingebung

begnaden würde. Um diese Hilfe des Himmels herabzuschwören,

starrte sie auf den Glanz des Tabernakels, atmete sie den Duft der

weißen Blumen in den großen Vasen, lauschte sie auf die tiefe

Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch steigerte.

Sie erhob sich und wandte sich dem Ausgang zu. Da trat der

Schweizer rasch auf sie zu:

»Gnädige Frau sind gewiß hier fremd? Wollen Sie sich die

Sehenswürdigkeiten der Kirche ansehen?«

»Aber nein!« rief der Adjunkt aus.

»Warum nicht?« erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte sich

an die Madonna, an die Bildsäulen, die Grabmäler, an jeden

Vorwand.

Programmgemäß führte sie der Schweizer nach dem Hauptportal zurück

und zeigte ihnen mit seinem Stock einen großen Kreis von schwarzen

Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.

»Das hier«, sagte er salbungsvoll, »ist der Umfang der berühmten

Glocke des Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und hatte

ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen, ist

vor Freude gestorben ...«

»Weiter!« drängte Leo.

Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der

Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem

Arm und wies mit dem Stolze eines Landmannes, der seine Saaten

zeigt, auf eine Grabplatte.

»Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Brézé, Edler Herr

von Varenne und Brissac, Großseneschall von Poitou und Verweser

der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlhéry am 16. Juli

1465.«

Leo biß sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fuße

auf den andern.

»Und hier rechts, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden

Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Brézé, Edler Herr von Breval und

Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr des

Königs, Ordensritter und ebenfalls Verweser der Normandie,

gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die Inschrift

besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben ins Grab steigen

will, zeigt ihn ebenfalls. Eine unübertreffliche Darstellung der

irdischen Vergänglichkeit!«

Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah

sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu

machen. So sehr entmutigte ihn das langweilige Geschwätz auf der

einen und die Gleichgültigkeit auf der andern Seite.

Der unermüdliche Cicerone fuhr fort:

»Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin

Diana von Poitiers, Gräfin von Brézé, Herzogin von Valentinois,

geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier links die weibliche

Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die heilige Jungfrau. Jetzt

bitte ich die Herrschaften hierher zu sehen. Hier sind die

Grabmäler derer von Amboise! Sie waren beide Kardinäle und

Erzbischöfe von Rouen. Dieser hier war Minister König Ludwigs des

Zwölften. Die Kathedrale hat ihm sehr viel zu verdanken. In seinem

Testament vermachte er den Armen dreißigtausend Taler in Gold.«

Ohne stehen zu bleiben und fortwährend redend, drängte er die

beiden in eine Kapelle, die durch ein Geländer abgesperrt war. Er

öffnete es und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal

eine schlechte Statue gewesen sein konnte.

»Dieser Stein zierte dereinst«, sagte er mit einem tiefen Seufzer,

»das Grab von Richard Löwenherz, König von England und Herzog von

der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so zugerichtet, meine

Herrschaften. Sie haben ihn aus Bosheit hier eingesetzt. Hier

sehen Sie auch die Tür, durch die sich Seine Eminenz in die

Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den berühmten Kirchenfenstern

von Lagargouille!«

Da drückte ihm Leo hastig ein großes Silberstück in die Hand und

nahm Emmas Arm. Der Schweizer war ganz verblüfft über die

Freigebigkeit des Fremden, der noch lange nicht alle

Sehenswürdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:

»Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!«

»Danke!« erwiderte Leo.

»Er ist wirklich sehenswert, meine Herrschaften! Er mißt

vierhundertvierzig Fuß, nur neun weniger als die größte ägyptische

Pyramide, und ist vollständig aus Eisen ...«

Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die

Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch

durch den grotesken käfigartigen Schornstein zwängen zu lassen,

den ein überspannter Eisengießer keck auf die Kirche gesetzt

hatte. Das wäre ihr Tod gewesen.

»Wohin gehen wir nun?« fragte Emma.

Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte

schon ihren Finger in das Weihwasserbecken am Ausgang, als sie

plötzlich hinter sich ein Schnaufen und das regelmäßige Aufklopfen

eines Stockes hörten. Leo wandte sich um.

»Meine Herrschaften!«

»Was gibts?«

Es war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke

ungebundene Bücher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch

gedrückt, trug. Es war die Literatur über die Kathedrale.

»Troddel!« murmelte Leo und stürzte aus der Kirche.

Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.

»Hol uns eine Droschke!«

Der Knabe rannte über den Platz, während sie ein paar Minuten

allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig

verlegen.

»Leo ... wirklich ... ich weiß nicht ... ob ich darf!« Es klang

wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: »Es ist sehr

unschicklich, wissen Sie das?«

»Wieso?« erwiderte der Adjunkt. »In _Paris_ macht mans so!«

Dieses eine Wort bestimmte sie wie ein unumstößliches Argument.

Aber der Wagen kam nicht. Leo fürchtete schon, sie könne wieder in

die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.

»Fahren Sie wenigstens noch ans Nordportal!« rief ihnen der

Schweizer nach. »Und sehen Sie sich 'Die Auferstehung', das

'Jüngste Gericht', den 'König David' und 'Die Verdammten in der

Hölle' an!«

»Wohin wollen die Herrschaften?« fragte der Kutscher.

»Fahren Sie irgendwohin!« befahl Leo und schob Emma in den Wagen.

Das schwerfällige Gefährt setzte sich in Bewegung.

Der Kutscher fuhr durch die Großebrückenstraße, über den Platz der

Künste, den Kai Napoleon hinunter, über die Neue Brücke und machte

vor dem Denkmal Corneilles Halt.

»Weiter fahren!« rief eine Stimme aus dem Inneren.

Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz

hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.

»Nein, geradeaus!« rief dieselbe Stimme.

Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in

gemächlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher

trocknete sich den Schweiß von der Stirn, nahm seinen Lederhut

zwischen die Beine und lenkte sein Gefährt durch eine Seitenallee

dem Seine-Ufer zu, bis an die Wiesen. Dann fuhr er den Schifferweg

hin, am Strom entlang, über schlechtes Pflaster, nach Oyssel zu,

über die Inseln hinaus.

Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremares, Sotteville,

die große Chaussee hin, durch die Elbeuferstraße und machte zum

drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.

»So fahren Sie doch weiter!« rief die Stimme, diesmal wütend.

Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr durch Sankt

Sever über das Bleicher-Ufer und Mühlstein-Ufer, wiederum über die

Brücke, über den Exerzierplatz, hinten um den Spitalgarten herum,

wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von Schlingpflanzen

überwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren gingen. Dann führte

die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, nach dem Causer

Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan bis zur Deviller

Höhe.

Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und

Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Straßen und Gassen, über

die Plätze und Märkte, an den Kirchen und öffentlichen Gebäuden

und am Hauptfriedhof vorüber.

Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom

Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche Bewegungswut

in seinen Fahrgästen steckte, so daß sie nirgends Halt machen

wollten. Er versuchte es ein paarmal, aber jedesmal erhob sich

hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem trieb er seine

warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, unbekümmert, ob

er hier und dort anrannte, ganz außer Fassung und dem Weinen nahe

vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.

Am Hafen, zwischen den Karren und Fässern, in den Strassen und an

den Ecken machten die Bürger große Augen ob dieses in der Provinz

ungewohnten Anblicks: ein Wagen mir herabgelassenen Vorhängen, der

immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer verschlossen

wie ein Grab.

Einmal nur, im Freien, um die Mittagsstunde, als die Sonne am

heißesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte eine

bloße Hand unter den gelben Fenstervorhang heraus und streute eine

Menge Papierschnitzel hinaus, die im Winde flatterten wie weiße

Schmetterlinge und auf ein Kleefeld niederfielen.

Gegen sechs Uhr abends hielt die Droschke in einem Gäßchen der

Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg heraus

und ging, ohne sich umzusehen, weiter.

Frau Bovary · 第 31 / 43 题