Eines Abends saß Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie noch
Lestiboudois, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten im Garten
den Buchsbaum zugestutzt hatte. Plötzlich drang ihr das
Ave-Maria-Läuten ins Ohr.
Es war Anfang April. Die Primeln blühten, und ein lauer Wind
hüpfte über die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich für die
Festtage des Sommers. Durch die Latten der Laube und weiterhin
leuchtete der Bach, der sich in schnörkeligen Windungen in den
flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch kahlen
Pappeln und löste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett auf,
duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Brüllen verklangen.
Nur die Abendglocke läutete immerfort und füllte die Luft mit
wehmütigem Frieden.
Bei diesen gleichförmigen Tönen verloren sich die Gedanken der
jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich über die
blumenreichen Vasen und über das Tabernakel mit seinen Säulchen
emporgereckt hatten. Wie einst hätte sie wieder knien mögen in der
langen Reihe der weißen Schleier, die sich grell abhoben von den
schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betstühlen hingesunkenen
Schwestern. Sonntags während der Messe, wenn sie aufschaute und in
das von bläulichem Weihrauch umwobene holde Antlitz der Madonna
blickte, dann war sie immer tief ergriffen und ganz weich gestimmt
gewesen, leicht und ohne Last wie eine Flaumfeder, die der
Sturmwind wegweht ...
Mit einem Male, ohne daß sie sich über den Vorgang klar ward, fand
sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht hatte sie
ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und alles
Irdische zu vergessen.
Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudois, der bereits wieder
aus der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
zurückzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und das Läuten
der Glocke besorgte er, wie es ihm gerade paßte. Übrigens war das
Läuten ein Zeichen für die Kinder im Dorfe, daß es Zeit zur
Katechismusstunde war.
Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
Friedhofssteinen. Andre saßen rittlings auf der Mauer, baumelten
mit den Beinen und köpften mit ihren Schuhspitzen die hohen
Brennesseln, die zwischen der letzten Gräberreihe und der
niedrigen Umfassungsmauer aufgeschossen waren. Das war das einzige
bißchen Grün, denn die Grabmäler standen ganz dicht aneinander,
und über ihnen lag beständig feiner Staub, der dem reinigenden
Besen trotzte. Die Kinder liefen in Strümpfen darüber wie über
einen eigens für sie hingebreiteten Teppich, und ihre
aufjauchzenden Stimmen mischten sich in das letzte Ausklingen der
Glocken. Das Summen verstummte, und der Strang der großen Glocke,
der vom Kirchturm herabhing und mit dem Ende auf dem Erdboden hin
und her geschleift war, beruhigte sich allmählich. Schwalben
schossen pfeilschnell durch die Luft, kurze Schreie ausstoßend,
und flogen zurück in ihre gelben Nester unter dem Turmdache. Im
Chor der Kirche brannte eine Lampe oder vielmehr ein Nachtlicht
unter einer hängenden Glasglocke. Von weitem sah die Flamme wie
ein über dem Öl schwimmender zittriger weißer Fleck aus. Ein
langer Sonnenstrahl durchquerte das Hauptschiff; in um so tieferem
Dunkel lagen die Nebenschiffe und Nischen.
»Wo ist der Pfarrer?« fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
damit belustigte, die bereits lockere Klinke der Friedhofspforte
völlig abzuwürgen.
»Der wird gleich kommen!« war die Antwort.
Wirklich knarrte die Tür des Pfarrhauses, und der Abbé Bournisien
erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche hinein.
»Rasselbande!« murmelte der Priester. »Einen wie alle Tage!« Er
hob einen zerflederten Katechismus auf, an den sein Fuß gestoßen
war. »Nichts wird respektiert!« Da bemerkte er Frau Bovary.
»Verzeihung!« sagte er. »Ich hatte Sie nicht erkannt.«
Er steckte den Katechismus in die Tasche und blieb stehen, indem
er den schweren Sakristeischlüssel auf zwei Fingern balancierte.
Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll ins Gesicht und nahm
seiner Soutane alle Farbe. Sie glänzte übrigens an den Ellenbogen
bereits, und in den Säumen war sie ausgefasert. Fett- und
Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Knöpfe die Brust
entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn seines Gesichts,
wurden sie zahlreicher. Es war von Sommersprossen besät, die sich
in seinen stoppeligen grauen Bart hinein verloren. Er kam vom
Essen und atmete geräuschvoll.
»Wie geht es Ihnen?« erkundigte er sich.
»Schlecht!« antwortete Emma.
»Ja, ja! Ganz wie mir«, erwiderte der Priester. »Die ersten warmen
Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber es ist nun
einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt Paulus sagt. Und
wie denkt Herr Bovary darüber?«
»Ach der!« Sie machte eine verächtliche Gebärde.
»Was?« erwiderte der ehrwürdige Mann ganz erstaunt. »Verordnet er
Ihnen denn nichts?«
»Ach,« meinte sie, »irdische Heilmittel, die nutzen mir nichts.«
Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so daß sie
reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
»Ich möchte gern wissen ...«, fuhr Emma fort.
»Warte nur, Boudet, warte du nur!« unterbrach sie der Priester in
zornigem Tone. »Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
Schlingel, du!« Zu Emma gewandt, fügte er hinzu: »Das ist der
Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; sie
lassen dem Jungen die größten Narrenpossen durch. Der Bengel
könnte sehr wohl was lernen, wenn er nur wollte, denn er ist gar
nicht dumm ... Na, und wie gehts dem Herrn Gemahl?«
Emma tat, als ob sie die Frage überhört hätte. Der Geistliche fuhr
fort:
»Immer tüchtig beschäftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
beiden haben im Kirchspiel zweifellos am meisten zu tun ...« Er
lachte behäbig, »... er als Arzt des Leibes und ich der Seele.«
Emma schaute ihn flehentlich an.
»Sie! Ja!« sagte sie. »Sie heilen alle Wunden!«
»Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
da bin ich nach Bas-Diauville gerufen worden, zu einer
wassersüchtigen Kuh. Die Leute glaubten, das Tier sei verhext.
Merkwürdig! Alle Kühe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre und
Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!« Mit einem großen
Satze war er drinnen in der Kirche.
Da flohen die Knaben hinter das Meßpult oder kletterten auf den
Sitz des Vorsängers. Andre verkrochen sich in den Beichtstuhl.
Aber der Pfarrer teilte behend rechts und links einen Hagel von
Backpfeifen aus; einen der Jungen packte er am Rockkragen, hob ihn
in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, als ob er ihn mit
aller Gewalt in die Steinfliese hineindrücken wollte.
»So!« sagte er zu Frau Bovary, als er wieder bei ihr war, während
er sein großes Kattuntaschentuch entfaltete und sich den Schweiß
von der Stirn wischte. »Die Landleute sind recht zu bedauern ...«
»Andre Leute auch«, meinte sie.
»Gewiß! Die Arbeiter in den Städten zum Beispiel.«
»Die meine ich nicht.«
»Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienmütter kennen
lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
hatten nicht einmal das tägliche Brot.«
»Ich meine solche,« fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel zitterten,
während sie sprach, »solche, Herr Pfarrer, die zwar ihr täglich
Brot haben, aber kein ...«
»Kein Holz im Winter ...«, ergänzte der Priester.
»Ach, was liegt daran?«
»Was daran liegt? Mich dünkt, wer gut zu essen hat und eine warme
Stube ... denn schließlich ...«
»O du mein Gott!« seufzte Emma.
»Ist Ihnen nicht wohl?« fragte er, indem er sich ihr besorgt
näherte. »Gewiß Magenbeschwerden? Sie müssen heimgehen, Frau
Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Das wird Sie kräftigen. Oder
vielleicht lieber eine Limonade?«
»Wozu?«
Sie sah aus, als erwache sie aus einem Traume.
»Sie faßten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, es
sei Ihnen schwindlig.« Er besann sich. »Aber wollten Sie mich
nicht etwas fragen? Mir ist es so. Was war es denn?«
»Ich? Nichts ... oh, nichts!« stammelte Emma.
Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel müd auf den alten
Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne etwas
zu sagen.
»Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary«, sagte er nach einer Weile.
»Die Pflicht ruft mich. Ich muß zu meinen Taugenichtsen da. Die
erste Kommunion rückt heran. Ich fürchte, sie überrumpelt uns.
Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle Mittwoch eine Stunde
länger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie nicht früh genug auf
den Weg des Herrn leiten, wie es Gottes Sohn uns ja anbefohlen hat
... Recht gute Besserung, Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte,
Ihrem Herrn Gemahl!«
Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle das Knie
gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bis er zwischen den Bänken
verschwand. Er ging schwerfällig, den Kopf ein wenig eingezogen,
die beiden Hände in segnender Haltung.
Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
Weile hörte sie hinter sich noch die rauhe Stimme des Geistlichen
und die hellen Antworten der Knaben ...
»Bist du ein Christ?«
»Ja, ich bin ein Christ.«
»Wer ist ein Christ?«
»Wer getauft ist und ...«
Zu Haus stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am Geländer
festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
Lehnstuhl.
Das Licht des hellen Abends draußen flutete weich durch die
Scheiben herein. Die Möbel schlummerten still auf ihren Plätzen,
halb versunken in den Schatten der Dämmerung wie in einen
schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und eintönig
tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um sich herum
empfand Emma als einen wunderlichen Kontrast zu dem wilden Sturm
in ihrem Innern ...
Vom Nähtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren gewirkten
Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie haschte
nach den Bändern ihrer Schürze.
»Laß mich!« sagte Emma und wehrte das Kind mit der Hand ab.
Aber die Kleine kam noch näher und schmiegte sich an ihre Knie.
Sie umfaßte sie mit ihren Ärmchen und schaute mit ihren großen
blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
Speichel aus dem Munde des Kindes auf Emmas seidne Schürze.
»Laß mich!« wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
Ihr Gesichtsausdruck erschreckte das Kind. Es begann zu schreien.
»Aber so laß mich doch!« sagte Emma barsch und stieß ihr Kind mit
dem Ellenbogen zurück.
Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
ihr die Wange ritzte, so daß sie blutete. Frau Bovary stürzte auf
das Kind zu und hob es auf. Dann riß sie heftig am Klingelzug und
rief das Dienstmädchen herbei. Sie war nahe daran, sich Vorwürfe
zu machen, da erschien Karl. Es war um die Essenszeit. Er kam von
seiner Praxis heim.
»Sieh, mein Lieber,« sagte sie ruhigen Tones, »die Kleine ist beim
Spielen gefallen und hat sich ein bißchen geschunden.«
Karl beruhigte sie; es sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
allein pflegen. Als sie dann aber sah, wie es ruhig schlief,
verging ihr bißchen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
töricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer Geringfügigkeit
gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die Kleine nicht mehr.
Ihre Atemzüge hoben und senkten die wollene Bettdecke kaum
merkbar. Ein paar dicke Tränen hingen ihr in den halbgeschlossenen
Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse Augensterne
schimmerten. Das auf die Backe geklebte Pflaster verzog die Haut.
»Merkwürdig!« dachte Emma bei sich. »Wie häßlich das Kind ist!«
Als Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
»Aber ich habe dir doch gesagt, daß es nichts ist!« versicherte er
ihr, indem er ihr einen Kuß auf die Stirn gab. »Ängstige dich
nicht, armes Lieb, du wirst mir sonst krank!«
Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
nicht besonders aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich Homais für
verpflichtet gefühlt, ihn »aufzurappeln«. Dann hatte man von den
tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder ausgesetzt sind,
und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. Frau Homais mußte ein
Lied davon zu singen. Noch heute hatte sie auf der Brust ein
Brandmal: auf diese Stelle hatte die damalige Köchin einmal die
Kohlenpfanne fallen lassen! Infolgedessen waren die braven Homais
über die Maßen vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht
geschliffen und der Fußboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren
eiserne Gitter und vor dem Kamin ein paar Querstäbe angebracht.
Die Apothekerskinder, so verwahrlost sie im übrigen waren, konnten
keinen Schritt tun, ohne daß jemand dabei sein mußte. Bei der
geringsten Erkältung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbons voll,
und als sie bereits über vier Jahre alt waren, mußten sie ohne
Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die Köpfe tragen. Das war
lediglich eine Schrulle der Mutter; der Apotheker war insgeheim
sehr betrübt darüber, weil er Angst hatte, dieses Zusammenpressen
könne dem Gehirn schädlich sein. Einmal entfuhr es ihm:
»Willst du denn Hottentotten aus deinen Kindern machen?«
Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, als Leo vor ihm die
Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
»Ich wollte Sie noch etwas fragen!«
»Sollte er etwas gemerkt haben?« fragte sich der Adjunkt. Er bekam
Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
Als die Türe hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle sich
doch einmal in Rouen danach erkundigen, was ein hübsches Lichtbild
koste. Er hegte nämlich schon lange den sentimentalen Plan, seine
Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu überraschen. Er gedachte
sich im schwarzen Rocke verewigen zu lassen. Nur wollte er vorher
wissen, wieviel die Geschichte so ungefähr zu stehen käme. Dem
Adjunkt mache das wohl keine besondre Mühe, da er doch beinahe
aller acht Tage nach der Stadt führe.
Zu welchem Zwecke eigentlich? Homais vermutete
Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da täuschte er
sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
Wertherstimmung. Die Löwenwirtin merkte es daran, daß er seine
Portionen nicht mehr aufaß. Um hinter die Ursache zu kommen,
fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte unwirsch, er
sei kein Polizeibüttel.
Allerdings kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar vor.
Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zurück, packte sich mit den
Händen hinten am Kopfe und ließ sich in unbestimmten Klagen über
das menschliche Dasein aus.
»Sie sollten sich ein bißchen mehr zerstreuen«, meinte der
Steuereinnehmer.
»Womit denn?«
»Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an.«
»Aber ich kann doch nicht drechseln«, erwiderte der Adjunkt.
»Ach ja, freilich!«
Binet strich sich selbstzufrieden-verächtlich das Kinn.
Leo war es müde, erfolglos zu lieben. Das eintönige Leben begann
ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn erfüllten,
keine Hoffnungen, die ihn stärkten. Yonville und die Yonviller
ödeten ihn dermaßen an, daß er gewisse Leute und bestimmte Häuser
nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu geraten. Besonders
unausstehlich wurde ihm nachgerade der biedere Apotheker.
Gleichwohl schreckte ihn die Aussicht auf völlig neue Verhältnisse
genau so sehr, wie er sich danach sehnte. Dieses bange Gefühl
wandelte sich nach und nach in Unruhe, und nun lockte ihn Paris,
das ferne Paris mit der rauschenden Musik seiner Maskenfeste und
dem Lachen seiner Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein
Studium vollenden. Warum ging er nicht endlich dahin? Was hielt
ihn zurück?
In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
machte heimliche Pläne. Er träumte sich sein Pariser Zimmer aus.
Dort wollte er das Leben eines Bohémien führen. Gitarre wollte er
spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu ein Samtbarett und
Hausschuhe aus blauem Plüsch. Und über dem Kamin sollten zwei
gekreuzte Floretts hängen, ein Totenschädel darüber und die
Gitarre darunter. Wundervoll!
Das Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
allervernünftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
andern Kanzlei weiter auszubilden. So entschied sich Leo zunächst
zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen Adjunktenposten in
Rouen. Als ihm dies mißlang, schrieb er schließlich seiner Mutter
einen langen Brief, in dem er ihr ausführlich auseinandersetzte,
warum er ohne weiteres nach Paris übersiedeln wollte. Sie war
damit einverstanden.
Trotz alledem beeilte er sich keineswegs. Volle vier Wochen lang
gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville Koffer,
Rucksäcke und Pakete für ihn hin und her. Er vervollständigte
seine Garderobe, ließ seine drei Lehnstühle aufpolstern, schaffte
sich einen Vorrat von seidnen Halstüchern an, kurz und gut, er
traf Vorbereitungen, als wolle er eine Reise um die Welt antreten.
So verstrich Woche auf Woche, bis ein zweiter mütterlicher Brief
seine Abreise beschleunigte. Er hätte doch die Absicht, ein Examen
nach einem Semester zu machen.
Als der Augenblick des Abschieds gekommen war, da weinte Frau
Homais, Justin heulte, und Homais verbarg seine Rührung, wie sich
das für einen ernsten Mann schickt. Er ließ es sich jedoch nicht
nehmen, den Mantel seines Freundes eigenhändig bis zur
Gartenpforte des Notars zu tragen, wo des letzteren Kutsche
wartete, die den Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
Im letzten Viertelstündchen machte Leo seinen Abschiedsbesuch im
Hause des Arztes.
Als er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem zu
schöpfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
entgegen.
»Da bin ich noch einmal!« sagte Leo.
»Ich hab es erwartet!«
Emma biß sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle schoß unter der
Haut ihres Gesichts hin und färbte es über und über rot, vom
Halskragen an bis hinauf zu den Haarwurzeln. Sie blieb stehen und
lehnte die Schulter gegen die Holztäfelung.
»Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?«
»Er ist fort.«
Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
aneinander wie zwei klopfende Herzen.
»Ich möchte Berta gern einen Abschiedskuß geben«, sagte Leo.
Emma ging hinaus, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. Leo
warf schnell einen heißen Blick auf die Wände, die Möbel, den
Kamin, als wollte er alles umfassen, alles mit sich nehmen. Aber
da war sie auch schon wieder im Zimmer. Das Mädchen brachte die
kleine Berta, die einen Hampelmann an einem Faden in der Hand
hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
Leo küßte die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
»Lebwohl, armes Kind! Lebwohl, liebes Bertchen! Lebwohl!«
Er gab das Kind der Mutter zurück.
»Bring sie weg!« befahl Emma.
Sie waren wiederum allein.
Frau Bovary wandte Leo den Rücken zu und preßte ihr Gesicht gegen
eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisemütze in der Hand und
schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
»Es wird wohl regnen«, bemerkte Emma.
»Ich habe einen Mantel«, antwortete er.
»So!«
Sie wandte sich wieder um, das Kinn gesenkt. Das Licht glitt über
ihre vorgebeugte Stirn wie über glatten Marmor bis hinab in die
Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, was in ihren Augen
geschrieben stand, noch was die Gedanken dahinter sannen.
»Also adieu!« seufzte Leo.
Sie hob den Kopf mit einer jähen Bewegung.
»Ja, adieu! Sie müssen gehen!«
Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie zögerte.
»Sozusagen ein französischer Abschied!« meinte sie, indem sie ihm
die Hand überließ. Dabei lächelte sie gezwungen.
Leo fühlte ihre Finger in den seinen. Es kam ihm vor, als ströme
ihr ganzes Ich in seine Haut. Als er seine Hand wieder öffnete,
begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann ging er.
Als er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich hinter
einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letztes Mal ihr weißes Haus
mit seinen vier grünen Fensterläden sehen. Da vermeinte er, ihren
Schatten hinter der Gardine ihres Zimmers zu erblicken. Aber der
Vorhang hatte sich wohl von selbst gebauscht und fiel nun wieder
langsam in seine langen senkrechten Falten zurück, in denen er
dann regungslos stehen blieb wie eine Mauer von Gips. Leo eilte
von dannen.
Von weitem sah er schon den Wagen seines Chefs auf der Straße
halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und hielt das
Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten miteinander. Man
wartete auf ihn.
»Lassen Sie sich noch einmal umarmen!« sagte Homais, Tränen in den
Augen. »Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erkälten Sie sich
unterwegs nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie sich
ordentlich in acht!«
»Einsteigen, Herr Düpuis!« mahnte der Notar.
Der Apotheker beugte sich über das Spritzleder und stammelte mit
tränenerstickter Stimme nichts als die beiden wehmütigen Worte:
»Glückliche Reise!«
»Guten Abend, Herr Apotheker!« rief Guillaumin. »Los!«
Die beiden fuhren weg, und Homais wandte sich heimwärts.
* * * * *
Frau Bovary hatte das nach dem Garten gehende Fenster ihres
Zimmers geöffnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung nach
Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. Leichteres
finsteres Gewölk zog von daher im raschen Fluge heran,
durchleuchtet von schrägen Sonnenstrahlen, die wie die goldnen
Strahlenbündel einer aufgehängten Trophäe hervorschossen. Der
übrige wolkenlose Teil des Himmelszeltes war weiß wie Porzellan.
Ruckweise Windstöße beugten die Häupter der Pappeln; plötzlich
rauschte Regen herab und prasselte durch das grünschimmernde
Laubwerk. Bald kam die Sonne wieder heraus. Die Hennen gackerten.
Die Spatzen schüttelten ihre Flügel auf dem nassen Gezweig, und in
den Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
Akazienblüten.
»Wie weit mag er nun schon sein!« dachte sie.
Halb sieben, beim Essen, erschien Homais gewohnterweise.
»Na,« sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, »unsern jungen
Freund hätten wir glücklich verfrachtet!«
»Wie man mir berichtet hat«, gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: »Und was gibts bei
Ihnen Neues?«
»Nichts weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein bißchen
aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich aus dem
Häuschen. Und meine ganz besonders! Aber man soll ihnen daraus
keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben zarter besaitet als
unsre.«
»Der arme Leo,« bemerkte Karl, »wie wirds ihm in Paris ergehen?
Wird er sich dort einleben?«
Frau Bovary seufzte.
»Natürlich!« meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
»Feine Soupers! Maskenbälle! Sekt! Daran gewöhnt man sich schon,
versichre ich Ihnen.«
»Ich glaube nicht, daß er unsolid werden wird«, warf Bovary
ein.
»Gott bewahre!« entgegnete Homais lebhaft. »Aber mit den Wölfen
wird er halt heulen müssen. Sonst wird er als Duckmäuser
verschrien. Sie haben keine Ahnung, was diese Kerlchens im
Studentenviertel für ein flottes Leben führen! Mit ihren kleinen
Mädchen! Übrigens sind die Studenten in Paris überall gern
gesehen. Wenn einer nur ein bißchen gesellige Talente hat, stehen
ihm die allerbesten Kreise offen. Und es gibt sogar in der
Vorstadt Saint-Germain feine Damen, die sich Studenten zu Liebsten
nehmen, und das gibt ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich
zu verheiraten.«
»Das mag schon sein,« sagte der Arzt, »ich habe nur Angst,
er ... wird ... dort ...«
»Sehr richtig,« unterbrach ihn der Apotheker, »das ist die
Kehrseite der Medaille! In Paris, da muß man sich fortwährend die
Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer öffentlichen
Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, anständig angezogen,
womöglich ein Ordensbändchen im Knopfloch. Man könnte ihn für
einen Diplomaten halten. Er spricht Sie an. Sie kommen ins
Plaudern. Er bietet Ihnen eine Prise an oder hebt Ihnen den Hut
auf. So wird man intimer. Er nimmt Sie mit ins Café, ladet Sie in
sein Landhaus ein, macht Sie bei einem Glas Wein mit Tod und
Teufel bekannt -- und das Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder
verstrickt Sie in gefährliche Abenteuer.«
»So ist es!« gab Karl zu. »Aber ich dachte vor allem an die
Krankheiten, die dem Studenten aus der Provinz in der Großstadt
drohen. Zum Beispiel ... der Typhus.«
Emma zuckte zusammen.
»Der kommt von der gänzlich veränderten Lebensweise«, fuhr der
Apotheker fort, »und der dadurch hervorgebrachten Umwälzung des
ganzen Organismus. Und dann denken Sie an das Pariser Wasser! An
das Essen in den Restaurants! Diese starkgewürzten Speisen
verderben schließlich das Blut. Man mag sagen, was man will, mit
einer guten Hausmannskost sind sie nicht zu vergleichen. Ich für
meinen Teil, ich schätze von jeher die bürgerliche Küche. Die ist
am gesündesten. Als ich stud. pharm. in Rouen war, da habe
ich deshalb regelmäßig in einer Pension gegessen. Die Herren
Professoren aßen auch da ...«
In dieser Weise fuhr er fort, sich über seine Ansichten im
allgemeinen und seinen persönlichen Geschmack im besondern
auszulassen, bis Justin kam und ihn zur Bereitung einer bestellten
Arznei holte.
»Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!« schimpfte er.
»Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
Arbeitstier bin ich, das Blut schwitzen muß. Das ist ein
Hundedasein!«
In der Tür sagte er noch:
»Übrigens, wissen Sie schon das Neueste?«
»Was denn?«
Homais zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
»Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Versammlung der Landwirte
unsers Departements heuer in Yonville stattfindet. Man munkelt
wenigstens. In der heutigen Zeitung steht auch schon eine
Andeutung. Das wäre für die hiesige Gegend von großer Bedeutung!
Aber darüber reden wir noch einmal! Danke, ich sehe schon. Justin
hat die Laterne mit ...«