Moriz. (lachend) Rosaffa! ha, ha, ha!
Florentin. (nimmt den Becher von neuem auf) Es lebe hoch Sr. Durchlaucht
Herzog Moriz von Kanella! (Zerstreuung simulirend) O, verzeiht, ich vergas
mich, ich weis nicht mehr, was ich spreche.
Moriz. (sezt bestürzt das Glas nieder) Was war das?
Florentin. (angenehm) Vielleicht ein gutes Prognostikon!
Moriz. (strenge) Graf, äfft mich nicht! -- (beide schweigen und beobachten
sich lange)
Moriz. Graf, Ihr gäbet den Mahlern einen treflichen Heiligenkopf ab -- mit
Lust würde man dazu Eure Mienen kopiren, denn man würde den Heilgen in
Euch, ohne Heilgenschein, erkennen. -- Lüget Euer Gesicht nur nicht?
Florentin. (lächelnd) Ich antworte kein Ja, oder Nein, um wenigstens den
_Mund_ nicht lügen zu lassen.
(abermahlige Pause)
Florentin. Wie ists, mein gnädigster Fürst, wie ists mit Euerm Entschluß
die Volksgährung betreffend? -- Laßt uns den Aufrührern beizeiten
entgegenarbeiten!
Moriz. Fürchtet Ihr denn Gefahr?
Florentin. Allerdings, in so fern weder Ihr, noch des Herzogs Durchlaucht
hinlängliche Sicherheit besizt, noch Kraft einem rebellischen Volke
entgegenzustehn.
Moriz. Woher?
Florentin. Wegen Mangel an Soldaten. -- Es ist nothwendig, daß ein Corps
errichtet werde, welches Eure Superiorität bewacht.
Moriz. (nach einiger Stille) Ja, ja, es muß eine große Werbung angestellt
werden. Das ganze Land soll kontributiren. Wir haben jezt kaum tausend Mann
auf den Füssen.
Florentin. Ist Munition genug vorhanden?
Moriz. Das Kriegskollegium soll mir morgen ein genaues Verzeichnis davon
einliefern. In allen Fällen muß ausser Landes eingekauft werden. --
Wenigstens müssen in zwei Monaten zehntausend Mann da stehn.
Florentin. Und zwar aus Landeskindern gesammelt; denn auf Ausländer ist in
solchen kritischen Zeitpunkten nicht sicher zu rechnen.
Moriz. Aber es ist unmöglich aus eitel Landeskindern in so kurzer Zeit
zehntausend Mann herbei zu schaffen; der Staat ist von keiner übermäßigen
Größe, in welchem überdies mehrere Städte ein ausschließendes Recht haben,
von allen Werbungen frei zu sein.
Florentin. Was kümmert uns dies? -- Sie sollen ihre Dokumente und Urkunden
vorweisen, diese müssen erst untersucht werden und ich wüßte nicht, welcher
Dämon seine Hände im Spiel hätte, wenn wir nicht vermögend wären Worte zu
verdrehn und zu verdeuteln und ihnen einen verlornen Prozeß an den Hals zu
spielen.
Moriz. (mit geballter Faust auf den Tisch schlagend) Warum haben wir uns
beide nicht früher kennen gelernt! -- (seine Hand ergreifend) Fiorentino!
Fiorentino! Ich hätte Euch noch manches -- manches noch zu vertrauen, aber
-- --
So gut als wir, verstand auch _Florentin_ das mistrauische _Aber_, und er
wandte seine ganze Kunst daran den geringsten Argwohn aus dem Gemüthe des
Prinzen zu vertreiben. Ob er glüklich, ob er unglüklich darin war, mag die
Folge aufklären. Was ihre fernern politischen Unterredungen betrift: so
find' ichs nicht behäglich meine Leser dieselben länger anhören zu lassen;
doch die Resultate derselben äusserten sich nach etlichen Wochen im Lande.
-- Hatte man vorher geseufzt, so schrie man jezt über Ungerechtigkeiten; wo
man ehmahls weinte, verzweifelte man jezt. Und _Florentin_, der von seinen
Freunden scharf bewacht wurde, dessen kleinste That ihnen nicht unbemerkt
vorüberschlüpfte, wurde denselben mit jedem Tage ein dunkleres Räthsel.
_Borghemo_ vorzüglich war um deswillen äusserst empfindlich. Er suchte
täglich den _Grafen_ in seinem Hause auf, wo er ihn aber nie fand;
aufgebrachter, als vorher, kehrte er dann gewöhnlich heim und fluchte über
das Schiksal und heuchlerische Menschenbrut. -- Dulli nahm sich seines
Herrn noch am meisten an; denn der alte _Badner_ spielte, seit er mit
_Florentin_ in Kanella war, wiederum die Rolle eines Stummen und sogar
Halbtauben, um einen desto geschiktern Horcher abgeben zu können.
»Gieb deinem Herrn diesen Brief;« sagte eines Abends _Borghemo_ zu _Dulli_:
»vergiß es nicht! sobald er in der Nacht zu Hause kömmt!«
»»Ihr zürnt noch immer auf meinen Herrn?««
»Mit Recht!«
»»Ihr irrt Euch in ihm!««
»So irren sich tausende und du allein betrügst dich nicht?«
»»Freilich!««
»Narr!«
»»Ich verzeih' Euch!««
»Nun, Schurke, was hältst du denn vom Grafen?«
»»Daß Ihr seine Größe nicht fasset, und ich seine Pläne nicht durchschaun
kann.««
»Gieb ihm den Brief!«
Der _Graf_ erhielt den Brief, der nichts geringers, als eine Herausfoderung
zum Duell enthielt. _Florentin_ konnte sich des Lächelns nicht erwehren;
_Dulli_ und _Badner_ gaben auf sein Mienenspiel Acht. Er schrieb noch in
der Nacht ein Billet, welches sogleich an Ort und Stelle gebracht wurde;
zwar nicht an _Borghemo_ selbst ging, aber doch die Widerlegung desselben
betraf. --
»Was spricht man von mir in Kanella?« fragte er _Dulli'n_ und _Badner'n_,
welche ihm vorm Schlafengehn die Geschichte des Tages zu rapportiren
pflegten. Beide bezeugten, wie mit einem Munde, daß sein Kredit noch der
alte sei, nur daß man vielerlei über seine Rolle am _Hofe_ kannengiessere.
-- -- -- -- --
Viertes Kapitel.
Neue Verwirrungen.
»O!« rief _Borghemo_ am folgenden Tage in wilder Wuth, als er sich auf dem
in seinem Billet Florentinen genannten Kampfplazze eingefunden und schon,
seinen Gegner erwartend, einige Gänge auf und ab gemacht hatte: »O,
Freundschaft, Redlichkeit, Freiheit -- was seid ihr? Doch nur Ideale,
todte, unnüzze Ideale, dem Gehirn der Dichter in schwärmerischen Stunden
entsprungen, welche das schönste Thier in der Schöpfung bewundert, aber in
sich zu realisiren weder Muth noch Kraft hat! -- Daß ich so belogen werden
konnte, so -- so von einem _Duur_! -- -- Nein, erschien mir jezt ein Engel
vom Himmel, ich würde seiner Larve und seinen Worten nicht mehr trauen. --
Freundschaft! ist dies nicht heuer ein Modegedanke, worin sich verkrüppelte
Seelen verstekken, wie häsliche Gestalten hinter ihren Puz? -- O, verdammt,
von solchem Abentheurer betrogen zu werden!« -- --
Borghemo schlug sich mitgeballter Faust vor die Stirn -- ging einige
Schritte vorwärts -- blieb stehn, -- sah nach der Uhr und lachte gräßlich
auf: »Er kömmt noch nicht! pfui, des elenden Feiglings! er, -- er eine
Revoluzion bewirken? -- ha, ha, ha, wahrscheinlich unter den Weibern des
Hofes! er die despotische Regierungsform zerstören, die mit tausend Klingen
verfochten werden dürfte, er, der sich vor der meinigen allein schon
fürchtet? --«
So tobte er eine Viertelstunde hindurch, ohne zu bemerken, daß der Plaz,
auf welchem er sich befand, der zwar ein schöner Spaziergang vor der Stadt
war, aber doch nur selten besucht wurde, jezt, und zwar zu einer sehr
ungewöhnlichen Stunde, denn es war früh nach Sonnenaufgang, ziemlich
lebhaft geworden. Ueberall, wohin er um sich her sah, erblikte er zu seiner
unaussprechlichsten Verwunderung bekannte und unbekannte Männer, höhern und
niedern Ranges, einzeln und in Gruppen lustwandelnd.
Er blieb eine Weile, wie versteinert, stehn: ging dann zu dem nächsten, ihm
bekannten Mann, um sich über diese Szene Licht zu verschaffen. Kaum daß er
sich diesem näherte, so zogen sich auch alle übrige Personen, wie nach
einem verabredeten Signal, um denselben zusammen. _Borghemo's_ Erstaunen
wuchs immer mehr, und noch mehr, da ihm der bekannte Mann folgendes sagte:
»Edler Borghemo, Ihr erwartet den Grafen, aber vergebens, denn seine Zeit
ist jezt zu köstlich, als sie mit Euch hier zu versplittern, und die
Gesundheit seiner Gliedmaßen ihm für den Tag der Revoluzion zu theuer, als
daß er sie hier Eurer Laune und Eurer aufbrausenden Hizze opfern sollte.
Gesezt, daß er bei dem nahen Aufruhr sein Leben nicht einbüßt, so steht er
euch gleich den folgenden Tag darauf zu Diensten. Dies ists, was er Euch
durch mich sagen läßt.«
»»Aber ich begreife nicht -- --«« stotterte _Borghemo_ und warf seine Augen
auf die ihn umgebenden Männer.
»Leicht möglich!« antwortete man ihm: »Was die lieblosen Beschuldigungen
betrift, welche Ihr ihm gestern in dem bewußten Billette machtet, so hört
dies darauf zur Erwiederung: Duur verdient sie nicht. Daß er Eure
Freundschaft _der_, gegen den unglüklichen Staat, hintenansezt, werdet Ihr
ihm hoffentlich verzeihen; daß er, wie Ihr ihm vorwerfet, seine großen
Versprechungen in Absicht der Befreiung Kanella's vergessen, darüber werdet
Ihr in Kurzem vom ganzen Staat die Antwort hören; und daß er schon viel
gethan hat, und nicht wenig Anhänger besizt, -- davon könnt Ihr Euch durch
uns überzeugen lassen, indem jeder von diesen bereitwillig ist, sich statt
seiner mit Euch um Leben und Tod zu schlagen, wenn Ihr anders noch nicht
hinlänglich vergewissert seid, wie sehr Ihr dem Grafen _Fiorentino_ Unrecht
gethan habt.«
Der gute _Borghemo_ war noch nicht ganz zu sich selber gekommen, und er
stand nahe dabei, alles das, was er sah und hörte, für ein Gaukelspiel
seiner Einbildungskraft zu halten.
»Fiorentino!« sagte er: »du hast in der That bewiesen, welch' ein
ausserordentlicher Mann du bist; -- ich will gehn und deine verborgnen
Pläne im Stillen bewundern!«
»»Wohl!, Fiorentino vermuthete diesen Entschlus von euch,«« antwortete
einer aus der Menge: »»kommt mit uns; wir haben Befehl Euch zu uns zu
sammeln.««
Wie ein gedankenleerer Träumer folgte _Borghemo_ -- -- den _schwarzen
Brüdern_ nach.
Sehnsuchtsvoller selbst als vom rachsüchtigen _Borghemo_ wurde _Duur_ an
eben dem Morgen von Sr. Eminenz, dem _Kardinal_ erwartet, welcher den
_Grafen_ und sein politisches, raffinirendes Genie nicht weniger zu
schäzzen verstand, als der rauhe _Moriz_. Der Favorit ließ sich lange
vergebens erwarten. _Benedetto_ war sehr unruhig. Er ging von Zimmer zu
Zimmer; bald hinaus auf den Altan; bald hinaus in den Garten. Es war dieser
Tag für ihn von großer Wichtigkeit, denn er hatte bei sich beschlossen heut
gegen Florentinen mit einem wichtigen Projekt hervorzurükken. -- Er, der
sonst nie zitterte, der sonst keines Menschen Gewalt befürchtete --
zitterte jezt bei jedem Rauschen der Thüren seines Pallastes. Er wünschte
_Duurs_ baldige Erscheinung und doch machte ihm sein böses Gewissen diesen
Mann furchtbar.
»Was hilfts?« sagte endlich der heilige Mann zu sich trostvoll, indem er
seine dürre Gestalt über ein Faulbett hinlagerte: »Es reife endlich, was
reifen soll; längerer Verzug ist der Tod meiner Hofnungen. Ob nun der Graf
meine Vorschläge acceptiren, meine Entwürfe gemeinsam mit mir ausführen
wird -- das entscheide dieser Tag. Seine Treue, sein Karakter ist seit drei
Jahren und länger der Gegenstand meiner Beobachtungen gewesen, ich hab ihn
ächt befunden, täuschen, konnt' er mich nicht! -- Und gesezt, daß er -- --
nein, unmöglich! Er ist durch Rosaffen zu fest an mein Interesse geknüpft,
er liebt sie, und sie ist ja, was sie ist, durch mich geworden; sie ist mit
meinen Plänen halbvertraut; ihr ekelt vor Piedro schon und sie kennet ja
seine Untüchtigkeit zur fernern Regierung! --«
Indem _Benedetto_ also kalkulirte, fand sich _Duur_ ein. Mit welcher
ungewöhnlichen Gnade er von dem feinen Mönch aufgenommen wurde, wie
geschmeidig diese steife Eminenz war, wie huldreich lächelnd und
vertraulich dessen sonst ernste, zurükschrekkende Mienen sich zeigten, ist
beinahe unbeschreiblich.
Die Unterredung dieser beiden Hofleute wurde bald sehr intrikant; jeder
horchte, jeder forschte, beide handelten aber aus verschiedenen Absichten.
»Ich läugn' es nicht, Fiorentino, ich preis' Euch glüklich!« sagte
_Benedetto_ unter andern, als Replik auf vorhergehende Reden.
Florentin. Darum, daß mich die Gräfin Rosaffa wieder liebt?
Kardinal. Eben darum! Es ist noch etwas Niegeschehnes, daß Rosaffens Herz
für irgend einen Mann wärmer geschlagen, als für den andern. Ihr seid der
erste, und fürwahr seid auch der Einzige. -- Sie ist schön, der Liebe des
schönsten Mannes in Europa würdig; sie ist reich und vom Range. Und nun
denkt Euch im Besiz eines solchen allbeseeligenden, entzükkenden Weibes --
--
Florentin. (einfallend) Im Besiz?
Kardinal. Sie liebt Euch ja!
Florentin. Liebt mich? -- Sei es, ich bezweifle die Wahrheit Eurer Worte
nicht -- aber Besiz? -- Wer besizt sie? Wer? --Ist sie nicht Piedros?
Kardinal. (mit Besinnung) Es ist wahr! --Ich bedaure Euch und -- die
unglükselige Gräfin. -- Was seztet Ihr wohl daran Rosaffen zu befreien? --
Florentin. (verwirrt) Eine verfängliche Frage, die ich kaum zu beantworten
weis. -- Doch -- -- Ihr wißt, ich liebe sie heftig.