Psyche

1

»Phantasieloses -- poesieloses Gesindel!« rief Rinaldo Fossano

unmutig, setzte sein Barett auf, warf mit geübter Geschicklichkeit

den rot gefütterten Mantel um, daß der rechte Zipfel auf die linke

Schulter flog, und verließ, in der Haltung eines mit seinen Truppen

unzufriedenen Generals, die Bühne des Teatro Farnese.

Den ganzen Morgen hatte er sich mit den Tänzerinnen abgequält, um

ihnen Verständnis für sein neukomponiertes pantomimisches Ballett

beizubringen, mit dem er die Saison in Venedig zu eröffnen gedachte,

nachdem seine für das Teatro Farnese zusammengestellte Stagione die

Vorstellungen in Parma beendigt haben würde.

Die armen Jüngerinnen Terpsichores gaben sich die erdenklichste

Mühe und boten ihre ganze Kunst auf, um ihren Herrn und Meister zu

befriedigen.

Aber Signor Fossano war nicht nur ein Tänzer von Gottes Gnaden; er war

auch ein Dichter, dessen Phantasie nach rhythmischen Orgien verlangte,

in denen sich aber der menschliche Körper nur in den seltensten Fällen

ergeht.

Von mit den raffiniertesten Kniffen des Kunsttanzes Vertrauten

verlangte er noch Evolutionen, die sich mit Selbstverständlichkeit

aus der inneren Empfindung heraus rein instinktiv und ohne Berechnung

ergäben -- Bewegungen ohne Dressur --, ein Spiel der Linien, das sich

ganz unmittelbar aus der Phantasie des Tanzenden ins Körperliche

übertrüge -- ungewollt -- fast improvisiert und so, weil natürlich und

einfach, als Kunstdarbietung vollkommen.

Das läßt sich nicht erlernen! Das muß von vornherein da sein! Und bei

keiner von allen den schönen Ballerinas hat er's bis jetzt gefunden!

»Hüpfen können sie wie die Grasmücken -- schöne Drehungen -- kunstvolle

Pirouetten machen! Auf den Fußspitzen trippeln -- himmelhoch springen

-- bezaubernd lächeln -- glühende Blicke abfeuern -- Kußhände in die

Logen werfen! Küssen können sie auch!

Aber keine einzige, die es verstünde, bloß als lebend gewordener

Drang zur Loslösung von der Erdenschwere da zu sein! -- als Wille zum

Schweben, wie wenn der Schmetterling, soeben aus der Raupe gekrochen,

zum ersten Male im Sonnenschein die Flügel ausbreitet, aber noch nicht

fliegt! Ein Stück Himmelsbewohner, der Erde entwachsen, aber noch auf

Erden da -- noch nicht abgeflogen! -- Ein Versprechen, im nächsten

Augenblick dahinzuschweben -- die Hoffnung unserer Sehnsucht -- die

Gewißheit der baldigen Erhörung auf der Schwelle der Erfüllung!

Keine einzige, die das hat! Keine, die sich bloß zu zeigen braucht,

um das zu geben -- die, kaum, daß sie sich bewegt, die Seele des

Zuschauers in Orgien des wiegenden Tanzes berauscht, welche der Körper

nur ahnen lassen kann, die aber die Seele bewegen, wenn man bloß die

Augen schließt!«

Er ging sie alle in Gedanken durch -- -- die Cesi -- die Bandolini --

die Grassini -- die Gandolfi und die viel zu vielen, deren Namen noch

keine Namen waren!

Schöne Körper -- üppige Formen -- schlanke Biegsamkeit -- Feuer --

Verve -- Tempo -- virtuoses Können -- Geist -- Temperament -- alles war

da!

Nur das eine nicht, was seiner Phantasie vorschwebte, das unnennbare

gewisse Etwas, was sie dazu prädestiniert hätte, _=Psyche=_

darzustellen!

»Zum Teufel mit allem Können! Verflucht die ganze Kunst, wenn sie

_=das=_ nicht hergibt! Lieber die erste beste von der Straße, wenn

sie bloß die Empfindung hat und sich treiben läßt -- wenn sie bloß

_=ahnt=_, was ich will, und von keiner virtuosen Verbildung verhindert

wird, es auch so zu geben!«

Mißmutig trat er auf den Burghof der »Pilotta« hinaus, wie man den

ewig unvollendeten Prachtbau der Farnese nannte, in dessen einen

Flügel das riesige Theater eingebaut war. Wie ein Triumphator wurde

Fossano von den jungen Parmesanerinnen empfangen. Ein Regen von Blumen

überschüttete ihn. Wie ein Schwarm von Schmetterlingen, so flatterte

es um ihn, in bunter Mannigfaltigkeit lichter Farben -- glutrote

Lippen lächelten verheißungsvoll und lachten in übermütigem Jauchzen

-- Tausende von Händen wetteiferten, einen Zipfel seines Mantels zu

erhaschen -- es war ein Schreien, ein Aufjauchzen jugendlicher Stimmen,

ein Feuerwerk aus glühenden dunklen Augen, ein Drängen, ein Stoßen --

wie immer, wenn er nach beendigter Probe oder Vorstellung das Theater

verließ.

Keinen Scherz aber hatte er zum Dank bereit, kein munter hingeworfenes

Wort -- keinen Gruß auf die vielen »Evviva«-Rufe! Die Blumen ließ er

liegen, trat sie achtlos mit den Füßen, bahnte sich brüsk seinen Weg

durch die Menge -- machte dann kehrt, blieb einen Augenblick stehen und

musterte sie alle, der Reihe nach, scharf, durchdringend, kehrte ihnen

dann achselzuckend den Rücken, drückte den Hut in die Stirn und ging

weiter.

»Keine einzige!« murmelte er halblaut, »keine einzige!« und achtete

nicht weiter auf die Schar jugendlicher Verehrerinnen, die ihm trotz

seiner Gleichgültigkeit das Geleit gaben.

Da, als er in die Strada al duomo einbiegen wollte, glitt eine Gestalt

an ihm vorüber, die sofort seine Blicke gefangennahm.

Da war sie! Das war's! -- Ein Schweben -- ein leichtes Hinschreiten --

eine Rhythmik der Bewegung -- eine Hoheit der Haltung -- ungewollt und

selbstverständlich -- ein Königtum der Linien, so stolz und frei, daß

es die ärmliche Kleidung adelte, die den mädchenhaften, kaum noch der

Kindheit entwachsenen Körper umhüllte!

Er wollte ihr nach, kam aber nur langsam vorwärts im Gedränge -- verlor

sie aus den Augen, fluchte -- brach sich mit Ungestüm Bahn, stürzte

wie ein Wahnsinniger vorwärts auf die Piazza del duomo hinaus und kam

gerade noch zur Zeit, sie mit den Blicken zu fassen, als sie zwischen

den roten marmornen Löwen Correggios am Tor des Domes hindurchschritt,

um im Dunkel der Kirche zu verschwinden.

Schnell wie der Wind setzte er ihr nach und trat in das Gotteshaus.

Er suchte sie in den Kapellen der Seitenschiffe unter den dort Knienden

-- suchte sie unter den vor den Beichtstühlen Harrenden, aber umsonst.

Endlich fand er sie!

Da oben, auf den vielen Stufen am Ende des Mittelschiffes, wo die

riesige Kuppel sich vor dem Hauptaltar wölbt, stand sie allein, die

Blicke nach oben gerichtet. Sie war so tief in inbrünstiges Schauen

versunken, daß sie nichts davon merkte, was sich um sie her zutrug.

Schlank wie eine Gerte, erhob sich der jugendliche Körper in seltenem

Ebenmaß der Formen -- fast ohne Schwere stand sie da, kaum noch die

Erde berührend, und -- als wollte sie sich im nächsten Augenblick zum

Fluge heben, so wuchs sie -- löste sich allmählich vom Fußboden -- hob

sich mit unvergleichlicher Grazie auf die Fußspitzen und breitete die

Arme nach oben.

So stark war der Eindruck, daß er im Nu die vielen Stufen nahm und auf

sie zustürzte, um sie festzuhalten, damit sie ihm nicht entflöge. Aber

sie bemerkte ihn nicht. Im Geiste war sie schon da oben, und sein Geist

flog mit.

Er sah, was sie schaute und was ihre Seele erfüllte, er empfand ihre

Empfindung.

Nicht unten auf den Steinfliesen des Fußbodens stand er mehr --

dort oben weilte er unter den Gestalten, die der Pinsel Correggios

hingezaubert hatte, teilhaft des Wunders der Erlösung aus dem Fleische.

Zunächst nur als Schauender, vom Licht Geblendeter, als einer der

Apostel, die, rings um die Brüstung, über die sich die Kuppel wölbte,

in ehrfürchtiger Anbetung festgebannt, kaum die Blicke zu erheben

wagen, aber vom Lichte angezogen, in inbrünstiger Verzückung erstarrt,

mit den Blicken die Herrlichkeit einsaugen, von der sie nachher den

Erdenwürmern künden sollen, während ringsum die Genien den Tempel

schmücken, die Flammen der Opferschalen mit den Flammen des ewigen

Lichtes schüren und den Raum, durch den der Ausblick ins Himmlische

verstattet werden soll, umsäumen, um jedem unheiligen Gedanken das

Nahen zu verwehren.

Und sie?! Die Gottesmutter selbst war sie, die, von Genien und

Cherubinen getragen, durch rosenrote Wolken dem ewigen Lichte

entgegenschwebte, von einem Cherub zärtlich umschlungen, der sie

vorwärts drängte und zugleich zurückhielt. Während ihre Blicke

angstvoll nach oben starrten -- ihre Arme sich öffneten -- die Hände

nach oben gestreckt, wie um das unfaßbare Glück zu erhaschen: --

die Befreiung durch tiefste schmerzlichste Lust -- die Auflösung

fleischgewordenen Dunkels in geistsprühendes Licht!

_=Leben=_ -- volles leidvolles Leben war dies! -- Und das war sie noch

nicht -- die Erfüllung noch nicht! _=Die Sehnsucht danach war sie,=_

die süße verheißungsvolle Sehnsucht, die am höchsten trägt, weil sie

immer noch unbefriedigt bleibt, immer noch strebt und nach Seligkeit

verlangt! -- Psyche war sie, die sich dort oben, frei und unbehindert,

von ihrer inneren Kraft allein gehoben, aus dem Kranze der Seligen

loslöste! Während Maria noch, von ihrer irdischen Mutterschaft

beschwert, sich von seligen Kindern tragen lassen mußte! Und er war

nicht länger der geblendete Zuschauer, der kaum mit den Blicken zu

folgen wagte -- der Genius war er, der allein mitten im Kreise am

höchsten schwebte, den Weg zu zeigen -- dem sie alle zu folgen hatten!

Er hatte ihre Gedanken recht erraten. Erst war sie vom Bilde der

leidenden Gottesmutter gebannt, vom Cherub umschlungen und nach oben

gehoben wie sie -- dann von ihm und den übrigen beschwert und nach

unten gezogen! Sie stampfte auf, um sich frei zu machen, und da traf

ihr Blick Psyche, die, von nichts gehalten, frei, von ihrer inneren

Begeisterung gehoben, nach oben schwebte! Und dieselbe Begeisterung kam

über sie! -- Kaum noch empfand sie die Berührung mit der Erde -- sie

erhob sich in voller Entfaltung ihrer natürlichen Grazie, die Hände

nach oben gestreckt, mit den Blicken verzückt das Licht und die Farben

einsaugend.

Da packte ihn die Angst, sie zu verlieren! Der Führer und Wegweiser

ins himmlische Licht wurde zum Luzifer, der ihr den Weg verlegte,

das leuchtende Licht vom Himmel stahl und in Glut der Leidenschaft

wandelte, um ihr damit auf dem Weg in die Tiefe zu leuchten.

In die Tiefe mußte sie -- zur Erde zurück -- in alle Höllen des Lebens

untertauchen -- das Erdhafte, das noch ihre Seele umfing, abstreifen!

_=Dann erst=_ durfte sie hinauf! Dann erst konnte sie den Staub

hienieden verlassen -- nach Kampf und Leiden! Eher nicht!

Und auf einmal von der Begegnung mit ihr in der Phantasiewelt zurück,

stand er wieder hinter ihr, als der Tänzer Fossano, bereit, sie auch

leiblich zu erhaschen und sie mit seiner Kunst an die Erde zu bannen!

Er trat an sie heran, und indem er auf das Deckenbild -- die

Himmelfahrt Marias -- zeigte, flüsterte er ihr neckend zu:

»Das möchtest du wohl, so bis in den Himmel hineinschweben können?!«

Sie zuckte zusammen, war sofort wieder unten und sah ihn erschrocken

an, aus großen dunklen Augen, die noch vor Erregung glühten!

»O ja!« sagte sie dann hingerissen, schloß die Augen, seufzte und war

mit ihrer Seele wieder oben in der Region der Seligen.

Er ließ sie aber nicht so leichten Kaufes. Schnell umschlang er ihre

Schulter und flüsterte noch eindringlicher:

»Das zu wollen -- danach aus ganzer Seele zu trachten -- weißt du, was

das ist?«

»Nein«, antwortete sie, ohne die Augen zu öffnen.

»Das ist -- _=der Tanz=_!«

Sie machte kehrt und sah ihn groß und fragend an.

»Ach, könnte ich's!« kam's wie ein Stoßseufzer zwischen ihren

halbgeöffneten Lippen hervor.

»Du kannst es! Denn du scheinst mir den Trieb aus dir heraus zu haben!

Das ist der Tanz in höchster Potenz: _=hinauf=_ zu wollen und _=unten

bleiben zu müssen=_ -- den Himmel offen zu sehen und so doppelt schwer

die Abhängigkeit von der Erde zu fühlen!«

Sie sah ihn angstvoll an, sank dann plötzlich auf dem Steinboden

zusammen und fing an bitterlich zu weinen.

Er hob sie auf.

»Nur nicht weinen«, sagte er. »Finde dich mit der Erde ab -- sieh,

wie schön sie ist, wie bunt sie in Gold und Farben glitzert! -- Freue

dich, daß du da bist -- gib dich deiner Freude am Dasein hin -- spende

sie den anderen -- mach auch sie den Drang hinauf vergessen -- töte

jene Sehnsucht, die Schmerzen bringt -- tauche sie in Lust, wie's die

anderen auch tun, und du wirst glücklich sein!«

Sie riß sich von ihm los, trat einen Schritt zurück und sah ihn

entsetzt an.

»Folge meinem Rat! -- Erkenne die Welt in ihrer ganzen Schönheit --

und du wirst ihre Herrin sein und über sie gebieten!«

Nochmals blickte sie nach oben, aber draußen war eine Wolke über

die Sonne geglitten, das Licht unter der Kuppel schwand, die Farben

erloschen, das Wunder der Himmelfahrt hatte seine Zauberkraft

eingebüßt, alles durch ihn, den schönen, selbstgefällig lächelnden

Mann, der ihr sein Gift in die Ohren geträufelt hatte! -- Der Teufel

war er, der ihr die Erdenlust pries und ihr zu sagen schien: »All das

gebe ich dir, wenn du nur nicht hinaufblickst, wenn du mir zu Füßen

fällst und mich anbetest!«

Schnell zog sie ihr herabgeglittenes Tuch um den Hals zusammen und floh

aus dem Gotteshause, ohne zu wagen, den Versucher auch nur anzusehen.

Ein kurzes Lachen verfolgte sie und beflügelte ihre Schritte.

Draußen, im Menschengewühl, gewann sie allmählich ihre Sicherheit

wieder. Die Sonne brach wieder durch die Wolken, alles prangte im Glanz

des Frühlings -- alles lachte und jauchzte und freute sich des Daseins.

An einer Straßenecke war Musik und Tanz. Sie mischte sich unter die

Neugierigen, drängte sich bis in die erste Reihe vor und schaute

andächtig zu.

Ein kleines Mädchen von sieben Jahren, barfuß und mit nackten Beinen,

in hellem leichtem Kleid und rotsamtner, mit Pailletten besetzter

Jacke, tanzte eine Tarantella zu den Rhythmen ihres Tamburins,

begleitet von einem alten schmutzigen, zerlumpten Kerl, der auf der

Erde saß und die Zither spielte.

Sie hatte die natürliche Grazie der Kinder des Südens, die leichte

Beweglichkeit und den rhythmischen Sinn; sie schlug taktfest ihr

Tamburin, als sie im Kreise herumflog, schüttelte es hoch über

dem Kopfe, die andere Hand in die Seite stemmend, und drehte sich

schneller und schneller, immer wieder von den Zurufen ihres Begleiters

getrieben, dem sie nicht genug tun konnte. Ihr Lächeln hatte etwas

Gezwungenes, ihr ganzes Auftreten war von einem fremden Willen gelenkt.

Das einzige Natürliche bei ihr war die Angst -- und die war nichts als

die Furcht, den Unwillen ihres Herrn und Gebieters zu erregen. Sie

strahlte vor Freude, als nach beendigtem Tanz die Kupfermünzen auf das

bereit gehaltene Tamburin niederprasselten, und leerte es rasch in die

Hand des Alten, der, unzufrieden brummend, die Ernte gierig in die

Tasche schob und halblaut auf den Geiz der Leute schalt!

»Vorwärts, einsammeln!« rief er, »die da hat noch nichts gegeben!« und

zeigte auf das junge Mädchen, das in der ersten Reihe stand.

Schnell wollte sie sich hinter die Umstehenden verbergen. Aber das Kind

war rascher als sie. Schon stand es vor ihr, das Tamburin vorgestreckt,

und sie hatte nichts zu geben und errötete vor Scham.

»Weiß Gott -- ich möchte dir gern ein Goldstück hineinwerfen«, dachte

sie, »aber woher es nehmen?«

Kaum gedacht, da flog ein Goldstück über ihre Schulter in das

Tamburin hinein. -- Sie blickte sich um und sah -- einen jungen,

hübschen, schlanken Menschen, in der Haltung stolz wie ein Fürst, der

sie lächelnd anblickte. Derselbe, der sie in der Kirche erschreckt

hatte, und doch nicht derselbe! Jetzt flößte er nur Zutrauen ein,

wie ein alter Bekannter, ein guter Kamerad, der da war, ihr aus der

Verlegenheit zu helfen!

Es schimmerte etwas wie Dankbarkeit in ihrem Blick, als sie ihn ansah.

Er lächelte und, wie um ihr zu zeigen, daß er ihren Wunsch erraten

hatte, warf er ein zweites Goldstück in das Tamburin, das das Kind noch

hinhielt, starr über die unverhoffte fürstliche Gabe.

»Vorwärts«, rief er lachend, »nun tanz mir noch einen Saltarello!«

Und das Kind eilte, die goldene Ernte bei seinem Gebieter in Sicherheit

zu bringen.

»-=Mille grazie, Signore!=-« kam es von dem Alten zurück, die Gitarre

zirpte -- das Kind flog wieder im Kreise herum, sein Tamburin schlagend

und schüttelnd, daß die Schellen klirrten -- und niemand schaute zu --

alle hatten nur Augen für den berühmten Tänzer!

»Fossano! Evviva, Fossano!« riefen sie und drängten sich um den

Vielbewunderten, der da stand und die Huldigung über sich ergehen ließ.

»Hier trete ich nicht auf«, rief er, sich lachend wehrend, »hier bin

ich nur Publikum! Schaut zu ihr hin! _=Die=_ hat jetzt die Kunst zu

vertreten!«

Und alles lachte und klatschte Beifall. Die Kleine tanzte wie um ihr

Leben. Und Fossano, der sich doch immer als Mann der Öffentlichkeit

geben mußte, ob er auftrat oder nicht, fing an, sie laut zu kritisieren

und ihren Tanz zu verhöhnen, immer noch sich an das junge Mädchen

wendend, hinter dem er stand, und das ihn groß anblickte, beglückt, von

dem berühmten Tänzer überhaupt bemerkt zu werden.

»Du blickst mich so an«, lachte er, »als fürchtest du, ich würde dich

lebendig fressen! Blick lieber die Drehpuppe da an! -- Da kannst du

sehen, wie der Tanz _=nicht=_ sein soll! Oder gefällt's dir?«

»Ich weiß nicht!«

»Nein, du weißt nicht! Aber du ahnst es, und deshalb werde ich dir

sehen helfen. Das Überschäumen des Blutes -- der landesübliche

musikalische Sinn _=ohne=_ Sinn, den das Pack hierzulande immer hat --

die Geilheit, die das Tempo gibt, solange sie da ist, und dann nicht

mehr! Angelernte Bewegungen ohne innere Notwendigkeit! Die Poesie --

die Innerlichkeit, der Drang, sich zu geben, fehlen! Ebenso das Können,

die Fähigkeit, aus anderer Leute Seele Funken zu schlagen, zu zünden,

mitzureißen und zu begeistern. Woher Geist nehmen -- wo keiner ist! --

Ein hübsches Spiel für die Augen, solange sie hübsch ist -- und dann

ist's aus! -- Der Tanz da gibt nie im Leben eine Himmelfahrt! -- Und

wenn's im Leben versäumt wird, nachher ist's aus! -- Hüpf zu!« rief er

der Tänzerin zu. »Hüpf zu -- und fall nicht! Denn nachher liegst du auf

dem Rücken und zappelst, und da ist's aus mit dem Tanz, da hüpfst du

nicht mehr!«

Die Umstehenden lachten und warfen ihr noch derbere Scherzworte zu --

weinend floh sie zu dem Alten, um Schutz zu suchen. Brummend stand

er auf, schlug seinen Mantel um sich und sie, ging um die Ecke und

verschwand mit ihr und seiner goldenen Ernte! Das Publikum zerstreute

sich. Fossano blieb stehen.

Ihm war alles andere gleichgültig. Er dachte nur an das junge Mädchen,

dem er gefolgt war. Nur zu ihr oder für sie hatte er gesprochen,

und nur um zu sehen, wie sie sich dabei verhielte! Alles andere war

ihm gleichgültig. Zornig hatte sie geblickt und Empörung gezeigt --

Tränen des Mitleids waren ihr in die Augen gekommen. Und als sie ihm

den Rücken zukehrte und ging, bewunderte er die feine Biegung des

Halses, den wundervoll angesetzten fein geschnittenen Kopf und die

unabsichtlich natürliche Plastik ihrer Bewegungen, wie sie so langsam

davonschritt und dann wieder stehenblieb.

»Niobe«, dachte er, »Niobe -- die noch nicht die Kinderschuhe

ausgetreten hat!«

Sie empfand seinen kalten, prüfenden Blick, sah ihn lächeln -- das Blut

schoß ihr gegen den Kopf, sie eilte auf ihn zu.

»Die Augen könnte ich Ihnen auskratzen!« rief sie und ballte ihre

Fäuste unter seinem Gesicht.

»Bravo!« rief er, aufrichtig erfreut über ihren prächtigen Zorn, und

packte ihre Hände.

Sie riß sich los, nicht ohne den bewundernden Ausdruck in seinem

Gesicht bemerkt zu haben, und sagte, immer noch schmollend, aber

bedeutend besänftigt: »Sie sind abscheulich!«

»Und du bist entzückend!«

Sie stampfte auf den Boden!

»Sagen Sie, was Sie wollen, aber es war herzlos von Ihnen! Wie konnten

Sie dem Kinde weh tun wollen?«

»Du willst wissen, was ich wollte!« lachte er. »Denkst du, _=die=_

kümmert mich? _=Dich=_ wollte ich sehen! Und du hast dich mir gezeigt

-- im Schmerz und Mitleid ganz gut -- im Zorn ausgezeichnet!«

Tränen der Wut und Beschämung traten ihr in die Augen.

»Warum machen Sie sich über mich lustig?«

»Das tue ich nicht! Mein Interesse an dir ist aufrichtig! Ich mag dich

gern!«

Sie blickte ihn fragend an. Er wollte es aber nicht gleich

weitertreiben und fragte nur beiläufig:

»Wie alt bist du?«

»Sechzehn!«

»Wie heißt du?«

»Babara!«

»Nun, Baberina -- hast du schon ein richtiges Ballett gesehen?«

»Nein!«

»Bist du nicht im Theater gewesen?«

»Niemals!«

»Aber du möchtest wohl?«

»O wie gern!«

»Willst du heute abend das Ballett sehen, in dem ich tanze?«

»O ja!«

»Komm also eine Viertelstunde vor der Vorstellung nach dem Teatro

Farnese, frag nach dem Ankleidezimmer Fossanos -- Fossano, das bin ich!«

»Ich weiß.«

»Frag also den Türwärter danach, und man wird dich hineinführen. Du

nimmst deine Eltern mit.«

»Ich habe nur die Mutter!«

»Bring sie mit! Und nach der Vorstellung laßt euch zu mir führen!«

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen und sah sie an.

»Dein Vatersname?« fragte er.

»Campanini!«

»Babara Campanini! Babara Campanini! Sage mal, Baberina«, er kam wieder

auf sie zu, »ihr seid wohl nicht allzusehr mit Glücksgütern gesegnet?«

»So wie heute sind uns die Goldstücke nicht gleich bei der Hand, wenn's

ans Zahlen geht!«

»Das kann noch kommen!« lachte er.

»Wie meinen Sie?«

»Nun -- das hast du doch soeben gesehen! Du brauchtest nur zu wünschen,

und gleich waren sie da!« Sie wußte, daß er die Wahrheit sagte, aber

sie mochte es doch nicht glauben.

»Woher wußten Sie, was ich gerade wünschte?«

»Ein Wunsch ist nicht schwer zu erraten, wenn das Interesse da ist!«

»Aber Sie warfen gleich ein Goldstück!«

»Wolltest du nicht ein Goldstück für sie?«

»Ja. Und daß Sie das gleich wußten, macht mich bange!«

»Wer fürstlich zu wünschen versteht und gleich vom Schicksal mit der

Erfüllung bedient wird, braucht keine Angst zu haben! Wünsche nur

weiter!«

Er lächelte, und dies Lächeln brachte sie wieder in Harnisch.

»Was wollt Ihr von mir? Warum seid Ihr hinter meinen Gedanken und

Wünschen her -- erst in der Kirche und dann jetzt?«

Er lachte laut.

»Hast du Angst, mir etwas schuldig zu bleiben?«

»Wenn Sie so lachen, ja -- weiß Gott -- da möchte ich eine Handvoll

Goldstücke haben, um --«

»Um?«

»Um sie Ihnen ins Gesicht zu werfen!«

»Bravo«, lachte er wieder. »Das war wieder fürstlich gedacht! Das

Vergnügen kannst du noch haben!«

»Wieso?«

»Etwa -- wenn ich dir Unterricht gäbe und es ans Zahlen käme! Mich

zahlt man nur mit Goldstücken!« lachte er.

»Ihr wißt gut, daß ich das nicht könnte! Und deshalb solltet Ihr nicht

lachen!«

Die Tränen kamen ihr wieder in die Augen.

Er wurde plötzlich ernst. Er hatte sich das Vergnügen gemacht, sie aus

der einen Stimmung in die andere zu hetzen! In jeder Empfindung hatte

sie pariert, alles war echt und von ungesuchtester Natürlichkeit!

Er durfte es aber nicht zu weit treiben, sonst würde er die Führung

verlieren -- sonst würde sie ihm aus den Händen gleiten! Und er wollte

sie einfangen -- er brauchte sie, denn sie war, was er suchte!

»Verzeih mir!« sagte er, und seine Stimme nahm eine warme Färbung an,

»ich wollte dir nicht weh tun! Ich bin nicht gewohnt, alles so ernst

zu nehmen und zu meinen! Mir lacht eben das Leben; daher kommt's, daß

ich über alles lache! Mehr ist's auch nicht wert! Und ich möchte es dir

auch beibringen! Du hast das Tanzen im Blute, da gehe ich nicht fehl!

Ich mach es dir frei! Ich bringe dir das Tanzen bei -- du wirst bei mir

Unterricht haben!«

Sie sah ihn groß an, als erzähle er ihr ein Märchen.

»Sechzehn Jahre bist du schon?«

»Bald siebzehn!«

»Höchste Zeit denn, wenn aus dir noch was werden soll! Komm also mit

deiner Mutter heute ins Theater. Nachher wirst du mir sagen, wie es dir

gefallen hat! Und das Weitere wird sich finden!«

Sie war außer sich vor Freude. Ihr Traum, ihr Traum sollte

Wirklichkeit werden! Sie wagte es kaum zu glauben, sie wußte auch

nichts zu sagen; von Glück überwältigt blickte sie ihn an, Tränen der

Dankbarkeit in den Augen; sie beugte sich rasch, ergriff seine Hand und

küßte sie. Errötete dann über ihre Dreistigkeit und floh davon wie der

Wind.

»Babara!« rief er. Aber sie hörte ihn nicht.

»Ich hätte mitgehen sollen. Ich hätte wenigstens fragen sollen, wo sie

wohnt!«

Er fürchtete, Psyche, die er so lange gesucht und endlich gefunden

hatte, würde ihm wieder verlorengehen.

»Bah -- sie wird schon ins Theater kommen«, dachte er dann

achselzuckend. »Wenn sie die Richtige ist, wird es sie treiben -- dann

wird sie's nicht lassen können! Und sie ist die Richtige! Mein Auge

betrügt mich nicht!«

2

Er hatte recht -- und unrecht zugleich.

Die Begegnung in der Kirche hatte sie erschreckt, ihr Innerstes

aufgewühlt und in eine noch nie empfundene Unruhe versetzt. Sein Hohn

hatte sie empört, sein herzloses Lachen sie angewidert. Auch wenn

er freundlich zu ihr sprach, war etwas Kaltes, Lauerndes in seinen

Blicken, daß ihr angst und bange wurde, die freundlichen Worte würden

im nächsten Augenblick schneidendem Hohn Platz machen. Und dem wollte

sie sich nicht aussetzen.

Die Empörung trieb ihr das Blut ins Gesicht, als sie an seine herzlosen

Worte an die arme Straßentänzerin dachte. Wenn er _=ihr=_ jemals so

kommen würde, sie würde ihm das Messer ins Herz stoßen!

Für ihr Leben gern wollte sie ins Theater! Sie hatte eine brennende

Lust, einmal ein richtiges Ballett zu sehen! Aber nachher müßte sie ja

zu ihm; und wer weiß, wie er zu ihr sprechen würde? Also lieber nicht!

Sie erzählte wohl der Mutter getreulich von der Begegnung mit ihm, tat

nicht wenig stolz über ihre Unterhaltung mit dem berühmten Tänzer, über

sein offenbares Interesse für sie: wie er ihr nachgegangen wäre, und

wie wenig sie sich daraus machte! Aber sie erwähnte mit keinem Wort

sein Anerbieten, auch nicht die Einladung, ins Theater zu gehen.

Die Mutter wurde ganz aufgeregt.

»Das Glück! Das Glück! Den bringe ich noch dazu, dich zu unterrichten!«

»Um aller Heiligen willen!«

»Schweig, du bist eine Gans -- eine dumme Gans bist du! Das Glück fällt

dir in den Schoß, und du brauchst bloß zuzugreifen! Bloß zuzugreifen

brauchst du! Ja, hast du denn eine Ahnung davon, was das bedeutet, wenn

solch ein großer Mann sich für dich einsetzt!? Ein Wort von ihm kostet

es nur, und gleich liegt dir die Welt offen! -- Schmuck, Reichtum,

schöne Kleidung, Ehren aller Art werden sich dir zu Füßen häufen, und

du brauchst bloß zuzugreifen --«

»Er wird sich hüten. Er hat anderes zu tun, als sich um so eine wie

mich zu kümmern!«

»Wenn er dich bloß tanzen sieht, wird er weg sein! Du weißt nicht, wie

hübsch du tanzest -- du weißt es nicht! Ich hab's dir ja nie gesagt,

denn ich wollte dich nicht eitel machen! Aber sooft ich dich sah, und

neben dir die anderen, dann dachte ich es mir -- und mehr als eine von

den Basen hat's auch gesagt -- und wie oft haben sie's mir gesagt: >Die

Babara muß zum Ballett! -- Die Babara könnte mit den Beinen ihr Glück

machen! -- Sie hat das Zeug, daß ihr das ganze Leben zum Tanz wird!<

Das haben sie gesagt! Aber wo hätte ich das Geld hernehmen sollen, um

dich in die Ballettschule nach Mailand zu bringen? So etwas kostet

Geld -- viel Geld, und bei unserer Armut...! Nein, da hab' ich's mir

verbissen! -- Aber ich habe zu der Madonna gebetet, ihr so manche

Kerze geweiht! Und sie hat mich erhört! -- Jetzt ist die Gelegenheit

da -- jetzt gehe ich zu ihm! -- Sofort gehe ich und werfe mich ihm zu

Füßen!«

Sie warf ihren Mantel um und wollte gehen.

»Tu's nicht!« rief Babara. »Ich will's nicht! Ich habe gar keine Lust.«

»Ob du Lust hast -- ob du Lust hast?! Tanzest du nicht für dein Leben

gern!«

»Zum Vergnügen, ja!«

»Das Leben ist kein Vergnügen, das Leben will verdient sein! Dir ist's

gegeben, es dir mit den Beinen zu verdienen! Aber nicht so, daß du auf

der Straße bettelnd herumstreichst, wie's sonst kommen wird! Sondern

indem du die Gabe ausnützt, die dir der Himmel gab! Das Tanzen zum

Vergnügen -- wir wissen, wo das endet! In den Armen eines Burschen und

dann in den Armen eines anderen und dann im Rinnstein! -- Ins Elend

führt der Tanz! Nein, da werde ich schon vorsorgen!«

»Ich will's aber nicht! Ich will nicht!«

»Ich will aber. Und du hast dich danach zu richten. Gehorchen sollst

du, ob du willst oder nicht, wo deine Mutter nur dein Bestes will!«

Sie wollte gehen. Und da mußte Babara lieber mit der Einladung

herausrücken.

»Ihr braucht nicht zu ihm zu gehen«, sagte sie schmollend. »Er hat

mich gebeten, heute abend ins Theater zu kommen! -- Mit Euch soll ich

hinkommen! Und nachher will er uns sprechen!«

Die Alte sank auf einen Stuhl nieder.

»Und das verheimlichst du mir?!«

»Ich wollte nicht hin! Ich gehe auch nicht! Er macht sich nur lustig

über mich! Ich mag nicht, daß er über mich lacht!«

Eine schallende Ohrfeige war die Antwort. Und dann prasselte eine

Flut von Schimpfworten auf sie nieder. »Du Schlampe, du faules,

nichtsnutziges Ding! Lumpenprinzeßchen du! Du blähst dich auf

und zierst dich und dünkst dich zu vornehm, etwas zu tun, um im

Leben vorwärtszukommen! Als ob du auf Gott weiß was für großen

Reichtümern säßest, so hast du dich! Und dabei hast du nichts als

das bißchen Jugend, das bald vorüber ist! Du willst nicht?! Ja, sag'

einer bloß! Schämst du dich gar nicht, solche Launen zu haben?! Du

Undankbare! Denkst du denn gar nicht an deine alte Mutter, die sich

um dich geschunden hat und bald nicht mehr imstande sein wird, sich

weiter für dich abzurackern? Und dann -- was dann? Dann bist du

auf dich angewiesen -- dann mußt du verhungern, so ein faules und

vergnügungssüchtiges Ding wie du!«

»Scheltet nur, soviel Ihr wollt! Ich gehe doch nicht! Und wenn Ihr mich

noch so schlagt!«

»Sei doch nicht albern, sei nicht dumm! Benutze die Gelegenheit, die

dir der Himmel gibt! Denn da liegt dir das Glück offen! Und du brauchst

nur die Hand auszustrecken, brauchst bloß zu wollen -- die Gelegenheit

ist da! Jetzt oder nie! Einmal im Leben kommt das Glück nur, und da

gilt's zuzugreifen! Die Minute, die du unbenutzt vorüberstreichen

läßt, ist für ewig verloren! -- Ich hab's an mir erfahren! Ich wollte

auch tanzen -- mein Leben lang wollte ich's, und immer noch tanzt's

in mir, wenn ich euch Kinder tanzen sehe! Ich hätte es gekonnt -- ich

hätte es zu was gebracht! -- Habe ich euch nicht tanzen gelehrt, daß

alle Leute die Augen aufreißen, wenn sie euch springen sehen? Ich

hätte es sicher zu was gebracht. -- Aber mein Vater war dumm! Er hat's

nicht eingesehen! Ich sollte ehrbar bleiben, hieß es immer! Ich sollte

arbeiten lernen -- einen braven Mann heiraten, anständig leben -- und

ich habe ihm gehorcht! -- Nun -- was habe ich davon gehabt? Einen Mann,

der trank, der mich schlug und der viel zu spät gestorben ist -- Gott

hab' ihn selig! Was habe ich davon? _=Euch=_, die ihr mich bis aufs

Blut aussaugt, für die ich mich schinden muß, ohne es zu etwas zu

bringen! Und dann blüht mir das Siechtum und ein elender Tod! Hätte

ich nur nicht auf ihn gehört! Wäre ich lieber davongelaufen! Hätte ich

lieber mein eigenes Leben gelebt! Dann ging's mir besser! Euch aber

will ich das Leben ersparen, das ich leben mußte! Ihr sollt es gut

haben, in Glanz und Reichtum leben -- ihr werdet es auch erreichen!

Denn ihr seid schön -- am schönsten du, Babara -- und was ich nur in

meinen Träumen haben durfte, das sollt ihr in der Wirklichkeit haben!

Denn ich werde nicht so schlecht an euch handeln wie mein Vater an mir

-- ihr werdet mich nicht verfluchen wie ich ihn -- ihr werdet meiner

dankbar gedenken und für _=euren=_ Gehorsam was vom Leben haben! Eine

große Künstlerin wirst du werden, wenn du mir gehorchst; in der ganzen

Welt wird man dich mit Ehren nennen, mit Auszeichnungen überhäufen!

Greif nur zu, und die Welt wird dir zu Füßen liegen!

Komm, ich putze dich -- komm, ich mache dich schön -- du brauchst gar

keine Angst zu haben, daß man dich im Theater scheel ansieht -- du

kannst dich in jeder Gesellschaft zeigen -- komm, mein Püppchen, sollst

sehen, deine alte Mutter wird schon für dich sorgen!«

Und sie suchte aus ihren Schränken und Truhen allerhand vergessenen

Tand aus ihrer Jugend, bunte Perlenschnüre, seidene Tücher, Schürzen,

Mantillen, Hauben und einen geblümten seidenen Rock, der ihrer Babara

wie angegossen saß!

»Jaha -- ich war auch mal schlank -- ich war auch mal wie ein

Prinzeßchen -- schau mal dies Mieder -- da bist du noch viel zu üppig

dazu -- aber es geht schon -- wir schnüren ein bißchen -- das wird

schon gehen!«

Und sie schnitt und nähte und änderte und paßte ab und putzte ihr

Töchterchen aufs prächtigste heraus! Und die ließ sich's gefallen und

fand sich so allmählich damit ab, mit ihr in die Vorstellung zu gehen.

Wenn die Mutter mitginge, wäre es ja nicht so gefährlich. Da würde er

sie wohl nicht zu verhöhnen wagen! Und wenn auch -- schließlich war

die Sache das wohl wert! Schließlich konnte man das hinnehmen, wenn

man bloß einmal ins Theater könnte und ein richtiges Ballett zu sehen

bekäme!

Am Abend saßen sie dann auch im Theater in einer der ersten Reihen

des Parterre, wo man schon angefangen hatte, Sessel einzustellen,

die Domina stolz und sicher, als wäre sie in ihrem Leben nichts

andres gewohnt gewesen, als ihre Abende dort zu verbringen, und

Babara aufgeregt und neugierig in diese ihr so neue und bunte Welt

hineinblickend, die bald _=ihre=_ Welt sein würde.

Es war ihr wie ein Traum. Das schwatzende, lachende Publikum in schönen

Kleidern, reich geschmückt, die bunte Masse, die sich schreiend und

johlend im Parterre hin und her schob und drängte, die Musik -- das

Mitsingen des Publikums, die fröhlich ausgelassene Stimmung, die

Blumen, die festliche Beleuchtung, das Drängen, der Kampf um die besten

Plätze, und schließlich die Aufführung, die viel zu schnell vorbei war.

Sie fühlte sich bedrückt inmitten all der Pracht! Das bunte Treiben

verwirrte sie -- dann ging der Vorhang auf -- und zum erstenmal empfand

sie die Macht, die hat, wer auf der Bühne steht -- die Herrschsucht

packte sie -- schlich sich in ihre Seele und nahm sie in ihre Gewalt.

Jetzt konnte sie nicht mehr zurück -- jetzt mußte sie hin, ob sie

durfte oder nicht.

»Denk, Baberina -- wenn du da oben stehst -- und all die Tausende nach

dir blicken!« flüsterte die Mama. »Das wäre doch ein Glück!«

Babara hörte nicht; mit weit offenen Augen starrte sie nur hinauf.

Fossano gab die Hauptrolle in der Pantomime: »Pierrots letztes

Abenteuer«, eine burleske Szene voll derb grotesker Situationen,

die wahre Lachsalven im Publikum entfesselten. Dann tanzte er einen

Bauerntanz mit dem ganzen Corps de Ballett, und zum Schluß »Das

Urteil des Paris«, eine wahre Orgie in sinnbetörenden Farben und

Formen, eine bis an die äußerste Grenze des Gewagten gehende und

doch das künstlerische Maß innehaltende Phantasie voll glutvoller

Leidenschaft, deren einzelnen Phasen das Publikum in atemloser Stille

folgte, um dann, als der Vorhang fiel, in rasende Beifallskundgebungen

auszubrechen, die nimmer enden wollten.

Immer wieder mußte Fossano mit seinen Partnerinnen vor dem Vorhang

erscheinen, von den Evvivarufen umtost. Er wurde mit Blumen, Kränzen

und Goldstücken beworfen, und man ruhte nicht, ehe er nicht als Zugabe

seinen berühmten -=»pas du diable«=- zum besten gegeben hatte.

Während sich die Zuschauer in dichten Massen am Bühneneingang und

im Hof der Pilotta stauten, um ihm bei der Abfahrt vom Theater ihre

Huldigung darzubringen, wurden Babara und ihre Mutter zu ihm geführt.

Er empfing sie im Foyer der Solisten, immer noch im Kostüm, jetzt

ganz der große Künstler, vornehm, herablassend, sie kaum eines Grußes

würdigend.

»Ah -- sieh da -- die kleine Bekanntschaft von heute früh! Nun -- du

hast es jetzt gesehen! -- Es ist kein Kinderspiel, so leicht es auch

aussieht! -- Arbeit, harte, emsige Arbeit -- wenn einer es so weit

bringen will -- und -- Talent, versteht sich -- vor allem Talent!

Nun -- wir werden sehen, was mit dir los ist! Ich werde dich erst

ausprobieren! Du wirst gleich im neuen Ballett mittanzen -- du brauchst

keine Angst zu haben! Es gilt da noch lange keinen Kunsttanz -- es ist

gar nicht schwer! Du brauchst bloß zu verstehen, was du darzustellen

hast -- ich mach es dir klar -- ich übe es mit dir ein! Kannst du

das bewältigen -- und ich erwarte es von dir -- dann werde ich dich

unterrichten -- dann wirst du meine Schülerin sein!

Erst will ich aber sehen, ob du Talent hast, und ob ich dir mit gutem

Gewissen raten kann, Tänzerin zu werden! Und ich glaube, ich werde es

können -- -- --«

Domina Campanini ließ die Tochter nicht zu Worte kommen. Sie floß

gleich über vor Seligkeit und Rührung, küßte Fossano die Hände und rief

den Segen aller Heiligen auf ihn herab. -- Er würde schon sehen, daß

er sich nicht geirrt hätte! Die Babara hätte Begabung wie wenige! Seit

sie klein war, hätte sie getanzt -- wie eine Sylphide -- wie eine Elfe

-- wie ein Engel Gottes! Und sie hatte es von sich aus -- ganz allein

hätte sie sich alles, was sie könnte, ausgedacht! Denn sie wären arm,

sie hätten nichts, womit sie den Unterricht hätten bezahlen können -- --

Hier stockte ihre Suada. Sie bekam plötzlich Angst, er würde sie nicht

als Schülerin aufnehmen, wenn sie nicht zahlen könnte!

»Aber was sein muß, muß sein«, sagte sie dann rasch, ehe er noch

antworten konnte. »Ich werde arbeiten gehen, ich werde verdienen -- ich

habe auch Verwandte und gute Bekannte, die alle gern helfen werden,

damit meine Baberina ihr Glück machen kann -- sie müssen alle was

beisteuern, denn der Unterricht bei solch großem Meister kostet doch

wohl viel -- --?«

Hier stockte sie wieder, in der Erwartung, er würde ihre versteckte

Frage mit der Erklärung beantworten, es koste bei ihm nichts! Er

empfand das und wollte es auch gleich sagen, hielt aber inne und

blickte Babara an. Ein unbestimmtes Vorempfinden sagte ihm, daß er

vielleicht doch in die Lage kommen würde, einmal Entgelt von ihr zu

verlangen!

Er lächelte also bloß, winkte der Alten gnädig zu, blickte Babara an

und sagte:

»Das wird sich später finden! Vorerst wollen wir sehen, ob du was

taugst, und dann fleißig lernen!«

Er hielt ihr die Hand hin, die die Alte schnell ergriff und mit Küssen

bedeckte, streichelte Babara die Wange, nickte herablassend und ging in

die Garderobe. Die Audienz war zu Ende.

3

Er hatte sich nicht geirrt. Babara strotzte von Talent. Sie war ein

Genie -- von einer Ursprünglichkeit in ihrer ganzen Art, sich zu geben,

und von einer Poesie der Unberührtheit, die, im Verein mit ihrer

jugendlichen Anmut, einen unbeschreiblichen Reiz ausübte.

Sie lebte noch in der Ahnung, da aber stark und voll, mit der ganzen

Keuschheit einer natürlichen Leidenschaftlichkeit, die sich ihrer noch

nicht bewußt geworden war. Sie hatte, obwohl noch Kind, die Kraft voll

entwickelter Triebe. Und die erste Aufgabe seiner Erziehung wurde: sie

bewußt einzudämmen, sie zu leiten und erst allmählich zu entfesseln,

indem er sie mit ganzer Gewalt auf die Kunst losließ, ihr aber das

Leben im übrigen verschloß.

Das Leben im Kunstwerk sollte zunächst ihr Leben sein. Wenn sie da

alles erschöpft hätte, dann erst wollte er sie freigeben, denn dann

wäre es notwendig zur vollen Entfaltung! Erst den Gipfel besteigen, und

dann erst den Abflug!

So aber, wie sie jetzt war, war sie prädestiniert dazu, die Psyche zu

geben! Dafür hatte sie von Natur aus alles in so reichem Maße, daß er

nur leise daran zu rühren brauchte, damit sie es hergab, mit einer

Sicherheit der Empfindung und einer Vollendung, die durch kein Studium

je erreicht werden kann, wenn sie nicht von vornherein da ist.

Hatte sie es einmal erfaßt, so war sie sofort mittendrin, kaum daß

er ihr den darzustellenden Vorgang erzählt hatte! -- Sie _=war=_

Psyche, wie sie ihm in seiner kühnsten Phantasie vorgeschwebt hatte!

-- Und seine ganze Lehrtätigkeit konnte sich darauf beschränken, ihr

die Situationen zu erklären -- ihr die Stellungen zu zeigen und die

einfachen kunstlosen Tanzschritte mit ihr einzuüben, deren sie bedurfte

-- kurz, dem Gedicht, in dem sie auf der Bühne zu leben hatte, das

Gerüst zu geben!

Ihr Triumph wurde auch vollständig.

Sie siegte -- weil sie gar nicht daran dachte, überhaupt zu siegen --

sie verstand noch nichts von »Wirkung«, war sich nicht bewußt, daß sie

die vielen Zuschauer in ihren Bann zu bringen hatte -- sie dachte nur

an ihre Aufgabe, gab sich ganz dem hin, was sie darzustellen hatte; sie

erlebte es und vergaß darüber alles andere.

Freilich -- im ersten Augenblick, als sie auf der Bühne stand und durch

den Vorhang das Stimmengewirr der draußen Harrenden hörte, da kam etwas

wie Angst über sie.

Sie blickte hinaus, sah die vielen tausend fröhlichen Menschen, die

lachten und plauderten und ihre Toiletten, ihren Schmuck zur Schau

trugen. Sie entsetzte sich beim Gedanken, daß all diese Augen sich auf

sie richten -- all diese Lippen das Urteil über sie sprechen würden!

Sie zitterte -- das Herz klopfte hörbar -- ein Schwindel befiel sie --

sie vergaß alles außer der Angst -- sie wußte nichts mehr von alledem,

was sie darzustellen hatte -- sie konnte sich kaum noch aufrecht halten!

Ganz vernichtet schlich sie in die Kulisse hinein, und da brach sie

zusammen.

»Heilige Mutter Gottes, hilf mir«, flüsterte sie inbrünstig und schloß

die Augen. Und da war sie wieder in der Kathedrale, deren hohe Gewölbe

sich über sie erhoben! Und hoch über ihrem Haupte schwebte wie ein

Kranz von Sommerblüten in den Wolken die Mutter Gottes, von seligen

Geistern umgeben, der Verklärung entgegen, und allen voran Psyche! Sie

vergaß alles andere, vergaß, wo sie war -- die Erregung legte sich,

kühle Besonnenheit, Sicherheit und Kraft kehrten in ihre Seele zurück.

»Ich danke dir -- ich danke dir«, flüsterte sie und stand erquickt

wieder auf. Und als Fossano, der sie voll Unruhe gesucht hatte, sie

endlich fand und ihr Mut zusprach, da war's längst nicht mehr nötig!

Sie ließ sich von ihm zu ihrem Platz hinführen. Und als der Vorhang

aufging und das Spiel begann, da dachte sie nicht mehr daran, daß sie

sich den vielen Neugierigen zeigen mußte, sondern ging ganz in der

Wonne auf, sich geben zu dürfen.

Gleich in der ersten Szene der Psyche nahm sie die Huldigung an

Stelle der Schönheitsgöttin Venus mit einer Demut und einer holden

Beschämung an, aus der sich die Hauptstimmung der nächsten Szene

folgerichtig ergab. So kam die Empfindung ihrer Unwürdigkeit und ihrer

Strafbarkeit, weil sie sich hatte göttliche Ehren erweisen lassen,

natürlich zum Ausdruck, ebenso der Schrecken bei der Verkündung ihrer

Strafe durch Merkur sowie ihre Zerknirschung und die Ergebenheit in

ihr Schicksal, als sie unter Trauertänzen beim Fackelschein nach dem

Felsen hingeleitet wurde, wo sie dem ihr zum Gatten ausersehenen

Ungeheuer ob ihres Frevels geopfert werden sollte. Und als die Fackeln

eine nach der andern zu ihren Füßen gelöscht wurden und Eltern und

Geschwister als letzte sie weinend verließen, da waren ihr Schmerz und

ihre Verzweiflung ebenso echt wie die dann allmählich wiedergewonnene

Fassung, die Ergebung in das Unabwendbare. Wie sie dann in banger

Erwartung die Augen schließt und sich unbeweglich, ohne sich mit einer

Zuckung des Gesichts oder der Glieder zu wehren, von der unsichtbaren

Gewalt des Zephirs packen läßt, um im sanften Fluge vom Felsen nach

dem blumenbedeckten Rasen an dessen Fuße hinabzuschweben -- eine

staunenswerte maschinelle Leistung des damaligen Theaters --, da wurde

es draußen unter den Zuschauern so still, daß man das eigene Herz

schlagen hören konnte. Und alle Augen blickten gerührt zu dem zarten,

kindlichen Wesen, das da, wie ein Schmetterling vor dem Winde, von

einem unerbittlichen Schicksal dahingeweht wurde, um unten regungslos

liegenzubleiben.

Aber die qualvolle Spannung bei den vielen tausend Zuschauern löste

sich in ein Gemurmel des Entzückens auf bei der unmittelbar darauf

einsetzenden Szene ihres Wiedererwachens zu neuem Leben!

Sanfte Musik trifft die Schlummernde. Sie öffnet die Augen, erhebt sich

halb -- lauscht den lieblichen Liedern unsichtbarer Geister -- erhebt

sich -- sucht die Sänger bald hier, bald dort zu entdecken -- immer

mehr wird ihr Körper von den Rhythmen der aufjauchzenden Musik bewegt,

wirbelt schneller und schneller dahin, daß das leichte Kleid in tausend

Wellenlinien den Körper umspielt und dessen Formen heraushebt -- die

Hände flehend emporgestreckt, die Blicke bittend, die Lippen halb

offen, sehnsüchtige Seufzer aushauchend. Aber die unsichtbaren Sänger

bleiben unerbittlich und zeigen sich nicht, senden nur einen Regen

von Rosen auf sie herab, die sich zu ganzen Gewinden verdichten und

allmählich die Bühne mit ihrem bunten Netzwerk verhüllen.

Dann erhebt sich der Blumenschleier unter langsam wallenden Wogen der

Musik, und um sie herum ist alles verwandelt. Ein Palast hat sich

aufgetan -- die Wohnstätte Amors. -- Alles glitzert und glänzt von

edlem Metall und buntem Gestein -- staunend steht sie da, ohne zu

wagen, sich zu rühren, und blickt alles scheu an. Dann, von Neugier

überwältigt, betastet sie alles in kindlicher Freude. Sehnsüchtig

blickt sie sich nach Gespielinnen um, aber vergebens! Alles

Erdenkliche, was ihr zur Erquickung oder zur Bequemlichkeit dienen

kann, ist, kaum gewünscht, sofort zur Stelle! -- Der Becher mit Wein,

den Durst zu löschen -- der reich besetzte Tisch, um den Hunger zu

stillen! Und als sie, vor Erschöpfung müde, umsinkt, empfängt sie ein

prachtvolles Lager, auf dem sie sanft einschlummert. Da kommt im Traum

Gott Amor -- in rosenrotem Dämmerlicht schwebt er einher. Sie sieht

ihn nicht, fühlt aber seine Nähe. Eine leichte Unruhe bemächtigt sich

ihrer. Ohne die Augen aufzutun, wirft sie sich unruhig hin und her,

die Lippen flüstern leise, sie streckt die Arme sehnsüchtig aus. Da

schleicht er an ihr Lager, schmiegt sich an sie -- sie erwacht --

der Traum ist aus -- der Geliebte verschwunden. Sie setzt sich auf,

blickt sich nach ihm um -- selig glaubt sie seine Stimme zu hören --

schmerzvoll seufzend horcht sie auf seinen Befehl, legt die Hände auf

die Augen, wie um ihnen das Sehen zu verbieten, drückt sie gegen den

Mund, um ihm das Fragen zu untersagen -- alles mit einer Natürlichkeit

der Empfindung und einer Intensität im Ausdruck, die keinen Zweifel

über den Vorgang aufkommen lassen. Dann sinkt sie wieder um -- ein

Traum erschreckt sie. -- Die Schwestern -- neidisch auf ihr Glück,

erscheinen, um sie zu verhöhnen, zeigen ihr -- im Traum -- das

Ungeheuer, dem sie angeblich vermählt wurde, reden ihr vor, es wäre

der Gebieter des Hauses und wage wegen seiner grausigen Gestalt nicht,

sich ihr zu zeigen! Sie belehren sie, wie sie es töten soll, wenn es

das nächste Mal im Dunkel der Nacht ihr zur Seite ruht, und schleichen

davon -- ihr heimlich den Dolch und die Lampe lassend.

Sie erwacht voll Entsetzen, flieht von ihrem Lager, wankt, von

Angst und Grausen gepackt, durch die jetzt dunkle Halle -- findet

die verhüllte Lampe und den Dolch und schleicht dann, mit ihrer

immer mehr zunehmenden Angst kämpfend -- die Lampe hoch in der

ausgestreckten Hand haltend, das Gesicht abgewandt, den Dolch an

den keuchenden Busen gedrückt -- zurück zum Lager, wo Amor wieder

schlummernd liegt, schaudernd zögert sie und bricht halb zusammen!

Und dann der schnelle Entschluß -- der sich aufbäumende Trotz -- der

jähe Wille zur befreienden Tat -- das Aufraffen der letzten Kraft

-- das zaghafte Hinblicken -- die Überraschung -- das Staunen beim

Anblick des schlafenden Gottes -- das Fallenlassen des Dolches -- die

Zerknirschung, die Gewissensbisse -- die wuterfüllte Drohung gegen

die unsichtbaren Traumschwestern, deren Hohnlachen sie um sich zu

hören glaubt! Dann das schrankenlose Aufgehen in diesem ungeahnten

Glück -- die Bewunderung, die Anbetung -- das zaghafte Nahen -- das

Erhaschen und Fallenlassen seiner herabhängenden Hand -- die Betastung

seiner Flügel -- das Auffinden seiner Waffen, das Spiel damit, die

Verwundung an seinen Pfeilen und dann das sofort einsetzende Auflodern

der Leidenschaft, die sie alles vergessen macht -- das Hinsinken auf

die Knie neben dem Schlafenden -- das Aufgehen in einem namenlosen

Glücksgefühl -- und schließlich das Besitzergreifen des Glückes --

das Zusammenbrechen über dem Geliebten und der Kuß, der ihn halb

erweckt. Dann das Aufschrecken ob ihrer Dreistigkeit -- die Flucht,

die Wiederkehr, das unwiderstehliche Hingezogenwerden -- das leichte

Hinschleichen auf den Fußspitzen, um sich wieder an seinem Anblick

zu weiden -- das Zittern der Hand, die die Lampe hält, und dann die

Katastrophe -- der Tropfen brennenden Öls, der ihm auf die Schulter

fällt und ihn jäh erweckt -- das Zusammenbrechen unter seinem Zorn

-- ihr vergebliches Flehen, ihr Schluchzen, ihr Haschen nach seiner

Hand, seiner Kleidung -- ihr Versuch, ihn gewaltsam zurückzuhalten,

und dann die Verzweiflung, als sie sich verlassen sieht und ohnmächtig

zusammenbricht -- das waren alles Momente der höchsten Kunst, die

Babara mühelos geben konnte, weil sie's im Moment des Gebens sah und

erlebte. Sie weilte in einer anderen Welt, hoch über allem Irdischen,

und als der Vorhang fiel und der tosende Beifall der aufs höchste

aufgeregten Menge draußen einsetzte, da erwachte sie mit einem heftigen

Schrecken aus ihrem Traum. Sie war wieder auf der Erde, aus allen

Himmeln gefallen; und mehr tot als lebendig ließ sie sich von Fossano

an die Rampe schleppen, um die begeisterte Huldigung des Publikums

anzunehmen.

»Nie mehr werde ich's können -- nie mehr werde ich so voll darin

aufgehen und alles vergessen«, jammerte sie, als der Vorhang zum

letztenmal fiel und Fossano sie umarmte und beglückwünschte.

»Du _=kannst=_«, erwiderte er, »wenn du nur mir folgst! An meiner Hand,

unter meiner Führung wirst du das und noch viel mehr lernen! Aber -- du

mußt dich führen lassen -- du mußt mir unbedingt gehorchen. Willst du?«

»Ja«, antwortete sie ohne Bedenken, aber auch ohne ihn zu verstehen.

Er war sich auch nicht ganz klar über die Tragweite seiner Worte, aber

er folgte seinem Instinkt. Aus der Kulisse hatte er ihr Spiel verfolgt,

sie innerlich Szene für Szene vorwärts getrieben; mit seiner ganzen

Geisteskraft war er dabei gewesen, hatte alles miterlebt, jede ihrer

Empfindungen voraus empfunden und sie so gestützt. Und jetzt, als es

aus war, war er ebenso erschöpft wie sie. Und so sehr er sich auch

über den Sieg freute -- er empfand nur, wie sie, Angst, daß das alles

verloren gehen könnte, daß es nie wiederkehren würde; aber auch, daß

es seine Aufgabe sein würde, dafür zu sorgen, daß nicht dies echte

schlackenfreie Talent, dem kein Mißerfolg je etwas anhaben könnte,

durch den Triumph hochmütig gemacht und so zugrunde gerichtet werde.

»Demütigen, demütigen!« war sein erster Gedanke. Und so fing er, noch

ehe sie die Bühne verlassen hatte, an, sie zu kritisieren und sagte ihr

alle Fehler, die sein scharfes Auge, trotz seines Entzückens, gesehen

hatte. Ernst und sachlich setzte er ihr auseinander, wie weit sie

von der Vollendung entfernt sei -- wieviel sie noch zu lernen hätte

-- wie wenig die Leute im Zuschauerraum begriffen, und wie wertlos

ihre Beifallsäußerungen seien! So nahm er ihr sorgsam jedes eigene

Verdienst, schon ehe sie sich ihres Sieges bewußt worden war und sich

daran berauschen konnte. Er hatte sie wieder unterjocht -- er hatte sie

in der Gewalt und gewann damit auch seine eigene Sicherheit wieder.

Der Mutter spendete er, als sie, im Überschwang ihres Glückes, sich

in Lobeshymnen erging, herablassend einige kühl bemessene Worte der

Anerkennung für das unzweifelhafte Talent ihrer Tochter.

Es würde schon was aus Babara werden! Er glaubte es schon! --

Aber -- man könnte ja nicht wissen! Das Leben hinge von soviel

Zufälligkeiten ab! Jedenfalls wollte er sich ihrer annehmen und mit ihr

weiterarbeiten! -- Sooft seine »Psyche« gegeben würde, sollte sie darin

spielen dürfen, vorläufig ohne Gehalt, denn man könne nicht anders --

wegen der anderen Tänzerinnen! Man müsse ihre Gefühle schonen! Sie

wären schon ohnehin ärgerlich, daß er nicht einer von ihnen die Rolle

gegeben hatte!

Er wolle aber mit aller Energie an ihrer Vervollkommnung arbeiten! Er

wolle nichts dafür haben! -- Aber sie müsse sich ganz seiner Führung

anvertrauen! Das wäre die Bedingung!

Das sagte ihm die Domina auch zu, ehe sie beglückt dem Ausgang

zuschritt, wo Tausende von Menschen sich gestaut hatten, um dem

neuaufgegangenen Stern ihre Huldigung darzubringen. Begeisterte Zurufe

flogen Babara entgegen, als sie sich zeigte -- schüchtern blickte sie

Fossano an, wie um Erlaubnis zu fragen, ob sie auch das alles auf sich

beziehen dürfe! Er verzog keine Miene. Er gab ihr nur den Arm und

führte sie ironisch lächelnd zu seinem Wagen, um sie nach Hause zu

bringen und sie so ihren Verehrern zu entziehen!

Das gelang ihm freilich nicht. Ein Dutzend junge Leute nahmen den

Wettlauf auf und folgten dem wegen des Gedränges nicht übermäßig

schnell fahrenden Wagen.

Kaum waren sie in der bescheidenen Behausung der Campanini angelangt,

so sammelte sich schon eine ganze Menschenmasse unter den Fenstern.

Bald erklangen die Gitarren, und liebegirrende Stimmen schmetterten

ihre sehnsüchtigsten Töne in die Nacht hinein. Die Passanten blieben

stehen und nahmen an der Kundgebung teil. Und bald war an kein

Durchkommen mehr zu denken.

Die Domina schwelgte in Wonne. Babara wurde auch freudig bewegt. Die

Geschwister waren außer sich vor Freude über den Triumph -- das ganze

Haus in größter Aufregung.

Nur Fossano blieb ruhig. Seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr.

Schließlich konnte er nicht an sich halten.

»Höre nicht hin!« rief er. »Bei allem, was dir heilig ist, höre nicht

hin! Wenn es dir ernst um die Kunst zu tun ist, dann höre nicht hin!

Erst wenn du eine große Künstlerin bist, darfst du's wagen! Heute bist

du nur eine große Hoffnung! Ein Versprechen, das nur durch emsige

Arbeit in strenger Abgeschiedenheit einzulösen ist! Erst das! Dann tu,

was du willst!«

Sie blickte ihn groß an. Sie verstand ihn nicht -- hörte kaum zu.

Draußen lockte das Leben -- von dort drangen liebliche Klänge herein

und schmeicheltem ihrem Ohr mit süßem Wohllaut! In ihr jauchzte es von

Glück und Stolz! Das Leben brauste durch ihre Adern und rief sie hinaus

zum Genuß und zum Glück! -- Und er, der ihr den Weg in dieses Leben

gezeigt hatte -- er hielt sie zurück!? Er zeigte ihr das Ziel -- und

verbot ihr, es im Flug zu nehmen?!

»Wer etwas werden will«, sagte er noch eindringlicher, »darf sich

nicht von den Freuden der Welt verlocken lassen! Nicht hinsehen! Nicht

hinhören! Alle Sinne nur auf das Ziel richten, mit allen Trieben ganz

und voll in der Kunst aufgehen! -- Dein ganzes Sehnen, dein gesamtes

Trachten mußt du nur darauf richten, die Schwierigkeiten des Weges zu

überwinden! Nur so kannst du den höchsten Gipfel erklimmen! Und dazu

bist du unter Tausenden ausersehen, _=wenn du treu bleibst=_! Einmal

oben, dann entfalte die Schwingen -- dann heb an zum Flug und bewege

dich frei -- aber erst dann! -- Willst du's so halten?«

»Ja!«

»Dann bringe ich dich auch so weit! Aber du mußt geloben, blind meiner

Führung zu folgen. Du mußt mir unbedingten Gehorsam versprechen! Willst

du das?«

»Ja.«

»Du darfst nie einen jungen Mann mit liebenden Augen ansehen, nie den

Worten der Verführung lauschen -- streng darauf achten, deinen Sinn

rein von aller Betörung zu halten! Schwöre es bei allem, was dir heilig

ist -- bei der Madonna -- --«

»Bei der Himmelfahrt im Dom«, sagte sie und lächelte inbrünstig --

»dabei schwöre ich -- --«

»Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt --«

sprach er ihr vor.

»Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt«,

wiederholte sie feierlich.

Aber es genügte ihm nicht.

»Und brichst du den Eid«, sagte er, und es funkelte drohend in seinen

Augen, »so jage ich dich auf der Stelle fort. Dann bist du nicht mehr

meine Schülerin! Dann mußt du selbst sehen, wie du dich durchschlägst!«

Große Tränen drangen ihr in die Augen.

»Ich bleibe treu«, sagte sie fast schluchzend. »Die Madonna wird mir

helfen! Alle Tage will ich ihr Blumen opfern.«

Draußen klangen noch die Lieder ihr zu Ehren. Sie hielt sich die Ohren

zu.

»Ich will gehen und sie fortjagen!« sagte Fossano. »Lebe wohl -- morgen

in der Probe sehen wir uns wieder.«

Er ging. Draußen versuchte er die Sänger zum Schweigen zu bringen.

Aber sie lachten ihn aus. »Er ist eifersüchtig -- er will sie selbst

für sich behalten. Der Schwerenöter! Das Schleckermaul! Don Juan du!«

riefen sie. »Psyche hat schon ihren Amor gefunden! Fossano -- evviva!

Fossano -- amoroso! Evviva!«

Lachend nahm er die Huldigung an und bestritt es mit keinem Worte, daß

er ihr Liebster sei. Mochten sie's nur glauben -- dann würden sie sie

in Frieden lassen! Sie würden sich hüten, es mit ihm aufzunehmen!

Sie mochten dasselbe gedacht haben. Denn sie zogen lachend und johlend

ab und widmeten im Gehen schnell noch ein Spottlied der spröden

Schönen, die sich zum Dank für das Ständchen nicht einmal gezeigt hatte.

Fossano schickte seinen Wagen fort und ging zu Fuß nach Hause.

Er kam sich in der Rolle eines Sittenpredigers sonderbar vor! Weiß der

Teufel, was in ihn gefahren war! Sonst hielt er es in der Beziehung

nicht streng mit seinen Schülerinnen! -- Sonst war er eben für jede

Freiheit! Aber diese -- -- um die war ihm bange! Sie war ein seltenes

Juwel, das ihm das Glück in die Hände gespielt hatte und das er nicht

herausgeben wollte, ehe er ihm den besten Schliff und die schönste

Fassung gegeben hätte, damit es über alle Welt leuchten könnte.

Und das war nur so möglich! Ihr ganzes Triebleben mußte ganz

folgerichtig und mit vollem Bewußtsein auf den Ehrgeiz gerichtet

werden, in der Kunst das Höchste zu leisten, bis sie ganz Meisterin

geworden wäre! Da würde er sie auf das Leben loslassen!

Aber _=er=_ -- er selbst mußte das tun -- kein anderer durfte es, und

vor allem keine Minute zu früh!

Solange wollte er die eigene Leidenschaft, die schon jetzt in ihm

loderte, zurückzudämmen suchen! Und wenn er selbst als Lohn für seine

Mühe die Blume gepflückt hätte, dann wollte er ihre Leidenschaft in

die richtige, die für die Karriere einzig mögliche Bahn leiten, ins

Vergnügen, zum Rausch! Aber sie nimmermehr zur großen Passion oder gar

zur hingebenden Liebe werden lassen. _=Die=_ mußte gründlich abgetötet

werden, sonst würde sie die Kunst töten.

Das sollte der Gipfel seiner Erziehung sein! Denn nur so könnte er

ihrer Kunst die letzte Weihe geben, die der _=bewußten=_ Sinnlichkeit,

die ihr jetzt mangelte und auch noch lange nicht zur Entfaltung kommen

durfte -- ehe sie auch als Künstlerin reif genug wäre, zu begreifen,

wie in dieser Welt der Sinne die Selbstherrlichkeit des Fleisches

herrscht und wie der Geist Fleisch werden muß, um hier zu gebieten -- --

Er lächelte befriedigt bei dem Gedanken, schlug selbstgefällig den

Mantel um die Schultern, drückte den Hut in die Stirn und ging halblaut

summend nach Hause.

Babara aber verbrachte eine schlaflose Nacht voll unruhiger Gedanken.

Und als der Morgen kam und alles noch in Schlaf versunken lag, schlich

sie hinaus nach dem Dom, mit Blumen für die Madonna, und kniete da

lange inbrünstig betend und in Betrachtung des Meisterwerks von

Correggio versunken.

4

Sie machte so schnelle Fortschritte, daß er nicht aus dem Staunen

herauskam. Sie bewältigte alles spielend leicht. -- Es gab für sie

keine Schwierigkeiten! Ihr Körper, elastisch wie eine Stahlfeder, war

von der höchsten Harmonie der Formen, der größten Ausgeglichenheit

der Glieder und einer fabelhaften Leichtigkeit der Bewegung. Der Tanz

auf den Fußspitzen machte ihr gar keine Schwierigkeiten. In Sprüngen

hatte sie nicht ihresgleichen. Sie hatte Rasse, Temperament und einen

sprudelnden Humor, der sie für die burlesken Tänze ebenso geeignet

machte wie für die seriösen. Aber bei allem Tempo und allem Übermut war

über dem Ganzen doch eine Keuschheit und eine Unberührtheit, als tanze

sie im Traum.

Es wurde bald Zeit, sie ins wache Leben zu führen, ihr die Schleier von

den Augen zu reißen. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Morgen

vor Beginn der Probe in den Dom zu gehen. Es zog sie immer wieder

hin. Es war ihr, als hole sie sich von dort die rechte Weihe und die

Sicherheit, der sie bedurfte, um, ohne nach rechts und links zu sehen,

vorwärts zum Ziel ihres Ehrgeizes zu kommen.

»Dir zu Ehren -- nur dir zu Ehren«, seufzte sie reuig, als ihr der

Ehrgeiz zusetzte, und beugte ihr Köpfchen im Gebet. Und sie zwang sich

mit Gewalt, an gar nichts als an ihre Pflicht zu denken! Keine Wünsche

durften aufkommen, wie sehr das Leben ihren jungen Sinn auch lockte!

Alles rang sie heldenmütig nieder, treu ihres Eides eingedenk!

Fossano sah es. Aber er sah auch, daß es nicht mehr lange so gehen

durfte! Denn sonst wäre sie _=auch so=_ für die Kunst verloren! --

Sonst würde ihr eines Tages klar werden, daß ihre Kunst eben die Kunst

der höchsten Sinnenlust und also verwerflich wäre! Und eine Heilige zu

züchten, lag ihrem Lehrmeister ganz fern!

Eines Tages holte er sie aus dem Dom zur Tanzstunde ab. Er fand sie

unter der Kuppel wie das erstemal, verzückt in den offenen Himmel

Correggios schauend.

»Weißt du noch, Baberina, wie du mir das erstemal, als wir uns hier

trafen, davonliefst?«

Sie nickte.

»Hinauf zu wollen und hier unten bleiben zu müssen -- -- das ist der

Tanz! So sagte ich dir damals -- und versprach, dich durch die Kunst

damit zu versöhnen! Ich wollte dir die Welt in ihrer ganzen Schönheit

zeigen und sie dir erringen helfen! Weißt du noch?«

Sie nickte wieder, ohne ihren Blick von ihm zu wenden.

»Jetzt ist's Zeit für mich, mein Versprechen zu halten! Jetzt ist

dein Wille _=hinauf=_ stark genug, um nicht im Rausch des Lebens

verlorenzugehen! -- Jetzt wirst du dich mit der Welt aussöhnen, in der

du doch leben mußt -- sie in Besitz nehmen und über sie gebieten!«

»Ich versteh nicht!«

»Du bist eben noch blind! Ich will dich sehend machen! Was siehst du da

oben? -- Die Befreiung -- nicht wahr?«

»Ja.«

»Aber auch die Gefangenschaft ist da! Und die siehst du nicht.«

»Nein.«

»Sie ist aber da. Und du siehst sie nicht, weil du immer noch Psyche

bist, von deiner unbewußten Sehnsucht gehoben -- ebenso gefangen wie

sie, _=aber ohne es zu wissen=_. Werde wissend -- werde Maria! Tauche

unter ins Leid! Nimm das Märtyrertum des Weibes auf dich! Steig hinab

in die Welt der Sinne, aber _=ohne dich selbst zu verlieren=_! Tauche

unter in Lust, aber ohne die Reinheit einzubüßen! Töte das Fleisch ab,

_=indem du es befriedigst=_! Blicke nur nach oben, aber _=lebe=_ hier

unten, solange du lebst! Sieh, da oben, wie hat er -- Meister Correggio

-- da das Fleisch in seiner ganzen göttlichen Majestät zu schildern

gewußt, von Sehnsucht nach Liebe verklärt! -- Sieh all die schönen

Körper, wie sie sich umschlingen -- wie sie drängen -- wie sie sich

gegenseitig heben -- und hinabziehen im ewigen Kampf, im ewigen Spiel

der höchsten Lust! Es ist ein Ringen, ein Drängen, ein gemeinsames

Aufgehen der Körper in Wolken, ein Auflösen der Wolken in Licht! Der

Kampf mit der Erdenschwere wird da ausgefochten! Ohne den gibt's keine

Bewegung! Ohne Bewegung keine Freiheit, und deshalb zeigt jene Gestalt,

die in der Mitte als Wegweiser schwebt, wohl den Weg nach oben, drängt

aber nach unten! -- Denn nur der Geist kann hinauf! Der Leib darf nicht

mit! -- Er muß erst im Sturme der Leidenschaft vergehen -- im Tanze

der Lebenslust sich befreien -- im Fegefeuer der Passionen geläutert

werden -- --«

»Hör auf«, rief sie und hielt sich die Ohren zu, »fälsche mir nicht

das Heiligste, was ich habe! -- Laß es mir so, wie ich's immer gesehen

habe! -- -- Ich will nicht -- will nicht mit deinen Augen sehen!«

»Mit _=deinen=_, aber nach _=meiner=_ Art«, antwortete er. »Denn die

ist die wahre, weil ich die Erfahrung habe und das Leben kenne -- das

Leben, das auch du zu leben hast!«

»Ich will nicht -- ich will nicht«, schrie sie und wollte ihm wieder

entlaufen.

Er hatte es aber erwartet und hielt sie fest.

»Jetzt läufst du mir nicht davon«, lachte er, »jetzt halte ich dich.

Komm, gehen wir an die Arbeit! Heute wirst du wieder die Psyche

studieren -- den zweiten Teil ihrer Sage wollen wir jetzt inszenieren

-- wo sie allmählich sehend und wissend wird!«

Und er zog sie mit aus der Kirche und führte sie am Arm nach dem

Theater hin.

Unterwegs erzählte er ihr die Geschichte Psyches, wie er sie weiter

zu gestalten dachte -- wie sie, allmählich durch Leiden zur Einkehr

gebracht, sich ihres eigenen Wesens bewußt wird und so Tatkraft

gewinnt -- wie sie durch Beharrlichkeit und vertrauensvolle Demut das

Unmögliche möglich macht, jede, auch die schwerste Prüfung besteht,

vergebens an das Mitleid der göttlichen Mächte sich wendet, sich selbst

überlassen, ihr Leid auf sich nimmt und mit ihrem Schicksal ringt,

wie sie endlich geläutert und verklärt in den Kreis der ewigen Götter

aufgenommen wird und an deren heiterem Leben teilnehmen darf. Und

schließlich, wie sie selbst Göttin und Mutter wird, nachdem sie würdig

befunden wurde, dem Gott der Liebe Gattin zu sein!

»Die Sehnsucht -- der ewig unbefriedigte Trieb über sich selbst hinaus

-- _=Psyche=_, die so die Liebe beseelt und belebt, gebiert dann --

die _=Wollust=_, die höchste Blume des Lebens! Denn Wollust nannten

die Götter ihr Kind, das sie dem Amor gebar! Die Wollust ist nichts

Irdisches! -- Die Wollust ist etwas, was nur in der Phantasie lebt! --

Der höchste Rausch des Geistes, das letzte Mysterium der Berufenen!

Nur die Frau, die sich jenem holden Wahn ganz hinzugeben versteht und

in der Hingabe ganz aufgeht, nur _=die=_ ist wert, als segenspendende

Priesterin hier im Leben zu walten, über dem Leben zu stehen und vor

allen anderen geehrt zu werden.

Bloß geben, ohne an den Empfänger zu denken -- so gibst du allen,

weil du dich keinem weihst. Und entweihst die Gabe nicht durch

selbstsüchtigen Vorbehalt. Opfern in tiefster vollster Bedeutung der

Tat -- ganz und ohne Nebengedanken im Opfern aufgehen, das ist die

Gottheit Psyches!«

So drang er Schritt für Schritt in die Unberührtheit ihrer Seele

ein und wühlte sie auf. Fliegenden Atems hörte sie zu. Die Augen

halb geschlossen, ging sie an seiner Seite und sog Wort für Wort

ein, ohne den Sinn noch ganz zu fassen, aber ihm mit ihrer Ahnung

entgegenschwellend, bis die Spannung ganz unleidlich wurde und alles in

ihr nach Erlösung drängte.

Da zur rechten Zeit hörte er auf und fing an, nachdem er die

Grundstimmung gegeben hatte, Szene für Szene den Leidensweg der Psyche

zu schildern, und wie er ihn darstellen wollte -- wie sie zu Pan kommt

-- wie sie in den Tempel der Ceres, der Göttin der Fruchtbarkeit,

flüchtet und, von dort vertrieben, in den Tempel Heras, der Göttin der

Ehe -- wie sie, von dort vertrieben, in die Hände der rachsüchtigen

Göttin Venus fällt, von ihr und ihren Helfershelferinnen: »Angst und

Verlassenheit« durch den Schmutz geschleift, geschlagen und geschunden

wird, und wie sie doch ihre Liebe zu Amor rein im Herzen behält und,

aller Erniedrigung zum Trotz, ihrem hehren Ideal treu bleibt und

endlich als Lohn ihrer Treue gegen sich selbst unter die ewigen Götter

aufgenommen wird.

So wurde bei seiner Erzählung das Wort zum greifbaren Bild -- die

Empfindung zum wirklichen Geschehnis -- immer näher brachte er sie

dem Kern der Sache, immer klarer begann sie zu sehen, und doch war da

ein Letztes, das ihr verschlossen blieb. Da konnte ihr nur noch _=ein

Erlebnis=_ helfen, da nützte keine noch so geschickte Erklärung.

Und das Erlebnis kam.

»Die letzte Szene wollen wir heute einstudieren, die Szene, wo Psyche,

in den Kreis der Götter hineingeführt, ihnen den Tanz der Schleier

tanzt, den letzten verhüllenden Erdenrest abstreift, um im Glanz ihrer

Schönheit und Anmut zu siegen und sich die Gottheit zu erobern. Denn

darauf kommt es an. Kannst du das bewältigen, dann wirst du mir helfen,

die Sage der Psyche zu gestalten, und dann wird dein Triumph tausendmal

größer werden als beim ersten Teil.«

Im Probesaal des Theaters angelangt, fing er gleich an mit ihr zu

arbeiten, und er brauchte sich nicht viel Mühe zu geben.

Wie sie da, tief in Schleier gehüllt, die Arme über der Brust

gekreuzt, den Kopf leicht geneigt und ehrerbietig grüßend, in den

Kreis hineinschreitet, stehenbleibt und, zaghaft beschämt, kaum ihr

liebliches Gesichtchen zu entschleiern wagt -- wie sie, erstarrt

über den Glanz, stehenbleibt -- wie von der Musik gestreichelt die

Starrheit sich löst -- die Glieder sich recken, dem ganzen Leib so

allmählich Bewegung einflößend -- das zaghafte Schreiten -- das

scheue Zurückweichen, das allmählich in rhythmisch bewegte Biegungen

und Drehungen übergeht -- und dann ein Vorwärtsstürmen, daß der,

die ganze Gestalt bis jetzt verhüllende, erste Schleier sich löst

-- davonflattert und liegenbleibt -- das Zusammenraffen des zweiten

Schleiers, das allmählich einsetzende neckische Spiel damit, bis er

auch halb zufällig, halb absichtlich fällt und noch mehr enthüllt -- --

die mit der allmählichen Befreiung immer schneller werdenden Rhythmen,

das Umherwirbeln im aufjauchzenden Gefühl, das jähe Abwerfen des einen

Schleiers nach dem andern -- bis der letzte fiel -- das kam alles

heraus mit einer ungezwungenen Natürlichkeit, mit einer Naivität, die

ihn entzückte -- bis eben der letzte Schleier fiel. Dann war's aus --

dann war sie wieder die kleine Baberina, die in ihrem kurzen Tanzrock

vor ihm stand und ihn fragend anblickte. Und er ließ sie nicht auf

Antwort warten.

»Was fühltest du, als der letzte Schleier fiel?« rief er aufgeregt.

»Ich weiß nicht!«

»Fühltest du nicht, daß du nackt warst?«

»Nein«, sagte sie kopfschüttelnd und blickte ihn fragend an. Wie kam er

nur darauf?

»Das mußt du aber -- darauf zielt der ganze Tanz -- -- das hast du auch

ausgezeichnet angedeutet und vorbereitet. Du mußt dich nackt fühlen!«

»Aber ich bin's ja nicht!«

Er lachte auf.

»Das ist es eben. Du mußt dann jenen Tanz -- _=nackt=_ vor mir tanzen!«

Sie wich zurück und erhob die Hände zur Abwehr.

»Was sträubst du dich? Was ist denn dabei? Brauchst du dich denn zu

schämen, dich so zu zeigen, wie die Natur dich geschaffen hat? Du am

allerwenigsten! Jetzt darfst du es -- jetzt _=mußt=_ du es. Du bist

jetzt in deiner Kunst so weit, daß du den letzten Schleier fallen

lassen kannst! -- Wenn du weiter willst, wenn du nicht stehenbleiben

willst, _=mußt=_ du es! -- Tu's, Baberina, entschleiere dich mir --

_=mir allein=_ sollst du jenen Tanz so tanzen, wie er wirklich ist --

den anderen nicht -- auf der Bühne nicht! Willst du ihn aber auf der

Bühne richtig und mit voller Wirkung geben, dann mußt du erst jenes

Gefühl: _=nackt=_ -- entblößt -- dazustehen, wirklich erlebt haben!

_=Dann=_ erst hast du es erfaßt und kannst es geben, auch ohne die

letzte Hülle fallen zu lassen und dich vor den Augen der schaulustigen

Menge zur Schau zu stellen! Nur so will ich es -- nur das will ich von

dir!«

Sie stand in höchster Aufregung da, die Hände vor den Augen, und atmete

heftig.

»Ich kann's nicht! Ich will nicht! Nie und nimmer!«

»Du mußt!«

»Nein, nein!«

»Du hast es geschworen!«

»Das habe ich nicht!«

»Alles, was die heilige Kunst von dir verlangt, das zu tun, hast du

geschworen! -- Sie verlangt es jetzt von dir durch mich, durch deinen

Lehrer!«

Sie starrte ihn entsetzt an.

»Was starrst du mich so an? Bin ich dir so fremd? Sind wir nicht gute

Freunde geworden? Bin ich dir nicht schon mehr als ein Freund?«

»Mein Vater sind Sie«, flüsterte sie und wollte seine Hand küssen.

»Nicht so, Baberina, nicht Vater bin ich dir, auch nicht mehr Lehrer

-- nicht so!« Er verwehrte ihr den Handkuß und zog sie an seine Brust,

küßte ihr die Stirn und die zitternden Lippen. »Ich liebe dich -- ich

liebe dich mehr als mein Leben! -- Werde mein, und ich werde dich zu

der glücklichsten -- zu der größten Künstlerin machen, die je da war --

nur so kann ich es!«

Er wollte sie glücklich machen! Warum bat er sie nicht, _=ihn=_ zu dem

Glücklichsten zu machen? Im höchsten Sturm der Erregung horchte sie

bei dem Gedanken auf, es überlief sie kalt, sie riß sich los und stand

auf einmal hochaufgerichtet vor ihm. Unheimlich leuchtete es aus ihren

Augen, als sie fanatisch rief:

»Ich habe geschworen, ja, so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von

mir verlangt! Und ich halte meinen Eid, _=auch wenn du selbst mich in

Versuchung bringst=_! Wenn das die Kunst von mir verlangt, so bin ich

unwürdig, ihre Dienerin zu sein! Sie verlangt's aber nicht! Und du auch

nicht! _=Du willst mich nur prüfen!=_«

Da packte er sie wieder und bedeckte ihr Gesicht mit den

leidenschaftlichsten Küssen.

»Zum Teufel mit der Kunst«, rief er, »was ist mir die Kunst?! Das Leben

will ich, _=dich=_ will ich, weiter nichts! Und du mußt -- du willst es

ja -- du liebst mich! Tausendmal hab' ich's dir aus den Augen gelesen!

Komm, sei mein -- -- gib dich mir -- Baberina!«

Da wußte sie, daß das keine Prüfung war, ob sie ihrem Eid treu bleiben

wolle oder nicht! Sie fühlte, daß er sie betrogen hatte -- daß er sie

der Welt gegenüber bewahrt hatte, bloß um sich selbst ihres Besitzes

zu erfreuen! Mit verbundenen Augen hatte sie sich von ihm bis dicht an

den Rand eines Abgrundes führen lassen, und jetzt war ihr auf einmal

die Binde von den Augen gerissen! Sie sah, wo sie war! Sie wußte nicht

mehr, wohin -- wußte nur, daß sie schnell zurück mußte, um ihr Leben

zu retten! Und mit Aufbietung ihrer letzten Kraft riß sie sich los,

stieß ihn von sich und floh, so schnell, daß er sie nicht mehr zu

hindern vermochte! Sie kam in höchster Aufregung nach Hause und teilte

ihrer Mutter mit, sie hätte das Tanzen aufgegeben, sie hätte es jetzt

satt und wollte nunmehr den Schleier nehmen und den Rest ihrer Tage im

Kloster verbringen!

Fossano stand allein und stampfte vor Wut. Er war ärgerlich über sich

selbst! -- Er war zu schnell vorgegangen! Trotz aller Behutsamkeit war

die Enthüllung zu jäh gekommen, und er hatte das Wild verscheucht!

Jetzt würde das Einfangen doppelt schwer werden!

Er würde aber nicht von ihr lassen! Was hieß das auch, so vor ihm

davonzulaufen? War er nicht Fossano, dem alle Weiber nachstellen -- der

nur die Hand auszustrecken und zu winken brauchte, damit sie ihm an

den Hals flogen?! Und jetzt diese Sprödheit, dies dumme Getue, als wäre

sie Gott weiß was! Die blöde Person! Er hatte die Gnade haben wollen,

sie zu sich emporzuheben -- und die Gnade sollte ihr zuteil werden, ob

sie wollte oder nicht! Er würde ihr schon zeigen, wer er war!

5

Am folgenden Tage trat er bei der Domina Campanini ein, die ihn mit

bangen Fragen empfing und sich in lauten Klagen über das veränderte

Wesen ihrer Tochter erging.

Was wohl geschehen wäre? Sie hätte nichts aus ihr herausbringen können!

-- Sie trüge ein sonderbares Wesen zur Schau! -- Sie antworte auf keine

Fragen! -- Gestern hätte sie in ein Kloster gehen wollen! -- Heute rede

sie überhaupt nichts. Was denn geschehen wäre?!

»Nichts, gar nichts! Sie soll ruhig den Schleier nehmen! -- Ich hab'

nichts dagegen! Sie taugt nichts -- sie wird es überhaupt in der Kunst

zu nichts bringen! -- Ich habe mich geirrt.«

»Aber mein Gott, was ist denn vorgefallen? Früher konntet Ihr nicht

genug zuraten, und jetzt auf einmal -- --«

»Ich habe mich eben geirrt -- ich sagte es Euch ja. Ich habe meine Zeit

an eine Unwürdige verschwendet!«

»Aber, Signore, das ist nicht möglich -- diese plötzliche Veränderung!

-- Wie soll ich das nur verstehen? Ach, ich Unglückliche, ach, ich

Arme! -- -- Ich werde noch vor Gram sterben müssen! Aber so sagt mir

doch: ist da keine Rückkehr möglich? -- -- Ist da gar keine Hoffnung?«

»Wenn Ihr glaubt, Domina, daß ich gekommen bin, um meine Zeit mit dem

Anhören Eurer Lamentationen zu vergeuden, so irrt Ihr Euch! Meine Zeit

ist kostbar! Das scheint weder Ihr noch Eure Tochter zu begreifen!

Und das -- nur das möchte ich Euch zu Gemüte führen. Um Eure Tochter

kümmere ich mich nicht! -- Mit Euren Klagen könnt Ihr mich verschonen!

Aber meinen Zeitaufwand mit ihr müßt Ihr mir bezahlen!«

»Alle Heiligen -- versteh ich Euch recht?«

»Ich hoffe, Ihr werdet so gescheit sein! Ihr müßt also jetzt die Kosten

des Unterrichts aufbringen, den Eure Tochter bei mir gehabt hat!«

»Aber, Signore -- Ihr habt ihr doch versprochen --«

»Was habe ich ihr versprochen? Nichts habe ich ihr versprochen! Gar

nichts! Könnt Ihr ein Wort von mir anführen, daß ich auf ein Entgelt

für meine Mühe verzichte?«

»Das nicht! Aber auch kein Wort von Zahlung!«

»Das ist selbstverständlich! Als ehrbare Frau werdet Ihr doch keine

Geschenke annehmen?«

»Wir sind arm, wir haben nichts.«

»Woher denn der Stolz? Woher das hochfahrende Wesen, das sich Eure

Tochter mir gegenüber herausgenommen hat?«

»Hat sie? Die Undankbare! Die Gottverlassene! Ich werde ihr schon --

wartet nur, ich werde ihr schon den Kopf zurechtsetzen! Babara -- komm

her -- -- so komm nur -- -- schnell -- auf der Stelle kommst du her und

küßt dem gnädigen Herrn die Hand und bittest um Entschuldigung! -- --

Auf den Knien sollst du ihn um Entschuldigung bitten, du launenhaftes

Geschöpf, du dummes Ding! Nun, kommst du?! Warte nur, ich bringe dich

schon zur Vernunft!«

Aufgeregt lief sie durchs ganze Haus, um Babara zu suchen, aber fand

sie nirgends und kehrte keuchend ins Wohnzimmer zurück, wo sich Fossano

inzwischen auf einen Stuhl niedergelassen hatte und gleichgültig seine

brillantengeschmückten Finger musterte.

»Laßt nur -- regt Euch nicht weiter auf -- ich mache mir nichts aus

ihr, und wenn sie mir tausendmal die Hände küßte! Sie taugt nichts! Sie

ist für mich abgetan! Basta! Und da ich mich in ihr geirrt habe -- da

sie nicht die große Künstlerin werden kann, wie ich hoffte, da ich also

nicht _=die=_ Befriedigung als Lohn für meine Arbeit haben kann, so

müßt Ihr mir eben meine Mühe mit Geld zahlen! Das seht Ihr doch ein?«

»Gewiß sehe ich ein, daß wir Euch zu großem Dank verpflichtet sind!

Aber woher das Geld nehmen, um Euch zu bezahlen? Ich bin arm -- ich

besitze nichts -- als dies elende Haus!«

»Da müßt Ihr eben das Haus verkaufen.«

»Großer Gott -- -- dann müßten wir alle auf der Straße betteln gehen!

-- -- Wo soll ich denn hin mit meinen Kindern?«

»Das wird Eure Sorge sein.«

»Ihr bleibt also dabei, so hart zu mir zu sein?«

»Dessen seid sicher!«

»Wo findet sich denn so schnell ein Käufer?«

»Wendet Euch an einen Makler, nicht an mich!«

Fossano stand auf.

»Ihr wißt jetzt Bescheid, Signora! Ihr wißt, woran Ihr mit mir seid! In

ein paar Tagen sind die Vorstellungen hier in Parma beendigt, und wir

ziehen nach Venedig, um da zu spielen!«

»Ohne Babara?«

»Wie oft soll ich Euch sagen, daß ich von Eurer Tochter nichts wissen

will?«

»Soll sie denn in Venedig nicht Psyche spielen?«

»Nein!«

»Wer könnte es außer ihr? Keine, die so hübsch ist -- keine, die mit

solcher Poesie die Partie zu tanzen wüßte -- keine, die dem Publikum so

sehr gefallen würde!«

»Ihr irrt Euch! Niemand ist unersetzlich! Es gibt Hunderte von

Tänzerinnen, die das ebensogut können wie sie! Tänzerinnen, die ihre

Köpfe nicht so hoch tragen -- die die Ehre zu schätzen wissen,

in einer Pantomime von Fossano tanzen zu dürfen! Babara hat sich

verschlechtert -- sie tanzt nicht mehr so gut -- sie scheint keine

rechte Lust mehr zu haben -- sie ist auch zu entbehren!«

»Heilige Mutter Gottes -- was muß ich da alles hören! -- Bleibt doch,

Signore, geht doch nicht! -- Ich werde schon alles in Ordnung bringen

-- ich will sehen, was ihr fehlt -- ich will sie ausforschen -- -- will

schon aus ihr herausbringen, ob sie sich verliebt hat -- ob sie sich

nicht hat den Kopf verdrehen lassen -- -- verlaßt Euch darauf -- ich

bringe sie schon zur Vernunft -- -- ich bringe sie wieder zu Euch! --

-- Auf den Knien soll sie Euch um Entschuldigung bitten.«

»Das wird sie nicht -- ich kenne sie besser als Ihr! Und es würde auch

zu nichts führen! Addio, Signora -- Ihr wißt jetzt Bescheid! In einer

Woche geht's nach Venedig, bis dahin müßt Ihr zahlen, sonst werde ich

die Schuldhaft gegen Euch beantragen müssen.«

Er war schon an der Tür. Die Alte ließ ihn aber nicht gehen. Sie eilte

zu ihm, hielt ihn am Rock fest, warf sich vor ihm nieder, umschlang

seine Knie und schluchzte und flehte, rief alle Heiligen an, ihr zu

helfen, sein hartes Herz zu erweichen! Es half ihm nichts -- er konnte

nicht fort, er mußte ihr Jammern über sich ergehen lassen. Rasch

entschlossen beugte er sich zu ihr, half ihr aufstehen, brachte die

halb Ohnmächtige zum Kanapee und half ihr sich niederlegen.

»Ich will Euch einen Vorschlag machen«, sagte er dann nach kurzem

Besinnen. »Vielleicht wird das Euch aus der Schwierigkeit helfen. Ich

will Euch das Haus abkaufen! Sagt mir den Preis -- ich zahle ihn.«

Die alte Domina setzte sich auf.

»Und wir, wo sollen wir hin?«

»Ihr sollt hier wohnen bleiben wie bisher.«

»O Gott -- das wollt Ihr für uns tun? -- Der Himmel segne Euch! -- Ihr

habt mich nur erschrecken wollen -- ich wußte es ja! -- Ich hab's ja

immer gesagt: der Signor Fossano ist gut -- er ist edel! -- Der Signor

Fossano hat ein Herz wie wenige -- -- ein Herz wie Gold -- --«

Sie unterbrach sich und sah ihn auf einmal fragend an, wie er da

lächelnd stand und ihre Gefühlsausbrüche über sich ergehen ließ.

»Warum tut Ihr das? -- Ihr müßt doch einen Grund haben? Ich verstehe

das alles nicht -- es wird mir ganz wirr im Kopfe!«

»Der Grund ist der -- _=ich will zu Euch ziehen=_ und hier bei Euch

wohnen!«

»Ihr wollt -- --«

»Ich will mit _=Babara zusammenziehen=_! Sie muß meine Geliebte werden

-- und Ihr müßt Euren Segen dazu geben!«

Die Signora fiel auf ihr Kanapee zurück.

»Das war's also«, flüsterte sie -- »das war's! Ihr habt sie -- --«

»Ich habe sie haben wollen, und sie ist mir davongelaufen! _=Mir=_«,

sagte er verächtlich lächelnd, »als wäre ich Gott weiß was für ein

Bettler von der Straße -- als wäre ich nicht, der ich bin! Tausende

würden sie beneiden --«

»Ich glaub's schon -- -- ich glaub's schon! Aber Babara ist nicht wie

die andern! -- Sie ist ganz eigen -- -- hat immer ihren Kopf für sich!

-- -- Sie hat Euch aber dadurch nicht beleidigen wollen -- ich schwöre

es! -- -- Sie hat immer mit der größten Achtung und Liebe von Euch

gesprochen! Kümmert Euch nicht um sie -- -- laßt sie, wie sie ist -- --

aber verlaßt sie deswegen nicht -- -- nehmt nicht Eure Hand von ihr --«

»Sie gefällt mir -- -- ich mag sie gern -- -- offen gestanden, ich bin

ganz vernarrt in sie! Sie muß die Meine werden!«

»Aber so heiratet sie doch!«

Er lachte laut auf.

»Ich -- und heiraten! -- -- Ein Künstler wie ich -- und heiraten! Wo

würde das hinführen? Ein Künstler muß frei sein -- eine Künstlerin erst

recht! -- Kein Band, keine Fessel darf sie da hindern! Wenn ich Babara

zu meiner Geliebten mache, so denke ich gar nicht daran, ihr Fesseln

aufzuerlegen oder sie auf die Dauer zu binden. Frei will ich sie haben

-- ich will ihr jetzt die Augen öffnen -- ich will sie nicht mir geben,

_=sondern ich gebe sie sich selbst=_, damit sie sieht, was sie ist, und

was sie soll, und wie sie es anzufangen hat, um durchs Leben zu kommen.

Die Tugend, Signora, ist gut, aber nur für einige Zeit! -- Die

Keuschheit auch, solange die Seele noch knospt. Wenn sie zur Entfaltung

drängt, dann muß ihr Gefäß, der Körper, mit, sonst erstickt sie und

verwelkt -- oder die Natur nimmt sich ihr Recht, bricht plötzlich durch

und vernichtet in einem jähen Aufbrausen der Leidenschaft Körper und

Seele!

So weit ist Eure Tochter jetzt -- jetzt steht sie am Wendepunkt,

wo's heißt vorwärtskommen oder zurückbleiben. Wenn sie sich da der

behutsamen Leitung eines erfahrenen Lebenskünstlers wie mir vertraut,

dann ist sie geborgen, dann liegt ihr die Welt offen -- dann braucht

sie nur die Hand auszustrecken, um über Pracht und Glanz und alle

Reichtümer der Welt zu gebieten! Das will ich ihr geben -- dazu will

ich sie führen, nie und nimmer aber sie gefangensetzen und als mein

Eigentum begraben! -- -- Aber -- sie will anscheinend nicht -- sie

hat Angst, sie vertraut mir nicht genug. Und ich muß ihr äußerstes

Vertrauen haben -- dann erst kann ich aus ihr die große Künstlerin

machen, die zu werden ihre großen Gaben sie berechtigen, wenn sie mir

folgt.«

»Sie soll«, sagte die Domina, die allmählich ihre Fassung

wiedergefunden hatte, »sie soll nicht ihr Glück zurückweisen dürfen.

Ich werde noch heute mit ihr reden, und dann werdet Ihr selbst mit ihr

sprechen -- -- und morgen zieht Ihr zu uns!«

»So ist's recht«, sagte Fossano, »es freut mich, daß Ihr vernünftig

seid! Als meine Geliebte wird sie mit nach Venedig gehen, sie wird

da Triumphe feiern. Dann bringe ich sie nach Paris -- im nächsten

Winter trete ich da auf! -- Sie wird bei Hofe tanzen! -- Und Ihr geht

mit, Signora -- Ihr helft mir über sie wachen -- Ihr werdet auch

Eure Freude daran haben -- Ihr werdet Euren Lebensabend ohne Sorgen

verbringen! -- Erst muß sie aber voll und ganz Mensch werden! -- So,

wie sie jetzt ist, kann sie nirgends Erfolg haben -- Ihr fehlt noch

das bewußt Sinnliche, das allein in der Kunst mitzureißen vermag! In

ihrer Erziehung fehlt noch die Entschleierung des Fleisches -- die

Entfesselung der Leidenschaft, aber so, daß man sie bändigt, eindämmt,

der Vernunft botmäßig macht! -- -- Sie soll ihr Leben genießen, aus

dem vollen schöpfen, aber nie den Kopf verlieren! -- Ehrgeizig muß sie

werden, nach Macht muß es sie gelüsten, aber nie und nimmer darf sie in

süßer Schwärmerei schwelgen oder im ruhigen Wohlleben hinduseln, denn

dann ist sie verloren. Sie so weit zu bringen, soll der Lohn meiner

Mühe sein -- dafür scheue ich kein Opfer an Zeit und Geld. So will ich

sie erziehen, aber so kann ich nur meine Geliebte erziehen!«

»Geht, Signore -- tut's -- macht mein Kind glücklich! Meinen Segen habt

Ihr! Noch heute rede ich mit ihr! Noch heute mache ich Eure Wohnung

bereit. Und morgen zieht Ihr hierher!«

Fossano ging. Vergnügt trällernd schlenderte er die Straße entlang nach

seiner Wohnung.

»Diese blöden Mädchen«, sprach er leise im Gehen, »sie sind sich alle

gleich! Schwierigkeiten ohne Ende! Erst um sie zu kriegen und dann um

sie loszuwerden! Bei ihr soll es aber bei der ersten Schwierigkeit sein

Bewenden haben! So spröd sie sich jetzt gibt -- nachher wird sie nicht

mehr zu halten sein, wenn ich sie recht kenne! Das fehlte auch noch! --

Angenommen, ich nähme sie mit nach Paris, und sie gefiele am Hofe --

angenommen weiter, der König selbst wollte ihr eine Gnade erweisen --

und sie würde nein sagen -- -- ich müßte mich ja rein schämen! -- --

Ich werde sie schon abzurichten wissen!«

Immer noch trällernd, betrat er seine Wohnung. Und da erwartete ihn

eine Überraschung.

* * * * *

Er warf Hut und Mantel von sich und ging auf das Nebenzimmer zu, um die

Kleidung zu wechseln. Als er aber an die Tür kam, flog der Vorhang zur

Seite, und eine dichtverschleierte Gestalt trat auf ihn zu, den Kopf

geneigt, die Arme, welche die Schleier zusammenhielten, über die Brust

gekreuzt -- --

Er wich zurück, sie mit weit offenen Augen anstaunend. Endlich begriff

er.

»Babara«, rief er, »Baberina!« Er stürzte auf sie zu und wollte sie in

die Arme schließen.

Sie wich ihm aus.

»Komm mir jetzt nicht zu nahe!« flüsterte sie, »nimm die Gitarre,

spiel! Ich will jetzt vor dir tanzen!«

Eine Blutwelle schoß ihm in den Kopf. Er griff sich an die Stirn

-- er konnte es nicht fassen! Sie kam, _=ganz von selbst=_, ohne

Zwang, ohne Zureden, um ihm zu Willen zu sein! Während er mit ihrer

Mutter unterhandelte und feilschte, war sie, ohne Bedingungen zu

stellen, gekommen, hatte auf ihn gewartet, ohne zu ahnen, was er

bereits unternommen hatte, um sie zu gewinnen, stand bereit, ihm _=zu

schenken=_, was er glaubte, kaufen zu müssen!

Er warf sich ihr zu Füßen.

»Baberina, verzeih mir, verzeih mir!« schluchzte er.

»Ich habe dir nichts zu verzeihen! Du aber mir! Du bist mein Herr

und Gebieter -- mit meinem Eide habe ich mich dir verpflichtet! --

Ich hatte dir geschworen, alles zu tun, was die heilige Kunst von

mir verlangt -- ich wollte meinen Eid nicht halten, als du im Namen

der Kunst auch das Letzte verlangtest! Mir schwindelte der Kopf, ich

wußte nicht Bescheid mit mir, ich schlich mich heute zur Madonna im

Dom, um, wie immer, dort die Ruhe zu finden, und ich fand sie nicht.

Ihre Himmelfahrt war mir keine Himmelfahrt mehr! Ich sah alles nur

mit deinen Augen -- sah nur, was du mir erzählt hattest! Eine Orgie,

einen Kampf, ein Drängen, ein Emporwollen und ein Niederziehen; meine

Gedanken wurden in den Trubel mit hineingezogen, ich wirbelte mit in

dem tollen Sturm der Entzückung! -- -- So sah ich es -- -- ich konnte

nicht anders! -- -- Da ging's mir auf, daß ich zu dir mußte, um dies

wieder loszuwerden und das heilige Bild wieder sehen zu können, wie

ich's seit der Kindheit gewohnt bin! Gib's mir wieder, befreie mich,

nimm den Wahnsinn von meinen Augen! Mach mich wieder sehend -- tu's --

-- schnell -- -- laß mich jetzt tanzen!«

Von heiligen Schauern ergriffen, nahm er die Gitarre und ließ sie

klingen. In langen, wallenden Harmonien ließ er die Töne über sie los,

und sie gehorchte, sie folgte dem Strom seines Blutes, der in der Musik

zu ihr hinüberflutete und ihr eigenes Blut zum Sieden brachte. Immer

schneller wurden die Rhythmen, immer toller ihre Bewegungen, wie ein

Schmetterling flog sie in wirbelnden Kreisen im Zimmer hin und her!

Jetzt fiel der erste Schleier -- jetzt der zweite -- immer mehr seinen

entzückten Augen entblößend -- --

»Vorwärts -- vorwärts!« schrie er und schlug die Saiten zum Platzen

wild und trieb sie immer schneller und schneller -- Schleier nach

Schleier fiel -- bis auf den letzten, den sie noch mit beiden Händen

erhaschte und so vor den Knien hielt, daß er in sanften Bogenlinien die

Bewegung des Körpers brach und dessen üppige Formen umschwebte! Dann

ließ sie auch den fallen und stand vor ihm in der sieghaften Majestät

ihrer nackten Schönheit, Feuer und lodernde Leidenschaft in den Augen,

und blickte lächelnd auf ihn herab. Er warf die Gitarre fort und sank

in die Knie.

Eine solche Hoheit, eine solche Majestät der Keuschheit und Reinheit

war über ihr, daß er, von tiefster Andacht bewegt, zu Boden fiel und

die Erde zu ihren Füßen küßte.

Sie sah es. Ein Ausdruck von Hohn, von grausamer Siegesfreude glitt

über ihr Gesicht -- es leuchtete unheimlich auf in den schwarzen Augen,

sie hob den kleinen, nackten Fuß, setzte ihn ihrem Peiniger auf den

Nacken und drückte seinen Kopf leicht zu Boden -- --

Dann war's um sie geschehen!

Wie ein Blitz war es über ihr, das lange Vorbereitete, lange

Befürchtete. Und im nächsten Augenblick lag sie im Staube, gefangen,

geknechtet, flügellahm.

Die Himmelfahrt der Psyche war jäh unterbrochen. Der Leidensweg einer

Frau durch die Höllen des Lebens, durch die Freuden der Welt begann.

6

Am folgenden Tage zog er mit ihr zusammen in die Wohnung, die die

Signora für ihn bereit gemacht hatte.

Beim Betreten des Hauses kam ihm Babara mit freudestrahlenden Augen

entgegen, flog ihm um den Hals, küßte ihn und tanzte wie wild mit ihm

herum.

»Du hast recht gehabt!« rief sie. »Es ist alles so, wie du's erzählt

hast! So wie du's siehst, so hat er's gemeint!«

»Wer?«

»Der große Meister Allegri!«

»Ach so!«

»Ich war heute da -- ich komme eben von dort! Und so tief, so herrlich

hab' ich's noch nie gesehen! Es war ein Glanz, eine sonnige Glut über

dem Bild, ein Leuchten der Farben! Meine Seele hat sich endlich satt

trinken können -- ich bin noch ganz berauscht! Und nun geh ich nicht

wieder hin! So will ich es im Gedächtnis behalten!«

»So ist's recht!«

»Die ganze Himmelfahrt war lebendig geworden. Es tanzte, drehte sich

und wirbelte wie toll, daß mir ganz wirr im Kopfe wurde! >Tanze mit<,

rief es mir zu, >tanze, freue dich, lache, genieß die Lust, zu leben,

ohne Angst, ohne Zaghaftigkeit!< So schrie es mir zu. Und ich wurde so

vom Glück erfüllt, daß ich hätte fliegen können -- ich habe getanzt

-- vor Freude getanzt, mitten in der Kirche, weil ich gestern zu dir

gegangen war, um für dich zu tanzen, und weil ich jetzt wußte, daß ich

ein Recht hatte, es zu tun -- und auch die Pflicht!«

»So ist es auch. Aber _=nur mir=_ darfst du jenen Tanz tanzen!«

»Warum nicht aller Welt? Bin ich nicht hübsch genug?«

»Viel zu hübsch! Sie werden alle von dir bezaubert sein!«

»Das ist ja gut!«

»Sie werden dich alle haben wollen, und das dürfen sie nicht!«

»Ich werde mich selbst haben, und außer mir keiner!«

»Ich auch nicht?«

Sie lachte.

»Du am allerwenigsten! Du willst es ja auch nicht! Du willst mich ja

frei haben -- du willst selbst frei sein!«

»Und wenn ich's nun nicht mehr will?«

Sie sah ihn lauernd an und lachte dann laut auf.

»Du willst mich nur versuchen, ob ich meinen Eid halte, der Kunst treu

zu bleiben! Ich lasse mich aber von dir nicht nasführen, ich weiß jetzt

Bescheid -- ob du den Eid so oder so auslegst, soll mir gleich sein.

Ich tue doch, was ich will. Und jetzt will ich -- _=mit dir=_ tanzen!

Komm!«

Sie flog ihm um den Hals, schloß seine Lippen mit einem Kuß und tanzte

mit ihm herum, daß ihm der Atem verging.

»Wird das ein Tanz werden«, jauchzte sie, »über alle Köpfe hinweg, die

höchsten wie die niedrigsten! Auf sie alle setz ich den Fuß -- wie

gestern auf deinen! Da gibt's keine Gnade -- in den Staub müssen sie

alle, alle werden sie getreten, und sie sollen noch meine Hand küssen

und mir für die Qual danken!«

Mit einem Sprung stand sie in der entlegensten Ecke des Zimmers und

lachte, daß die weißen Perlenreihen ihres Gebisses raubtierhaft

glänzten.

Er erschrak. Der Engel wandelte sich schon in einen Dämon. Er fing an

zu begreifen, welches Unheil er da entfesselt hatte!

Wie, wenn's schon zu spät wäre?! Wenn's ihm nicht mehr gelänge, den

Strom der Leidenschaft einzudämmen und in ruhige Bahnen zu leiten! Wenn

das losgelassene Element, alles niederreißend, alles vernichtend, ins

Leben hinausbrausen und ihn selbst und seine Kunst mit fortreißen und

vernichten würde?!

Das durfte nicht sein! Da mußte sofort mit aller Energie eingegriffen

werden!

Er ließ sie nie wieder den Schleiertanz tanzen, so sehr sie es sich

auch wünschte. Die Fortsetzung von Psyche wurde auch nicht einstudiert.

Fossano dichtete keine Pantomimen mehr. Sein ganzes Dichten, sein

ganzes Trachten hieß fortan Baberina.

Sie wurde die große Passion seines Lebens, der Feuerbrand, in dem

er als Mensch und Künstler rettungslos vergehen sollte -- mit der

Windeseile einer Katastrophe.

Bis jetzt war er von Blume zu Blume geflattert, feil für jede Gunst

des Augenblicks -- Künstler bis zu dem Fanatismus, der überzeugt alles

opfert, auch das Höchste, der das Liebesleben der Kunst unterordnet und

als Mittel zum _=Herrschen und Glänzen=_ benutzt.

Daran hatte er geglaubt und danach gehandelt, auch als er ihre

Erziehung in diese Richtung leitete.

Dann kam die Wandlung, so jäh, daß er sie erst gewahr wurde, als es zu

spät war.

Das herrliche Weib, das sich ihm in einem Augenblicke heroischen

Opfermuts entschleiert hatte, liebte er jetzt mit einer tiefen, wahren

Leidenschaft, die ihn ganz erfüllte und die ihm das höchste Glück

hätte bringen können, wenn er es nicht vorher selber mit leichter Hand

zerbrochen hätte.

Er fluchte seiner Dummheit, er war außer sich ob seiner

Kurzsichtigkeit, aber -- es war zu spät!

Psyche war ihm für immer entflattert, ihm blieb die allzu gelehrige

Schülerin, und auch sie entglitt nur zu bald der Führung eines

Meisters, der sich eifersüchtig gebärdete, obwohl er ihr unbedingte

Freiheit zur Pflicht gemacht hatte.

Schon in den ersten acht Tagen betrog sie ihn mit einer

Selbstverständlichkeit, als wäre das ganz in der Ordnung. Er erwischte

sie in flagranti mit einem jungen Choristen, der ein pflaumenweiches

Gesicht und leidliche Beine hatte. Diesen Adonis schlug er grün und

blau und kurierte ihn so gründlich von seiner Liebeskrankheit, daß er

in den nächsten vierzehn Tagen weder zum Tanzen noch zum Stelldichein

kommen konnte. Und Baberina überhäufte er mit Vorwürfen.

Sie war höchst erstaunt, daß er sich über die Kleinigkeit überhaupt

aufregte, sah ihn mit weit offenen Augen an und sagte mit der größten

Naivität von der Welt:

»Warum hätte ich es nicht tun sollen?! Ich hatte dich ja so über alles

gern! Und davon hast du mich selber kuriert. Das darf doch nicht

überhandnehmen! Wie könnte ich sonst eine Künstlerin werden? Ich

_=soll=_ doch frei sein, insbesondere in der Liebe! Das hast du doch

selber gesagt!?«

Sie schlug ihn mit seinen eigenen Worten. Und er konnte nichts dagegen

sagen.

Er verbiß seinen Ingrimm und suchte Mama Campanini auf, um ihr

klarzumachen, daß sie auf ihre Tochter besser aufpassen müsse. Da

erlebte er die größte Überraschung.

»Passe ich vielleicht nicht auf?! Ich tue ja nichts anderes! Ich denke

ja nur an sie! Tag und Nacht bin ich um ihr Glück bemüht! Ich ermahne

sie stündlich, auf ihren Vorteil bedacht zu sein und sich ja nicht an

einen Unwürdigen fortzuwerfen!«

»Das tut sie aber!«

»Unsinn! Das hat _=sie=_ gewiß nicht nötig! -- Sie braucht nur die Hand

auszustrecken, dann hat sie alles, was sie will. Die reichsten Leute

buhlen um ihre Gunst! Der ganze Adel von Parma macht mir ihretwegen den

Hof! Ja -- wir sind auf einmal begehrt! Sogar der Bischof selbst hat --

--«

»Was hat er? -- Hat er gewagt?« rief Fossano heftig.

»Nur ruhig, Signore! Wenn Seine Ehrwürden etwas gewagt hat -- _=Ihr=_

habt den Vorteil davon!«

»Der Teufel auch!«

»Denkt Ihr, das bedeutet nichts, daß er die Vorstellungen von Psyche

besucht hat?! Fast jeden Abend, als Babara tanzte, war er da! -- Das

hat Euch wenigstens zehn volle Häuser eingebracht! Da erst strömte

auch der hohe Adel Abend für Abend ins Theater! Nun ja! Die Leute

sind fromm! Und wo Seine Ehrwürden selbst hingingen, obwohl sie das

Manifest der hohen Geistlichkeit mit unterschrieben hatten, in dem die

Tänzerinnen und Sängerinnen für die größte Gefahr erklärt wurden, und

worin empfohlen wurde, nur Jünglinge tanzen zu lassen, damit man weder

das Ballett entbehre noch Schaden an der Seele nähme! Und nun geht

er doch hin und sieht sich die Baberina an! Abend für Abend! Und mit

ihm ganz Parma! Ihr müßtet ein Einsehen haben und ihr ein anständiges

Honorar aussetzen!«

Fossano machte eine unwillige Bewegung.

»Nun«, rief sie dann schnell, »wenn Ihr's nicht wollt -- ich rede Euch

nicht drein! Was abgemacht ist, ist abgemacht! Babara macht auch so ihr

Geschäft!«

Er horchte auf.

»Was meint Ihr damit?«

»Was soll ich meinen? Sie wird ja mit Geschenken überhäuft! Sie kann

sich kaum noch wehren! Täglich kommen welche! Oh -- es sind auch große

Kostbarkeiten darunter! Seht hier diesen Solitär!«

»Von wem hat sie den?«

»Den hat ihr Ehrwürden geschenkt!«

»Du lügst!«

»Lies selbst! Der Brief war dabei!«

Sie reichte ihm ein rosafarbenes Billett, das er schnell las und

fortwarf.

»Er will sie sehen?!«

»Ja -- sobald er von Mailand zurück ist, wohin er auf einige Tage

gereist ist, will er sie sprechen!«

»Das geschieht nicht. Sie darf nicht hingehen!«

»Warum soll sie nicht hingehen? Was ist denn dabei? Sie ist ein frommes

Kind -- sie wird hingehen -- sie wird ihn sprechen -- sie wird ihm

beichten -- er wird sie segnen -- er selbst!«

»Wie der Segen beschaffen sein wird, läßt sich denken!«

Die Signora nahm den Brief auf und reichte ihn ihm noch einmal.

»Ihr habt ihn gelesen, lest ihn nochmals. Steht da ein Wort von Liebe

drin? Nein!«

»Und das Parfüm?« rief Fossano und hielt ihr den Brief unter die Nase.

»Ist das der Geruch der Heiligkeit, wie?! Das duftet auf zehn Schritte

nach Billetdoux, was auch drin geschrieben steht! Und der Ring spricht

auch deutlich genug. Sie wird nicht hingehen!«

»Warum sollte sie nicht? Ihr könnt ihr doch nicht verwehren, um ihr

Seelenheil besorgt zu sein!«

»Ihr Seelenheil soll fortan _=meine=_ Sorge sein! Da hat kein Bischof

dreinzureden!«

»Aber -- --«

»Kein Aber! Entweder es bleibt dabei -- oder ich gehe ohne sie nach

Paris und nehme eine andere mit!«

»Eine andere wollt Ihr mitnehmen!? Ihr habt aber versprochen --«

»Wenn sie aber nicht _=will=_ -- wenn sie lieber zum Bischof geht, um

nachher als seine Konkubine hierzubleiben!? Da kann sie doch nicht

nach Paris mitgehen! Da muß ich ja eine andere mitnehmen. Seht hier --

hier habe ich den Vertrag mit der Königlichen Akademie der Musik über

mein Gastspiel dort. Seht nur -- bereits unterschrieben -- vom Prinzen

Carignan, dem Generalinspekteur, selbst! Für mich und eine Partnerin,

die ich mir nach Belieben aussuchen kann. Ich brauche nur den Namen

auszufüllen. Nun, ich werde mir eben eine aussuchen -- eine, auf die

ich mich verlassen kann! Es gibt so viel Tänzerinnen -- alle schön,

alle talentvoll -- ich werde nicht lange zu suchen brauchen!«

»Und Baberina?«

»Warum sollte ich ihrem Glück im Wege sein? Wenn sie den Bischof von

Parma dem König von Frankreich vorzieht, dann mag sie eben ihren Willen

haben!«

»Ihr habt _=mir=_ aber versprochen -- Signore!«

»Du hast mir versprochen, daß sie meine Geliebte sein sollte!«

»Das ist sie doch!«

»Eine Dirne ist sie, die mit aller Welt buhlt! Soeben habe ich sie mit

einem anderen überrascht -- einem dummen Jungen, der nichts ist -- der

nichts hat als ein fades Gesicht und ein paar hübsche Beine -- einem

ganz gewöhnlichen Tänzer! Ich habe ihn aber krumm und lahm geschlagen!«

»Daran habt Ihr recht getan, Signore! Hättet Ihr ihr nur auch ihren

Teil gegeben! Aber dem entgeht sie nicht, die Nichtswürdige! Ich werde

ihr schon den Text lesen!«

»Ich kann mir das denken! Alte Kupplerin!«

»Das sagt Ihr mir? Das muß ich mir von Euch bieten lassen! Das ist

zuviel! _=Ich=_ -- eine Kupplerin! Und mein Kind -- mein eigenes Kind

werde ich wohl verkuppeln? Habe ich das nötig?«

»Nein. Dafür scheint sie schon selbst sorgen zu können! Du hast aber

nötig, auf sie aufzupassen! Und das mußt du mir bei allen Heiligen

schwören! Sonst gehe ich geradeswegs von hier zu der Bandolini und

schreibe ihren Namen in den Vertrag, und Babara geht nicht mit nach

Paris. Sie mag dann selbst sehen, wie sie vorwärts kommt! Wenn sie

glaubt, auf den Schutz Fossanos verzichten zu können -- mir ist's

recht! -- -- Will sie aber mit, so mußt du schwören! --«

»Ich schwöre ja -- ich schwöre ja! -- Habe ich mich denn geweigert? Ich

werde schon auf sie aufpassen! Wie ein Drache werde ich sie bewachen!

Alles tue ich, was Ihr nur wollt!«

»Nun, dann werde ich Gnade für Recht ergehen lassen!«

Fossano setzte sich an den Tisch, nahm einen Federkiel und kratzte ein

paar Worte in das Papier hinein.

»Demoiselle Barberini«, sagte er -- »so wird sie künftig heißen! -- Das

>r< fügen wir hinzu! -- Das macht sich besser als Künstlername! Sie

wird Furore machen, Demoiselle Barberini. -- Sie wird es unter meiner

Führung! Leicht wird's nicht werden. Die ersten Tänzerinnen der Welt

sind da, an der Pariser Oper, die Camargo -- die Sallé -- die Mariette

-- da wird sie einen schweren Stand haben! Wenn ich aber will, fallen

alle Hindernisse! Und ich will! Aber Ihr kennt die Bedingung!«

»Verlaßt Euch nur auf mich -- -- das könnt Ihr -- -- wirklich, das

könnt Ihr!« sagte die alte Domina und geleitete ihn unter tausend

Komplimenten zur Tür! Das könnte er auch.

-- Wenn sie auch entschlossen gewesen wäre, ihrer Tochter bei einem

Vergnügen, das _=keins=_ wäre -- einem Vergnügen aus Gewinnsucht --,

durch die Finger zu sehen -- denn man mußte ja auf seinen Vorteil

bedacht sein --, so würde sie ihr doch nie und nimmer ein Vergnügen aus

bloßer Liebe gestatten, und gar zugunsten eines Unwürdigen, der nichts

hatte als sein liebendes Herz und ein Paar hübsche Beine!

-- Da würde sie schon aufpassen -- dazu gäbe sie nie und nimmer ihren

Segen!

Das brachte Mama Campanini ihrer hoffnungsvollen Tochter denn auch

handgreiflich bei.

Aber -- den Ring des Bischofs machte sie schleunigst zu Geld und

stattete mit dem Erlös Babara prächtig für Paris aus.

Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen · 第 11 / 26 题