Aus einer kleinen Garnison.
Ein militärisches Zeitbild
von
Fritz von der Kyrburg.
[Illustration]
=Braunschweig=
_=Verlag von Richard Sattler=_
1903.
Inhaltsverzeichnis
Seite
Erstes Kapitel 1
Zweites Kapitel 27
Drittes Kapitel 78
Viertes Kapitel 125
Fünftes Kapitel 185
Sechstes Kapitel 233
Siebentes Kapitel 245
Achtes Kapitel 264
[Illustration]
Erstes Kapitel.
In dem geräumigen, mit behaglicher Eleganz eingerichteten Wohnzimmer war
Frau Clara König damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen zum
Empfang ihrer Gäste zu treffen.
Denn heute war Musikabend, zu welchem sich einmal in der Woche die
engeren Freunde des Hauses versammelten, soweit sie musikalisch waren.
Diesmal aber hatte man noch einige Familien dazu gebeten, damit sich
alle von der erfolgreichen Tätigkeit der »Künstler« überzeugen sollten.
Hier rückte die Hausfrau einen Stuhl zurecht, dort strich sie glättend
über ein gesticktes Deckchen, welche sie in allen Farben und
Geschmacksrichtungen selbst gefertigt. Sie prüfte die Lampen auf ihre
Lebensfähigkeit, klappte Klavier und Harmonium auf und warf schließlich
einen liebevoll sorgenden Blick nach den gefüllten Blumenvasen, ob sie
auch ihren duftenden Inhalt von der vorteilhaftesten Seite zeigten. Denn
darauf hielt sie sehr, nie fehlte auf dem Kamin und dem Erkersims ein
Sträußchen oder frisches Grün, selbst nicht zur kalten Winterszeit.
Frau Clara war eine mittelgroße Dame von etwa dreißig Jahren, mit einer
gefälligen Figur und einem hübschen, frischen Gesicht. Die munteren
blauen Augen gaben ihm im Verein mit dem geschmackvoll frisierten
Blondhaar einen jugendlich angenehmen Ausdruck.
Jetzt ließ sie sich in einen Sessel nieder, denn es war alles in bester
Ordnung. Das war übrigens immer so.
Da teilte sich die Portiére zum Nebenzimmer, und ihr Gatte, ein großer
Herr mit schwarzem Schnurrbart, trat herein, um auch seines Amtes zu
walten. Ihm lag es nämlich ob, den Kronleuchter anzuzünden. Im
Allgemeinen pflegte er pro Gast nur eine Flamme zu brennen, heute aber
ließ er den ganzen Lüstre in festlichem Glanze erstrahlen, denn man
erwartete viele Gäste, während nur 5 Flammen vorhanden waren. So brannte
er denn den Wachsstock an, welcher praktischer Weise meist auf oder
dicht neben dem Ofen zu finden war, schimpfte über die hohe Gasrechnung,
entzündete die Flammen, schüttete einen Eimer Kohlen in den Ofen und
warf ein Blatt Papier hinterher, daß er nicht puffen sollte. Dann ließ
er sich gleichfalls in einen Sessel nieder.
Herr Albrecht König war seines Zeichens wohlbestallter Rittmeister. Die
Schwadron hatte er in bester Ordnung, denn er widmete sich ihr mit
großem Eifer und nie erlahmender Sorgfalt. Fand sich Zeit und Muße, so
las er die »Deutsche Zeitung«, studierte den Kurszettel, arbeitete im
großen, trefflich in Stand gehaltenen Garten des Hauses oder überwachte
den Hühnerhof, dessen Eierertrag er für hohe Preise an seine Gattin
verkaufte. Hatte er gar nichts zu thun, so führte er Schlachten mit
seinem neunjährigen Sohne auf, hielt Weinproben ab oder übte Klavier,
denn dieses Instrument verstand er fast meisterhaft zu spielen.
Ein Geräusch im Vorzimmer verkündete jetzt die Ankunft der ersten Gäste.
Man vernahm einen langsam schleppenden Schritt und ein heftiges
Schnauben. Die Tür ging auf, und herein trat Landrat von Konradi, ein
wohlbeleibter Herr mit einem Klemmer auf der aristokratischen Nase, über
den hinweg sein Blick jetzt forschend die Frau des Hauses suchte. Das
Haar schien zwar ergraut, doch dunkel gefärbt, und böse Menschen wollten
wissen, es geschehe für das schöne Geschlecht. Der Herr Landrat hatte
nämlich keine Frau. Sein Ideal verkörperten ein gutes Diner und mehrere
noch bessere Weinsorten, und, da beides im Hause des Rittmeisters zu
finden war, kam er gern. Im Übrigen galt er für einen Gentleman.
Während er sich gerade bemühte, der Hausfrau mit Entrüstung zu erzählen,
wie ein von ihm bestellter Fasan in gänzlich ungenießbarem Zustande
angekommen sei, öffnete sich wieder die Tür und Frau Rittmeister Kahle
trat ein.
Von kleiner, zierlicher Figur, jedoch mit einem Gesicht, welches dem
eines ungezogenen Knaben glich, war sie im Allgemeinen eine ganz
niedliche Erscheinung, nur spielte ein beständiges Lächeln um den etwas
großen Mund, und wenn sie ihn auftat, ließ sich eine unzarte, fast
kreischende Stimme hören.
Ihr folgten drei jüngere Herren, als erster Leutnant Pommer. Man
schätzte ihn allgemein wegen seines natürlichen offenen Wesens; schien
er dadurch auch manchmal etwas derb, so wußte doch jeder, wie es gemeint
war. Mit besonderer Liebenswürdigkeit begrüßte er Frau Kahle, und es sah
fast drollig aus, wie der große, korpulente Mann mit dem Nippfigürchen
kontrastierte.
Der zweite war der Leutnant Müller. Wer es nicht wußte, sah an der
selbstgefälligen Miene und der steifen Haltung des Herrn, daß er der
Regimentsadjutant sein müsse. Er galt für den Schrecken aller
Hausfrauen, denn er war unersättlich und vernichtete mit Seelenruhe die
dreifache Portion wie ein anderer Sterblicher. Legten seine
Tischgenossen die Gabel aus der Hand, so langte er mit der
Versicherung, daß er gerade dieses sehr gern äße, zum dritten Male zu.
Der letzte der Herren war Leutnant Kolberg, ein auffallend blaß
aussehender junger Mann mit kühn emporgewirbelten Schnurrbartenden. Er
führte ein unsolides Leben und rühmte sich einer bewegten Vergangenheit.
Während man der noch fehlenden Gäste harrte, bildeten sich einige
Gruppen. Leutnant Kolberg war ebenfalls zu Frau Kahle getreten und maß
sie von oben bis unten mit wohlgefälligen Blicken. Der Adjutant suchte
von Frau König zu erforschen, was es zu essen gäbe, und als er es
erfuhr, behauptete er sofort, es sei sein Leibgericht. Der Landrat
plauderte mit dem Rittmeister über eine Weinreise, die sie gemeinsam zu
unternehmen gedachten, um den Keller mit neuen Schätzen zu füllen.
Wieder ging die Tür auf, und herein schwebte eine ungeschickt gepuderte,
aussagend korpulente Dame in einem schwarz und gelben Kleide, dessen
Machart sich mit den unpassend zusammengestellten Farben in
Geschmacklosigkeit überbot. Sie stürzte sofort auf Frau Clara zu,
drückte ihr mit den rundlichen Fingern die Hand und gab ihrer Freude
über die erhaltene Einladung Ausdruck. Den anwesenden Herren hielt sie
die fleischige Rechte so dicht unter die Nase, daß diesen gar nichts
anderes übrig blieb, als den obligaten Handkuß darauf zu drücken.
Es war Frau Rittmeister Stark, die jüngste Gattin im Regiment, wenn sie
auch weit über fünfzig Lenze zählte.
Ihr folgte tänzelnden Schrittes der eben so rundliche Gemahl. Er trug
einen schwarzen Spitzbart und einen langen Nagel am kleinen Finger,
dessen Pflege täglich längere Zeit in Anspruch nahm.
Seine Stimme verriet, daß ihr Besitzer einem guten Trunk nicht abhold
war.
Hinter dem Ehepaar tauchte plötzlich die Gestalt des Kommandeurs auf.
Alle traten ehrfurchtsvoll zur Seite und machten eine tiefe Verbeugung
vor ihm, während er auf Rittmeister König und Gattin zuschritt. Die
krummen Beine im Verein mit dem derben Gesicht gaben der ganzen
Erscheinung des Obersten von Kronau nicht viel von dem, was man sich
unter einem Regimentskommandeur vorstellt, in Civil hätte man ihn
vielleicht für einen Agrarier gehalten, dessen Sprache den Masuren nicht
verleugnen konnte. Auch blinkte ihm stets eine Träne im Auge, welche er,
sobald sie ihm entsprechend groß erschien, durch eine stereotype
Kopfbewegung seinem Gegenüber vor die Füße oder auf den Rock zu
schleudern liebte.
Die ihm folgende Dame mit dem Gouvernantengesicht, in ein schlecht
sitzendes perlgraues Kostüm mit rotem Sammetkragen gezwängt, war seine
Gattin.
Fast zu gleicher Zeit erschien auch der noch fehlende Teil der
Gesellschaft, an der Spitze Oberleutnant Borgert. Seine stechenden Augen
ruhten nur selten auf dem, welchen er einer Ansprache würdigte, seine
Figur war korpulent, dabei aber elastisch und schmiegsam. Hinter ihm
stand der Oberleutnant Leimann, eine kleine, etwas gebeugte Erscheinung
mit einem Buckelansatz und viel zu kurzem Halse. Zwischen den
hochgezogenen Schultern saß ein birnenförmiger Kopf mit zwei kleinen
Schweinsäuglein, welche meist unstät umherirrten oder so
zusammengekniffen waren, daß man sie nicht sah. Das an einer Schnur
hängende Einglas setzte er nie auf, denn er fürchtete, sich lächerlich
zu machen.
Diese beiden Herren wohnten in einem Hause und waren eng mit einander
befreundet. Vielleicht hatte sie ein chronischer Mangel an Kleingeld
zusammengeführt, was ihnen jedoch kein Grund war, sich irgend einen
Wunsch zu versagen, vielmehr lebten sie, als seien sie die Erben reicher
Häuser.
»Verzeihen Sie, gnädige Frau«, wandte sich Leimann an Frau König, »daß
meine Gattin nicht mitkommt, sie hat wieder ihr altes Leiden, Sie wissen
ja, Migräne!« Dabei machte er ein Gesicht, als glaube er selbst nicht
recht daran. »Sie wird natürlich nachkommen, sobald sie sich besser
fühlt.«
»Das tut mir sehr leid,« entgegnete Frau Klara liebenswürdig, »nun,
hoffentlich hält das Kopfweh nicht lange vor! Es sollte mich freuen,
Ihre Gattin bald begrüßen zu können.«
Als nun auch der kleine Leutnant Bleibtreu, ein besonderer Freund des
Hauses und einziger Offizier in Rittmeister König's Schwadron, zur
Stelle war, meldete der Diener, es sei angerichtet. So begaben sich denn
die Herrschaften nach dem Eßzimmer und ließen sich an dem mit großer
Sorgfalt gedeckten Tische nieder.
Anfangs herrschte Schweigen, erst als ein jeglicher seinen Teller
gefüllt, kam die Unterhaltung allmählich in Gang.
»Das Wetter ist in den letzten Tagen so schön, daß man bald mit dem
Netzspiel beginnen kann,« bemerkte Frau Oberst von Kronau.
»Gewiß«, erwiderte der Oberst mit vollem Munde, »ich werde nächste Woche
eine Versammlung des Klubs anberaumen, und dann kann's losgehen!«
»Ach ja, entzückend,« rief Frau Stark begeistert, »ich spiele
leidenschaftlich gern, Sie spielen doch alle mit, meine Herrschaften?
Sie, meine liebe kleine Frau Kahle, waren ja schon früher eine der
Eifrigsten. Und wie ist es mit Ihnen, Frau König?«
»Ich lasse es besser, denn es bekommt mir nicht.«
»Und Ihr Gatte?«
»Ich spiele nicht Tennis,« erwiderte der Rittmeister, »Sie wissen ja,
ich kenne das Spiel gar nicht, aber ich sehe es ganz gern, wenn es von
graziösen Damen gespielt wird.«
Frau Stark kniff die Lippen zusammen und sandte dem Rittmeister einen
wütenden Blick. War das mit den »graziösen Damen« nicht auf sie gemünzt?
Es geschah ihr aber ganz recht, denn es war geradezu lächerlich, wie die
ältliche Frau stets die jugendliche spielen wollte, hatte sie doch noch
in ihren alten Tagen einen Schwadronsgaul bestiegen, um reiten zu
lernen, weil andere Damen es taten.
»Vom Civil werden sich wohl auch mehrere beteiligen«, ergriff der Oberst
wieder das Wort, »ich lasse eine Liste herumgehen.«
Alle sahen sich ungläubig an, denn mit dem Civil hatte es der Oberst
durch mancherlei Geschichten gründlich verdorben, man mied ihn, wo man
konnte.
»Ich spiele auch mit,« warf Landrat von Konradi ein, »vorausgesetzt, daß
es nicht zu heiß wird. Nächste Woche habe ich aber noch keine Zeit, ich
muß erst Erbsen legen, sonst wird es zu spät.«
»Allerdings,« rief König dazwischen, »sonst geraten sie nicht mehr
ordentlich.«
»Wie? Erbsen geraten nicht? Erbsen geraten immer, wenn man es richtig
anfängt,« entgegnete fast gereizt Frau Oberst.
»Das kann man doch aber nicht behaupten, gnädige Frau, da spricht doch
vieles mit!«
»Nein, nicht im geringsten, Herr Rittmeister, es gibt ein Rezept, nach
dem sie geraten _=müssen=_!«
»Da wäre ich doch neugierig, denn voriges Jahr sind mir fast alle Erbsen
verdorben.«
»Sie müssen sie bei Mondenschein legen, und niemand darf dabei ein Wort
reden, dann geraten sie immer, ich sehe es ja bei meinen. Ich bin aber
nicht etwa abergläubisch, meine Herrschaften, aber es ist so.«
Wenn Frau Oberst etwas behauptete, war ein Widerspruch eigentlich ein
kühnes Unterfangen, Leutnant Bleibtreu aber äußerte lachend:
»Wenn man dann bei Sonnenschein den Speck dazwischen säet, gibt es
gleich Erbsen mit Speck.«
»Sie müssen es ja wissen, Herr Leutnant, spotten Sie nur, es ist doch
so!« entgegnete die Frau Oberst giftig. »Übrigens nächste Woche habe
ich auch noch keine Zeit, meine Gänseleberpastete ist noch nicht
fertig!«
»Sie kochen sie selbst ein?« fragte interessiert der Landrat.
»Gewiß, ich koche immer sechs Töpfe, mein Mann ißt das Zeug so
schrecklich gern.«
»Woher beziehen Sie denn die Trüffeln dazu? Ich suche nämlich gerade
eine gute Quelle.«
»Was, Trüffeln? Es schmeckt ohne Trüffeln genau so gut, das ist nur
Einbildung.«
»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, das ist ja beinahe die Hauptsache an
der ganzen Pastete!«
»Gott bewahre, ich nehme nie Trüffeln!«
»Gänselebern muß man bei einer Mondfinsternis kochen, gnädige Frau, dann
werden sie schön dunkel!« bemerkte spöttelnd Leutnant Pommer.
»Ach, verhöhnen Sie mich nur! Ich weiß, wie es ist, und so bleibt es!«
So blieb es auch, denn keiner wagte noch eine Einwendung.
Frau Oberst mußte ihre fließende Rede unterbrechen, denn alle erhoben
sich jetzt, um die eben eintretende Frau Oberleutnant Leimann zu
begrüßen. Frisch und rosig, mit einem bezaubernden Lächeln auf den
Lippen, erschien sie in der Tür des Eßzimmers.
»Seien Sie mir nicht böse, Frau König, ich hatte noch einige wichtige
Briefe zu schreiben. Aber wollen die Herrschaften nicht Platz behalten?«
»Ich denke, Sie hatten Kopfweh?« hieß es von allen Seiten.
»Kopfweh? Ja richtig, das hatte ich auch. Man vergißt es ganz, wenn man
so oft darunter leidet.«
Sie war eine schöne junge Frau von fünfundzwanzig Jahren und
geschmackvoll gekleidet. Gegenüber von Oberleutnant Borgert nahm sie
ihren Platz ein.
Das Gespräch erhielt jetzt eine allgemeinere Wendung, man redete von
diesem und jenem und ließ sich auch die vorzüglichen Speisen schmecken,
denn es gab »Labskaus«, das Spezialgericht aus Frau Clara's Küche. Der
Adjutant hatte den Mund noch nicht geöffnet, außer um riesige Bissen
hineinzuschieben. Ab und zu gab er durch einen unverständlichen Laut
seinen Beifall zu erkennen. Er aß noch immer, als schließlich die
Hausfrau die Tafel aufhob. Man wünschte sich gegenseitig »gesegnete
Mahlzeit« und suchte die Nebenräume auf, wo den Damen Kaffee, den Herren
Likör, Bier und Cigarren gereicht wurden.
Bald hatten sich wieder plaudernde Gruppen gebildet, während der Oberst
den Ort für geeignet hielt, mit seinem Adjutanten eine dienstliche
Angelegenheit zu erledigen. Dann begab er sich in's Nebenzimmer und
begann ein lebhaftes Gespräch mit Frau Stark, aus welchem, da es
halblaut geführt wurde, nur abgebrochene Sätze von Oberleutnant Borgert
aufgefangen werden konnten.
»Sie _=müssen=_ es erreichen,« hörte er die Dame flüstern.
»Hoffentlich geht zur Besichtigung alles gut,« gab der Oberst zur
Antwort, »die Vorgesetzten sind seit dem letzten Mal auf Ihren Gatten
aufmerksam geworden, im Stall fing es an, wo die Streu nicht den
Wünschen der Herren entsprach.«
»Ich gehe jeden Morgen durch den Stall und pfeife die Unteroffiziere an.
Aber freilich, wenn dann mein Mann zur Besichtigung wieder den Kopf
verliert, kann ich nicht helfen. Das letzte Mal habe ich ja alles durch
den Feldstecher mit angesehen, und es ging ganz gut bis zuletzt, wo das
Abschwenken in Züge nicht klappte. Auch war sein Kommando falsch.«
»Nun, hoffen wir das Beste! Wenn man Major werden will, heißt es eben
doppelt aufpassen, und stimmt etwas nicht, werden die Vorgesetzten
gleich stutzig.«
»Es ist ganz gleich, Herr Oberst, mein Mann muß Major werden! Wenn Sie
uns fallen lassen, dann......«
»Seien Sie ohne Sorge, gnädigste Frau! ich habe ihm eine glänzende
Konduite geschrieben, wenn ich es auch nicht verantworten kann, Sie
sehen also, ich tue mein Möglichstes.«
»Das sind Sie mir auch schuldig, Herr Oberst, denn ohne mich wären Sie
heute...... nun, Sie wissen ja.«
Rittmeister König trat hinzu.
»Reisen Herr Oberst nächste Woche mit an die Mosel zur Weinprobe? Herr
Landrat von Konradi fährt auch mit. Es sollen tadellose Sorten zum
Verkauf kommen.«
»Gewiß, mein lieber König, Sie wissen ja, bei so etwas bin ich immer
dabei. Mit Ihnen gehe ich gerne proben, denn ich habe heute wieder
gesehen, daß Sie eine tadellose Zunge haben.«
»Sehr schmeichelhaft für mich, Herr Oberst! Aber ich sehe, Herr Oberst
rauchen nicht. Es steht alles in meinem Zimmer.«
Der Oberst schritt ins Nebenzimmer, wo er Frau Kahle mit Leutnant Pommer
in der einen und mehrere junge Herren mit Frau Rittmeister König in der
andern Ecke plaudern sah. Oberleutnant Leimann trat gerade aus dem
Eßzimmer ein, hinter ihm seine Gattin mit mürrischer Miene, die sich
aber sofort aufhellte, als Oberleutnant Borgert herantrat und seine
Hausgenossin in's Gespräch zog.
»Nun, was haben Sie denn wieder für wichtige Privatangelegenheiten,
meine Gnädigste?«
»Ich? nichtsweiter! Mein Mann hat zur Abwechselung ein bißchen
geschimpft, Sie kennen ja seine geschmacklose Art, über alles gleich
grob zu werden.«
»Was gibt es denn aber schon wieder? Hat Ihnen der Auftritt heute
Nachmittag nicht genügt?«
»Jetzt ist er wütend, weil ich mich mit Briefschreiben entschuldigt
hatte, er hatte mich mit Kopfweh entschuldigt. Ich habe diese ewigen
Korrekturen satt.«
»Das ist ein Scheidungsgrund, gnädige Frau,« scherzte der Oberleutnant.
»Suchen Sie sich einen anderen Gatten, wenn Ihnen dieser nicht zusagt.«
»Sie haben gut Witze machen, Sie glauben gar nicht, wie mir manchmal
alles zuwider ist.«
»Dann erst recht, gnädige Frau! Wählen Sie unter den Edlen des Landes!
Ich kann Ihnen sogar gute Vorschläge machen.«
»Dann schießen Sie einmal los!« scherzte Frau Leimann mit schelmischem
Augenaufschlag.
»Ich wüßte schon einen, wie wäre es zum Beispiel,..... nun, mit mir?«
»Der Vorschlag ließe sich hören, aber erst müssen Sie mir sagen, was Sie
mir bieten können!«
»Setzen wir uns und bereden wir den hochwichtigen Fall!« sagte Borgert
lachend, und sie ließen sich auf dem Divan nieder.
»Also, passen Sie auf! Ich biete Ihnen ein elegantes Heim, einen Wagen
mit Pferden, eine Villa am Züricher See und ein Heer dienstbarer
Geister!«
»Und wer bezahlt das alles?«
»Bezahlen? Wer tut denn das noch? Es ist gänzlich aus der Mode und
geschmacklos, man verplempert damit das meiste Geld. Ich bezahle nie und
lasse mir nichts abgehen wie Sie sehen.«
»Das ist ja alles sehr verlockend, aber noch habe ich ja meinen Mann,«
scherzte Frau Leimann weiter.
»Gewiß, den haben Sie noch, aber Sie können sich ja einstweilen an mich
gewöhnen.«
Frau Leimann nickte lächelnd und stützte den Kopf in die Hände, während
sie träumerisch auf den Teppich sah.
Borgert wurde plötzlich ernst, und als die letzten Gäste ins Nebenzimmer
verschwunden waren, suchten seine Augen die seiner Nachbarin.
»Was sehen Sie mich denn so an, Herr Borgert? Es kann einem ja Angst
werden!«
»Ich denke so vieles, gnädige Frau, was ich nicht sagen darf. Im Scherz
spricht man leicht über Dinge, die scheinbar nur ein solcher sind, in
Wahrheit aber berühren uns diese Dinge oft tiefer.«
»Sie sprechen wieder in Rätseln, mein Lieber, und es ist wohl an der
Zeit, daß wir ein anderes Thema wählen. Aber wollen wir denn nicht auch
hineingehen? Man könnte sich wundern, uns so allein zu finden, und
wieder klatschen.«
Dabei erhob sie sich, und als Borgert schnell noch ihre Hand ergriff, um
sie zu küssen, machte sie keine ernstliche Anstrengung, ihm zu wehren,
dann trat sie mit der Miene eines unschuldigen Kindes in das Wohnzimmer.
Borgert aber blieb in dem matt erhellten Raume sitzen, zog einen Brief
aus dem Aufschlag des Überrocks und las ihn. Dann steckte er das Papier
mit einem unterdrückten Fluch wieder ein und versank in Nachdenken.
Im Nebenzimmer war es inzwischen lebendig geworden. Das Stimmen der
Geigen, das Brummen eines Cellos und einige Klavier-Akkorde riefen alle
Gäste herbei, denn jetzt sollte der musikalische Teil des Abends seinen
Anfang nehmen.
Am Harmonium hatte Rittermeister König Platz genommen, während seine
Gattin die Klavierbegleitung übernahm. Landrat von Konradi und
Oberleutnant Leimann standen mit den Geigen bereit, Leutnant Bleibtreu
hatte sich, das Cello zwischen den Knieen, im Hintergrunde
niedergelassen. Die Zuhörer saßen erwartungsvoll in den kleinen und
großen Sesseln, am Kamin, und um den mit Biergläsern besetzten Tisch
herum.
Das Spiel begann, ein Trio von Reinhardt. Es klang gut, denn alle hatten
ihre Partie fleißig geübt, und so machte der Vortrag einen angenehmen
Eindruck. Nur der Landrat wiegte sich bei jedem Bogenstreich von einem
Fuß auf den anderen und begleitete sein Spiel mit einem störenden
Schnaufen. Auch Leimann gehörte zu den Musikern, welche man bei Ausübung
ihrer Kunst nicht ansehen darf, um sich den Genuß nicht zu verderben,
denn sein Kopf war jetzt ganz zwischen die Schultern gerutscht und seine
noch mehr gebeugte Figur bot von hinten kein sehr harmonisches Bild. Der
Cellist griff manchmal daneben, spielte dann aber die folgenden Töne um
so kräftiger, damit man hören konnte, wie er sein Instrument
beherrschte. -- Dem Trio folgte je ein Solostück der beiden Geiger,
sowie eine von Ehepaar König mit guter Technik und warmer Empfindung
vorgetragene Rhapsodie von Liszt. -- Zum Schluß waren alle des Lobes
voll und jeder suchte durch ein kunstgerechtes Urteil sein
Musikverständnis zu bekunden.
»Ach, mein lieber Leutnant Bleibtreu,« rief Frau Stark dazwischen, »Sie
müssen mir auch Cellounterricht geben, ich spielte das Instrument in
meiner Jugend, aber in der langen Zeit habe ich es ganz verlernt.«
Daß seit ihrer Jugend eine lange Zeit vergangen, wurde von keiner Seite
bezweifelt, und König flüsterte Bleibtreu zu, sie könne mit ihren dicken
Fingern einen einzelnen Ton ja gar nicht greifen.
Borgert war während des Spiels in den Durchgang zum Nebenzimmer getreten
und schaute mit gelangweilter Miene den Gästen zu. Manchmal warf er
einen forschenden Blick auf Frau Leimann, welche mit träumerischen, halb
geschlossenen Augen weit in einem bequemen Sessel zurückgelehnt saß.
Die Spieler hatten jetzt auch am Tische Platz genommen, und die
Unterhaltung begann von neuem über gleichgültige Tagesfragen, wobei Frau
von Kronau den Löwenanteil nahm, denn ihr Mundwerk stand selten einen
Augenblick still.
So verging rasch die Zeit, und als die Kaminuhr ½11 zeigte, schaute der
Oberst verständnisinnig nach seiner Ehehälfte, welche sich darauf mit
einem leichten Kopfnicken erhob und zur Frau des Hauses wandte.
»Liebe Frau König, es war reizend von Ihnen, uns den Genuß des heutigen
Abends zu verschaffen, es ist aber so spät geworden, daß wir uns
verabschieden müssen. Nochmals vielen Dank!« Dabei reichte sie ihr die
Hand und schüttelte sie kräftig.
»Wollen Sie denn wirklich schon gehen? Es ist ja noch nicht einmal 11
Uhr. Einen Augenblick können Sie doch noch bleiben!«
Als Frau König aber sah, wie auch der Oberst, Familie Stark und der
Landrat von den übrigen Gästen Abschied nahmen, gab sie alle weiteren
Überredungskünste auf, im Grunde ihres Herzens nicht unzufrieden, jetzt
nur noch einen kleinen Kreis um sich zu behalten, bei welchem man nicht
jedes Wort auf die Goldwage legen und fürchten zu müssen glaubte, der
Oberst könne irgend etwas unpassend finden und am nächsten Tage zum
Gegenstand einer dienstlichen Besprechung machen. Denn darin leistete er
Märchenhaftes.
Nachdem die Herrschaften das Haus verlassen, rückten die
Zurückgebliebenen ihre Stühle näher zusammen und ein frisches Glas Bier
wurde gereicht.
Das anfängliche Schweigen ward durch Borgert unterbrochen.
»Haben Sie gesehen, wie diese Stark mit dem Oberst wieder geflüstert
hat? Diese Manieren sollten sie doch zu Hause lassen, denn da scheint
man ja nicht sonderlich penibel zu sein. Denken Sie, neulich stand ich
dabei, wie Stark mit dem Pantoffel nach seiner Gattin warf, welche mich
in einem schmutzigen Morgenrock empfangen hatte.« --
»Das ist noch gar nichts,« rief Leimann dazwischen, »als sie kürzlich
in meiner Gegenwart wieder einen Krakehl miteinander hatten, brachte der
Dicke seine Frau einfach mit den Worten: »Halt's Maul!« zum Schweigen.«
»Es scheint überhaupt dort manchmal nicht ganz friedlich zuzugehen,«
entgegnete der Adjutant.
»Vorgestern hatte sich Stark im »Weißen Schwan« etwas festgetrunken, und
als er so ziemlich blau war, kam seine Frau, machte ihm eine Szene und
nahm ihn unter dem Gelächter der übrigen Gäste mit nach Hause. Dort
werden sie sich nachher wohl nicht gerade geküßt haben.«
»Das kommt übrigens öfter vor, sie holt ihn sogar aus dem Kasino zum
Essen und nennt ihn vor den Ordonnanzen einen Lüdrian,« warf ein anderer
ein.
»Nun ja,« sagte König, »sie paßt eben auf ihren Mann gut auf, denn er
will jetzt Major werden, oder besser gesagt, sie Majorin.«
»Aber das ist ja ganz ausgeschlossen,« rief Borgert entrüstet, »wenn
dieser unfähige Patron Major wird, dann werde ich General. Es scheint ja
allerdings, als ob der Oberst alles für ihn aufböte!«
»Dafür hat er seinen Grund!« entgegnete Leimann bedächtig.
»Wieso?«
»Kennen Sie denn die Geschichte nicht? Die Spatzen pfeifen sie schon von
den Dächern.«
»Nein, erzählen Sie, das ist ja rasend interessant!« Dabei rieb sich
Borgert vergnügt die Hände und rückte etwas näher zu seinem Freunde
heran.
»Voriges Jahr hatte der Oberst bekanntlich durch eine seiner berühmten
Taktlosigkeiten einen Herrn vom Civil beleidigt. Dieser schickte ihm
eine Forderung. Da wurde es dem guten Oberst doch etwas flau zu Mute,
denn mit dem Munde ist er stets voran, hat er aber etwas zu riskieren,
dann sitzt ihm das Herz in der Hose. Da ging seine Freundin, diese
Stark, zu jenem Herrn hin und sagte, sie sei an der ihm zugefügten
Kränkung schuld, indem sie eine unwahre Behauptung ausgesprochen habe.
Sie hat dem Oberst also das Leben gerettet, denn der andere ist als
unfehlbarer Schütze bekannt wie ein bunter Hund. Darum hat sie ihn jetzt
ganz in der Tasche, und wenn sie ihm etwas befiehlt, gehorcht er wie ein
Stubenhund. Was dabei herauskommt, sehen Sie ja alle Tage.«
»Aber das ist ja großartig,« rief triumphierend Borgert, »wissen Sie
noch so Geschichtchen? Es ist überhaupt längst Zeit, daß man diese
beiden aufgeblasenen Personen abhalftert. Er hat Manieren wie ein
Bursche und sie wie eine Waschfrau, ich werde einmal herumhorchen und
Material sammeln. Es ist eine Schande, daß man sich dieses Weib gefallen
lassen muß.«
»Sie soll ja früher auch sonderbare Beziehungen zu einem adligen Herrn
gehabt haben, man munkelt so etwas!«
»Von wem wissen Sie denn das wieder?«
»Mein Bursche hat es mir neulich erzählt, der ist aus ihrer Heimat.«
»Was Sie nicht sagen, da muß ich doch einmal gründlich nachforschen,
denn das Geld für ein Auskunftsbureau ist sie ja doch nicht wert,
diese.... Nun, ich kann das Wort nicht aussprechen, das mir auf der
Zunge schwebt.«
»Dann wundert es mich aber, daß sie überall so großartig auftritt, wenn
sie so viel auf dem Kerbholz hat.«
»Das ist eben ihre Manier!« entgegnete Müller wichtig.
»Dieselbe Sache wie mit dem Wagen. Den geschmacklosen Karren hat sie
irgendwo aufgetrieben, setzt den Burschen im Cylinder und gelben
Stiefeln hinten drauf, spannt zwei Schwadronsgäule ein und fährt den
Leuten etwas vor. Dabei biegen sich die Axen, wenn die dicke Person
darin sitzt. Daß sie täglich auch ein Dienstpferd reitet, dagegen sagt
der Oberst nichts, obwohl in den Vorschriften beides streng verboten
ist. Frißt ein anderer aber nur eine Kleinigkeit aus, so steckt er ihn
drei Tage ein und kommt sich höllisch schneidig vor.«
»Der Oberst ist eben ein ganz pflaumenweicher Bruder, dabei schnurrt er
wie gedruckt. Einem mir bekannten Herrn hat er erzählt, wie
ausgezeichnet er mit dem Civil stände, und wie sein Tennisplatz belagert
sei. Er spielt aber doch meist allein, wer sich vor diesen Leuten
drücken kann, tut es doch sicher.«
»Ich wette, daß er vor der nächsten Versammlung des Tennisklubs eine
dienstliche Besprechung ansetzt, dann hat er uns alle in der Falle.«
* * * * *
Während dieser Unterhaltung hatte Frau Leimann mit leuchtenden Augen dem
Oberleutnant Borgert zugehört, wie er in seiner gewandten Weise über den
Oberst und Stark's zu Felde zog, der Rittmeister sog nachdenklich an
seiner Cigarre und unterdrückte ein Gähnen, während seine Gattin in
Gedanken versunken mit einer Quaste der Tischdecke spielte.
»Warum so ernst, meine Gnädige?« redete Borgert sie an.
»Ich dachte gerade darüber nach, wie Sie später über uns reden würden,
wenn uns einmal irgend etwas auseinanderbringt!« erwiderte sie
lächelnd.
»Aber ich bitte Sie, gnädige Frau, Sie scheinen an meiner guten
Erziehung zu zweifeln, trauen Sie mir so etwas zu? Und überhaupt, wie
könnte........«
Er brach seine Rede ab, denn Frau Kahle hatte sich erhoben, um Abschied
zu nehmen, mit ihr Leutnant Pommer, welchen sie um Begleitung bat, denn
ihr Gatte befand sich auf einer Dienstreise.
Der Kreis war somit wieder etwas kleiner geworden, und als man von neuem
um den Tisch Platz genommen hatte, bemerkte Borgert:
»Dieser Kahle mit dem Schusterjungengesicht könnten wir eigentlich
einmal ein neues Kleid schenken, außer der verwaschenen Fahne, die sie
immer trägt, scheint sie nichts zum Anziehen zu haben.«
»Sie sollten sie erst einmal im Hause sehen,« entgegnete wegwerfend
Müller, »da sieht sie aus wie ein malproperes Dienstmädchen; das
schmutzige Hauskleid einmal zu flicken, scheint sie auch keine Zeit zu
haben, ihr Junge läuft ebenfalls immer herum wie so ein Gassenbube aus
der Unterstadt. Außerdem kann der Bengel schon lügen, daß es eine Lust
ist.«
»Das hat er von seiner Mutter!« lachte Borgert, als ihn ein
vorwurfsvoller, kalter Blick aus Frau Königs Augen traf und zum
Schweigen brachte. So ward die Unterhaltung allmählich eintöniger. Der
Rittmeister gähnte schon etwas deutlicher, und Leimann war ganz in
seinem Sessel zurückgesunken und hielt nur noch mühsam die Augen auf,
während seine Gattin eine äußerst gelangweilte Miene zeigte, wodurch
ihre Züge alle Anmut und Schönheit verloren und alt, ja abgelebt
erschienen. Müller verdaute noch immer, und so schien es an der Zeit,
sich zum Aufbruch zu rüsten.
Unter lebhaften Versicherungen, wie reizend der Abend gewesen, trennte
man sich, und der Rittmeister geleitete seine Gäste die Treppe hinab, um
dann den Riegel an der Haustür vorzuschieben.
Als er wieder im Wohnzimmer stand, sagte er, die Gasflammen ausdrehend,
zu Frau Clara: »Ein interessanter Abend! Vor diesen beiden Herren heißt
es sich in Acht nehmen!«
[Illustration]
Zweites Kapitel.
»Unteroffizier Meyer! Lassen Sie gefälligst den Mist aus dem Stalle
schaffen, das ist ja eine schamlose Schweinerei! Was? die Stallwache ist
nicht da? Dann machen Sie es selbst, es fällt Ihnen keine Perle aus der
Krone. Vorwärts, dann bringen Sie mir das Parolebuch!«
»Zu Befehl, gnädige Frau.«
Frau Rittmeister Stark schritt, von zwei großen struppigen Hunden
begleitet, mit langen Schritten im Stalle auf und ab. Sie trug ein
schmutziggraues, schlechtsitzendes Reitkleid und einen runden Hut. In
der Rechten hielt sie eine Reitgerte, welche sie manchmal sausend durch
die Luft fahren ließ, daß sich die Hunde ängstlich hinter ihr
verkrochen. Mit scharfem Blick musterte sie alles, die Streu, die
Namentafeln über den Ständen der Pferde, und studierte eifrig das
schwarze Brett, auf dem mit Kreide der Tagesdienst geschrieben stand.
Hinter zwei Pferden, den einzigen beim Ausrücken zurückgebliebenen,
machte sie Halt und schaute mit zornigen Augen auf das zottige,
schlecht geputzte Fell der mageren Tiere, deren Kruppen mit den
Hüftknochen ein gradliniges Dreieck bildeten. Dann hob sie dem einen
Wallach den Hinterfuß und besah den Huf, holte ein Notizbuch aus der
Rocktasche und notierte: »Remus Nr. 37 fauler Strahl, vorn links neues
Eisen.« Darauf schritt sie die Treppe zum Heuboden hinauf. Dort lagen
zwei Mann der Stallwache in süßem Schlummer, ohne das Eintreten der
Schwadronsmutter zu bemerken. Wütend fuhr sie die erschrockenen Schläfer
an:
»Faules Pack, schert Euch an die Arbeit, sonst mache ich Euch lebendig,
ihr trägen Lümmels ihr!«
Und sie stürzten an die Futtermaschine, als stände der leibhaftige
Teufel hinter ihnen. Dann stieg sie die Treppe hinab und ging
Unteroffizier Meyer entgegen, welcher atemlos mit dem Parolebuche ankam.
Er schlug die Sporen klirrend zusammen und hielt der Gestrengen das Buch
vor.
»Halten Sie es gefälligst, während ich lese, oder meinen Sie, ich wollte
mir die Finger an dem schmutzigen Umschlag fettig machen? Hier steht,
daß morgen Revision des Sattelzeuges ist. Haben Sie alles in Ordnung?«
»Ich will den Herrn Wachtmeister fragen.«
»Vorwärts holen Sie ihn, aber Galopp!«
Der Wachtmeister war nicht sehr entzückt, daß man ihn in seiner Ruhe
störte, denn die Zeit, während welcher sich die Schwadron auf dem
Exerzierplatz befand, war für ihn die angenehmste des Tages. So saß er
denn bei einer Tasse Kaffee seiner Ehehälfte gegenüber und rauchte
behaglich die Morgenzigarre, als Meyer den Wunsch der »Gnädigen«
überbrachte.
Zornig stampfte er auf und brummte:
»Was fällt nur diesem Frauenzimmer ein, sie tut gerade, als hätte sie
etwas zu sagen! Es ist ein Skandal, daß man sich das gefallen lassen
muß, aber tut man es nicht, gibt es Stank mit dem Oberst, der tanzt ja
ganz nach ihrer Pfeife.«
Mißmutig schnallte er den Säbel um, stülpte die Mütze auf den kahlen
Kopf und ging schimpfend die Treppe hinab. Langsam schlenderte er über
den Kasernenhof dem Stalle zu und trat vor Frau Stark mit einem Gesicht,
das sagen zu wollen schien: »Du kannst mir den Buckel herunterrutschen!«
Sofort fuhr sie ihn an:
»Wachtmeister, ist alles für morgen in Ordnung?«
»Ich denke, will aber heute Abend nochmals nachsehen.«
»Was, heute Abend? Sofort geschieht es, die Bummelei hat jetzt ein Ende.
Außerdem verbitte ich mir Ihren brummigen Ton, sonst werde ich Sie dem
Oberst melden. Bringen Sie mir jetzt mein Pferd.«
»Das ist zum Fouragieren, alle Pferde sind mit ausgerückt, bis auf die
beiden Lahmen dort!«
»Was? Mein Pferd zum Fouragieren? Was ist das für eine neue Frechheit!
Lassen Sie es sofort holen, der Unteroffizier kann zu Fuß gehen.«
Da wandte sie sich um, als sie Schritte vernahm, und, den Oberleutnant
Borgert erblickend, rief sie ihm in schmelzendem Tone zu:
»Ah, sehe ich recht, mein lieber Oberleutnant Borgert, nicht wahr? Schon
so früh im Dienst? Ich wollte gerade den Pferden meines Gatten etwas
Zucker bringen, sehe aber, sie sind nicht da, mein lieber Mann rückt
immer so entsetzlich früh aus.«
»Ihr Interesse für die Schwadron muß ich loben, gnädigste Frau, habe Sie
schon so oft bewundert, wenn Sie im Stalle Befehle erteilten.«
»Befehle? Ich richte nur dann und wann kleine Bestellungen an den
Wachtmeister aus, wenn mein Mann etwas vergessen hat. Man muß sich doch
auch etwas um die Schwadron kümmern.«
»Sie sind zwar die »Gefreite« Ihres Gatten, aber ich sehe, Sie führen
das Regiment. Meinen Glückwunsch zu diesem Avancement!«
»O Sie kleiner Schäcker! Sie machen immer zu niedliche Scherze! Ich sehe
Sie doch heute Abend im Kasino?«
»Gewiß, gnädige Frau, wir haben bereits um 5 Uhr eine dienstliche
Besprechung.«
»Ach richtig, das hätte ich fast vergessen. Sie wird nicht lange dauern,
es gibt nur einige Kleinigkeiten.«
»Sie wissen.....«
»Aber gewiß, man interessiert sich doch auch ein wenig. Ich habe den
Oberst auf Verschiedenes aufmerksam gemacht, das wird er wohl besprechen
wollen.«
»Ich bin neugierig darauf! Doch da sehe ich gerade den Rittmeister
König, mit welchem ich etwas zu erledigen habe. Guten Morgen, meine
Gnädigste!«
»Adiö, mein Lieber, auf Wiedersehen!« Dabei hielt sie ihm die Hand vor
den Mund, welche in einem schmutzigen Reithandschuh ihres Gatten
steckte.
Während Frau Stark sich wieder dem Wachtmeister zuwandte, eilte Borgert
dem Rittmeister König nach, der gerade in den Hof der dritten Schwadron
einbog.
»Guten Morgen, Herr Rittmeister! Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich
störe, aber eine dringende Angelegenheit veranlaßt mich, eine Bitte
vorzutragen.«
»Nanu, was gibt es denn,« fragte erstaunt der Rittmeister, »ist es denn
etwas so Wichtiges?«
»Heute Nachmittag wird der Oberst wohl wegen der Kasinorechnungen
sprechen, und da wäre es mir vor den jüngeren Herrn außerordentlich
peinlich, wenn er dabei meinen Namen nennen würde.«
»Aber ich kann Ihnen das Geld jetzt nicht geben, es war mir schon
schwer, vor 8 Tagen die 100 Mark für Sie aufzutreiben.«
»Wenn ich trotzdem meine Bitte wiederhole, Herr Rittmeister, so tue ich
es, weil ich mich in einer außerordentlich peinlichen Lage befinde. Habe
ich nicht bis zum Abend 400 Mark, so erwachsen mir die größten
Unannehmlichkeiten und unabsehbare Folgen.«
»Das ist ja alles ganz gut und schön, aber ich habe das Geld einfach
nicht!« entgegnete König achselzuckend.
Einen Augenblick sahen beide schweigend vor sich hin, dann brachte
Borgert zögernd hervor:
»Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, Herr Rittmeister?«
»Nun, und der wäre?«
»Ich bitte aber das, was ich sage, nicht falsch zu verstehen! Könnte man
nicht einstweilen die Schwadronskasse in Anspruch nehmen, da es sich nur
um kurze Zeit handelt?«
»Aber um Gotteswillen, mein Lieber, was muten Sie mir zu! Ich kann doch
keine Kasse angreifen!«
»Ich fände darin insofern kein Vergehen, da Herr Rittmeister doch allein
für die Kasse verantwortlich sind und ein Eingriff in die Kasse nicht
vorliegt, sondern nur das Entnehmen eines Betrages, der sofort wieder
ersetzt werden kann!«
»Nein, nein, das geht beim besten Willen nicht!«
»Aber ich bin völlig ratlos, Herr Rittmeister, was ich machen soll,«
entgegnete Borgert in wehleidigem Tone.
König überlegte und drehte sinnend seinen Schnurrbart. Eigentlich wäre
es schlau gewesen, sich diesen Mann, der mit seiner spitzen Zunge und
seinem Einfluß auf das gesamte jüngere Offizierkorps unter Umständen
einem sehr schaden konnte, wenn man einmal nicht mehr mit ihm stand,
möglichst zu verpflichten. Die lumpigen 400 Mark lagen ja zu Hause im
Schreibtisch, die hätte er ihm also ruhig geben können. Glaubte aber
Borgert, das Geld entstamme der Schwadronskasse, so stand zu erwarten,
er würde so bald nicht mit einem ähnlichen Anliegen kommen, wenn er die
Schwierigkeiten sah und die unsauberen Wege, die man einschlagen mußte.
So beschloß denn König, ihm das Geld aus eigener Tasche zu leihen, ihn
jedoch in dem Glauben zu belassen, der Betrag sei der Kasse entnommen.
»Gut,« sagte er nach einer Weile, »Sie sollen das Geld haben! Wann
können Sie es bestimmt zurückbezahlen?«
»In zehn Tagen ist alles glatt, Herr Rittmeister! Mein Wort darauf!«
»Schön, heute Mittag können Sie auf's Bureau kommen!«
»Meinen gehorsamsten Dank, Herr Rittmeister!«
»Bitte, bitte, hoffentlich war es das letzte Mal! Jetzt muß ich aber
fort, die Schwadron ist schon lange draußen!«
Dabei reichte er Borgert die Hand, bestieg sein Pferd und ritt im Trabe
zum Kasernenhof hinaus.
Borgert eilte erleichtert und freudigen Herzens seiner Wohnung zu, der
Dienst begann heute erst um 10 Uhr. Er hätte den Mann umarmen mögen, er
war doch ein furchtbar anständiger Kerl und half einem immer aus der
Klemme! Zehn Tage hieß eine lange Zeit, da würde schon irgend jemand Rat
schaffen!
Leimann wartete indes unruhig in Borgerts Zimmer, und als dieser jetzt
freudestrahlend eintrat, wichen die Falten von seiner Stirn.
»Hat er es getan?« rief er dem Freunde entgegen.
»Natürlich, ohne Weiteres! Gehen Sie um elf Uhr auch zu ihm, Sie haben
ja nur zweihundert Mark Rest von Ihrer letzten Gesellschaft her, er tut
es glatt; was dem einen recht ist, ist dem anderen billig.«
Und als am Mittag die beiden Freunde im Kasino bei einer Flasche Eckel
saßen, sah man an Leimann's ausgelassener Heiterkeit, daß auch er keine
Fehlbitte getan. --
* * * * *
Pünktlich um fünf Uhr standen sämtliche Herren des Offizierkorps mit
Säbel und Mütze im Lesezimmer des Kasinos, als der Oberst mit
Dienstmiene eintrat und von den Schwadronschefs die Meldung
entgegennahm, daß »Alles zur Stelle« sei.
»Meine Herren,« begann der Gestrenge, »ich habe Sie hierherbefohlen, um
Einiges mit Ihnen zu besprechen. Ad 1. Ich möchte Sie ersuchen, bei
Bällen und ähnlichen Gelegenheiten Tanzsporen zu tragen, damit
unangenehme Zwischenfälle, wie vorgestern Abend, vermieden werden. Ein
Herr, den ich nicht nennen will«, -- dabei fixierte er scharf den
Leutnant von Meckelburg -- »hat nämlich mit seinen Sporen der Gattin des
Herrn Rittmeisters Stark den ganzen Saum vom Kleide gerissen. Das darf
nicht vorkommen, meine Herren, und ich werde künftig in ähnlichen Fällen
Bestrafung eintreten lassen. Ferner ist es unter wohlerzogenen Menschen
üblich, einer Dame nicht zuerst die Hand zu reichen. Tut es die Dame
aber, dann erfordert wohl der gute Ton den in unseren Kreisen üblichen
Handkuß. Daß einige von Ihnen, meine Herren, in diesem Punkt noch der
Erziehung und Nachhülfe bedürfen, beweisen mir die diesbezüglichen
Klagen einer Dame des Regiments.« Das bezog sich darauf, daß Leutnant
Bleibtreu es kürzlich vorzog, Frau Stark gegenüber diese Höflichkeit zu
unterlassen, da sie Handschuhe aus Hundeleder trug, welche noch dazu vom
Regen durchnäßt waren.
Eine Träne zu Boden schleudernd, fuhr er fort:
»Ferner, meine Herren, verbiete ich Ihnen, eine andere Stadt ohne Urlaub
aufzusuchen. Wer hinüber nach dem Nachbarort will, hat mich um Urlaub zu
befragen, wenn der Weg auch nur ein paar Minuten weit ist. Sie wissen
alle, daß zwei Herren des Regiments unter betrübenden Umständen ihren
Abschied nehmen mußten, weil sie dort das Pflaster nicht vertragen
konnten und Schulden in kaum glaubhafter Höhe gemacht haben.«
»Gestatten Herr Oberst eine Frage?« unterbrach ihn Rittmeister König.
»Bitte schön, Herr Rittmeister!«
»Gilt diese Bestimmung auch für die verheirateten Herren zum Besuch von
Gesellschaften, Theater, Konzerten u. s. w.?«
»Natürlich, ich will über jeden von Ihnen genaue Kontrolle haben, wie
oft er die Garnison verläßt. Zuwiderhandlungen werde ich unnachsichtlich
nach dem Strafgesetzbuch bestrafen und zwar nicht als Übertretung,
sondern als Nichtbefolgung eines gegebenen Befehls.«
Es entstand eine Pause, während welcher der Oberst sein Taschentuch
herausholte und damit das linke Auge wischte.
Als er sich dann im Kreise umsah, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen,
glaubte er in aller Gesicht Erstaunen und Empörung zu lesen.
Soweit war man nun also! Weil zwei leichtsinnige Vögel nicht Maß halten
konnten, wurde das ganze Offizierkorps in diesem elenden Neste
eingesperrt; die einzige Abwechslung, ein Konzert oder ein gutes Glas
Bier, gehörte nun auch wie so vieles unter die Rubrik der frommen
Wünsche. Denn wer hatte Lust, sich jeden Tropfen nachrechnen zu lassen,
den er da drüben trank? Lieber ging man gar nicht hin. Fragte eine Dame
des Regiments ihren Gatten, ob er nicht Lust habe, sie am Abend bei den
Besorgungen in der Nachbarstadt zu begleiten, weil dort alles besser und
billiger sei, so hieß es: Nein, ich darf nicht, ich muß erst fragen, wie
ein Schuljunge seinen Lehrer, ob er einmal hinaus dürfe: Dafür bin ich
Rittmeister und 15 Jahre im Dienst!
So hatte denn der Oberst seiner Leistungsfähigkeit als Kommandeur und
seinem Schneid ein neues Denkmal gesetzt, es fehlte jetzt nur noch, daß
man um Erlaubnis bitten mußte, ein Glas Bier in der eigenen Garnison
trinken zu dürfen. Aber das kam vielleicht noch später! -- Daß der
Oberst besonders den jüngeren Herren eine Gelegenheit gab, gegen einen
Befehl zu handeln, wenn diese nach dem Dienst Vergnügungen nachgehen
wollten, die sie in der Garnison nicht fanden, bedachte er nicht, er
hatte ein neues Förderungsmittel der Disziplin und des militärischen
Gehorsams in die Welt gesetzt. --
»Nunmehr, meine Herren,« fuhr der Oberst fort, »wollen wir zur Wahl des
Kasinovorstandes schreiten, denn das laufende Jahr ist um. Sie, Herr
Rittmeister Kahle, haben im vergangenen Jahre den Posten inne gehabt,
und es freut mich, Ihnen sagen zu können, daß die Art und Weise, wie Sie
Ihres Amtes gewaltet haben, meinen vollsten Beifall gefunden hat. Wir
alle, meine Herren, sind dem Herrn Rittmeister zu großem Danke
verpflichtet, denn er hat unter Aufopferung des größten Teiles seiner
Mußestunden alles daran gesetzt, das Kasino in die Höhe zu bringen, hat
unser Vermögen vergrößert und zahlreiche sehr wohl bedachte Änderungen
und Einrichtungen getroffen. Ich meine daher, wir können nichts
Besseres tun, als Herrn Rittmeister Kahle zu bitten, das Amt zu
behalten, denn es ist in unserem eigensten Interesse. Sollte aber jemand
andere Vorschläge haben, dann wollen wir die Abstimmung durch Zettel
vornehmen.«
Ein Beifallsgemurmel, wie es der Oberst nach seinen Worten noch nie
vernommen, ging durch die Reihen, und so war denn Kahle für das weitere
Geschäftsjahr als Kasinodirektor gewählt.
»Ich sehe davon ab,« setzte der Oberst noch hinzu, »die Bücher zu
revidieren, denn ich bin sicher, daß ich alles in bester Ordnung finden
würde. Aber noch eins, meine Herren! Es ist durchaus unstatthaft, daß
die Herren Kasinorechnungen anwachsen lassen, wie es wieder der Fall
ist. Die beiden Kontos mit den höchsten Beträgen sind allerdings heute
bezahlt worden, aber ich werde rücksichtslos vorgehen, wenn nicht zum
Ersten nächsten Monats alle Reste gedeckt sind. Richten Sie sich danach!
Ich danke, meine Herren!«
Also schnell, Ihr Leutnants, hieß es nun, lauft zu einem Juden oder
Wucherer und pumpt Euch Geld, denn Ihr habt alle ein paar Hundert Mark
stehen, eine ratenweise Zahlung von Eurer Zulage gestattet man Euch
nicht, sonst bekommt Ihr einen Klecks in die Konduite und das hängt Euch
nach, bis Ihr alte Esel seid. Aus dem Nest hinaus dürft Ihr nun auch
nicht mehr, laßt es Euch aber bei Leibe nicht einfallen, jetzt öfter im
Kasino zu sitzen, dann bekommt Ihr höhere Rechnungen und werdet doch
noch eingesperrt!
Inzwischen versammelten sich im Lesezimmer die Damen des Regiments und
zwei Herrn vom Civil, denn jetzt kam der Hauptteil des Abends, die
Vorstandswahl für den Tennisklub und die Verabredung der regelmäßigen
Spieltage im Kasinogarten.
Frau König war als einzige nicht erschienen, ihr Gatte hatte sie unter
einem Vorwand entschuldigt, denn jede Gelegenheit, wo sie mit den Damen
des Regiments zusammen kommen konnte, mied sie nach Möglichkeit. Sie
fühlte sich nicht heimisch unter ihnen; die inhaltlose, oft schrecklich
langweilige Unterhaltung, welche sich meist um höchst gleichgültige
Dinge drehte, war ihr ein Greuel, sie paßte auch gar nicht hinein in
diese Gesellschaft und war nicht danach geartet, an einem nur auf
Äußerlichkeiten und strengen Formen beruhenden Verkehr Gefallen zu
finden. Ganz besonders aber war es ihr zuwider, wenn sie sah, wie man
eben noch in der liebenswürdigsten Weise mit einander umging, um eine
Minute später, wenn irgend einer sich empfohlen hatte, über ihn
herzuziehen und kein gutes Haar an ihm zu lassen. Wenn sie nicht offen
über alles urteilen und reden durfte -- und das hätte ihr übel bekommen
mögen -- ließ sie es lieber ganz und blieb in ihren vier Pfählen.
Die Verhandlungen im Lesezimmer dauerten lange, jede der Damen hatte
einen besonderen Wunsch, auch bedurfte es einer ausführlichen
Ermunterungsrede seitens des neugewählten Vorstandes, mehrere noch
zögernde Herren zum Beitritt zu bewegen. Daß die meisten von ihnen
niemals zum Spiel erscheinen würden, war ja vorauszusehen -- jetzt erst
recht mochte keiner dem Oberst einen Gefallen tun -- aber man hatte doch
etwas mehr an Eintrittsgeldern.
Endlich öffneten sich die Flügeltüren zum Speisesaal, wo jetzt ein
einfaches Abendessen eingenommen werden sollte. Die kreischende Stimme
der Frau Oberst übertönte die Unterhaltung, in den Ecken standen
einzelne Gruppen jüngerer und älterer Herren, die neuesten Bestimmungen
seitens des Obersten einer scharfen Kritik unterziehend.