Florentin. Alte Weiber und Pamfletenschmierer gehören zu den wohlthätigsten
Uebeln in dieser untermondischen Welt. -- Geh!
Dulli ging mit hoher Verwunderung ab; der _Graf_ aber mas noch lange das
Zimmer mit seinen Schritten. Es kämpfte seine Seele einen schweren Kampf --
und er siegte ob.
»So geh es denn, wie es wolle!« dachte er bei sich, als zum Resultate
seiner Ueberlegungen: »Gute, und schlaue Sanftheit sind vergebens
angewandt, die Hyder auf Kanellas Thron zu zähmen -- sie falle nun! --
Befördre _ich_ die Rebellion nicht, so werden es mehrere _Enrikos_ und
vielleicht unglüklicher, als ich, weil sie im Sturm der Leidenschaft
handeln. Es sei; Kanella, ich reiße dir das Joch ab, freigeborne
Menschheit, fühle dich frei und gros. -- Bürgerblut wird vergossen werden,
aber auch das Blut der Tyrannen!« --
»Und du, allgegenwärtiges Wesen, du siehst jezt das Gewebe meiner Gedanken
und Empfindungen, stehe du mir bei, und denen die dich anrufen? Gott, du
siehst ja deiner Kinder Thränen, hörst ihr flehendes Wimmern -- erbarme
dich ihrer. Verstoße sie nicht aus dem Gebiet der Freude, laß sie nicht
ewig schmachten in Verzweiflung. O, Gott, mein Gott -- es ist für die
schwache Menschheit ein fürchterlicher Gang, -- verlaß uns nicht!«
So dachte, so betete _Duur_ in stiller, mitternächtlicher Stunde. Seine
Seele fühlte sich beruhigt; sein Auge glänzte von einer Thräne. Er spürte
heilige Glut durch seine Adern fliegen; ihm wars, als riefe sein Schuzgeist
ihm leise ins Ohr: »auf, es wird der guten Sache wohlgelingen!« --
In solcher Stimmung sezte er sich nieder, um den Plan der Staatsumwälzung
zu entwerfen.
Drittes Kapitel.
Florentins Verwandlung.
»Wie gesagt, ich begreife ihn nicht!« antwortete vierzehn Tage später der
Sekretair _Flimmer_ dem Prinzen _Moriz_.
»»Ei nun,«« erwiederte dieser: »»er wird doch endlich zur Vernunft kommen.
_So_, wie jezt, ist der Kerl auf dem sichersten Wege sein Glük zu
poussiren.««
Doch ehe ich die beiden Herrn weiter plaudern lasse, muß ich meinen Lesern
sagen, daß _Florentin von Duur_ der Gegenstand ihrer Unterhaltung war.
Dieser durch so manche Erfahrung gewizte, durch so manche Fatalität stolzer
und kühner gemachte, Hofmann hatte in einem Zeitraum von wenigen Tagen,
(nur wenigen wars bekannt, durch welchen Talisman,) sich dermaaßen im
Kredit der _Piedronen_, _Benedetten_ und _Morizze_ emporzuschwingen gewußt,
daß man aus wichtigen Gründen für seine Tugend und ehmalige
Rechtschaffenheit hätte zittern können. --
Alle Thüren standen ihm offen; kein Kammerdiener, keine Leibwache hielt ihn
von den Kabinetern der Großen zurük; unangemeldet trat er zum Herzoge und
dessen Favoriten ins Zimmer, in deren Gesellschaft er sich von nun an
täglich befand.
Einige riethen hier hin, andere dorthin, um _Florentins_ plözliches Steigen
beim Hofe zu erklären; die meisten deuteten alles auf _Rosaffen_ hin,
welche den schönen _Grafen_ vielleicht genauer ins Auge gefaßt, und ihn
liebenswürdig gefunden haben konnte. Die Leute hatten in so fern nicht
unrichtig gedeutelt, aber die eigentliche Schnellfeder des Duurischen
Hofglüks war ihnen doch unbekannt geblieben.
Was _Rosaffen_ betrift: so hatte sie in der That _Florentinen_ izt erst
schöner gefunden, als ers ihr bis dahin geschienen. Alle übrige Damen des
Hofes bemerkten in diesen Tagen am _Grafen_ ein Gleiches. Er war bei weitem
nicht mehr der sonstige, schüchterne, zurükhaltende, misantropische
Sauertopf, sondern gefälliger, kekker, tändelnder, unterhaltender, als
irgend ein unter dem Panier der Venus graugewordner Ritter -- Wo er
hintrat, erschien neben ihm die muthwilligste Freude, wo er einen Zirkel
verlies, schlich die gähnende Langeweile mit allen ihren Foltern ein.
Die schöne, wollustathmende _Rosaffa_, welche noch die alten Launen unsers
Grafen kannte, wußte jezt ihre Schwächen und Fehler so reizend in die
Glorie der Tugend zu verhüllen, daß sie dreimahl schöner, als vorher war;
Oeffentlich hing sie freilich an _Piedro_; aber wer konnte ihrs verwehren
im Geheimen nach den _Grafen_ hinzuschielen, oder ihm unvermerkt die Hand
zu drükken, oder ihm unterweilen einen von tiefen Seufzern gehobnen Busen
erblikken zu lassen? -- So listig, so erfahren wie sie in der Kunst war
Nezze für Männerherzen zu strikken, waren nur wenige, und eben dies lies
gewis den herrlichsten Sieg über _Florentin_ für sie hoffen. Und als sie
schon liebebekennende Erwiedrungen ihrer Blikke, ihrer Händedrükke, ihrer
Seufzer spürte -- o, welches weibliche Herz hätte da noch von
fehlgeschlagnen Wünschen träumen können?
So wie in der Damenwelt der Name: _Fiorentino_! _Fiorentino_! allenthalben
die Losung geworden war, eben so auch in der männlichen und vorzüglich
politischen Welt Kanellas. Ich wag' es nicht zu bestimmen, von welcher
Seite er mehr geliebt und geschmeichelt wurde. Aber so viel ist gewis, daß
Florentin bei den Kanellesischen Volkspressern ursprünglich und am meisten
sein Glük gegründet hatte.
So unwichtig er auch bisher in den Augen des Hofes gewesen war: so zeigte
man sich ihm denn doch mehr, als kaltblütig und gleichgültig, weil er im
Verdacht stand, als hielt er sich mehr zur Volksparthei, denn zum Hofe.
Allein nun war auch der geringste Argwohn von ihm in dieser Rüksicht
verschwunden, denn er hatte eine neue, goldhaltige Quelle für Piedros
Finanzen aufgefunden, die freilich im Herzen des Volks aufgeschlagen werden
mußte, aber auch um deswillen desto ergiebiger floß.
Bald darauf rükte er mit mehrern Plänen hervor, die so fein ausgearbeitet
waren, und so lieblich nach Machiavellis Kompendium der Staatskunst
schmekten, daß Piedro, Moriz und Benedetto dem erfinderischen Kopf
schlechterdings ihre Bewunderung nicht versagen konnten. Kurz, er hatte
aller Beifall gewonnen; -- eine fürchterliche Art Freunde zu erlangen, wenn
das schon gemärterte Volk unter diesen neuen Foltern noch mehr leiden und
Weh' und Jammer über solchen Bund schreien muß!
Auf alles dies, meine Leser, bezog sich nun das Gespräch des Prinzen
_Moriz_ mit seinen Getreuen. -- _Flimmer_, der vorher nicht wenig
argwöhnisch auf den _Grafen_ gewesen war, wurde es durch dessen jähe
Metamorphose noch mehr. Nur _Moriz_, der um die ganze Sache genauer zu
wissen glaubte, schäzte _Florentinen_, doch heißt das _a la Moriz_!
»Ich traue ihm nicht!« rief _Flimmer_ einmal über das andere des Prinzen
tauben Ohren zu.
»»Du bist ein Narr!«« war die gewöhnliche Replik darauf.
Flimmer. Und gebt acht, gnädigster Herr, gebt acht, daß Euer Flimmer, der
sich noch so selten betrogen, sich auch diesmahl nicht hintergeht.
Moriz. Sprich, du Erzhase, du furchtsamer Teufel sprich -- hast du je,
binnen der Zeit, daß er sich in Kanella befunden, eine einzige schiefe
Handlung von ihm observirt?
Flimmer. Ich muß es eingestehn, keine einzige, ungeachtet ich ihn schärfer
beobachtet habe, als der Satan eine arme Sündersseele -- aber -- --
Moriz. (lachend) Ich kenne meinen Mann von innen und von aussen -- wenn
mancher wüßte, was ich weis -- ha, ha, ha! er kettet sich nicht so leicht
wieder von uns los -- zum Glük, daß er mir diesmal mit seiner
Gipspuppengestalt nicht wieder ins Gehege fällt! -- Na, trink ein Glas
Zyprier! Ich hab' heut Laune.