Die Männer gehorchten, aber etwas zögernd; knarrend drehten sich die

Schnellfeuerkanonen auf ihren Rädern, dann tönten kurz hintereinander

zwei Schüsse aus Sechszentimeterkanonen.

Da stießen die Matrosen ein Ausruf der höchsten Verwunderung aus.

Die eine Kugel traf nicht, die zweite aber prallte gegen das Luftschiff.

Man hörte einen seltsamen Klang, gleich darauf glitt die Kugel ab und

pfiff seitwärts in die Lüfte, um dann zischend in das Meer

niederzufallen.

In diesem Augenblick beschrieb das Luftschiff einen kurzen Bogen und

dann schwebte es dicht an der Seite des Transportschiffes. Fast Bord an

Bord.

Man hörte ein kurzes Knacken. Auf einer der kleinen Galerien, welche die

unteren Anbauten miteinander verbanden, erschien jener Mann, der den

Widerstand in Odessa hervorgerufen.

Da stand Kapitän Mors, aber nicht mehr mit der schwarzen Binde über dem

linken Auge, jetzt wieder in seiner blauen Uniform, die Mütze mit dem

Goldstreifen auf dem Kopf.

Die Maske trug er auch jetzt, aus den Oeffnungen glühten seine feurigen

Augen, er sah nach Orloff, Gregor und Wassil hin, welche aufgeregt

einander zuschrieen.

»Ich habe Euch wieder erkannt,« donnerte seine Stimme. »Ihr kennt auch

mich oder habt Ihr den Ingenieur vergessen, den Ihr dem Unglück, dem

Verderben überliefert habt? Ihr glaubtet, ich sei längst verdorben und

gestorben. Aber jetzt bin ich hier, jetzt ist die Stunde der Vergeltung

gekommen.«

Orloff war totenbleich geworden.

Auch seine beiden Gefährten waren zusammen gefahren. Nun aber griffen

sie wie auf ein Kommando zu ihren Revolvern, die sie im Gürtel trugen.

Hastig und ohne zu zielen schossen sie auf den stolzen Mann, der die

Schüsse mit furchtbarem Hohngelächter beantwortete.

Im nächsten Moment verschwand der Rätselhafte wieder im Anbau, dessen

Wände auch aus undurchdringlichem Metall bestehen mußten. Man hörte

deutlich, wie die Revolverkugeln dagegen klatschten.

»Er war es, er war es,« brüllte Orloff, »den muß der Teufel aus der

Hölle geschickt haben. Wie kommt dieser Narr zu einem solchen Fahrzeug!

Pest und Verdammnis, wir müssen es in Grund und Boden schießen!«

Wieder sprang er nach den Kanonen, da im selben Moment wendete sich das

Luftschiff, jetzt neigte es den merkwürdigen Rammsporn, der an seinem

Vorderteil befestigt war.

»Es kommt heran,« schrieen die Matrosen wie die Tollen. »Es kommt auf

uns zu.«

Richtig, da kam das Luftschiff nur wenige Ellen über dem Meere entfernt

herangesaust, die Besatzung des Transportschiffes schrie wie toll, die

Verschwörer rannten über die Planken.

»Ein Zusammenstoß! Ein Zusammenstoß!« brüllten sie. »Das unheimliche

Ding will gegen uns anrennen.«

Im nächsten Augenblick vernahm man ein dumpfes Krachen.

Ja, das Luftschiff war da, es hatte sich mit seinem eisernen Sporn dicht

an der Wasserlinie in die Seite des Transportschiffes gebohrt, und dort

ein klaffendes Loch gerissen.

Das gerammte Schiff neigte sich zur Seite, als wollte es kentern, es

richtete sich aber wieder empor, und jetzt stürzten Wassermassen in das

Loch hinein, sodaß sich das Schiff schwerfällig nach dieser Seite

neigte.

Die Verwirrung an Bord des meuternden Schiffes war fürchterlich, auf ihm

befanden sich die Schlimmsten der Rebellen, vor allen Dingen jene

Verschwörer, welche alles leiteten.

Sie rasten jetzt wie toll umher, zumal sie ja ein Sinken des Schiffes

vermuteten.

Immer schwerfälliger schlingerte das Transportschiff, es wankte hin und

her, doch nur, um neue Wassermassen aufzunehmen, die Boote konnte man in

der Konfusion nicht benutzen. Viele sprangen jetzt ins Wasser, um nach

dem Panzerschiff hinüber zu schwimmen.

Da senkte sich das Fahrzeug noch tiefer, es schwebte fast unmittelbar

auf der Wasserfläche. Auf den Galerien aber erschienen plötzlich zehn

oder zwölf seemännisch gekleidete Männer mit finsteren, harten

Gesichtszügen, die förmlich steinern erschienen.

Einzelne dieser Männer verrieten durch dunkle Färbung, daß sie aus

anderen Weltteilen stammten.

Sie hielten mit eisernen Haken beschlagene lange Stangen in der Hand,

mit denen sie jetzt einige der Schwimmer aus dem Wasser zu ziehen

suchten.

Zwischen diesen seltsam aussehenden Männern aber stand Kapitän Mors, die

Flammenaugen auf die See geheftet, während das Transportschiff immer

tiefer sank, und noch immer Männer über Bord ins Wasser sprangen.

»Diesen muß ich haben,« tönte die Stimme des Rätselhaften. »Und dann

jenen dort mit der Narbe über der Stirn! Und da aufgepaßt, dort den

riesengroßen Mann, welcher soeben aus dem Wasser emportaucht! Heran mit

ihnen, diese laßt unter keinen Umständen entkommen!«

Das lenkbare Luftschiff schien von Geisterhänden regiert zu sein, mit

unheimlicher Sicherheit bewegte es sich nach jenen Stellen, welche der

Kapitän bezeichnete.

Dann fuhren die Stangen ins Wasser, die Eisenhaken packten die

Bezeichneten, wo sie dieselben gerade zu fassen bekamen. Und nun wurden

die Unholde trotz fürchterlichen Gebrülls und Sträubens nach den

Galerien hingezogen.

Kräftige Fäuste bemächtigten sich ihrer, die sich wie toll Gebärdenden

wurden auf die Galerien gezerrt, dort trotz fürchterlichen Widerstandes

niedergeworfen und augenblicklich gefesselt.

Wenige Minuten später befanden sie sich in einem wie eine Schiffskajüte

ausgestatteten Raum, wo man sie in eine Ecke schleuderte.

Da lagen Gregor, Orloff, Wassil, aber zu ihnen gesellten sich in kurzer

Zeit noch fünf Verschwörer, die sich durch ihre wüsten Gesichtszüge als

brutale Schurken zu erkennen gaben. Auch diese hatte Kapitän Mors

bezeichnet, auch sie wurden mit den Haken aus dem Wasser gezogen,

gefesselt und in den Raum neben die drei Bösewichter geschleudert.

Inzwischen hatten die Seeleute vom Transportschiff das Panzerschiff

erreicht, einige von den Verschwörern, die nicht schwimmen konnten,

waren rettungslos zu Grunde gegangen, aber das schien den furchtbaren

Kapitän Mors wenig zu kümmern.

Er hielt jetzt nur das Panzerschiff im Auge, und beobachtete offenbar,

ob man von dort aus auf ihn feuern wollte.

Einstweilen hatte man dies noch nicht getan, weil das merkwürdige

Luftschiff zwischen dem Transportfahrzeug und dem Panzerschiff lag, auch

fürchtete man, die Schwimmenden durch Schüsse zu gefährden.

Nun aber spritzte die See empor, und das Transportschiff versank wie ein

Stein in den Wogen, welche über dem Fahrzeug der Verschwörer

zusammenschlugen.

Die beiden Torpedoboote sah man nur noch in weiter Ferne, dagegen

schickte man sich jetzt auf dem Panzerschiffe an, mit den schweren

Kanonen auf das lenkbare Luftschiff zu schießen.

Da hob sich dieses mit einem Male in die Höhe und gerade, als man die

schweren Kanonen zum Feuern fertig machte, beschrieb das merkwürdige

Fahrzeug immer höher steigend einen großen Bogen, um über dem

Panzerschiff plötzlich still zu stehen.

In der nächsten Minute hörte man das Zischen und Pfeifen, dann das

Aufschlagen von Kanonenkugeln, wenigstens schien es den dichtgedrängten

Mannschaften so. Sie stoben entsetzt auseinander, denn die Wirkung der

explodierenden Kugeln war furchtbar.

Aber auf das Verderben des Panzerschiffes war es offenbar nicht

abgesehen. Die Explosion brachte das Schiff der Meuterer zwar in eine

bedenkliche Lage, weil das Leck, das entstand, sofort voll Wasser lief,

sodaß sich das Schiff tief nach vornhin senkte. Aber die anderen

wasserdichten Abteilungen hielten das Schiff schwimmend, doch war es

jetzt unfähig, weiteren Schaden anzurichten.

Und wieder zeigte sich die Gestalt des Kapitän Mors auf der Galerie des

Luftschiffes und zwar über dem Panzerschiffe, welches er gehindert,

wehrlose Küstenstädte zu bombardieren und zu brandschatzen.

»Macht, daß Ihr ans Land kommt,« donnerte die Stimme des furchtbaren

Mannes herunter. »Nur die Rücksicht auf die vielen irregeleiteten

Matrosen verhindert es, daß ich auch dies Schiff in den Grund bohre.

Aber diese Irregeleiteten tun mir leid, deshalb verschone ich ihr Leben.

Fahrt nach der Küste Rumäniens, so lange wird sich das Schiff noch über

Wasser halten. Wagt Ihr es aber, wehrlose Städte anzugreifen, Ihr wißt,

daß ich zur Stelle bin, dann versenke ich Euch in die Tiefe des

Schwarzen Meeres!«

Wie Donnerton hallten diese furchtbaren Worte. Abergläubisch schlugen

die meuternden Matrosen Kreuze über Kreuze. Das seltsame Luftfahrzeug

aber hob sich hoch empor, aufwärts nach den dichten Wolkenmassen, die

tief über den schäumenden Wellen des Schwarzen Meeres herabhingen.

Kapitän Mors sah auf die gedemütigten Meuterer herab, bis er gewahrte,

daß das schwerfällig stampfende Panzerschiff seinen Kurs nach dem Westen

richtete. Da ging er befriedigt in den Raum, wo die acht Gefangenen

lagen.

Dort standen auch die Männer, welche auf dem lenkbaren Luftschiff

Dienste verrichteten. Gleich Bildsäulen an der Wand lehnend, begrüßten

sie den Kapitän beim Eintritt. Sie beobachteten seine Augen, offenbar

bereit, jeden Moment seine Befehle zu vollziehen.

Als Mors eintrat, erhoben Orloff, Gregor und Wassil ein Wutgeheul, und

rissen wie toll an ihren Fesseln.

»Gebt Euch keine Mühe,« tönte die Stimme des seltsamen Mannes. »Wen

meine Leute gebunden haben, der kann sich unmöglich befreien. Die

Fesseln vermag niemand zu zerreißen. Und nun ist die Stunde da, die ich

so lange ersehnte. Wißt Ihr noch, Ihr Schufte, wie Ihr mir einstmals mit

süßen Worten geschmeichelt habt, wie ich von Euch aufgefordert wurde,

mein Können und mein Wissen in Eure Dienste zu stellen? Damals habe ich

Euch zurückgewiesen und dafür habt Ihr mich vernichten wollen. Alles

habt Ihr mir geraubt, was ich besaß, alles, sogar meine Ehre! Zum

Verbrecher habt Ihr mich gestempelt, aber ich habe mich dennoch

emporgerafft! Und jetzt seht Ihr mich vor Euch auf meinem Fahrzeug, das

mein Genie geschaffen, das mich zum furchtbaren Manne macht! Ein

Herrscher der Lüfte bin ich, wie andre Herrscher auf der Erde.«

Die Elenden wußten, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten. Sie

antworteten mit grauenvollen Flüchen.

»Ja, Ihr habt es erreicht,« fuhr Kapitän Mors fort. »Zum Teufel habt Ihr

mich ja gemacht und wenig fehlte, so hätte ich der ganzen Menschheit den

Krieg erklärt. Aber das Angedenken an diejenigen, welche ich einst

liebte und die von Euch gemordet wurden, diese Gedanken verhinderten,

daß ich mich in einen Satan verwandelte. Freilich, die Erde ist mir

versperrt, dafür habt Ihr gesorgt, aber ein Herrscher der Lüfte bin ich,

ein Freibeuter über der Erde und dem Wasser. Ein Mann, dem nichts

unerreichbar sein wird, was er begehrt. Lange habe ich Euch gesucht, bis

ich endlich erfuhr, wo Ihr Euch aufhieltet. Auf dem Dache Eures

Landhauses bei Odessa habe ich gestanden, da habe ich Eure Stimmen

erkannt. Da wußte ich, an welchem Orte ich Euch zur Verantwortung ziehen

würde.«

Orloff hob wütend den Kopf empor.

»Einige von uns hast Du,« knirschte er, wohl wissend, daß ihn ein

furchtbares Urteil erwartete. »Aber die gefährlichsten von uns und Deine

erbittertsten Feinde, die hast Du noch nicht bekommen, die leben noch,

die sind frei, die werden uns rächen!«

»Und wo sind diese?« fragte Kapitän Mors, nähertretend. »Wohl weiß ich,

daß Eure Vereinigung größer war und daß außer Euch noch andere

existieren, die mich später mit solchem Hasse verfolgten. Wo finde ich

sie, gib Antwort!«

»Nichts wirst Du erfahren,« brüllte Orloff mit wildem Hohngelächter.

»Nichts wirst Du erfahren, und solltest Du uns gleich in Stücke

schneiden. Nein, nein, warte nur, die Stunde kommt, wo unsere Anhänger

Dir und Deinem vermaledeiten Luftschiff den Garaus machen. Und denke

daran, wenn es soweit ist!«

Kapitän Mors machte eine verächtliche Gebärde.

»Ich bin noch immer ein Mensch geblieben und keine Bestie,« entgegnete

er. »Wohl gibt es keinen Menschen, den ich glühender hasse, als Euch,

aber nie lasse ich mich so herabwürdigen, daß ich Dinge vollbringe, wie

Ihr sie oft an Wehrlosen und Unglücklichen verübt habt. Euer Urteil ist

gefällt, Euch erwartet der Tod durch den Strang, und wie auf einem

Schiffe so sollt Ihr mit Euren Genossen an den Geländern der unteren

Galerie baumeln.«

Gleichzeitig wendete sich der Kapitän Mors an seine Leute und rief ihnen

eine Anzahl Worte in einer den Gefangenen fremden, gänzlich unbekannten

Sprache zu, es war offenbar die Sprache, deren man sich auf dem

seltsamen Luftschiff bediente.

»Nun fahrt in die Hölle,« sprach der Kapitän dann zu den Verurteilten.

»Ich aber werde meinen Weg weiter verfolgen. Ich werde nach den anderen

Schurken suchen, die zu Euch gehören, ich werde mir weder Rast noch Ruhe

gönnen, bis ich sie endlich entdecke.«

Orloff stieß ein wildes Hohngelächter aus und schrie dem stolzen Manne

Schmähungen zu, der aber wendete sich verächtlich um und schritt hinaus,

während die Männer von der Besatzung des Luftschiffes wie Tiger über die

Meuterer herfielen.

Da schallte wildes Gebrüll, da versuchten die Unholde, nochmals ihre

Fesseln zu sprengen, sie kreischten wie wilde Tiere, als man sie einen

nach dem anderen auf die Galerie hinausschleppte.

Draußen tönte das wilde Geschrei fort, da vernahm man gellende Rufe, das

Todesgeschrei der acht Scheusale, und jetzt sah man einen Körper nach

dem anderen an einem langen Strick unter dem Luftschiff hin- und

herschwanken.

Gregor, Wassil und Orloff kamen zuletzt an die Reihe, diese Schufte

sollten die Todesangst bis zuletzt fühlen. Orloff war der letzte, über

dessen Kopf die Schlinge gezogen wurde.

»Sagt Eurem Kapitän, er wird mir bald in der Hölle Gesellschaft

leisten!« waren die letzten Worte des Elenden.

Gleich darauf schleuderte ihn ein Fußstoß in die Luft hinaus und der

Körper des Gerichteten baumelte neben den Leichnamen seiner Gefährten.

Das Luftschiff aber stieg höher und höher hinauf, bis es in den Wolken

verschwand. Dann fuhr es schnell nach Osten, zu neuen Abenteuern, zu

furchtbaren Erlebnissen aller Art, auf der Erde, über dem Meere, ja

sogar im unbekannten Weltraume.

Anmerkungen zur Transkription

Dieser Text wurde nach einem Nachdruck-Auswahlband transkribiert: Heinz

J. Galle (Hrsg.): Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff. Dieter

von Reeken, Lüneburg, 2005, S. 47-83. Moderne Zusätze und Anmerkungen

wurden nicht übernommen. Die Originalausgaben hatten auch farbige

Rücktitel. Diese sind in dieser Ausgabe nicht enthalten.

Der Titel auf dem Buchdeckel und der Titel auf der ersten Seite

unterscheiden sich leicht (wie schon in der Originalvorlage).

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch

Variationen in der Schreibweise von Namen wurden nicht verändert.

Lediglich offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff 1: Der Beherrscher der Lüfte · 第 3 / 3 段